Warum Vergebung nicht bedeutet, den Schmerz zu leugnen – sondern frei zu werden.

Neulich hatte ich wieder so einen Moment. Ich war ungeduldig mit meinem Mann und meinen Kindern. Ich hätte gelassener, liebevoller, geduldiger reagieren wollen. Stattdessen kam ein genervter Kommentar, ein schiefer Blick und ich habe ein paar Dinge gesagt, die ich lieber nicht gesagt hätte in einem Tonfall, den ich lieber nicht genutzt hätte. Später lag ich im Bett und dachte: Warum reagiere ich so? Warum kann ich nicht einfach besser sein? Und während ich mich selbst streng beurteilte, wurde mir klar: Ich brauche Vergebung. Nicht nur von meinen Kindern. Sondern auch für mich selbst.

Wir alle erleben Momente, in denen wir verletzt werden. Und genauso oft sind wir selbst die, die andere verletzen. Manchmal unabsichtlich, manchmal in Schwäche oder Überforderung. Und dann stehen wir vor dieser schwierigen Aufgabe: zu vergeben. Anderen. Und uns selbst. Vergeben lernen ist oft ein langer Weg – aber ein heilvoller. Wer loslassen kann, findet emotionalen Frieden.

Wenn Vergebung schmerzt: Warum loslassen so schwerfällt

Vergebung ist ein Wort, das leicht über die Lippen kommt – aber schwer übers Herz. Besonders, wenn die Verletzung tief sitzt. Wenn Vertrauen gebrochen wurde. Wenn Worte oder Taten Narben hinterlassen haben. Und manchmal fühlt sich sogar unfair an, jemandem zu vergeben, der uns verletzt hat und einfach loszulassen: „Aber das war doch nicht in Ordnung!“

Und genau das ist ein wichtiger Punkt: Vergebung heißt nicht, dass etwas okay war. Es bedeutet nicht, dass du den Schmerz vergessen musst. Es bedeutet, dass du dich entscheidest, den Schmerz nicht mehr dein Leben bestimmen zu lassen.

“Selbst wenn es so aussieht, als verdiene jemand unseren Groll oder Hass, kann es sich keiner leisten, den Preis dafür zu zahlen – wegen dem, was es mit uns macht.” (Marion D. Hanks)

Vergeben lernen: Ein Prozess mit Gottes Hilfe

Oft verwechseln wir Vergebung mit Vergessen. Oder wir glauben, wir müssten erst genug gelitten haben, bevor wir vergeben dürfen. Doch Vergebung ist keine Belohnung für Leid. Sie ist ein Schritt in die Freiheit. Ein Akt der Gnade – für andere, aber auch für uns selbst.

Vergebung braucht Zeit. Sie ist ein Prozess. Und manchmal beginnt er mit dem einfachen Satz: „Ich möchte vergeben. Bitte hilf mir, Herr.“ Dieser Wunsch ist der erste Schritt, um wirklich vergeben zu lernen. Wer Schritt für Schritt loslassen lernt, kann emotionalen Schmerz verarbeiten.

“Bedenken Sie, dass der Himmel voll ist von Menschen, die eines gemein haben: Ihnen wurde vergeben. Und sie vergeben ihrerseits.” (Dieter F. Uchtdorf)

Anderen vergeben – auch wenn keine Entschuldigung kommt

Jemand hat dich verletzt. Vielleicht entschuldigt sich diese Person nie. Vielleicht erkennt sie nicht einmal, was sie dir angetan hat. Und doch steht da dieser Auftrag: Vergib.

Jesus selbst vergab am Kreuz denen, die ihn verspotteten und töteten:

„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lukas 23:34).

Das ist ein maßloses Beispiel. Und doch zeigt es: Vergebung ist keine menschliche Leistung, sondern eine geistige Kraft. Sie kommt aus der Verbindung mit Gott.

Du kannst im Gebet darüber sprechen. Deine Wut, deine Enttäuschung, deine Fragen ausdrücken. Und dann: loslassen. Vielleicht nur ein bisschen. Vielleicht immer wieder. Aber beginnen. Vergebung üben bedeutet oft, täglich neu zu wählen, den inneren Frieden über die Bitterkeit zu stellen. Wer vergeben kann, gewinnt emotionale Freiheit zurück.

 „Vergebung fällt uns leichter… wenn wir Glauben an Gott haben und seinem Wort vertrauen.“ (James E. Faust)

Sich selbst vergeben: Der oft schwerste Schritt

Manchmal sind wir unsere strengsten Richter. Gerade als Eltern, als Partner, als Freunde merken wir, wo wir versagen. Wir vergleichen uns mit anderen, mit Idealen – oder mit unserem eigenen Anspruch.

Aber: Gott sieht unser Herz. Er sieht unseren Wunsch, es besser zu machen. Und er reicht uns seine Hand – nicht erst, wenn wir perfekt sind, sondern gerade in unserer Unvollkommenheit. Die Gnade Christi gilt auch für dich. Selbstvergebung ist ein wesentlicher Teil innerer Heilung und geistiger Entwicklung. Vergebung lernen heißt auch: sich selbst anzunehmen.

Vergebung verändert: Wege zu innerem Frieden

Vergebung befreit. Sie nimmt uns die Last des ständigen Zurückblickens. Sie öffnet den Blick nach vorn. Beziehungen können heilen. Selbstachtung kann zurückkehren. Und der Zugang zu Gott wird klarer, leichter, offener.

„Vorwürfe halten die Wunden offen. Nur Vergebung heilt sie.“ (Thomas S. Monson)

Manchmal hilft ein symbolischer Schritt: einen Brief schreiben, auch wenn man ihn nie abschickt. Einen Stein ins Wasser werfen. 

Vergebung bringt inneren Frieden. Sie hilft, mit Verletzungen umzugehen, statt sie zu verdrängen. Wer vergeben lernt, gewinnt mehr als nur emotionale Freiheit – er findet geistliche Reife.

Ein Impuls für dich – dein nächster Schritt

Gibt es jemanden, dem du vergeben möchtest? Oder etwas, das du dir selbst nicht verzeihst?

Sprich mit Gott darüber. Bitte ihn, dir den nächsten kleinen Schritt zu zeigen. Vielleicht ist es ein Gebet. Ein Gespräch. Ein neuer Anfang.

Vergebung ist ein Weg. Kein einfacher, aber ein heilsamer. Und wir müssen ihn nicht allein gehen.

„…Denn ich vergebe ihre Schuld, an ihre Sünde denke ich nicht mehr.“ (Jeremia 31:34).