Ein Interview mit Linda Vergauwen

Als Linda Vergauwen sich der Kirche in Belgien im Jahr 1978 anschloss, wussten weder sie noch ihre Freunde irgendetwas über die Mormonen. Auch heute ist Linda noch eine der Stützen der Kirche im flämischen Teil Belgiens; sie ist außerdem Direktorin einer Grundschule; das zeigt, dass sie das Vertrauen auch vonseiten ihres Wohnortes hat, obwohl sie ein Mitglied ist. Linda spricht über die Herausforderungen dabei, wenn man Kinder in einer Gemeinschaft erzieht, in der die Kirche kaum vertreten ist und nur langsam wächst, spricht über den ersten Besuch im Tempel, der unvorbereitet stattfand, und über die Freuden eines Lebens, das man dem Dienst des Erretters weiht.

Ich wurde in der Stadt Sint-Niklaas geboren (Heiliger Nikolaus). Ist das witzig? Ich wuchs katholisch auf. Meine Eltern waren Katholiken. Mein Vater hatte sehr großen Glauben an den Herrn und lehrte uns das Beten. Jeden Sonntag gingen wir zur Kirche. Ich nahm aktiv am Jugendprogramm teil. Es heißt Chiro. Es lässt sich mit der Organisation der Jungen Damen vergleichen. Meinen Ehemann traf ich 1974, und 1977 heirateten wir in einer katholischen Kirche. Ich hatte noch nie etwas von der Kirche Jesu Christi gehört. Wir trafen die Missionare, als wir ein Jahr lang verheiratet waren. Sie sagten uns, dass sie uns etwas Wichtiges mitzuteilen hätten.

War das auf der Straße oder bei Ihnen zu Hause?

Auf der Straße. Als sie uns auf der Straße ansprachen, waren wir gerade dabei, aus unserer ersten kleinen Wohnung in eine größere umzuziehen, und sie sagten, dass sie eine sehr wichtige Botschaft mit uns besprechen wollten. Wir sagten: „Wir ziehen gerade um, wir haben gerade keine Zeit, vielleicht ein anderes Mal”. Also machten wir einen Termin aus. Sie mussten einige Male vorbeikommen, bis wir tatsächlich auch zu Hause waren. Es war keine Absicht, dass wir zu den Terminen nicht da waren, aber mein Mann Jo und ich sagten uns: „Wenn sie wirklich eine so wichtige Botschaft für uns haben, kommen sie wieder.”

Weshalb haben Sie sich überhaupt einverstanden erklärt, dass sie noch einmal vorbei kommen könnten? Die meisten Menschen hören nicht zu, wenn die Missionare sagen, dass sie eine wichtige Nachricht für sie haben. Wieso haben Sie zu diesem Zeitpunkt in Ihrem Leben den Missionaren zugehört?

Wir waren nicht auf der Suche nach irgendetwas. Wir waren zufrieden damit, ein frisch verheiratetes Paar zu sein. Die Missionare waren genauso alt wie wir. Vielleicht hörten wir deswegen zu. Es war interessant, dass sie Amerikaner waren. Vielleicht ließen wir sie deswegen hereinkommen. Beim dritten Mal also kamen sie einfach vorbei und klopften an die Türe, und wir sagten: „Dann kommt herein!” Sie sprachen über die Wiederherstellung und über die Abfolge bei den Propheten. Wir glaubten fast alles. Wir waren als Katholiken aufgewachsen und hatten das Alte Testament und das Neue Testament. Aber dann sprachen sie über die Wiederherstellung.

Neue Wege gehen in Belgien Mormonen

Linda und ihr Ehemann

Und das fühlte sich für Sie richtig an? Sie bekamen durch den Heiligen Geist gleich ein Zeugnis?

Nein, noch nicht, aber wir machten neue Termine aus. Beim zweiten Treffen zeigten sie uns das Buch Mormon und berichteten uns darüber, dass Jesus in Amerika erschienen war. Ich erinnerte mich daran, dass ich als Mädchen in der Schule im Geschichtsunterricht davon gehört hatte: die Legende von Quetzalcoatl! Als die Spanier das erste Mal nach Amerika kamen, trafen sie auf die Indianer, und die Indianer dachten, dass Gott zurückkehre. Deswegen dachte ich: „Das ist interessant. Das habe ich schon einmal gehört.”

Ich las das ganze Buch Mormon in zwei Tagen durch. Es war Urlaubszeit, nämlich August, daher hatte ich viel Zeit zu lesen. Ich las von morgens bis abends, und es kam mir vor, als ob ein Film in meinem Kopf ablaufen würde. Man ist so in die Geschichte vertieft, und ich fühlte mich beim Lesen wohl.

Ging es Ihrem Ehemann genauso?

Mein Ehemann liest nicht gerne, daher sagte er zu mir: „Wenn da irgendetwas Seltsames drinsteht, sag es mir.” Natürlich gibt es einiges, das merkwürdig ist. Aber beim ersten Lesen überlas ich das Merkwürdige irgendwie; ich fand nur Schönes. Ich sagte zu ihm, dass ich gebetet hatte und ich mich sehr wohl damit fühlte. Ich fühlte mich gut mit allem.

Zu dieser Zeit begegneten die Europäer den Amerikanern mit Misstrauen. Ich dachte: „Warum musste das Evangelium ausgerechnet in den USA wiederhergestellt werden und nicht in Palästina oder Israel?” Das war für mich seltsam, und ich konnte Joseph Smith damals einfach nicht als Propheten akzeptieren. Aber wir gingen mit den Missionaren durch die einzelnen Lektionen und mein Mann und ich dachten beide immer: „Wenn das, was sie sagen, wahr ist, müssen wir unser Leben ändern.” Mit dieser Haltung machten wir dann mit den Lektionen weiter. Wir waren nicht auf der Suche; wir waren nicht unglücklich, und es ging uns mit unserer eigenen Religion gut. Wir waren jung, und der Gedanke, unser Leben zu ändern, erschien beängstigend.

Einmal sagten wir den Missionaren, dass sie nicht mehr wiederkommen sollten. Wir waren bereits gläubige Menschen. In Belgien wird Alkohol von der Gesellschaft akzeptiert, viele Menschen rauchen, und die meisten Menschen halten den Sonntag nicht heilig wie die Kirchenmitglieder es tun. Es ist ziemlich verschieden. Jo und ich hatten ein bisschen Angst davor, was die Konsequenzen für unser Gesellschaftsleben sein würden. Aber ich bin eine höfliche Frau, und wir hatten einen Termin vereinbart; daher sagte ich zu den Missionaren, als sie klingelten: „Kommt herein; aber es wird das letzte Mal sein, dass ihr vorbei kommen könnt, weil wir nicht mehr mit euch diskutieren möchten.” Und daraufhin gab dieser Missionar sein Zeugnis, und alles veränderte sich.

Es war so gewaltig. Mein Mann fühlte den Geist so stark. Sie haben mich vorhin gefragt, weshalb wir zuließen, dass die Missionare wieder kamen, und es war, weil der Geist so stark spürbar war. Sie hatten etwas, das wir nicht hatten. Immer wenn sie unser Haus verließen, sagten wir zueinander: „Was ist das für ein Gefühl, das sie mitbringen?” Es war ein gutes Gefühl, deswegen konnten sie wiederkommen. Aber während dieses letzten Treffens gaben sie so machtvoll Zeugnis, dass es uns veränderte.

Wie hat sich Ihr Leben denn nun verändert? Wie wurde nach dieser Entscheidung das Evangelium zu einem wesentlichen Bestandteil Ihres Lebens? Ich vermute, dass es eine große Veränderung für Sie war.

Es war wirklich eine große Veränderung. Wir bekamen einige Schwierigkeiten mit der Familie. Unsere Eltern waren traurig. Sie waren wütend. Die ersten Jahre waren ziemlich furchtbar. Sie sind wirklich gute Menschen, aber sie konnten einfach nicht verstehen, wie wir uns einer anderen Religion anschließen konnten. Es war, als ob wir sie verraten würden, weil sich unser Leben so sehr veränderte. Nach unserer Taufe haben wir kein einziges Mal mehr Alkohol getrunken. Obwohl mein Mann viel geraucht hatte, rauchte er nach unserer Taufe nie wieder. Sonntage verbrachten wir anders. Sie haben danach gefragt, wie das Evangelium Teil unseres Lebens wurde. Ich würde sagen, dass das Evangelium unser Leben ist. Stück für Stück wird es dein Leben. Man muss Fortschritt machen, und es gab Verschiedenes, das wir anfangs nicht verstanden. Möchten Sie eine witzige Begebenheit hören?

Sehr gerne!

Als Katholiken wurde uns beigebracht, dass ein Priester für immer ein Priester bleiben würde. Und als wir Mitglieder der Kirche wurden, gab es einen Zweigpräsidenten hier in Belgien, den wir akzeptierten und von dem wir dachten, dass er auch immer unser Zweigpräsident bleiben würde. Er war ein sehr liebenswürdiger Mann. Eines Tages wurden wir ins Büro des Missionspräsidenten gerufen und er berief meinen Mann, Jo, also neuen Zweigpräsidenten. Und Jo sagte zu ihm: „Ich glaube, dass Sie einen Fehler begehen – wir haben schon einen Zweigpräsidenten!” Wir lernten damals, dass man Berufungen nur für ein paar Jahre übernimmt.

[…]

Mormonen in Belgien

Linda und Jo mit ihren Kindern und Enkelkindern.

Gibt es irgendetwas, das Sie abschließend über Ihre Erfahrungen als Mitglied in Belgien sagen wollen, auch dazu, wie es ist, Ihre Kinder in der Kirche großzuziehen?

Hier ein Mitglied der Kirche zu sein ist fast genauso wie überall auf der Welt, denke ich zumindest. Ich denke, dass es darauf ankommt, dass man seine Bündnisse einhält, egal was im Leben passiert.

Bei der Kindererziehung gibt es Höhen und Tiefen. Als meine Kinder Teenager waren, wünschte ich mir so manches Mal, dass ich sie irgendwie einfrieren könnte, bis sie 21 Jahre alt wären! Manchmal hatte ich ein bisschen Angst, weil sie die einzigen Mitglieder der Kirche an ihrer Schule waren. Ich machte mir Sorgen darüber, dass sie in manchen Entscheidungen dem Vorbild ihrer Freunde folgen würden. Sie haben das getan, und als sie Teenager waren, haben sie rebelliert, aber wir waren unseren Bündnissen immer treu. Wir gingen immer sonntags in die Kirche und beteten gemeinsam als Familie, selbst wenn manchmal jemand nicht dabei war. Dann gingen wir zu ihnen auf ihre Zimmer und beteten mit denjenigen, die da waren. Wir führten einen Familienheimabend durch, obwohl sie dachten, dass das langweilig sei. Es ging nie lange, weil wir wussten, dass es kurz gehen aber dafür gut sein musste. Aber irgendwann musste jeder für sich persönlich herausfinden, ob es wahr sei. Unsere Kinder sagten, sie hätten gewusst, dass wir wussten, dass es wahr sei, und dass sie es

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Ehefrau. Mutter. Großmutter. Grundschuldirektorin. Mitglied der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Eine Tochter Gottes.

für sich auch herausfinden wollten. Also fanden sie es selbst heraus, und das ist etwas, für das wir sehr dankbar sind!

In Belgien sind sie eine Ausnahme. Es gibt viele Mitglieder, die treue Mitglieder sind, deren Kinder nicht dabeibleiben, und ich weiß nicht, weshalb wir mit Kindern gesegnet wurden, die aktiv in der Kirche dabei sind. Aber es ist nicht wichtig; seine Kinder muss man lieben. Wir mussten das in den Jahren lernen, in denen sie nicht aktiv waren. Wir mussten bedingungslose Liebe lernen; das ist eins der schwersten Gebote. Wenn man das Evangelium lebt, ist man glücklich – ich weiß es! Wir sind eine glückliche Familie! Wir lieben einander! Wir sind nicht merkwürdig!

Dadurch, dass ich ein Mitglied der Kirche Jesu Christi bin, wurde ich so sehr gesegnet! Ich verstehe den Zweck besser. Ich genieße das Leben. Ich weiß nicht, welche Herausforderungen sich mir in der Zukunft noch stellen werden, aber ich weiß, dass ich immer etwas aus ihnen lernen kann. Ich liebe meinen Mann, meine Kinder und Enkelkinder. Ich liebe das Evangelium. Ich liebe meinen Erretter. Ich liebe meine Mitgliedschaft in der Kirche.

 


In Stichworten:

Linda Vergauwen

Herkunft: Belgien Alter: 56 Familienstand: Verheiratet mit Jo Buysse Kinder: Dagmar (34), Anushka (32), Jarno (30) and Kjelld (29) Beruf: Direktorin einer Grundschule Taufe: Oktober 1978 Schulbildung: Atheneum Sint-Niklaas, Rijksnormaalschool Sint-Niklaas Sprache zu Hause: Flämisch Lieblings-Kirchenlied: „Wie groß bist du” Im Internet: http://dagmar6.wix.com/lindavergauwen

Das Interview wurde von Neylan McBaine durchgeführt und auf mormonwomen.com veröffentlicht. Fotos mit Genehmigung verwendet. Übersetzt von Kristina Vogt.

Wenn Sie weitere Informationen über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage wünschen, dann besuchen Sie einfach die offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org.