Bei der Herbstgeneralkonferenz 2018 gab Präsident Russell M. Nelson den Schwestern der Kirche den Auftrag, bis zum Ende des Jahres das Buch Mormon komplett zu lesen. Zum Zeitpunkt dieser Aufforderung verblieben noch 86 Tage bis zum Jahresende. Das Buch Mormon hat in der deutschen Fassung 702 Seiten. So musste man etwas mehr als acht Seiten pro Tag lesen, um auf dem Laufenden zu bleiben und gleichmäßig voranzukommen.

Würde ich das schaffen? Jeder von uns kennt Stress im Alltag, Zeitmangel, der es kaum möglich erscheinen lässt, noch eine Verpflichtung mehr auf sich zu nehmen. Manchmal bin ich abends so gerädert, dass selbst ein Vers als Kurzschriftstudium kaum machbar erscheint. Wie sollte das dann mit acht Seiten funktionieren?

Erkenntnis Nr. 1: Beständigkeit tut gut.

Ich würde jetzt gerne davon berichten, wie ich tadellos jeden Tag meine acht Seiten geschafft habe, jeden Tag ein Häkchen in meinen Leseplan setzen konnte und nach 86 Tagen fertig war. So reibungslos lief es aber leider nicht ab. Ich habe zwar wirklich gehorsam und vertrauensvoll begonnen zu lesen, aber nach einem guten Monat musste ich Mitte November feststellen, dass ich ganz schön ins Hintertreffen geraten war. In diesem Tempo würde ich mindestens bis Februar brauchen. So nahm ich mir einen Tag lang Zeit und las 55 Seiten. Damit war ich wieder halbwegs auf dem Laufenden. Nach Weihnachten war jedoch zwar das Jahresende, nicht jedoch das Ende des Buches Mormon nahe. So legte ich erneut einen Kraftakt hin und las weitere 45 Seiten an einem Tag. Und schließlich beendete ich das Jahr am 31. Dezember mit dem Lesen von 60 Seiten. Kurz nach 21 Uhr war ich fertig.

Wie schnell summierten sich die fehlenden Seiten einiger Tage zu einem schier unüberwindbarem Papierstapel! Wenn ich beständig und zielstrebig jeden Tag meine acht Seiten gelesen hätte, wäre ich deutlich entspannter ans Ziel gekommen.

Erkenntnis Nr. 2: Ich habe Zeit zu lesen.

Wenn ich vor dem Auftrag noch dachte, dass ich manchmal nicht einmal zu einem Vers pro Tag in der Lage bin, machte ich die Erfahrung, dass ich mit der nötigen Disziplin und dem Wunsch gehorsam zu sein sogar viel mehr zuwege brachte. Mein Alltag war nicht weniger betriebsam und arbeitsreich. Aber weil es mir so wichtig war Präsident Nelsons Auftrag zu erfüllen, habe ich die Zeit gefunden. Dazu musste ich konsequent das Handy und den von meiner Schwester entliehenen Roman zur Seite legen, das nachmittägliche Nickerchen einer Leseeinheit opfern und andere Zeitfallen ausmerzen. Ich habe festgestellt, dass ich sogar in den Momenten, bis das Nudelwasser kocht, Zeit zum Lesen fand.

Erkenntnis Nr. 3: Das Buch Mormon ist unglaublich komplex gestrickt.

Dadurch, dass ich an manchen Tagen so viele Seiten gemeistert habe und insgesamt das Buch Mormon in einem überschaubaren Zeitraum von Anfang bis Ende durchgelesen habe, sind mir viele Zusammenhänge neu bewusst geworden.

So lesen wir zum Beispiel, wie Jesus bei seinem Erscheinen auf dem amerikanischen Kontinent seine erwählten Jünger unter den Nephiten berührt und zu ihnen spricht. In 3. Nephi 18:37 steht:

„Und die Menge vernahm die Worte nicht, die er redete, darum gab sie nicht Zeugnis; aber die Jünger gaben Zeugnis, daß er ihnen Macht gab, den Heiligen Geist zu spenden. Und ich werde euch später noch zeigen, daß dieses Zeugnis wahr ist.“

Erst 98 Seiten später, in Moroni 2:1-3, werden dann die genauen Worte die Jesus zu den Jüngern spricht, von Moroni aufgeschrieben:

„Die Worte Christi, die er zu seinen Jüngern sprach, den Zwölf, die er erwählt hatte, als er ihnen die Hände auflegte— und er nannte sie beim Namen und sprach: Ihr sollt den Vater in meinem Namen anrufen in mächtigem Gebet; und nachdem ihr dies getan habt, werdet ihr Macht haben, denjenigen, denen ihr die Hände auflegt, den Heiligen Geist zu spenden; und in meinem Namen sollt ihr ihn spenden, denn so tun es meine Apostel. Nun sprach Christus diese Worte zu ihnen zur Zeit seines ersten Erscheinens; und die Menge hörte es nicht, sondern die Jünger hörten es; und auf alle, denen sie die Hände auflegten, fiel der Heilige Geist.“

Es gibt noch einige andere Verse, wo mit der Formulierung „später noch“ etwas angekündigt wird, was erst zahlreiche Seiten weiter im Buch Mormon behandelt wird. Wie leicht hätte das Aufgreifen einer solchen Vorankündigung vergessen werden können – doch die Schreiber des Buches Mormon waren von Gott inspiriert!

Erkenntnis Nr. 4: Jesus Christus steht im Mittelpunkt des Buches Mormon.

Seine Gnade ist ausreichend

Präsident Nelson hatte den Buch Mormon-Auftrag um einen weiteren Punkt ergänzt: Wir sollten beim Lesen jeden Vers markieren, in dem es um den Erretter geht. Von den 702 Seiten habe ich nur auf 67 Seiten nichts markiert. Diese Seiten behandeln Hintergrundwissen (Geldsystem, Landeskunde), Kriegsvorbereitungen sowie den völligen Abfall des Volkes und seine Vernichtung, wo der Herr nicht mehr unter ihnen wirkt.

Auf den restlichen 635 Seiten hat mich beim Markieren immer wieder beeindruckt, dass Jesus ein barmherziger, aber auch gerechter Gott ist, der seine Hände geduldig nach uns ausstreckt, bis schließlich die Zeit der Bewährung vorbei ist. Er behandelt alle gleich – wie an der Geschichte der Jarediten und Nephiten ersichtlich, die in Zeiten von Rechtschaffenheit von seiner Hand geführt wurden, am Ende aber beide aufgrund von Schlechtigkeit seinen Schutz verloren haben und dann ausgerottet wurden.

Erkenntnis Nr. 5: Präsident Nelsons Liebe und Langmut sind groß.

Zu Beginn hatte ich geschrieben, dass Präsident Nelson uns den Auftrag gab, das Buch Mormon zu lesen. Das ist nicht ganz korrekt. In Wirklichkeit gab er uns liebevoll „Empfehlungen“ (auf Englisch „invitations“), wie wir uns an der Sammlung Israels beteiligen können. Ende des Jahres hat er auf seiner Facebook-Seite einen kurzen Rückblick auf die Empfehlungen gegeben und mich haben die folgenden Worte sehr berührt:

„Ich hoffe, dass jede dieser Empfehlungen Sie dem Erretter nähergebracht haben. Wenn Sie mit etwas Schwierigkeiten hatten, bitte ich Sie, nicht streng mit sich zu sein. Sie können heute anfangen. Der Herr freut sich über jede Anstrengung, die wir unternehmen, ihm näher zu kommen.“

(Originaltext: “I hope that each of these invitations has brought you closer to the Savior. If you have struggled with any of them, please don’t be hard on yourself. You can start today. The Lord is happy with any effort we make to draw closer to Him.”)

Welche Liebe hat doch unser Prophet. Er schließt niemanden aus – auch, wenn wir etwas nicht schaffen! Ich gehe davon aus, dass es viele Schwestern nicht geschafft haben, alle Aufträge zu erfüllen. Ich selbst habe mich auch mit manchen schwer getan. Aber, wie Präsident Nelson sagt: Es ist nie zu spät und der Herr freut sich über jede rechtschaffene Bemühung.


Dieser Beitrag wurde von Tabea Seeborg auf Deutsch verfasst und am 15.01.2019 auf treuimglauben.de veröffentlicht.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage wissen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org.

Was sich die taubblinde Schriftstellerin Helen Keller von Heber J. Grant beim Besuch des Tempelplatzes wünschte

Ist Gott gar nicht allwissend?

Kommen Tiere in den Himmel?