Meine Ausbildung als Klinischer Psychologe hat für immer verändert wie ich die Welt sehe und sogar, wie ich in den heiligen Schriften lese. Ich frage mich unwillkürlich, wie das Leben der Menschen im Buch Mormon wohl aussah. Ich kann nicht anders. Wie war es, mit Nephi als jüngerem Bruder zusammen aufzuwachsen? Worin war Alma verwickelt, dass er sich so weit von der Wahrheit entfernte? Was bedeutete es für Moroni, zusehen zu müssen, wie die Menschen, die er liebte, starben? Wäre das Buch Mormon anders, wenn es aus der Sicht der Lamaniten erzählt würde anstatt aus der Sicht der Nephiten?

Die Propheten im Buch Mormon werden lebendig für mich, wenn ich ihre Familiendynamiken und ihre einzigartige Persönlichkeit betrachte. Ich überlege, wie Erfahrungen in ihrem Leben ihnen Einsichten in spezifische Aspekte des Evangeliums gaben. Natürlich wären meine „Analysen” viel überzeugender (und richtiger), wenn ich Hauptmann Moroni für einige Sitzungen auf meinem Therapie-Sofa hätte. Ich könnte ihn bitten, einen Persönlichkeitstest zu machen und seine Interaktionen außerhalb einer Kriegssituation beobachten. Aber es gibt trotzdem ein paar interessante Dinge im Buch Mormon, die ich durch mein Schriftstudium gelernt habe.

Nephi: Wir müssen besser darin werden, einander liebevoll zu begegnen.

Als ich jung war, war ich der Nephi in meiner Familie. Ich las in den Schriften und war meinen Eltern gegenüber gehorsam. Ich bereitete mich mein ganzes Leben darauf vor, eine Mission zu erfüllen. Nephi war mein Held!

Wenn ich jetzt Nephis Bericht lese, aus der Erwachsenen-Perspektive, landet mein Fokus oft auf seinen älteren Brüdern Laman und Lemuel. Ich frage mich, wie viel von ihren Schwierigkeiten, sich für das Evangelium zu begeistern, durch ihre Reaktion auf den direkten, teilweise schneidenden Lehrstil ihres jüngeren Bruders zurückzuführen sind. Oftmals folgen die aggressiven Zornausbrüche von Laman und Lemuel auf eine strenge Zurechtweisung Nephis.

Nephi und seine Brüder auf dem Schiff zum verheißenen Land.

Zweifellos liebte Nephi seine Familie. In seinen eigenen Worten beschreibt er: „Denn ich bete beständig für sie bei Tag, und ihretwegen benetzen meine Augen mein Kissen bei Nacht; und ich rufe meinen Gott im Glauben an, und ich weiß, er wird mein Rufen vernehmen.” (2 Nephi 33:3) Ich kann Nephis tiefe Verpflichtung und Liebe für seine Familienmitglieder fühlen. Aber als Psychologe frage ich mich, ob er diese Gefühle offen mit seinen Brüdern teilte oder ob er sie für sich behielt. Wären Laman und Lemuel offener für das Evangelium gewesen, wenn sie Nephis Liebe, die hinter jeder Zurechtweisung steckte, gefühlt hätten?

Es ist nicht immer leicht, „vermehrte Liebe” zu zeigen, wenn die Erlösung eines Familienmitglieds auf dem Spiel steht. Aber es ist leicht zu nörgeln oder dauernd zu versuchen, es durch Überreden auf den Pfad des Evangeliums zurückzubringen. Wenn jemand, den wir kennen, mit dem Evangelium und seinen Lehren ringt, ist es wichtig, dass wir unser Bestes geben um sicherzustellen, dass die Bedenken, die wir äußern, von unserer Liebe für ihn herrühren. Ich kenne nicht alle Umstände, was die Interaktionen von Nephi und seinen Brüdern angeht, aber ich frage mich manchmal, ob die Dinge anders ausgesehen hätten, wenn sie mehr Liebe füreinander zum Ausdruck gebracht hätten.

Jakob: Wir können Freude finden, indem wir nach den Worten der Propheten leben.

Ich fühle mich zu Menschen hingezogen, die freudig nach dem Evangelium leben. Jakob verkörpert die christusähnlichen Eigenschaften, nach denen wir alle streben. Es ist kein Zufall, dass die Linie der Propheten im Buch Mormon durch seine Nachkommenschaft weitergeführt wird (Enos, Jarom usw.). Jakob war wahrscheinlich ein aufmerksamer Vater und treuer Ehemann. Seine Dienstbereitschaft in seiner Familie und in Berufungen berührte wahrscheinlich das Leben Unzähliger in seinem Umfeld.

Ich glaube, wir würden alle davon profitieren, einen „Jakob” in unserer Familie zu haben. Seine Berichte sind eine wunderschöne Mischung aus Evangeliumslehre und Wärme. Zu seiner Familie sagt er: „Und ihr wißt selbst, daß ich bisher in dem Amt meiner Berufung eifrig gewesen bin; aber heute bin ich mit viel mehr Verlangen und Sorge um das Wohlergehen eurer Seele bedrückt,…”(Jakob 2:3). Immer wieder nennt er sein Volk „meine Brüder”. In Jakob 2:17 lehrt er sein Volk einfühlsam zu sein: „Gedenkt eurer Brüder wie euer selbst, und seid vertraut mit allen und freigebig mit eurer Habe, damit sie reich seien gleichwie ihr.”

Jakob brandmarkt aus Liebe zu seinem Volk die ungeheuerlichen Tätigkeiten, in die es verstrickt war. Er bittet inständig: „Meine Brüder, vernehmt mich” (Jakob 2:27) und sagt: „Das Wort Gottes lastet auf mir wegen eurer noch schändlicheren Verbrechen” (Jakob 2:23). Er zeigt nicht mit dem Finger auf sie, um sie zu beschuldigen, sondern fühlt den Kummer wegen ihrer Taten. Er ruft sie erfolgreich zur Umkehr auf, wegen der Beziehung, die er zu ihnen hat.

Jakob kämpfte gegen die Verblendung seines Volkes an.

Eine weitere Eigenschaft, die ich an Jakob bewundere, ist sein aufrichtiger Wunsch, seine Nachkommenschaft möge Freude am Evangelium und Liebe für seine Vorfahren haben. In Jakob 4:3 sagt er: „Nun, hierüber freuen wir uns; und wir arbeiten eifrig daran, diese Worte auf Platten einzugravieren, denn wir hoffen, daß unsere geliebten Brüder und unsere Kinder sie mit dankbarem Herzen empfangen werden und sie betrachten, um mit Freude und nicht mit Kummer, auch nicht mit Verachtung, etwas in Bezug auf ihre ersten Eltern zu erfahren.”

König Benjamin: Wir müssen uns zum Evangelium bekehren, nicht zu seinen Führern.

Ein paar der besten Abschnitte heiliger Schrift stammen meiner Meinung nach von König Benjamin. Seine Worte waren so machtvoll, alle seine Zuhörer „riefen mit einer Stimme, nämlich: Ja, wir glauben all den Worten, die du zu uns gesprochen hast; und wir wissen auch, daß sie gewiß und wahr sind, durch den Geist des Herrn, des Allmächtigen, der in uns, oder in unserem Herzen, eine mächtige Wandlung bewirkt hat.” (Mosia 5:2). Es berührt mich jedesmal, wenn ich lese, dass das ganze Volk das lebenslange Bündnis einging, Christus zu folgen. Allerdings sind da drei Worte, die mir nicht aus dem Kopf gehen: „Außer kleinen Kindern gab es nicht eine Seele, die nicht den Bund eingegangen wäre und nicht den Namen Christi auf sich genommen hätte.” (Mosia 6:2).

In Mosia 26:1-4 lernen wir mehr über das Schicksal dieser Kinder:

„Es gab viele unter der heranwachsenden Generation, die die Worte König Benjamins nicht verstehen konnten, denn damals, als er zu seinem Volk sprach, waren sie noch kleine Kinder gewesen; und sie glaubten der Überlieferung ihrer Väter nicht. Sie glaubten nicht, was in bezug auf die Auferstehung der Toten gesagt worden war, auch glaubten sie nicht in bezug auf das Kommen Christi. Und nun konnten sie wegen ihres Unglaubens das Wort Gottes nicht verstehen; und ihr Herz war verhärtet. Und sie wollten sich nicht taufen lassen; sie wollten sich auch nicht der Kirche anschließen. Und sie waren, was ihren Glauben betraf, ein abgesondertes Volk und blieben es danach immer, ja, in ihrem fleischlichen und sündigen Zustand; denn sie wollten den Herrn, ihren Gott, nicht anrufen.”

König Benjamin spricht zu seinem Volk.

Das erschüttert mich. Warum greift die Bekehrung und das Bündnis von König Benjamins Volk nicht auf ihre Kinder über? Die einfache Antwort ist, dass jeder von uns sein eigenes Zeugnis erlangen muss. Das ist wahr, aber ich frage mich, ob etwas anderes hier auch im Spiel ist. Ich bin mir sicher, dass ihr alle Geschichten gehört habt über Leute, die der Kirche beitreten, nachdem sie von charismatischen Missionaren bekehrt wurden. Zunächst sind sie Feuer und Flamme für das Evangelium, aber dies scheint zu verschwinden, sobald die Missionare weg sind. Ich frage mich, wie viele vom Volk König Benjamins sich zu ihm als Person bekehrt haben, anstatt sich zur Botschaft des Evangeliums zu bekehren. Ich frage mich, ob das das Zeugnis ihrer Kinder beeinflusst hat.

Gefahr ist im Verzug, wenn unser Zeugnis von Führern der Kirche abhängt. Oftmals höre ich Geschichten über den Bischof, der jemandem durch eine schwere Zeit half und dadurch dessen Glauben gestärkt hat. Im gleichen Satz kommt dann die Beschwerde über den neuen Bischof, der das Gegenteil von hilfsbereit war, wodurch das Zeugnis wieder ins Wanken geriet.

Ich liebe Elder Hollands Leidenschaft für das Evangelium und seine Bereitschaft, über psychische Gesundheitsprobleme zu sprechen, die viele von uns erfahren. Aber mein Zeugnis hängt nicht von Elder Holland und seinen Konferenz-Ansprachen ab. Ich weiß, dass es wichtig für mich und für uns alle ist, ein eigenes Zeugnis von den Worten der Propheten und den Lehren, die sie lehren, zu empfangen, nicht von ihren Charaktereigenschaften oder Lehrstilen. Und unsere Kinder müssen das auch wissen. Ich glaube, es ist wichtig, dass wir immer wieder mit unseren Kindern darüber sprechen, welche geistigen Erlebnisse und Herausforderungen wir haben, wenn wir nach dem Evangelium leben. Wir können durch unsere Worte, durch persönliche Erfahrungen und unser Zeugnis die Lehren der Propheten unterstützen und unseren Kindern den Freiraum geben, ihr eigenes Zeugnis zu empfangen und zu entwickeln.

Alma: Erkennen, dass das Sühnopfer mehr als Sünde heilt.

Gibt es einen komplexeren Propheten als Alma im Buch Mormon? In vielerlei Hinsicht ähnelt sein Leben dem von Paulus im Neuen Testament. Beide verbrachten ihre jungen Jahre damit, die Kirche zu verfolgen und zu zerstören. Wie bei Paulus, erschien Alma ein Engel des Herrn, was zu seiner wunderbaren Bekehrung führte. Ich finde es sehr bemerkenswert, was für eine intime Kenntnis des Sühnopfers Alma hat: Es heilt uns von körperlichen Leiden, Elend und Sünde. Ich weiß, dass er das Sühnopfer gebraucht hat für die Vergebung seiner Sünden. Aber ich habe mich oft gefragt, welche persönlichen Erfahrungen er mit dem Sühnopfer hatte, die ihm geholfen haben, auch den physischen Leidensaspekt des Sühnopfers zu verstehen. Vielleicht kam diese Kenntnis erst Jahre nach seinem Herzenswandel.

In Alma 3:22 gibt ein einziger Vers einen wichtigen Teil aus Almas leben preis: „Nun war Alma selbst durch eine Wunde bedrängt und zog diesmal nicht mit aus zum Kampf gegen die Lamaniten;”

Alma selbst verfolgte die Mitglieder der Kirche

Nach diesem Kampf lesen wir, dass Alma zurückkehrte in sein eigenes Haus „um sich von der Arbeit, die er verrichtet hatte, auszuruhen” (Alma 8:1) oder er „blieb viele Tage bei Amulek, ehe er anfing, dem Volk zu predigen.” (Alma 8:27) Wir erfahren, dass Alma sich im Kampf körperliche Leiden zugezogen hatte; er wusste, dass er sich damit an den Erretter wenden konnte und lernte Wahrheiten darüber, wie allumfassend das Sühnopfer wirklich ist:

„Und er wird hingehen und Schmerzen und Bedrängnisse und Versuchungen jeder Art leiden; und dies, damit sich das Wort erfülle, das da sagt, er werde die Schmerzen und die Krankheiten seines Volkes auf sich nehmen. Und er wird den Tod auf sich nehmen, auf daß er die Bande des Todes löse, die sein Volk binden; und er wird ihre Schwächen auf sich nehmen, auf daß sein Inneres von Barmherzigkeit erfüllt sei gemäß dem Fleische, damit er gemäß dem Fleische wisse, wie er seinem Volk beistehen könne gemäß dessen Schwächen.” (Alma 7:11-12)

Auch wir können, wie Alma, diesen Grundsatz verstehen lernen und selber anwenden. Elder Bruce Hafen hat ein fantastisches Buch geschrieben „The Broken Heart”. Er schreibt darüber, wie der Erlöser uns dabei helfen kann, von den Schmerzen, die wir in diesem Leben erfahren, zu heilen. Meiner Erfahrung nach wissen die meisten von uns nicht wirklich, wie das Sühnopfer uns helfen kann, wenn wir leiden. Oft denken wir nur an das Sühnopfer, wenn wir umkehren. Aber der Herr will alle unsere Wunden heilen. Auch dann, wenn wir unschuldig sind.

Moroni: Wir sind nie alleine.

Moroni ist mein Lieblingsprophet aus alter Zeit. Er wurde damit beauftragt, die heiligen Goldenen Platten zu vervollständigen und für ihre Sicherheit, für die nächsten 1400 Jahre, zu sorgen. Er hatte auch den Auftrag, ein Mentor für den jungen Propheten Joseph Smith zu sein, der die Goldenen Platten übersetzte. Trotzdem werde ich traurig, wenn ich die Worte Moronis lese.

Der Prophet Moroni war einen Großteils seines Lebens allein.

Zum einen, weil seine Worte darauf hinweisen, dass das Buch Mormon sich dem Ende zuneigt (wer will schon, dass sein Lieblingsbuch endet?), zum anderen, weil das Lesen über die Zerstörung der Nephiten aus Moronis Sicht grauenvoll ist. Moroni hat sein Leben dem Dienst seines Volkes gewidmet. Er sah zu, wie jeder, den er kannte und liebte, starb. Versuche dich beim Lesen der folgenden Verse an Moronis Stelle zu versetzen:

„Siehe, ich, Moroni, führe den Bericht meines Vaters Mormon zu Ende…mein Vater wurde von ihnen getötet, und nur ich bin allein übriggeblieben, um die traurige Geschichte von der Vernichtung meines Volkes niederzuschreiben. Aber siehe, sie sind dahin, und ich erfülle das Gebot meines Vaters. Und ob sie mich töten werden, weiß ich nicht. Darum will ich schreiben und die Aufzeichnungen in der Erde verbergen; und es macht nichts aus, wohin ich gehe.” (Mormon 8:1-4)

Die Gefühle des Verlusts, der Trauer, der Verzweiflung und der Einsamkeit würden uns alle lähmen. Aber irgendwie schafft Moroni es, noch 20 Jahre weiterzumachen. Er fasst die Schriften der Jarediten zusammen und fügt seinen eigenen Bericht zum Abschluss des Buches Mormon hinzu. Jedesmal, wenn ich diese Verse lese, wäre ich am liebsten bei ihm. Ich möchte ihn trösten, ihm danken. Ich möchte ihm versichern, dass seine Arbeit das Leben von Millionen von Menschen verändern wird. Ich möchte ihm sagen, dass das Buch Mormon mein Leben zum Besseren verändert.

Natürlich wusste Moroni das alles. In Moroni 8:35 spricht er zu uns, in der heutigen Zeit:

„Siehe, ich spreche zu euch, als seiet ihr gegenwärtig, und doch seid ihr es nicht. Aber siehe, Jesus Christus hat euch mir gezeigt, und ich weiß, was ihr tut.” (Mormon 8:35)

Vielleicht war Moroni doch nicht ganz allein.

Der Ende des Krieges. Moroni bleibt übrig.

Moronis Erfahrung erinnert mich daran, dass ich nie alleine bin. Sogar wenn ich mich verloren oder einsam fühle, kann ich den Erlöser bei mir haben, egal wie überfordert ich mich mit der Situation fühle. Die Propheten im Buch Mormon lebten auf dieser Erde. Sie sind sehr real für mich. Sie sind unsere Brüder und Schwestern im Evangelium. Ich hoffe, dass du es genossen hast, die Einblicke eines Psychologen, der das Buch Mormon liebt, zu lesen. Vor allem hoffe ich, dass du diese inspirierenden Propheten in Ehren halten wirst, indem du das Buch Mormon liest und teilst.


Cameron Stanleys Liebe für das Buch Mormon und sein Hintergrund als Klinischer Psychologe führten ihn dazu, die bemerkenswerte Geschichte der Lamaniten zu schreiben, für die heutige Zeit, in seinem Roman  In the Hands of the Gadiantons. Du kannst das erste Kapitel dieses Buches auf Camerons Blog lesen (nur auf Englisch): inthehandsofthegadiantons.wordpress.com/.

Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt und am 12. Januar 2017 auf www.ldsliving.com veröffentlicht. Der Autor ist Cameron Staley. Übersetzt von Maren Leit.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) lernen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org.