Letzte Woche fuhr meine verwitwete, fast 80-jährige Großtante mit dem Bus in die Stadt. Mittlerweile hat sie ihren Rollator mit dabei, um ihr besseren Halt zu geben. Lange Zeit wollte sie ihn nicht, da es ihren Stolz verletzte, nicht mehr auf ihre eigenen Beine vertrauen zu können. Als sie sich schlussendlich doch dazu entschied ihn einmal auszuprobieren, war sie hellauf begeistert. Wie viel einfacher es nun für sie war ihre Einkäufe zu erledigen!

Manchmal parkt ihr Bus etwas weit vom Kantstein entfernt, und dann ist sie auf fremde Hilfe angewiesen, was in der Regel kein Problem darstellt, da der Bus immer voll besetzt ist. Doch als sie dieses Mal jemanden um Hilfe bat, um aus dem Bus auszusteigen, hörte sie den Satz: „Wenn Sie das nicht mehr selbst schaffen, dann sollten Sie besser zu Hause bleiben!“ Und auch sonst regte sich niemand. Meine Großtante fühlte sich hilflos und bloßgestellt. Fast wären ihr die Tränen gekommen, als sich plötzlich aus dem hinteren Teil des Busses ein junger Ausländer auf sie zu bewegte und ihr freundlich dabei half, ihren Gehwagen aus dem Bus zu heben. Meine Großtante fährt seitdem nicht mehr ins Stadtzentrum. Sie hat Angst vor den jungen Leuten.

In Deutschland sind etwa 23 Millionen Menschen über 60 Jahre alt (Statista). Das ist eine gewaltige Zahl. Wenn Holland 23 Millionen Menschen hätte, hätten sie es vielleicht zur Europameisterschaft geschafft.

Mit Freundlichkeit täglich einen Unterschied machen.

Zu beschäftigt um freundlich zu sein?

Beispiel Zwei:

Vor einigen Jahren fuhr ich eine Freundin zum Flughafen. Sie war als Au-Pair- Mädchen für einige Monate in Deutschland gewesen. Natürlich fragte ich sie, wie ihr denn der Aufenthalt im Land der Dichter und Ingenieure gefallen habe. Sie sagte, es wäre „insgesamt furchtbar“ gewesen. Auf ihren Tagesausflügen wollten ihr die Deutschen nie helfen, es waren immer Ausländer, die freundlich zu ihr waren. Das hat mich stutzig gemacht. Eigentlich hatte ich unser Land nie als unfreundlich gesehen. Andererseits war ich auch während der ersten 20 Jahre meines Lebens nirgendwo anders gewesen.

Ein drittes Beispiel:

Als ich nach meinem ersten Studienjahr in den USA für ein paar Monate nach Deutschland zurückkehrte, begann ich ein Praktikum in einem Krankenhaus. An meinem ersten Tag war ich sehr bemüht, freundlich das Personal kennenzulernen. An meinem zweiten Tag war ich kaum im Schwesternzimmer angekommen, als mir von einer der Schwestern folgende Sätze entgegenschallten: „Und Sie! Sie sind ein Schwätzer! So etwas wollen wir hier nicht! Unverschämt, sich nicht einmal vorzustellen! Kein Wort mehr von Ihnen!“ Ich staunte nicht schlecht und sah es als das Beste an, mich anzupassen. Generell wurde ich während meiner ersten paar Wochen zurück in Deutschland andauernd seltsam angeschaut – egal, ob ich die Kassiererin fragte, ob sie einen schönen Tag hatte oder einem Kind im Geschäft zuwinkte.

Wir müssen alle zusammen halten und aufeinander achten.

Ich bin stolz auf mein Land und finde, dass hier einige der nettesten Menschen der Welt leben, aber gemäß einer Studie des Münchner Unternehmens InterNations (huffingtonpost, 2016) ist Deutschland unter den unfreundlichsten Ländern der Welt. Die Schweiz hat übrigens vergleichbar schlecht abgeschnitten. Egal, ob wir wirklich zu den unfreundlichsten Ländern der Welt gehören, wir einfach ein missverstandenes Volk sind oder meine Erfahrungsberichte einer schlechten Stichprobenentnahme entsprechen: Wir können das besser! Und ich weiß, dass wir es besser können.

Freundlichkeit macht einen Unterschied

Erstes Beispiel:

Als ich meine Frau zum ersten Mal nach Deutschland mitnahm, saßen wir mit viel Gepäck im Zug nach Mannheim, als uns ein jüngerer Mann ansprach: „Ihr beide habt so viel Gepäck dabei! Ich werde euch helfen, es aus dem Zug zu tragen, wenn es soweit ist. Also macht euch darum keinen Kopf.“ Nicht nur zauberte mir der nette Mann nach einem langen Flug ein Lächeln auf mein Gesicht, sondern er hinterließ mich vollkommen und völlig verblüfft. Was für ein guter Mensch das sein musste, der so viel Einfühlungsvermögen für einen Wildfremden aufbringen konnte! Seine Freundlichkeit bereitete mir einen schönen Tag, auch wenn ich das Gepäck wohl noch selbst aus dem Zug hätte schaffen können.

Zweites Beispiel:

Vor einiger Zeit arbeitete ich in Heidelberg und war auf einer Testfahrt mit einem Kunden unterwegs. Der Kunde war mir schon zuvor als äußerst freundlich aufgefallen, aber als wir durch Neuenheim fuhren, hielt er plötzlich an und sagte zu mir: „Heute ist so ein schöner Tag und Sie müssen hier mit mir im Auto sitzen. Klar, Sie werden dafür bezahlt, aber ich möchte, dass sie heute einen besonders schönen Arbeitstag haben. Ich lade Sie auf ein Stück Kuchen ein. Ich bestehe darauf.“ Da er darauf beharrte, nahm ich die Einladung an. Ich gebe zu, dass mein Widerstand, ob des verführerisch lächelnden Käsekuchenstücks im Schaufenster des Cafés, relativ gering ausfiel. Es war ein wirklich schöner Tag! Ja, so lange ich lebe, werde ich mich an diesen Mann erinnern! Ein persönliches Denkmal für 3,75 €.

Ein persönliches Denkmal für 3,75 Euro.

Um das dritte Beispiel bitte ich Sie/Euch! Berichtet uns von einer Nettigkeit, die jemand Euch erwiesen hat oder die Ihr vielleicht beobachtet habt. Schreibt einfach in die Kommentare unter diesem Artikel. Entweder hier oder auf facebook.

Wir können einen Unterschied machen

Wenn wir uns zusammenraffen und uns heute anstrengen, freundlich und zuvorkommend zu sein, wird das Leben für uns alle schöner – nicht nur für unsere Gäste und Großeltern. Heute kann für uns alle ein wunderschöner Tag werden. Einige von uns werden heute oder morgen vielleicht die Gelegenheit haben, einer alten Frau aus dem Bus zu helfen. Das mag nach keiner weltbewegenden Tat klingen, aber unsere Reaktion kann für die gute Frau einen weltbewegenden Unterschied machen.

Wenn wir uns in einer Situation unsicher sind, ob es überhaupt angebracht ist, freundlich zu sein, können wir uns nach der goldenen Regel im Matthäus-Brief fragen, ob wir uns selbst darüber freuen würden, wenn uns jemand das Gleiche tun würde.

„Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!“ – Matthäus 7:12

Wir haben jeden Tag die Chance, einem wildfremden Menschen eine lebenslange, schöne Erinnerung zu schenken – so wie der nette Mann in Heidelberg es für mich tat.

Hier könnt Ihr über einen jungen Studenten lesen, der eine Kampagne gestartet hat, um die Menschen in seiner Stadt ans Freundlichsein zu erinnern.


Dieser Artikel wurde von Johannes Zimmermann verfasst und auf wirsindmormonen.de am 08. April 2017 veröffentlicht.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) lernen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org.