Wenn wir von Menschen sprechen, die christusähnliche Eigenschaften haben, dann denken wir häufig an Bruder Müller, dem es immer gelingt, zu allen nett und freundlich zu sein, oder auch an Schwester Schmidt, von der man jedes Mal, wenn man ihr begegnet, ein charmantes Kompliment bekommt. Manchmal sind wir vielleicht versucht auch Bruder Schneider zu nennen, der ein so gutes Herz hat, dass er einfach nicht Nein sagen kann. Auch Schwester Weber ist so ein Fall, denn kein JM-Erkundungstrupp hat je das Ende ihrer Toleranz entdeckt.

Vor Kurzem las ich im Neuen Testament einige Begebenheiten, die mich stutzig machten und mein Verständnis von Nächstenliebe und christusähnlichen Eigenschaften etwas auf den Kopf stellten.

Nach dem feierlichen Einzug in Jerusalem und dem Besuch des Tempels verließ Jesus die Stadt spät am Abend zusammen mit seinen Jüngern, in Richtung Betanien.

Am nächsten Tag geschah dies:

12 Als sie am nächsten Tag Betanien verließen, hatte [Jesus] Hunger. 13 Da sah er von weitem einen Feigenbaum mit Blättern und ging hin, um nach Früchten zu suchen. Aber er fand an dem Baum nichts als Blätter; denn es war nicht die Zeit der Feigenernte. 14 Da sagte er zu ihm: In Ewigkeit soll niemand mehr eine Frucht von dir essen. Und seine Jünger hörten es.

Bedeutet Nächstenliebe zu haben immer nett zu sein?

War Jesus etwa mürrisch, weil er schlecht gefrühstückt hatte? Auch wenn das vielleicht aus unserer Sicht gut nachvollziehbar gewesen wäre, muss er einen anderen Grund gehabt haben, den Baum zu verfluchen. Zwar tauschten schon andere biblische Charaktere ihren religiösen Status für Erbsensuppen ein, aber für den vollkommenen Erretter der Welt stand schon ein bisschen mehr auf dem Spiel. Wir lesen mal weiter:

15 Dann kamen sie nach Jerusalem. Jesus ging in den Tempel und begann, die Händler und Käufer aus dem Tempel hinauszutreiben; er stieß die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler um 16 und ließ nicht zu, dass jemand irgendetwas durch den Tempelbezirk trug. 17 Er belehrte sie und sagte: Heißt es nicht in der Schrift: Mein Haus soll ein Haus des Gebetes für alle Völker sein? Ihr aber habt daraus eine Räuberhöhle gemacht.

Guter Stimmung war er an dem Tag wirklich nicht. Hat der Feigenbaum vielleicht doch etwas mit dem Verhalten Jesu am Tempel zu tun?

Die Begebenheit muss etwa im März vor dem Paschafest stattgefunden haben, also etwa 6 Wochen vor der Feigenernte. Normalerweise haben Feigenbäume, die Früchte tragen, zu dieser Zeit schon kleine Knospen, die essbar sind. Je schöner und üppiger die Baumkrone, desto besser die Aussicht auf eine reiche Ernte. Jesus sah den schönen Feigenbaum schon aus der Ferne, aber als er ihn näher untersuchte, fand er keine Knospen.

Das einschneidende Erlebnis Jesu am Tempel in Jerusalem.

Am Tag zuvor waren Jesus und die Jünger im Tempel gewesen. Der Feigenbaum ist ein Gleichnis für das Volk Israel. Durch den prächtigen Tempel erschienen sie nach außen hin wie ein gottesfürchtiges Volk mit vielen guten Werken, so wie der Feigenbaum sich präsentierte, als trüge er viel Frucht. In Wahrheit aber hatten sich die Juden weit von Gott entfernt und wahrten nur den Schein der Frömmigkeit.

Als die Apostel Jerusalem an diesem Tag verließen, kamen sie an dem Feigenbaum vorbei.

21 Da erinnerte sich Petrus und sagte zu Jesus: Rabbi, sieh doch, der Feigenbaum, den du verflucht hast, ist verdorrt.

Selbst eine vollkommene Person wie Jesus Christus kann in Sprache und Tat deutlich und zurechtweisend sein und klare Grenzen aufzeigen. So weist er z.B. die Pharisäer mit den Worten „Ihr Heuchler! Ihr blinden Narren!“ oder „Ihr Nattern, ihr Schlangenbrut!“ zurecht. Wenn es die Situation erforderte, war Jesus Christus ein Turm in der Schlacht, ein Fels in der Brandung.

Jesus Christus ist nicht bereit, seine hohen Erwartungen an uns herunterzusetzen. Christusähnliche Nächstenliebe zu haben bedeutet also nicht, sich permanent überrennen zu lassen oder zu jeder Zeit Komplimente zu verteilen. Wir sind aufgefordert, der Unmoral deutlich die Unterstützung zu verweigern und FÜR das Gute einzustehen. Für etwas einzustehen ist eine aktive Angelegenheit, die eine starke Überzeugung und großen Mut erfordert. Schon vor alters waren diejenigen, die sich den Trends der Welt entgegen wandten nicht gerade populär.

Noah steht für das Wort Gottes ein.

Johannes spricht:

10 Wenn jemand zu euch kommt und nicht diese Lehre mitbringt, dann nehmt ihn nicht in euer Haus auf, sondern verweigert ihm den Gruß. 11 Denn wer ihm den Gruß bietet, macht sich mitschuldig an seinen bösen Taten.

Wenn wir uns angewöhnen „Ja und Amen“ zu allen Launen der Welt zu sagen, dann leidet das Reich Gottes darunter und die Worte Jesajas sind auch an uns adressiert:

20 Weh denen, die das Böse gut und das Gute böse nennen, /die die Finsternis zum Licht und das Licht zur Finsternis machen, / die das Bittere süß und das Süße bitter machen. […]Wie des Feuers Zunge die Stoppeln frisst /und wie das Heu in der Flamme zusammensinkt, so soll ihre Wurzel verfaulen / und ihre Blüte wie Staub aufgewirbelt werden. Denn sie haben die Weisung des Herrn der Heere von sich gewiesen / und über das Wort des Heiligen Israels gelästert.

Nächstenliebe bedeutet nicht, jedem alles durchgehen zu lassen und unser Gefühl für richtig und falsch zu ignorieren. Jesus Christus setzte Nächstenliebe nicht mit Toleranz gleich. Sein Interesse galt der Wahrheit, nicht dem, was der Einzelne wollte, sondern dem, was am besten für ihn war. Als der reiche Jüngling, der alle Gebote von Jugend an befolgt hat, zu Christus kam und sein Jünger werden wollte, geschah dies:

Trotz aller Nächstenliebe: wenn wir die Bedingungen des Herrn nicht erfüllen, dann hat er keinen Platz für uns.

21 Da sah ihn Jesus an, und weil er ihn liebte, sagte er: Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach! 22 Der Mann aber war betrübt, als er das hörte, und ging traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen. 23 Da sah Jesus seine Jünger an und sagte zu ihnen: Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen! 24 Die Jünger waren über seine Worte bestürzt. Jesus aber sagte noch einmal zu ihnen: Meine Kinder, wie schwer ist es, in das Reich Gottes zu kommen! 25 Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. 26 Sie aber erschraken noch mehr und sagten zueinander: Wer kann dann noch gerettet werden?

Wahre Liebe für unsere Mitmenschen hat nichts damit zu tun, ihnen das zu sagen, was sie hören wollen. Durch den Heiligen Geist können wir wissen, welche unserer Brüder und Schwestern heute wirklich ein Kompliment brauchen. Machen wir keine Komplimente, nur um unsere eigene Beliebtheit zu steigern. Und lassen wir nicht jedem alles durchgehen, nur um niemandem auf den Fuß zu treten. Was passiert mit uns, wenn diejenigen, die das Licht haben, es unter den Scheffel stellen, wenn es darauf ankommt?

Der Herr sagte: „Wenn ein Blinder einen Blinden führt, werden beide in eine Grube fallen.“


Dieser Artikel wurde von Johannes Zimmermann verfasst und auf wirsindmormonen.de am 15. Dezember 2016 veröffentlicht.

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