Hast du dir schon einmal gewünscht, dass deine Schwester doch endlich auf deinen Rat hören würde, weil du weißt, was das Beste für sie ist? Wünschst du dir manchmal, dass dein Mann genau das tut, was du dir wünschst, dass er sowieso tun sollte? Versuchst du aktiv, Leute dazu zu bringen, genau das zu tun, was du möchtest – und diese Kontrolle ist natürlich nur eine gute Absicht?

Ich hatte einmal ein interessantes Gespräch mit einer frisch verheirateten Ehefrau. Sie war eine fröhliche Frau, die immer lächelte und immer lachte. Ich fragte sie, ob sie immer so glücklich sei. Ihre Antwort überraschte mich. Sie sagte: „Nicht wenn mein Mann und ich alleine sind. Es ist schwierig, so glücklich zu sein, wo es doch so vieles gibt, an dem er arbeiten muss.” Sie erklärte dann weiter, dass sie die ganze Zeit damit zu tun hatte, ihm zu sagen, was er ändern sollte: Gewohnheiten, Verhaltensweisen, sogar die Art und Weise, wie er seine Liebe zu ihr zum Ausdruck brachte. Sie sah sich selbst als gute Ehefrau und sie wollte, dass er ein guter Ehemann sei. Sie „half” ihm – immer und immer wieder. Sie wollte aus ihm einen besseren Ehemann machen, und das war anstrengend.

Ich schlug ihr vor, ihm ein bisschen mehr Spielraum zu geben und sich eine Zeit lang vielleicht ein bisschen mehr auf ihre eigenen Entscheidungen zu konzentrieren. In ihren Augen war das aber einfach nicht genug. Sie musste ihn dazu bringen, sich zu verändern. Wenn sie ihn nicht ändern würde, würde er einfach auf dem gleichen Pfad bleiben und sich niemals verbessern. Und dann wäre sie nie glücklich.

Ich sagte dann: „Männer sind wie Pferde.”

Gib deinem Mann eine Ruhepause!

Sie sah mich verwirrt an.

„Wenn man ein Pferd reitet und ihm keine Pause gönnt, rennt es weiter, bis es stirbt. Du musst dem Pferd eine Pause gönnen.”

Sie verstand es immer noch nicht.

Also erklärte ich weiter. „Wenn du deinen Mann unablässig mit Kritik, Geschimpfe und Enttäuschung bombardierst, tötest du ihn und deine Beziehung. Du kannst ihn nicht dazu zwingen, so zu sein, wie du ihn haben willst. So wie ein Pferd Zeit braucht, um sich auszuruhen und zu erholen, braucht auch dein Mann ab und zu eine Pause von Kritik und deiner „Hilfe”. Er benötigt Zeit und den Raum, zu lernen und sich zu entwickeln. Du musst ihm eine Pause gönnen.”

Sie war skeptisch. „Aber was, wenn er sich nicht ändert?”

„Was, wenn du dich nicht änderst?”

„Oh.”

Die Vorstellung, dass wir die Menschen um uns herum nicht kontrollieren können, kann schwer zu verstehen sein. Damit hatte diese junge Ehefrau zu kämpfen, und es war auch etwas gewesen, was ich als Jungverheiratete erst lernen musste. Meine Geschichte sah ähnlich wie ihre aus, bis auch mir eine weise Person den Rat gab, den ich ihr gab. Anfangs dachte ich: „Auf gar keinen Fall. Wenn ich das tue, werde ich eine noch bessere Ehefrau und er verbessert sich überhaupt nicht. Das ist ungerecht.” Aber ich nahm ihren Rat an. Ich gönnte ihm eine Pause und begann, mich mehr auf mich selbst zu konzentrieren.

Anfangs war das, was ich erkannte, überraschend und ein bisschen deprimierend. Als ich damit aufhörte, mich vor allem auf ihn zu konzentrieren, und begann, an mir selbst zu arbeiten, stellte ich fest, dass ich keine so gute Ehefrau und kein so guter Mensch war, wie ich gedacht hatte. Ich merkte, dass ich kritisch war, unbeherrscht, lange brauchte, um zu vergeben und mir schnell selbst leidtat. Mir wurde bewusst, an wie vielem ich arbeiten musste. Überhaupt nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte.

Das Sühnopfer kann uns heilen.

Ich begann damit, meine Aufmerksamkeit mehr auf die Dinge zu richten, über die ich die Kontrolle hatte: mich dafür zu entscheiden, ihn so zu lieben wie er war; wie ich meine Liebe für ihn zeigte; meine Reaktionen, Einstellung, meine Antworten. Ich versuchte so zu sein, wie der Vater im Himmel wollte, dass ich wäre. Als ich mich darauf konzentrierte, mich selbst zu ändern, geschah etwas Lustiges: Ich fing an, mich zu verändern … und das tat auch mein Mann.

Es ist schwierig zu sagen, ob seine Veränderungen damit zu tun hatten, dass ich ihm mehr Raum gab, um zu wachsen, statt ihm immer zu „helfen”. Vielleicht, und wahrscheinlich realistischer, ist der Grund, dass es sich veränderte, dass meine Fähigkeit zu lieben größer wurde, als ich selbst Fortschritt machte; es gelang mir, ihn so zu sehen, wie er war und nicht mehr so, wie ich ihn haben wollte. Ich hatte nicht mehr das Bedürfnis, dass er auf eine bestimmte Art und Weise handeln musste, mir auf bestimmte Art und Weise sagen musste, dass er mich liebt, oder die Küche auf bestimmte  Art und Weise putzen musste. Ich hatte nicht mehr das Gefühl, dass ich ihn dazu zwingen musste so zu sein, wie ich ihn haben wollte, weil ich erkannte, dass er schon derjenige war, den ich wollte – mit all seinen Unvollkommenheiten.

Der Herr erklärt mit Nachdruck, dass „wenn wir auch nur mit dem geringsten Maß von Unrecht irgendwelche Gewalt oder Herrschaft oder Nötigung auf die Seele der Menschenkinder ausüben wollen”, sich die Himmel zurückziehen und der Geist des Herrn betrübt ist (LuB 121:37).

Luzifers unredlicher Wunsch, „die Selbständigkeit des Menschen zu vernichten” und uns zu nötigen, immer das Rechte zu wählen, führte dazu, dass er nicht als Erlöser in Frage kam (Mose 4:3). Zwang ist also nichts Gutes.

Unser individuelles Recht, Entscheidungen zu treffen, ist ein wesentlicher Aspekt des Planes des Vaters. Nur indem wir uns dafür entscheiden, wie er zu sein, können wir so werden wie er. Persönliches Wachstum, Veränderung und eine Herzenswandlung können nie erzwungen sein. Man muss sie selbst wählen. Dies gilt für uns UND die Menschen um uns herum.

Vielleicht kommt die Frage auf, ob Nötigung und Zwang oder Kontrolle das Gleiche sind.

Erinnert euch an die Zoramiten im Buch Mormon, die durch ihre Umstände „gezwungen [waren], demütig zu sein” (Alma 32:13). Sie wurden zu diesem armseligen Lebensstil durch den Stolz und die Gier ihrer Brüder gezwungen. Zu diesem Zeitpunkt hatten sie kaum bzw. gar keine Kontrolle über ihre Lebensumstände, aber sie hatten die volle Kontrolle über ihre Reaktion darauf. Die Umstände hatten einen Einfluss auf sie: dass sie demütig waren und dann Glauben entwickelten – sie wurden nicht dazu gezwungen. Ihre innere Einstellung war es, nicht die äußeren Umstände, die Alma freute (Alma 32:6), denn er wusste, dass sie bereit waren, das Wort Gottes zu vernehmen.

Alma lehrte, dass wir „demütig und fügsam und sanft” sein sollten, „leicht zu bewegen; voller Geduld und Langmut” (Alma 7:23). Hört sich das eher wie Kontrolle an, oder ein Same rechtschaffenen Einflusses? Konzentrieren wir uns auf das, was wir kontrollieren können – uns selbst – sehen andere vielleicht den Wandel in uns und möchten sich auch selbst verändern. Dadurch wird es vielleicht einfacher, sie zu lieben – das Gleiche gilt auch für uns.

Eine gute Ehe braucht lange um zu wachsen.

Wenn wir eines Tages vor unserem Erretter stehen, um gerichtet zu werden, stehen wir nicht neben jemand anderem, nicht neben unserem Ehepartner, unseren Eltern oder Freunden. Und er möchte wissen, wie es uns ergangen ist, zu wem wir geworden sind und inwiefern wir versucht haben, ihm nachzueifern. Wir können dann nicht sagen: „Nun, ich habe ja versucht an mir zu arbeiten, aber bei Harvey gab es so vieles, was er tun musste. Ich hatte so viel damit zu tun, ihm zu helfen, dass ich gar keine Zeit hatte, an mir selbst zu arbeiten.” Wir werden eines Tages für uns selbst zur Verantwortung gezogen werden, nicht für irgendjemand anderen. Das bedeutet aber auch, dass wir niemand anderem die Schuld geben können.

Es ist irgendwie beängstigend, statt uns auf andere zu konzentrieren mehr auf uns selbst zu schauen und dieses falsche Gefühl von Kontrolle aufzugeben. Aber dadurch verändern wir uns und wachsen. Wir werden auch andere anspornen und dazu beeinflussen, dass sie sich ändern und wachsen.  


Die Autorin Michelle Wilson, hat das BuchThe Beautiful Balance: Claiming Personal Control and Giving the Rest to God” geschrieben.

Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt und wurde ursprünglich am 27.1.2017  auf ldsliving.com unter dem Titel „The Advice I Gave a Newlywed Who Wanted to “Help” Her Husband Improve veröffentlicht. Die Autorin ist Michelle Wilson. Übersetzt von Kristina Vogt.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) lernen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org.

German ©2017LDS Living, A Division of Deseret Book Company | English ©2017 LDS Living, A Division of Deseret Book Company