„Heute Abend machen wir, was du möchtest. Was willst du gerne tun?” fragte meine Freundin ihren Enkel Derrick. Und dieser antwortete „Ich will fernsehen oder ins Kino.” Die Kinder heutzutage sind wie viele Erwachsene. Sie werden zu Beobachtern statt zu Machern, zu Konsumenten statt Schöpfern, zu Beobachtern statt aktiven Teilnehmern. Verschiedene Studien haben ergeben, dass Kinder im Vorschulalter etwa ein Drittel ihres Tages vor dem Fernseher verbringen. Hier ein paar Dinge, die wir uns bewusst machen sollten.

Kinder tun nichts, wenn sie nur zusehen

Der Kinderarzt John Rosemond (Meeting the Challenge, Jim Fay, Goster W. Cline, M.D., Bob Sornson) schreibt über die Dinge, die ein Kind NICHT tut, während es vor dem Fernseher sitzt:

– untersuchen

– grob- oder feinmotorische Fähigkeiten trainieren

– Auge-Hand-Koordination üben

– mehr als zwei Sinne involvieren

– Fragen stellen

– erforschen

– Willenskraft oder Motivation zeigen

– herausgefordert werden

– Probleme lösen

– analytisch denken

– Phantasie haben

– Kommunikationsfähigkeiten üben

– kreativ oder konstruktiv sein

Kind schaukelt

Unsere Drei- und Vierjährigen verbringen die wichtige Zeit, in der sich das Gehirn entwickelt und darauf vorbereitet wird, Aufgaben zu erledigen, vor dem Bildschirm. In den 1950er Jahren charakterisierte Erik H. Erikson (Childhood and Society) das Kind dieses Alters als jemand, der die Initiative ergreift und emsig ist.

Und das ist das Grundproblem – statt die Initiative zu ergreifen und emsig zu sein, werden die Kinder heutzutage dazu ermutigt zu beobachten statt zu tun. „Tatsächlich ist es so, dass die meisten Spielsachen für jüngere Kinder genau diese Fernseh- und Videospiel-Generation widerspiegeln, indem sie ausgerichtet sind auf sensorischen Input und elementare motorische Fähigkeiten, aber kaum auf Kreativität, Konzentrationsfähigkeit, Erledigung oder Bewältigung einer Aufgabe. Und selbst wenn Spielsachen, die diese Fähigkeiten fördern, angeboten werden, verkaufen sie sich nur schlecht. Am besten verkaufen sich Filme und Videospiele.” (Meeting the Challenge, p. 62).

Was sich verändert hat – und was nicht

Haben sich die Grundbedürfnisse der Kinder verändert? Hat sich der Wunsch der Eltern nach der vollständigen Entwicklung des Kindes geändert? Nicht im Geringsten. Eltern und Großeltern tappen aber genauso leicht in die Beobachten-Statt-Tun-Falle wie die Kinder. Wenn Eltern heutzutage etwas mit Kleinkindern „tun”, hat das oft überhaupt nichts mit „tun” zu tun. Oft schlagen Eltern vor, zusammen fernzusehen, sich ein Spiel anzusehen, in den Zoo zu gehen und sich die Tiere anzuschauen. Nur selten setzen sie sich zusammen hin und schaffen etwas mit ihren Kleinkindern. Statt zu singen, sehen sie anderen beim Singen zu; statt sich Geschichten auszudenken, schauen bzw. hören sie sich Geschichten anderer an; statt sich damit zu beschäftigen, wie man etwas tut und eine neue Fähigkeit entwickelt, schauen sie jemand anderem zu, wie er etwas vorführt. Eltern haben nur relativ wenig Zeit dafür, zu lehren, zu trainieren und die Entwicklung des Verstandes und des Herzens des Kindes zu fördern. Und trotzdem wird diese wenige Zeit nicht dazu genutzt, gemeinsam an etwas zu arbeiten.

Haben wir vergessen?

Kinder weg vom Bildschirm!

In unserer „Beobachter”-Gesellschaft scheinen wir vergessen zu haben, was Kinder alles getan haben, bevor es Computer oder Fernseher, Sportvereine und die anderen Unterhaltungsangebote gab. Vielleicht sollten wir daran erinnert werden, was unsere Kinder und Enkelkinder tun können. Als ich klein war, war eine meiner Lieblingsbeschäftigungen, Anziehpuppen aus Papier auszuschneiden und Kleider für sie zu machen. Wir bastelten unsere eigenen Puppen aus Maisblättern und anderen Dingen, die wir in der Natur fanden, „backten” Sandkuchen, spielten Einkaufsladen mit leeren Dosen und Spielgeld. Wir nähten Knöpfe in einem Muster unserer Wahl auf Stofffetzen und fertigten eigene Puppenkleider. Wir kletterten auf Bäume, versteckten uns in Baumhäusern und dachten uns unsere eigenen Spiele – für drinnen und draußen – aus. Ich hatte großen Spaß daran, mir Geschichten auszudenken und untermalte sie mit meinen eigenen „Soundeffekten” – Donner, Schritte oder tanzende Elfen – die ich auf dem Klavier spielte. Als ich anfing, in die Schule zu gehen, las ich gerne, malte Bilder an und tanzte mit einem Tuch zu Musik von unserem Plattenspieler.

Vorschläge, was man tun kann

Als meine Kinder noch klein waren, machte ich eine Liste mit Ideen:

– Bilder aus Katalogen und Zeitschriften ausschneiden und eine Collage erstellen, ein Lieblings-Sachen-Buch, ein ABC-Buch (findet etwas zu jedem Buchstaben des Alphabets)

– Malt Bilder, benutzt Malbücher, macht Figuren/ Skulpturen aus Ton oder Knet.

– Baut etwas aus Bauklötzen, Legos, …

– Stellt ein Kostüm zusammen und seid ein Arzt, Zahnarzt, Cowboy, Friseur, Tänzer, ein erfolgreicher Sportler oder ein Superheld.

Mädchen sammelt Blumen

– Schlaft in Schlafsäcken, draußen im Garten oder dem Balkon, baut ein Zelt auf oder schlaft im Wohnzimmer in einer „Höhle”. Im Winter könnt ihr einfach ein Picknick mit einer Decke im Wohnzimmer veranstalten.

– Macht ein Puzzle oder entwerft euer eigenes, indem ihr ein Bild/ Foto auf Karton klebt und in Teile nach eurem eigenen Design schneidet.

– Führt ein Experiment durch – Bücher für einfache und lehrreiche Experimente bekommt ihr sogar aus der Bücherei. Experimentieren macht riesigen Spaß!

– Lest eine Geschichte oder bittet jemanden, euch eine Geschichte vorzulesen.

– Sucht euch ein einfaches Rezept aus und überrascht Familie/ Freunde mit etwas Süßem.

– Plant einen Unterricht für den Familienheimabend bzw. bereitet euren Beitrag für den Heimabend vor.

– Lernt den Umgang mit der Nähmaschine.

– Haltet eure schönsten Erinnerungen in eurem Tagebuch fest.

– Schreibt euren Großeltern einen Brief oder eine Dankeskarte (oder eine E-Mail).

– Lernt ein Musikinstrument oder singen; lernt, wie man dirigiert.

– Lernt mit Hilfe von Karteikarten, wie man schwere Wörter schreibt, das kleine Einmaleins, …

– Spielt mit Karten oder macht ein Brettspiel. Spielt Buchstabenspiele. Spielt ein Spiel, bei dem ihr Farben, das ABC, Zahlen, Formen und Größen, Berufe, … lernt.

– Bringt einem Nachbarn eine nette Kleinigkeit oder besucht jemanden, der einsam ist.

– Sucht euch ein neues künstlerisches „Hobby” und lernt eine neue Fertigkeit.

– Schreibt eine eigene Geschichte/ ein Gedicht (bei jüngeren Kindern: lasst das Kind diktieren und Vater/ Mutter schreibt).

Der Wert, selbst etwas zu tun

Kinder spielen Fußball

Zusätzlich zu spielerischem „Tun” müssen die Kinder auch in „Arbeit” involviert sein. Mutter und Vater im Haushalt zu helfen legt die Grundlage für das Leben als Erwachsener. Kompetenz ist ein so wichtiger Teil des kindlichen Selbstverständnisses. Jedes Mal, wenn ein Kind etwas lernt, das ihm später im Leben hilft, legt es einen Stein für eine solide Lebensgrundlage.

Einer der Gründe, weshalb Kinder so wenig „tun” ist, dass die meisten Kinder heutzutage in Städten leben. Ich bin so alt, dass die Kinder zu meiner Zeit bei den Aufgaben auf dem Hof aushelfen mussten – Eier einsammeln, melken usw. Ich half bei der Gartenarbeit, beim Nähen, Flicken, Bügeln, Kochen und Eindosen. In Familien, in denen es keine Tiere gibt, um die man sich kümmern muss, keinen Garten, in dem man arbeiten muss, nichts, was man selbst herstellt, gibt es deutlich weniger Aufgaben, bei denen Kinder das Arbeiten – und das Tun – lernen. Wir können uns kaum vorstellen, Tage mit Handarbeiten zu verbringen, wo wir doch für wenige Euro genau die Dinge kaufen können, die wir sonst herstellen würden. Kaum einer näht seine eigenen Kleider, wenn wir im Schlussverkauf alles bekommen. Die meisten Menschen bügeln ihre Kleidung nicht und statt etwas zu flicken, wird es weggeworfen. Wir müssen kein Gemüse anbauen, Unkraut jäten, regelmäßig gießen, selbst ernten, Erbsen schälen. Der Mais kommt in Dosen, nur selten als Kolben – und niemand muss mehr Salat waschen, um kein Ungeziefer mitzuessen. Es ist einfach, sein Abendessen aus der Tiefkühltruhe in die Mikrowelle zu stellen oder eine ofenfertige Pizza zu backen.

Ich sage nicht, dass ich die „gute, alte Zeit” wieder haben möchte, in der man seine Zeit vor allem damit zubrachte, seine Aufgaben zu erledigen, um zu überleben. Vor kurzem beschäftigte ich mich mit dem Leben von Abigail Adams, der Frau des US-Präsidenten John Adams. Wir müssen nicht nostalgisch werden, wenn wir an die schwere körperliche Arbeit denken, die um 5 Uhr morgens begann und bis 10 Uhr abends dauerte. Aber auch im 21. Jahrhundert muss viel getan werden, um alles am Laufen zu halten – und Kinder können von klein auf dabei mitmachen. Wir tun Kindern keinen Gefallen, wenn wir für sie die Putzfrau, den Koch oder Sklaven spielen und sie um das wichtige Üben für das Leben bringen.

Und zu üben bedeutet mehr als ihnen nur zu sagen: „Geh und räume dein Zimmer auf.” Manche Erziehungsexperten schlagen vor, dass wir Kontrolllisten aufhängen, um klarzustellen, was „sauber” bedeutet, und nicht davon auszugehen, dass ein Kind weiß, wie es eine Arbeit erledigen sollte, außer wir haben es ihm gezeigt und jeden Schritt erklärt. Eine solche Kontrollliste könnte bspw. folgendermaßen aussehen:

– Mache dein Bett. Wechsle wenn nötig die Bettwäsche.

– Hebe die Dinge, die unter dem Bett liegen, auf und räume sie auf.

– Hebe alles vom Fußboden auf, was dort nicht hingehört, und lege die Dinge dorthin, wo sie hingehören.

– Staubsaugen und Staub wischen

– Sorge in den Schränken und Schubladen dafür, dass alles ordentlich aussieht. Wirf die Dinge weg, die du nicht nutzt.

– Putze die Fenster und Lichtschalter.

– Wische über Möbel und Oberflächen usw.

Junge springt in einer Pfütze

Was von all dem möchtest du getan haben, wenn du sagst: „Räume dein Zimmer auf”? Ein paar der genannten Aufgaben müssen natürlich nur alle paar Wochen, andere täglich getan werden. Ein Kind muss wissen, dass „das Zimmer aufräumen” nicht nur bedeutet, ein paar Dinge, die auf dem Boden liegen, fortzuräumen. Und ihnen muss klar sein, was von ihnen verlangt wird. Das gleiche Prinzip lässt sich auf alle Bereiche im Alltag anwenden. Jeder der Stichpunkte beinhaltet, etwas zu „tun”. Und jeder Punkt hilft dabei, Fähigkeiten zu erlernen, die das Kind im täglichen Leben braucht, um es kompetenter zu machen und ihm das Leben auf lange Sicht zu erleichtern.

Das Leben in vollen Zügen genießen bedeutet, etwas zu tun

Denken wir daran, dass das Leben nicht ein Zuschauersport ist. Wir wurden nicht dazu geboren, anderen Menschen bei ihren Abenteuern zuzusehen. Wir wurden dazu geboren, der Held in unserer eigenen Geschichte zu sein. Wir wurden dazu geboren, etwas zu „tun”, nicht zu beobachten. Und natürlich kann man beim Zuschauen Vieles lernen, aber was nutzt dieses Wissen, wenn man es im eigenen Leben gar nicht anwendet, indem man etwas „tut”?

Es ist so einfach für Eltern und Großeltern, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen; es ist so einfach, sich nie wirklich mit seinen Kindern zu beschäftigen und Stunde um Stunde mit einem faszinierenden Fernsehprogramm zuzubringen. Manchmal lässt sich das wildeste Kind so beruhigen und scheint fast hypnotisiert von den bunten Farben und schnell wechselnden Bildern. Natürlich finde auch ich Bildungsfernsehen toll und weiß, dass meine Enkel davon profitieren. Aber ich bin dankbar dafür, dass sie auch dazu ermutigt wurden, Dinge zu unternehmen.

Es gibt viele Museen, bei denen die Kinder nicht nur betrachten und beobachten, sondern auch mitmachen können. Wanderungen, für die man verschiedene Aktivitäten plant, wären auch ein Beispiel. Schwimmunterricht, Kunstunterricht, Tanzen, Fußball-Trainingslager, Seilklettern uvm. könnte Kinder dazu motivieren, ihre Zeit konstruktiv zu nutzen.

Für uns Erwachsene besteht die Herausforderung darin, unsere Kinder dabei zu unterstützen etwas zu tun, was den genannten Aktivitäten ähnelt.

Kinder spielen im Wasser


Darla Isackson

Darla Isackson sieht das Schreiben als Teil ihrer „himmlischen Mission”. Sie arbeitet bereits seit 40 Jahren als Autorin. Sie diente als Missionarin in der Kalifornien-Mission, wo sie ein Schulungshandbuch für Missionarinnen schrieb. Nach ihrer Mission heiratete sie und machte ihren Abschluss an der Utah State University. Sie hat bereits für die Kirchenmagazine geschrieben, war Koautor eines Buches, Redaktionsleiter des Latter-day- Woman-Magazins, Covenant Communications und Aspen Books. Sie hat fünf Söhne und momentan 17 Enkelkinder. Sie schreibt seit 2001 regelmäßig für Meridian Magazine. 2004 beging ihr ältester Sohn Selbstmord, was Darlas Leben für immer veränderte. Darla lebt mit ihrem Mann Doug in West Jordan, Utah.

Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt. Er wurde ursprünglich am 9.7.18  auf ldsmag.com unter dem Titel „Life Is Not a Spectator Sport: How to Get Your Kids to Get Out and Play” veröffentlicht. Die Autorin ist Darla Isackson. Übersetzt von Kristina Vogt.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) wissen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org.

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