… außer man spricht über jemanden, der keusch leben möchte

Nie werde ich ein Gespräch vergessen, das ich mit einer Freundin kurz vor meiner Hochzeit geführt habe. „Ernsthaft? Ihr hattet noch nie Sex?” fragte sie mich. „Nein, wir warten bis zur Hochzeit”, erzählte ich ihr. „Aber … wie weit seid ihr denn bisher gegangen?” „Wir küssen uns nur.” „Aber … was noch?”

Da ich an der Ostküste aufwuchs, waren die meisten meiner Freunde keine Mitglieder der Kirche. Als ich ihnen also sagte, dass ich mit Sex bis zur Ehe warten würde, waren sie schockiert. Die Fragen dieser Freundin waren nicht böse gemeint, und da wir eng befreundet waren, war sie einfach neugierig. Und um ehrlich zu sein musste ich darüber lachen.

Für sie war es wirklich schwierig zu verstehen, dass mein Verlobter und ich keusch leben wollten und mit Sex bis zur Ehe warteten – auch mit allen Arten sexueller Beziehungen, die über das Küssen hinaus gingen. Diese Freundin unterstützte mich und respektierte meine Entscheidung, aber die meisten gingen nicht so verständnisvoll damit um.

Ich erinnere mich noch lebhaft daran, dass ich prüde genannt wurde und verklemmt; und dass ich wiederholt hörte, dass ich mit einem Mann zusammenleben müsse, bevor ich überhaupt darüber nachdächte ihn zu heiraten.

Echte Toleranz

Im Fernsehen und in Filmen werden Personen, die sich dazu entschließen, mit Sex bis zur Ehe zu warten  – die keusch leben – oft verspottet und als seltsam dargestellt, als tollpatschig, unsoziale Freaks. Diejenigen, die sich für Sex vor der Ehe entscheiden, sind hingegen meist begehrenswert und haben Spaß.

Ich habe immer und immer wieder gehört, dass man andere nicht aufgrund ihrer sexuellen Aktivität verurteilen soll: nicht dafür, wie oft jemand Sex hat, nicht dafür, mit wem usw. Tolerant sein!, hört man überall. Und natürlich ist das wichtig. Es geht nicht, dass man sich über andere lustig macht oder sie herablassend verurteilt.

Aber sich über jemanden, der noch keinen Sex hatte, lustig zu machen, ist völlig in Ordnung?

Keuschheit und keusch leben in den Medien

Zu sehen sind Olivia Newton-John und John Travolta aus dem Film Grease. In vielen Filmen und Serien werden Menschen, die keusch leben möchten, ausgelacht und oft ausgegrenzt.

Hollywood hat es mehrfach mehr als klargestellt: Wenn man die Highschool als Jungfrau verlässt – oder als Teenager seine Jungfräulichkeit nicht verliert – stimmt einfach was nicht mit dir. Du bist seltsam. Und das gilt für Männer und Frauen.

Schaut euch doch einmal die folgenden Beispiele an (und es hätte noch viele weitere gegeben):

Friends

Joey witzelt an einer Stelle beispielsweise darüber, dass weil er kein Langweiler ist, er tatsächlich während seiner Highschool-Zeit bereits Sex hatte. Als er nicht verstehen kann, warum der College-Freund von Chandler und Ross Gandalf genannt wird, führen sie in etwa folgendes Gespräch: 

Chandler: Hast du in der Highschool nicht Herr der Ringe gelesen?

Joey: Nein. Ich hatte damals Sex.

Es wird also angedeutet, dass weil Chandler Herr der Ringe gelesen habe – etwas, von dem Joey nicht viel hält (und das obwohl HdR genial ist) – er ein Streber und seltsam gewesen sein muss, dem es nicht gelang, seine Jungfräulichkeit zu verlieren. (Er wollte nicht bewusst keusch leben, weil er etwa nicht die Richtige gefunden hatte oder Ähnliches.)

Friends impliziert, dass nur echte Verlierer die Highschool jungfräulich abschließen.

Grease

Um genau zu sein ist eigentlich der ganze Film „Grease” in Bezug auf dieses Thema fragwürdig. Was soll der Film eigentlich aussagen? Dass man sich anpassen muss, um mit jemandem, den man mag, zusammen zu sein? Zugegeben, die Musik … großartig. Aber dann schauen wir uns mal das Lied „Sandra Dee” an. Dort wird sie als prüder Snob dargestellt, weil sie keinen Sex hat.

Ein paar Auszüge: „Komm und sieh Miss Sandra Dee, Ausbund purster Prüderie, kein Mann sieht mich nackt vorm Ehekontrakt, ich bin halt Sandra Dee. Lass das, ich bin Doris Day, hab ein gutes Renommee, werd nie verführt …”

Weil Sandy keusch leben und mit Sex warten möchte, scheint es in Ordnung, sich über sie lustig zu machen. 

Glee

In „Glee” heißt eine der Hauptpersonen Finn. Zu Beginn der Serie ist er noch Jungfrau. Weil das so seltsam und unmännlich ist, beschließt er, dass er Sex haben muss. An einer Stelle in der Serie sagt jemand zu ihm (frei übersetzt): „Alles an dir schreit gewissermaßen ,Jungfrau!’ Du bist so sexy wie eine Kohlkopfpuppe. Dich auch nur anzusehen ist anstrengend.”

Weil Finn bisher noch keinen Sex hatte, ist er unerwünscht und man hat keinen Spaß, wenn man mit ihm zusammen ist – oder ihn auch nur ansieht. Autsch.

Hocus Pocus

Der Disneyflm „Hocus Pocus” erweckt auch den Eindruck, dass man sich dafür, dass man Jungfrau ist, schämen müsse. Obwohl Max, die Hauptperson, erst 15 ist, wird über seine Jungfräulichkeit gespottet.

Refinery29 schrieb (auf Englisch) darüber einen Artikel. Dort heißt es: „Max’ Jungfräulichkeit ist oft Thema von Gesprächen – und Spott – im Film. Und Dani [Max Schwester] äußert sich für eine 8-Jährige überraschend lautstark über den Status des Sexlebens ihres Bruders Fremden gegenüber. Als das Trio einem Polizisten begegnet (der, ohne dass sie es wissen, nur eine Zivilperson in einem Halloween-Kostüm ist), verkündet Dani, dass ihr Bruder, die Jungfrau, einen Fluch über die Stadt gebracht hätte. Der Mann fragt Max amüsiert, ob die Behauptung der Jungfräulichkeit wahr sei. Verärgert darüber, diese Behauptung über sein Sexleben wiederholt an jenem Abend bejahen zu müssen, antwortet Max: ,Ich lasse es mir auf die Stirn tätowieren, okay?’  Max’ Jungfräulichkeit wird von einem normalen Teil seines jungen Erwachsenenlebens zu einer Art Pointe. Abhängig davon, wie es im Film verwendet wird, soll es dazu bringen zu denken, dass es geradezu rasend komisch sei, dass ein so starker Junge Jungfrau ist… Was aus Hocus Pocus mitgenommen werden soll ist, dass ein Kerl wie Max zu diesem Zeitpunkt nicht mehr Jungfrau sein sollte. Er sieht zu gut aus und ist zu bezaubernd, um Jungfrau zu sein… Hocus Pocus deutet unterschwellig an, dass die Jungfräulichkeit einer Person – vor allem die eines Jungen – etwas ist, weswegen man sich schämt … Max’ Jungfräulichkeit … wird angesehen, als ob seine sexuelle Kompetenz zu gering war, um sie loszuwerden.”

Diese Beispiele sind nur ein paar wenige, aber sie machen eins deutlich klar: Jungfrauen sind Verlierer. Keusch leben hat keinen guten Ruf.

Die Doppelmoral

Zu sehen ist eine junge Frau, die, mit einer Tasse in den Händen auf einer Fensterbank sitzt und aus dem Fenster schaut.

Ich werde nicht versuchen darauf einzugehen, warum man bis zur Ehe keusch leben sollte. Darum geht es in diesem Artikel auch gar nicht. Hier geht es mir darum zu zeigen, wie verkorkst es ist, dass jemand, der sich entschließt, bis zur Ehe mit Sex zu warten, als ,Gutmensch’, prüde oder als hoffnungsloser, sozial unbeholfener Tollpatsch dargestellt wird.

In unserer Gesellschaft wird immer über Inklusion gesprochen, und doch scheint es offensichtlich in Ordnung zu sein, wenn man bewusst auf jemandem herumhackt. Es heißt immer, wir sollten allen gegenüber nett sein und friedfertig – außer denen gegenüber, die es anscheinend nicht verdienen, weil sie an etwas anderes als andere glauben, vor allem, wenn es etwas Religiöses ist.

Eine völlig unfaire Doppelmoral.

Ich habe gehört, dass es niemanden etwas angeht, mit wem man schläft. Auf der anderen Seite scheint es jeden etwas anzugehen, mit wem man NICHT schläft; weil, wenn du mit niemandem schläfst, etwas mit dir nicht stimmen kann.

Aber stell dir vor: Es ist völlig in Ordnung, Jungfrau zu sein! Wenn du willst, darfst du keusch leben. Mein Mann und ich warteten mit Sex, bis wir verheiratet waren – und darüber bin ich so froh. Ich bin so dankbar dafür, dass wir nie einander mit jemand anderem vergleichen und dass wir diesen besonderen Teil von uns füreinander aufgespart haben. Wenn andere das nicht tun möchten, ist das ihre Entscheidung, und ich werde deswegen niemandem ein schlechtes Gewissen einreden. Aber eines möchte ich klarstellen: Nur weil du dich entscheidest zu warten, macht dich das nicht zu einem Verlierer, Langweiler oder Tollpatsch.

Wir müssen damit aufhören, uns über Jungfrauen – Männer und Frauen, die keusch leben – lustig zu machen. Das ist nicht cool, nicht witzig, nicht schön.

Letzten Endes lässt es sich folgendermaßen zusammenfassen: Ich werde nicht über dich spotten, weil du Sex vor der Ehe hattest, also spotte du auch nicht über mich, weil ich gewartet habe.


Amy Keim ist Site-Managerin und Lektorin für LDSBlogs.com. Sie leistete eine Vollzeitmission für die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in Denver, Colorado, wo sie lernte, Berge zu lieben und Schnee zu verachten. Sie mag leidenschaftlich Erdnussbutter, schlechtes Tanzen und vor allem das Evangelium.

Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt. Er wurde ursprünglich am 1.8.19 auf thirdhour.org unter dem Titel „Shaming People? Not Cool — Unless It Applies to Virgins“ veröffentlicht. Die Autorin ist Amy Keim. Übersetzt von Kristina Vogt.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) wissen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: churchofjesuschrist.org und kirche-jesu-christi.org.

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