Als ich 6 Jahre alt war, stellte ich fest, dass mich die Anzahl von Scheibenwischer-Bewegungen mehr interessierte als ein Gewitter. Mit 7 ging ich davon aus, dass es mehr Keime als Luft gab. Mit 8 konnte ich mich auf nichts Religiöses konzentrieren, weil ich die Anzahl der Vokale in Ansprachen zählte, im Dreier-Rhythmus auf mein Knie klopfte, um ernsthafte Krankheiten oder Katastrophen abzuwehren, die meiner Meinung nach meine Familie auszulöschen drohten, und siebenmal blinzelte (abwechselnd mit dem linken und rechten Auge), wenn ich die Farbe Schwarz sah. Meine Morgenroutine dauerte manchmal zwei Stunden oder noch länger, ich duschte mindestens fünfmal am Tag und wusch meine Hände täglich hundertmal oder öfter. Aber erst Jahre später wurde bei mir eine Zwangsstörung festgestellt.

Die Geschichte von Naaman: Suche nach einem Wunder

Jesus spricht mit einem älteren Herrn, der auf einer Stufe sitzt, während sich weiter unten mehrere Männer im Wasser waschen.

Die Sieben war eine meiner Lieblingszahlen und daher lauschte ich fasziniert, als der Sonntagsschullehrer uns Neunjährigen die Geschichte von Naaman, Feldherr des Königs von Aram, erzählte. Elischa hatte einen Boten gesandt, der Naaman sagte, dass er sich siebenmal im Fluss Jordan waschen solle, um von seinem Aussatz geheilt zu werden. Siebenmal! Darüber konnte ich nur müde lächeln. Wie wunderbar musste es sein, nach siebenmaligem Waschen geheilt zu sein? Wie wäre es mit einer Woche mit täglich 100 Waschungen? Das zog ich ja bereits durch.

Aber am bemerkenswertesten erschien es mir, dass Naaman sich weigerte sich zu waschen, bis seine Diener, seine Freunde, ihn überzeugten, dass es eine einfache Handlung war, zu der er aufgefordert worden war. Vielleicht erwartete Naaman ein spektakuläres Wunder. Vielleicht wusste Naaman nicht, dass seine kleine gehorsame Tat Ströme von Segnungen nach sich ziehen würde. Vielleicht konnte ich ihn verstehen, weil auch ich das Gefühl hatte, dass meine Taten mehr als ein Zahlenspiel zum Ziel haben sollten.

Als ich 12 Jahre alt war, erwischte mich meine Mutter dabei, wie ich Spülmittel auf meine Zunge träufelte in der Annahme, dass ohne Waschung dieser spezifischen Stelle in diesem Augenblick meine ganze Familie sterben würde. Ich wusste, dass sie dachte:

„Was in aller Welt tut er da?”

Und das Seltsame war, dass ich den gleichen Gedanken hatte. Damals wusste ich nicht, dass sie und mein Vater fasteten, beteten, den Tempel besuchten und die Himmel anriefen, damit ihr Kind ein normaleres Leben führen konnte, das in Zwangsstörungen gefangen und erbarmungslos Welle um Welle besessener Gedanken ausgeliefert war.

Ich wünschte mir innigst, dass ich zu einem Fluss gehen und mich sieben Mal waschen könnte, um geheilt zu werden. Aber das hatte der Herr nicht im Sinn. Er hielt eine Antwort für mich bereit, aber es war eine, die ich nicht erwartete.

Die Geschichte, wie Christus den Mann in Kafarnaum heilt: Das Wunder der Unterstützung

Jesus heilt einen Gelähmten in Kafarnaum. Zu sehen sind die Freunde, die den Kranken durch das Dach in das Haus holen. Niemand hat einen besseren Blick auf psychische Krankheiten als Jesus Christus, unser Erlöser, der das Sühnopfer auf sich nahm.

Diese Antwort begann damit, dass ein spektakuläres Wunder erzählt wurde – ich wusste es damals nur nicht. Als ich zwölf war, erzählten meine Eltern die Geschichte des Gelähmten, der durch das Dach in Kafarnaum hinabgelassen wurde. Jesus predigte in einem kleinen Haus und dieser Mann konnte nicht hineingebracht werden. Der schöne Teil dieser Geschichte, der häufig übersehen wird, ist das Engagement der Freunde dieses Mannes. Er konnte sich nicht selbst bewegen oder gar durch die Stadt ziehen um Jesus zu treffen. Also weckten ihn seine Freunde, baten ihn sich bereitzumachen und trugen ihn zu dem Haus in Kafarnaum. Als seine Freunde sahen, dass kein Platz war um ihren hilflosen Freund in das Haus zu tragen, kletterten sie auf das Haus (dabei trugen sie den Körper ihres Freundes!) und schlugen ein Loch ins Dach. Dann ließen sie ihn hinab, wo Jesus ihn heilte und aufforderte:

„Steh auf, nimm deine Liege und geh nach Hause!” (Markus 2:11)

Was für wunderbare Freunde! Welches Mitgefühl, welche Liebe, welche Geduld!

Als sie hörten, dass ihr Freund die Aussicht auf ein normales Leben hatte, legten sie alles beiseite, kletterten auf ein Haus und öffneten das Dach. Ich erinnere mich, wie ich als Junge durch das Dachfenster unseres Speichers blickte und mich fragte, wie man solche Freunde gewinnen kann. Wo findet man solche Unterstützung?

Als ich 14 war, wurden meine Eltern als Missionspräsidenten-Ehepaar in Maryland berufen. Zu dieser Zeit ging ich zum Psychiater, aber weder er noch unsere Gebete schienen zu helfen. Keine Dachluke war in Sicht – keine der Art, wie ich sie brauchte. Es gab nur viele Tage voller Finsternis. Ich hatte keine Freunde und es wurde immer schlimmer. Ich hatte nun auch noch wiederkehrende Krampfanfälle und die Ärzte konnten keinen Grund dafür feststellen. Die Medikamente gegen die Anfälle waren sehr stark. Als unsere Familie ins Büro von Elder Neal A. Maxwell gerufen wurde, wo er meine Eltern bat in Baltimore zu dienen, verschlief ich das ganze Treffen. Auf dem Sofa eines Apostels. Sabbernd.

Mit Glauben und Freunden voranschreiten

Zu sehen sind 5 Personen, etwa vom Knöchel bis zum Hals.

Als wir in Baltimore ankamen, wurde ich als Patient des landesweit führenden Kinderpsychiaters aufgenommen und drei Jahre lang am Johns-Hopkins-Krankenhaus in Baltimore behandelt. Der Arzt erklärte ohne Umschweife, dass ich nahezu keine Aussicht hatte, jemals eine normale Beziehung zu haben, eine weiterführende Schule zu besuchen, einer geregelten Arbeit nachzugehen oder Kinder zu haben. Er empfahl sogar, dass ich keine Mission erfüllen sollte. Er sagte mir, dass mein Leben niemals „normal” sein würde.

Und er hatte Recht. Ich weiß jetzt, dass ich nie ein „normales” Leben haben werde, aber ich habe einen Weg gefunden ein glückliches Leben zu führen, indem ich auf den Herrn vertraue und auf die Erzählungen in den Schriften baue, die mich bis heute weiterhin auf meiner Reise anleiten. Ich habe das College besucht und sogar einen Doktortitel erworben. Ich habe einen großartigen Beruf als Autor und Professor und ich habe vier willensstarke Kinder und eine wunderbare Frau.

Aber trotz meines glücklichen Lebens und Vertrauens in Gott haben die Probleme mit meiner psychischen Gesundheit nicht aufgehört – und werden es auch nicht. Ich bin auf Mission gegangen und früher heimgekehrt, weil ich einen Rückfall hatte – die Zwangsstörungen und Depressionen waren wieder da. Ein hoffnungsloser, dunkler Himmel blickte wieder auf mich herab. Die Angst hatte mich wieder im Griff. Aber ich habe durch Freundschaft Stärke gefunden. Ich dachte an diese mitfühlenden Freunde, die unbedingt wollten, dass ihr Freund ein Leben hatte und eine Öffnung ins Dach schlugen. Durch eine Neuausrichtung meiner Anstrengungen Bekanntschaften zu schließen und durch Gottes Hilfe fand ich schließlich eine Partnerin, die bereit war mich hochzuheben, das Dach zu öffnen und mir bei der Heilung zu helfen.

Ich habe immer noch mit psychischen Krankheiten zu kämpfen, genauso wie der Gelähmte immer noch seinen Körper stählen musste, nachdem er so lange krank gewesen war. Der Blinde, den Jesus sehend machte, musste ein Verständnis für Dimensionen, Tiefe, Umrisse und Farben gewinnen. Ich stelle mir vor, dass Naaman zum Fluss zurückkehrte, im Nachmittagslicht die Wasserbewegungen beobachtete und darüber nachdachte, welches Glück er hatte, Freunde zu haben, die bereit waren ihn anzuspornen weisen Rat anzunehmen und ein besseres Leben anzunehmen.

Das Gespräch geht weiter

Zu sehen sind mehrere aufeinandergelegte Hände, zum Zeichen von Freundschaft und Zusammenhalt. Eine tiefe Freundschaft kann den Blick auf psychische Krankheiten beiderseits verändern, und zwar positiv.

Im Alter von 33 Jahren ringe ich weiterhin mit Zwangsstörungen und bin dankbar für die mitfühlende und christusähnliche Art, mit der mich mein Umfeld weiterhin unterstützt. Ein aktuelles Erlebnis hatte ich an Halloween 2018. Meine Frau liebt diesen Feiertag und letztes Jahr strengte sie sich sehr an, die perfekte Verkleidung für uns beide zu finden. Als ich von der Arbeit heimkam und das Kostüm auf dem Tisch liegen sah, verknüpfte ich es sofort mit etwas Schlechtem. Meine Zwangsstörung kam zum Tragen, ich sah die Zahl 3 und überlegte, welches vermeintliche Unheil meiner Familie drohte, wenn ich das Kostüm anziehen würde. Ich sagte ihr, dass ich es nicht tragen konnte. Voller Selbstlosigkeit sagte sie mir, dass sie mich liebe und dass irgendein anderes Kostüm in Ordnung wäre. Sie legte sofort etwas beiseite, das ihr wichtig war.

Das mag wie eine Kleinigkeit wirken, aber für mich war sie ein Freund, der das Dach öffnete und mir sagte, dass ich den blauen Himmel genießen solle – dass das Leben gut ist und dass es mir immer besser gehen wird. Menschen haben täglich mit Zwangsstörungen zu kämpfen, mit Depressionen, dem Tourette-Syndrom, Schizophrenie, Angststörungen und einer Menge anderer psychischer Probleme. Und es wird nicht genug darüber gesprochen. Ich teile meine Geschichte und alle anderen Geschichten, die ich schreibe, weil ich glaube, dass wir mehr über diese Themen sprechen sollten.

Aus diesem Grund habe ich das Buch Waiting for Fitz geschrieben. In diesem Roman lasse ich zahlreiche Personen mit verschiedenen psychischen Problemen aufeinandertreffen. Jedem von ihnen wird auf seine eigene Art bewusst, dass er in einer Art Dunkelheit gelebt hat und dass er einen Freund braucht, der ihm das Licht zeigt, um glücklich zu sein. Die Hauptfigur Addie hilft ihrem Seelenverwandten Fitz, mit seiner Vergangenheit Frieden zu schließen. Um das zu erreichen, muss sie ihn verstehen lassen, worauf er wartet – was schlussendlich seinem Leben Bedeutung verleihen wird. Im Verlauf ihrer Bemühungen Fitz zu helfen, lernt Addie, dass auch sie nach einem Freund sucht, der ihr hilft ihrem Leben Bedeutung zu verleihen, der ihr hilft auf das Dach zu kommen, es zu öffnen und sie zu Verständnis und Hoffnung zu führen.

Wenn du das Gefühl hast, dass du nicht aufstehen und losgehen kannst, dass du keine Freunde hast, die dich verstehen, oder dass niemand kommt um dich zu tragen, besorge dir bitte Hilfe. Vertrau in den Herrn. Lass dich von ihm durch Freunde belehren. Lass ihn dein Freund sein.

Wenn du fühlst, wie dich die Dunkelheit umschließt, lass dich von deinen Freunden tragen und dir von ihnen Licht bringen. Das werden sie tun. Ich verspreche, dass sie das tun werden. Und wenn du dann aufstehst und zu gehen lernst und beginnst zu leben und zu verstehen, wie viele Menschen diese Art Freundschaft immer noch brauchen, dann kannst du hingehen und jemanden finden, für den du eine Öffnung in das Dach der Welt schlagen kannst. Oder zwei. Oder sieben.


Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt. Er wurde ursprünglich am 23.02.19 auf ldsliving.com unter dem Titel „How 2 Bible Stories Shaped My Perspective on Mental Illness” veröffentlicht. Der Autor ist Spencer Hyde. Übersetzt von Tabea Seeborg.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) wissen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und kirche-jesu-christi.org.

German ©2019 LDS Living, A Division of Deseret Book Company | English ©2019 LDS Living, A Division of Deseret Book Company

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