Die besten Begebenheiten auf Mission passieren immer unerwartet. Es war für Schottland ein ungewöhnlich heißer Sommertag gewesen. Unzählige Menschen drängten sich durch die mittelalterlichen Straßen der Innenstadt von Edinburgh. Nur mein Mitarbeiter und ich schienen noch gegen den Strom entlang der aneinander gereihten Souvenirshops zu „schwimmen”. Wenn man Erfolg auf Mission überhaupt messen kann, hatten wir einen ziemlich erfolglosen Tag gehabt. Doch ein Gebet an diesem fast zu sonnigen Schottland-Nachmittag sollte sich für immer in mein Gedächtnis einbrennen.

Das Gebet ist ein abstraktes Konzept. Die meisten Menschen, die nicht mit dem Gebet aufgewachsen sind, tun sich enorm schwer zu Gott zu sprechen, der ihnen in aller Regel nicht in der Sprache, wie wir sie kennen, antwortet. Verständlich. Aber auch die Menschen, die schon von Kleinkindtagen an den Gebeten der Eltern zugehört haben, eigene kurze Gebete und dann auch längere bis verzweifelt lange Gebete gesprochen haben, erfahren oft Probleme mit dem Gebet. Vielleicht ist es gerade dieses Vertraute, die Gewohnheit, mit der sich die Schwierigkeiten auftun. Womöglich schleichen sich Floskeln in das Gebet ein, das Gespräch mit dem himmlischen Vater wird fast zu einem Selbstgespräch, das nicht mal die Decke des Zimmers erreicht. Unter Umständen spielt auch Stolz eine Rolle und man sagt sich: „Heute habe ich keine Zeit zu beten, es geht mir ja ganz gut im Moment.” Und schließlich hat die allgegenwärtige Schnelllebigkeit und Betriebsamkeit der modernen Lebensweise bei jedem Menschen unbestreitbare Folgen, die sich dann in ruhigen Momenten in Ungeduld und Rastlosigkeit bemerkbar machen.

Ein Gebet in Edinburgh

Über den Dächern von Edinburgh: In der schottischen Hauptstadt leben etwa eine halbe Million Menschen.

All diese Schwierigkeiten hatte die junge asiatische Frau, die wir in der Fußgängerzone in Edinburgh ansprachen, nicht. Ungeachtet der Menschenmassen und des Trubels um uns herum wurde sie ruhig, neigte den Kopf ein wenig in Richtung der Pflastersteine und sprach in gebrochenem Englisch und in einfachsten Worten eines der ehrlichsten Gebete, das ich jemals gehört hatte. Dieses Gebet war von jeglichem Stolz, Eile oder Peinlichkeit befreit. Nur wenige Minuten vor diesem überwältigenden Moment hatten wir die junge Frau kennen gelernt. Als Austauschstudentin in einem fremden Land mit – übrigens auch für mich – fremder Kultur, hatte sie den Mut, mit Missionaren über Gott zu sprechen. Sie fragte uns, ob wir ihr etwas über Jesus Christus berichten könnten, da es in ihrer Heimat nicht üblich sei über das Christentum zu sprechen. Dankbar sprachen wir in einfachen Worten über das Sühnopfer und bemerkten erst im Nachhinein, wie privilegiert wir waren zu sehen, wie auf ein „unbeschriebenes Blatt” die Liebe des Erretters gezeichnet wurde. Ihre unberührte Erfahrung mit einem Gespräch mit Gott erinnerte mich an ein anderes Gebet, das ca. 2100 Jahre zuvor auf dem amerikanischen Kontinent gesprochen wurde. Auch dieses Gebet war so bemerkenswert einfach, so bedingungslos ehrlich. König Lamonis Vater hatte erst kurze Zeit zuvor durch den Mut seines Sohnes und die Barmherzigkeit und Liebe von Ammon den Wunsch erhalten, mehr über diese für ihn sonderbare Religion zu lernen (Alma 20). In Alma 22 belehrt Aaron, der Bruder von Ammon, König Lamonis Vater mit Hilfe von einfachen Fragen und Antworten über Gott oder, wie der König ihn nennt, den „Großen Geist”. Aaron spricht über die heiligen Schriften, das Leiden und den Tod Christi, Glauben, Umkehr und über das ewige Leben, woraufhin König Lamonis Vater fragt, was er tun müsse, um dieses ewige Leben zu erlangen. Nachdem Aaron ihm erklärt hatte, wie man betet, kniete der König sich vor dem Herrn nieder und betete zum ersten Mal:

O Gott, Aaron hat mir gesagt, dass es einen Gott gibt; und wenn es einen Gott gibt und wenn du Gott bist, wollest du dich mir kundtun, und ich werde alle meine Sünden aufgeben, um dich zu erkennen und damit ich von den Toten auferweckt und am letzten Tag errettet werde. (Alma 22:18).

Missionare der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage

Was macht dieses Gebet besonders? Zunächt war es das erste Gebet, das König Lamonis Vater gesprochen hatte. Des Weiteren möchte er, dass Gott sich im kundtut, damit er Gott erkennen kann. Dafür ist er bereit, alle seine Sünden aufzugeben. Auf den ersten Blick klingt das normal, fast logisch. In der Gegenwart Gottes kann nichts Unreines existieren, deshalb muss man durch Umkehr und Vergebung von jeglicher Sünde gereinigt werden. Allerdings geht dieses Verprechen von König Lamonis Vater an den himmlischen Vater über das Eingeständnis seiner Fehlbarkeit hinaus. Was er wirklich verspricht ist, dass er in diesem Moment, in dieser Sekunde anfangen wird sein Leben zu verändern und etwas Konkretes, etwas Handfestes aufzugeben oder zu ändern. Manchmal wollen wir, dass Gott sich uns sofort kundtut, ohne dass wir bereit sind etwas dafür zu geben. Die Not, vielleicht aber auch die Ungeduld, treibt uns in diesen Momenten in die Falle, Forderungen an Gott zu stellen, eine Wunschliste zu schreiben.
Ab und an ist es uns durch unterschiedlichste Lebensumstände nicht möglich, wie König Lamonis Vater alle Sünden aufzugeben. Vielleicht sind wir mit den lähmenden Fesseln einer Sucht gebunden. Vielleicht reicht aber auch schlichtweg unsere Kraft nicht aus. Wenn diese scheinbar ausweglosen Situationen kommen, dürfen wir, nein, müssen wir sagen: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben.” (Markus 9:24) Der Teil, den wir geben können, sei er noch so klein, die Sünde, die wir unterlassen können, die Ungeduld, die, wenn auch nur kurz, zur Geduld wird, der Ärger, der kurz zur Nächstenliebe wird, reicht für den himmlischen Vater aus. Er kennt unser Herz und weiß genau wann wir „unser Alles” gegeben haben.

Den Glauben, den König Lamonis Vater hatte, möchte ich auch entwickeln. Er muss durch die Belehrungen Aarons und die Beispiele dieser Missionarsbrüder gelernt haben, dass der kleinste Schritt in Richtung Gott schon der richtige Weg ist. Dass die liebevolle Hand des Vaters immer ausgestreckt ist und dass damit das Sühnopfer des Sohnes Gottes unendlich, unbegrenzt und unerschöpflich bleibt. Die ehrliche Liebe im Gebet der jungen Frau in Schottland möchte ich auch entwickeln. Sie muss erkannt haben, dass nicht die Umstände für ein „gutes Gebet” ausschlaggebend sind, sondern die Einstellung unseres Herzens.
Kein Monolog, den man in das Weltall entlässt, sondern ein Gespräch zwischen einem liebenden Vater und seinem suchenden Kind.


Dieser Beitrag wurde auf Deutsch von Sönke Windhausen verfasst. Er wurde ursprünglich am 08.12.2018 auf treuimglauben.de veröffentlicht.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage wissen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org.

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