Hast du dich je von Gott verlassen gefühlt? Nicht jeder hat sich schonmal so gefühlt, aber in letzter Zeit hatte ich die Gelegenheit, ein paar Leute zu treffen, denen es so ergeht. Die Unterhaltung war zwar hin und wieder traurig, aber gleichzeitig auch hoffnungsvoll. Ein Grund, warum ich froh bin über dieses Thema zu sprechen, ist – jetzt kommt’s! – ich habe mich von Gott verlassen gefühlt. Sogar mehr als nur verlassen. Ich war auch wütend auf ihn. Ich kann es nicht weiterempfehlen, aber es kann vorkommen.

Das persönlichste und spezifischste Beispiel aus meinem Leben ist eine Zeitspanne in meiner Ehe, als wir 4 Kinder zu Hause hatten, zwischen zwei und elf Jahren alt. Es gab eine 18 Monate lange Periode, in denen eine Herausforderung ohne Pause auf die nächste folgte. Ich weiß, dass für manche von euch meine Herausforderungen schwer,  für andere wie ein Spaziergang aussehen. Jeder hat seine eigenen Herausforderungen und sie können sich sehr unterscheiden. Meine Herausforderungen traten mir kräftig in den Hintern.

Zu Beginn verloren wir ein Baby durch eine Fehlgeburt. Ein paar Monate später starb mein Schwiegervater an einer schmerzhaften Krankheit. Drei Monate danach starb völlig unerwartet meine Mutter. Kurz darauf hatte mein Vater einen heftigen Schlaganfall, mit Behinderung als Folge. Zum Abschluss dieser Zeitspanne erlitt meine Ehefrau eine lebensverändernde Beinverletzung, welche sie für drei Monate ans Krankenhausbett fesselte. Sechs Monate lang konnte sie nicht laufen.

Ein Ehepaar betet zusammen

Es war dieses letzte Ereignis, das die Erinnerung an meine Gefühle wieder auffrischt. Meine Frau konnte nur auf dem Rücken schlafen, lag in einem separaten Raum in einem gemieteten Krankenhausbett und war benommen aufgrund der Schmerzmittel. Die Kinder schliefen bereits, als ich mich entschloss, draußen spazieren zu gehen. Ich war so müde – müde davon, den Krankenpfleger zu spielen, müde davon zu versuchen, mein Unternehmen zu führen und müde davon, mich um ein Haus voller Kinder zu kümmern. Ich trauerte immer noch wegen des Todes meiner Mutter und wegen des Zustands meines Vaters. Ich versuchte, mich selbst über Wasser zu halten.

Einsam und verlassen

Ich kann mich lebhaft daran erinnern, wie ich an diesem Abend in unserer Einfahrt stand und in Tränen ausbrach. Es waren keine Tränen der Trauer oder der Übermüdung. Es waren Tränen der Wut. Ich war wütend auf Gott, weil er uns verlassen hatte. Ich war wütend, dass er zugelassen hatte, dass all diese Lebenskrisen auf einmal geschahen, ohne uns Zeit zu geben zu trauern oder vor dem nächsten Tiefschlag durchzuatmen. Ich fühlte mich betrogen, dass unsere Belohnung dafür, dass wir unser Bestes gaben, um rechtschaffen zu leben, die war, ständig von Tragödien heimgesucht zu werden. Ich fühlte mich einsam und betrogen.

Es war ein unbekanntes Gefühl für mich.

Ich bin mir sicher, dass einige von euch mit dem Kopf nicken und meine Gefühle nachvollziehen können. Ich bin mir auch sicher, dass manche von euch verblüfft sind, weil sie noch nie mit solchen Gefühlen gekämpft haben. Ich garantiere euch, dass ihr jemanden kennt und liebt, der diese Dinge schon mal gefühlt hat.

Einer dieser Menschen ist Joseph Smith. Als er im Liberty-Gefängnis saß, stiegen in ihm Gefühle der Frustration und der Verlassenheit auf, wie wir in den Schriften lesen können. Er flehte:

O Gott, wo bist du? Und wo ist das Gezelt, das dein Versteck bedeckt? Wie lange noch wird deine Hand sich zurückhalten und dein Auge, ja, dein reines Auge, von den ewigen Himmeln her das Unrecht ansehen, das deinem Volk und deinen Knechten widerfährt, und dein Ohr von ihrem Schreien durchdrungen werden? (Lehre & Bündnisse 121:1-2)

Sich von Gott verlassen fühlen.

Er macht weiter und gibt Gott Vorschläge, wie er seinen Job besser machen könnte. Aber der Großteil seines Gesuchs sind Fragen. Wo bist du? Warum hilfst du nicht? Warum hörst du mich nicht?

Das größte Beispiel in den Schriften für das Gefühl von Verlassenheit sind die Worte des Erretters selbst. Als er am Kreuze hing und mehr erlitt als jeder andere Mensch je erlitten hat oder erleiden wird, rief er Gott an:

Um die neunte Stunde rief Jesus laut: Eli, Eli, lama sabachthani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?(Matthäus 27:46)

Anscheinend geht es auch den Besten unter uns so.

Die Gefahr, sich Gefühlen des Verlassenseins oder der Wut gegenüber Gott hinzugeben, ist nicht der kritische Moment selber, sondern das, was daraus werden kann. Etwas muss die Talfahrt bremsen, bevor wir in den Abgrund von Atheismus oder Agnostizismus stürzen.

Es wäre abgedroschen oder naiv, vorzuschlagen, dass wir uns „einfach mal beruhigen”. Diese Herausforderungen sind echt und können tiefgreifend sein. Was ich vorschlagen kann, sind ein paar Techniken, um das Abrutschen zu stoppen und wieder hinaufzuklettern, um eine gesündere Beziehung zu Gott zu entwickeln.

Finde etwas zum Festhalten, um die Talfahrt zu bremsen

Ich würde gerne diesen Gedanken vorschlagen: Wut gegenüber Gott ist ein persönliches Zeugnis davon, dass du an seine Existenz glaubst und daran, dass er lebt. Du wärst nicht wütend, wenn du nicht an ihn glauben würdest, richtig? Halte dich an diesem grundlegenden, reinen Zeugnis fest, dass er lebt, und arbeite von da aus weiter. So beängstigend es auch ist zu glauben, dass Gott uns verlassen hat, es ist noch beängstigender zu denken, dass er nicht existiert. Doch er existiert.

Sieh die Dinge im Verhältnis

Niemand, und ich meine damit absolut niemand, möchte hören, dass es noch schlimmer sein könnte, und ich rate dir, es niemals zu jemandem zu sagen, der leidet. Trotzdem ist das genau das, was Gott Joseph Smith geantwortet hat, als er ihn aus dem Gefängnis in Liberty um Hilfe anflehte.

„Mein Sohn, Friede sei deiner Seele; dein Ungemach und deine Bedrängnisse werden nur einen kleinen Augenblick dauern, und dann, wenn du gut darin ausharrst, wird Gott dich in der Höhe erhöhen; du wirst über alle deine Feinde triumphieren. Deine Freunde stehen doch zu dir, und sie werden dich wieder willkommen heißen, mit warmem Herzen und freundlicher Hand. Noch bist du nicht wie Ijob, deine Freunde streiten nicht gegen dich und beschuldigen dich nicht der Übertretung, wie sie es mit Ijob getan haben.” (Lehre&Bündnisse 121:7-10)

Es war ein sanfter Tadel, wenn man es positiv betrachtet – aber dann kam der Herr wieder, verabreichte ihm eine Dosis Verhältnis” und packte ihn beim Schlafittchen:

„Und wenn du in die Grube geworfen werden oder Mördern in die Hände fallen solltest und das Todesurteil über dich gesprochen werden sollte, wenn du in die Tiefe gestürzt wirst, wenn die brausende See sich gegen dich verschwört, wenn wütende Winde deine Feinde werden, wenn sich am Himmel Finsternis zusammenzieht und alle Elemente sich verbünden, um den Weg zu versperren, und, vor allem, wenn die Hölle selbst ihren Rachen weit aufreißt nach dir, dann wisse, mein Sohn, daß dies alles dir Erfahrung bringen und dir zum Guten dienen wird.” (Lehre&Bündnisse 122:7)

„Des Menschen Sohn ist unter das alles hinabgefahren. Bist du größer als er?”(Lehre&Bündnisse 122:8)

Entwickle einen Sinn für eine ewige Perspektive

Der Plan des Glücklichseins bedeutet nicht immer sofortiges Glücklichsein”. Es ist ein Plan auf lange Sicht. Diesen Plan und Gottes Wille für uns zu studieren hilft uns dabei, mit den Stürmen des Lebens umzugehen. Die Dringlichkeit unserer Probleme überwältigt manchmal die Tatsache, dass dieses Leben wirklich nur ein kleiner Teil ist im Verhältnis zur Ewigkeit. Obwohl diese Perspektive den Schmerz nicht nimmt, kann sie uns dabei helfen, auszuharren. Sie segnet uns mit dem Wissen, dass Gott sich über unsere Situation bewusst ist und uns liebt – sogar, wenn wir das nicht erkennen können.

Präsident Boyd K. Packer lehrte: Nimm nicht an, dass Gott die Dinge, die er zulässt, für seine eigenen Zwecke verursacht. Wenn du den Plan und den Sinn des Großen und Ganzen erkennst, werden sogar diese Dinge einen liebenden, himmlischen Vater offenbaren.” (Link)

Erkenne deine Segnungen

Wenn du in des Lebens Stürmen bist verzagt,
wenn dein Herz vor Kummer mutlos bangt und klagt,
sieh den großen Segen, den der Herr dir gibt,
und du wirst erkennen, wie er treu dich liebt.

Drum in allen Stürmen und in Schmerz und Leid,
richte deinen Blick auf Gottes Herrlichkeit.
Sieh den großen Segen, Engel halten Wacht,
bis du deine Lebenstage hast vollbracht.

  • Sieh den Segen

Natürlich ist das ein bisschen kitschig, aber das Konzept ist einwandfrei. Wenn wir uns auf Dankbarkeit fokussieren, werden wir demütig. Und Demut hilft uns beim nächsten Schritt:

Finde Gnade

Präsident James E Faust: In den vielen Prüfungen des Lebens, wenn wir uns verlassen fühlen und Kummer, Sünde, Enttäuschung, Versagen und Schwäche uns kleiner machen, als wir jemals sein sollten, kann die heilende Salbe der uneingeschränkten Liebe der Gnade Gottes kommen- eine Liebe, die vergibt und vergisst, eine Liebe, die erbaut und segnet.”

Glaube und Zweifel

Wie der Herr Joseph Smith veranschaulicht hat: Des Menschen Sohn ist unter alles das hinabgefahren,” wodurch der Erretter in der außerordentlichen Position ist, absolute Empathie, Verständnis und Mitgefühl zu haben. Wende dich an ihn. Indem wir Heilung durch das Sühnopfer Christi aufsuchen, können wir unsere angespannte Beziehung mit Gott heilen.

Ich bezeuge, dass der Erretter uns alle auffordert, zu ihm zu kommen und sein Sühnopfer anzunehmen. Wenn wir Glauben an ihn ausüben, wird er uns aufrichten und uns durch all unsere Prüfungen tragen und uns schließlich im celestialen Reich erretten.” (Elder Evan A. Schmutz)

Finde zueinander durch das Gebet

Als ich an dem Abend in unserer Auffahrt stand, hatte ich eine einseitige Unterhaltung mit Gott, uns sie war nicht schön. Aber zumindest hatte ich eine einseitige Unterhaltung mit Gott. Anatevka ist einer meiner Lieblingsfilme/Theaterstücke.  Der Hauptcharakter Tevye läuft durch sein Leben im fortdauernden Dialog mit Gott. Es ist nicht nur witzig, sondern beispielhaft. Ich gestehe ein, dass in einer Auffahrt zu stehen, voller Tränen und Wut, nicht die beste Art ist mit Gott zu sprechen; es ist ein aufrichtiger Versuch und war das Beste, was ich in dem Moment tun konnte. Der nächste Schritt wäre, ein bisschen runterzukommen und nach einer Unterhaltung zu suchen statt eines Monologs voller Beschwerden. Eine Unterhaltung, in der man zuhört und nach Verständnis trachtet.

Elder Bednar gibt dazu folgenden Rat: Den Willen Gottes in unserem Leben zu erkennen und anzunehmen ist wesentlicher Bestandteil eines sinnerfüllten Gebets, in dem man voll Glauben bittet. Doch es reicht nicht, einfach nur die Worte zu sagen: „Dein Wille soll geschehen.“ Wir alle brauchen Gottes Hilfe, um unseren Willen dem seinen zu unterwerfen.
„Das Gebet ist die Handlung, durch die der Wille des Vaters und der des Kindes miteinander in Übereinstimmung gebracht werden.“ (Bible Dictionary, „Prayer“, Seite 752f.) Demütiges, aufrichtiges und beharrliches Beten macht uns fähig, den Willen des himmlischen Vaters zu erkennen und uns mit ihm in Einklang zu bringen. Der Erretter hat uns hierin das vollkommene Beispiel gegeben, als er im Garten Getsemani betete: „Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen! … Und er betete in seiner Angst noch inständiger.“ (Lukas 22:42,44.)

Wenn wir wütend auf Gott sind oder uns von ihm verlassen fühlen, fokussieren wir uns auf den Gedanken, dass wir es besser wissen als er – dass Dinge nach unserem Plan laufen sollten. Bis wir diesen falschen Sinn der Kontrolle loslassen und unseren Willen wirklich dem Herrn übergeben, wird es ein Streitpunkt mit Gott bleiben. Es ist eine lebenslange Herausforderung und schwerer anzunehmen, wenn wir in Probleme verstrickt sind.

An diejenigen die leiden: Ich fühle mit euch mit und hoffe, dass ihr euren Fall anhalten und wieder hochklettern könnt. An diejenigen, die noch nie diese Gefühle der Verlassenheit und Frustration hatten: Ich freue mich aufrichtig für euch und hoffe, dass ihr nach denjenigen, denen es nicht so gut geht, Ausschau haltet und ihnen zur Seite steht.

Gott lebt und er liebt uns – sogar, wenn wir es manchmal nicht sehen können.


Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt und am 20. Februar 2017 auf www.middleagedmormonman.com veröffentlicht. Der Autor ist MMM. Übersetzt von Maren Leit.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) lernen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org.