Es gibt etwas, worüber ich bereits seit einer Weile nachdenke – und ich habe für mich eine Lösung gefunden (auch wenn es keine offizielle Kirchenlehre ist): Es ist in Ordnung auf Gott wütend zu sein. Irgendwie zumindest.

Wir müssen wissen: Gott ist nicht darauf angewiesen, dass wir seine Freunde sind. Er ist nicht darauf angewiesen, dass wir ihn mögen und ihm seine Taten vergeben. Er braucht nicht unsere Erlaubnis, weil er allwissend ist und über eine ewige Perspektive verfügt, die uns oft fehlt.

Und deswegen – wegen unseres eingeschränkten, endlichen Verständnisses – verstehen wir seinen Plan nicht immer und verstehen nicht, warum er zulässt, dass bestimmte Dinge geschehen. Und dieses mangelnde Verständnis (und die damit einhergehende Frustration) kann dazu führen, dass wir uns unterlegen fühlen und wütend auf Gott sind.

Vor kurzem habe ich verschiedene Schritte unternommen, meine Gesundheit besser zu „kontrollieren” (z.B. meine äußerst unangenehmen Bauchschmerzen). Dazu gehört ein monatelanger, extrem einschränkender, vom Arzt empfohlener Speiseplan und die Veränderung meines ganzen Lebens – außerdem ist es wirklich teuer. Bevor ich damit anfing, war ich voller Hoffnung – es war, als ob der himmlische Vater mir eine Lösung vorgegeben hatte.

Nach 6 Wochen kann ich nun sagen, dass diese Umstellung zwar positive Veränderungen bewirkt hat, aber die Ernährungsumstellung sich nicht als so lebensverändernd herausgestellt hat wie ich es erwartet hatte. Vielmehr hatte ich die letzten Wochen über so starke Krämpfe und Schmerzen, dass ich mich niedergeschlagen und überwältigt fühlte.

Nach einem dieser „Anfälle” saß ich in meinem Bett und die Tränen strömten mir über die Wangen. Ich wollte Gott mit der Faust drohen.

„Warum muss ich das durchmachen?” fragte ich mich. „Ich weiß, dass er dafür sorgen könnte, dass es aufhört, wenn er nur wollte.”

Ich weiß das, weil ich es bereits erlebt habe. Vor meiner Mission hatte ich ähnliche (wenn auch weniger schwere) gesundheitliche Probleme. Ich befürchtete, dass ich wegen meiner Magenkrämpfe und -schmerzen untauglich für den Missionsdienst wäre; aber Gott sorgte dafür, dass die Probleme verschwanden. Während meiner Mission waren all meine Magenbeschwerden verschwunden – trotz großem Stress, Depression und Angstanfällen.

Aber ratet einmal, was passierte als ich nach Hause kam. Alles war wie vorher.

Ich weiß, dass wenn Gott es wollte er mir die Schmerzen nehmen könnte. Aber aus welchem Grund auch immer – ein Grund, den ich jedenfalls nicht verstehe – lässt er zu, dass ich sie immer noch habe. Und manchmal macht mich das wirklich richtig wütend auf Gott.

Ich glaube nicht, dass ich deswegen schlecht bin bzw. ein Sünder. Ich glaube vielmehr, dass es mich menschlich macht, zu jemandem mit normalen Emotionen und Gefühlen. Und es ist in Ordnung, diese Gefühle rauszulassen; oft ist es sogar eine Erleichterung, wenn man diese Gefühle im Gebet zum Ausdruck bringt.

Die Schwierigkeit besteht aber in etwas anderem:

„Gott ist nicht darauf angewiesen, dass wir ihn lieben. Aber wie sehr sind wir doch darauf angewiesen, dass wir Gott lieben!” (Dieter F. Uchtdorf)

Es ist in Ordnung, wütend auf Gott zu sein – solange man das nicht für immer ist; nicht weil es eine Sünde ist, wütend auf Gott zu sein, sondern weil Wut und Groll uns in Menschen verwandeln, die wir nicht sein wollen.

Gleich nach seiner Aussage, dass Gott es nicht nötig habe, dass wir ihn lieben, aber dass wir es nötig haben, Gott zu lieben, sagt er:

„Denn was wir lieben, bestimmt unser Streben. Unser Streben bestimmt unser Denken und Handeln. Unser Denken und Handeln bestimmt, wer wir sind – und wer wir einst werden.”

Wenn wir lange Zeit wütend sind, werden wir bitter und sind anderen eine unangenehme Gesellschaft. Aber wenn wir uns diese Gefühle, unsere Wut eingestehen und sie Gott gegenüber zum Ausdruck bringen (und auch gegenüber jedem, mit dem wir darüber reden müssen, wenn wir sie nicht alleine loswerden – z.B. einem Bischof oder Therapeuten) und sie dann loslassen, finden wir Zufriedenheit und Freude, auch während wir in einer Prüfung stecken.

Obschon meine Prüfungen anstrengend sind und ich sie niemand anderem jemals wünschen würde, bin ich auf meine eigene Art und Weise dankbar für sie. Sie sind, wie der großartige Apostel Paulus sagte, mein „Stachel im Fleisch”:

„Damit ich mich wegen der einzigartigen Offenbarungen nicht überhebe, wurde mir ein Stachel ins Fleisch gestoßen: ein Bote Satans, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. Dreimal habe ich den Herrn angefleht, dass dieser Bote Satans von mir ablasse. Er aber antwortete mir: Meine Gnade genügt dir; denn die Kraft wird in der Schwachheit vollendet. Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herab kommt. Deswegen bejahe ich meine Ohnmacht, alle Misshandlungen und Nöte, Verfolgungen und Ängste, die ich für Christus ertrage; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.” (2. Korinther 12: 7-10)

Während wir eine Prüfung durchmachen, denken wir manchmal:

„Ich muss wohl etwas lernen, deswegen läßt Gott zu, dass ich durch diese Prüfung gehe.”

Sicherlich gibt es Dinge, die wir aus jeder Prüfung lernen können, aber ich denke nicht, dass Gott im Himmel sitzt und bei sich denkt:

„Hmm. Wann begreifst du es endlich, damit ich diese Prüfung von dir nehmen kann?”

Ich denke, dass er zulässt, dass gewisse Dinge passieren und dass wir die Gründe dafür nicht begreifen können – und manche Dinge lässt er zu, weil sie Teil unseres Lebens in der Sterblichkeit sind. Unsere Prüfungen bedeuten nicht, dass wir für etwas bestraft werden oder dazu gezwungen werden, etwas Bestimmtes zu lernen. Manchmal sind Prüfungen einfach nur ein Nebeneffekt unseres Erdenlebens.

Aber wir können wie Paulus erkennen, dass unsere Prüfungen eine Gelegenheit sind, uns dem Erlöser anzunähern – auch wenn sie nicht von uns genommen werden. Wir können uns darauf verlassen, dass er uns stärkt, wenn wir uns schwach fühlen und uns zu anderen in ähnlichen Situationen führt, denen wir beistehen und dienen können.

Vor ein oder zwei Jahren, nach einem schlimmen Anfall von Bauchschmerzen, schrieb ich einen Blogbeitrag, einfach nur, um meine Wut rauszulassen. Darin schrieb ich über die Dinge, die mich wütend auf Gott machten – und über Dinge, für die ich dankbar war. Am Ende sagte ich etwas, das ich als Lektion des Heiligen Geistes bezeichnen möchte:

„Ich bin wütend auf Gott. Ich bin wütend, weil er diesen Schmerz nicht nimmt. Ich bin wütend auf Gott, weil ich weiß, dass wenn er es wollte, er es könnte …

Ich bin froh, dass Gott mich so reichlich gesegnet hat. Ich bin froh, dass ich an einen gnädigen Gott glaube. Ich bin froh, dass dieses Leben nicht alles ist, dass ich eines Tages ohne Schmerzen leben können werde. Ich bin froh, dass er mich tröstet und dass wenn ich darum im Gebet bitte, dass die Schmerzen nachlassen, er mir die Kraft gibt, alles zu ertragen…

Ich bin froh, dass ich so viele Segnungen erfahren habe, die mich erkennen ließen, dass ich nicht einfach nur ein Schwächling bin; dass Gott versteht, dass ich in so vielerlei Hinsicht nicht normal sein kann. Ich bin dankbar für wunderbare Arbeitgeber, die mich von zu Hause aus arbeiten lassen, für Möglichkeiten, die sich scheinbar zufällig ergeben. Ich bin froh, dass ich nicht daran glaube, dass das einfach nur Zufälle sind.

Ich bin froh, dass ich in dieser wunderbaren, wunderschönen, erschreckenden, furchtbaren Welt leben darf. Ich habe erkannt, dass dieses Leben auch Schattenseiten hat. Ich bin froh, dass ich so viel gelitten habe, dass ich genau weiß, wie ich anderen in ihren Prüfungen helfen kann.

Ich bin froh, dass ich weiß, dass ich wütend auf Gott sein darf. Ich bin froh, dass auch wenn ich mich manchmal längere Zeit diesen Gefühlen hingegeben habe, ich weise genug bin, immer wieder damit aufzuhören.”

Vergesst also nicht, dass ihr wütend auf Gott sein dürft. Es ist in Ordnung, einen kurzen Moment lang frustriert und wütend zu sein – das gehört zum Menschsein einfach dazu.

Aber sorgt dafür, dass ihr diese Gefühle nicht immer mit euch herumtragt.


Amy Keim

Amy Keim ist Site-Managerin und Lektorin für LDSBlogs.com. Sie leistete eine Vollzeitmission für die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in Denver, Colorado, wo sie lernte Berge zu lieben und Schnee zu verachten. Sie mag leidenschaftlich Erdnussbutter, schlechtes Tanzen und vor allem das Evangelium.

Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt. Er wurde ursprünglich am 12.3.2019  auf ldsblogs.com unter dem Titel „On Being Mad at God“ veröffentlicht. Die Autorin ist Amy Keim. Übersetzt von Kristina Vogt.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) wissen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: churchofjesuschrist.org und kirche-jesu-christi.org.

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