Manchmal frage ich mich, weshalb die Jünger in Matthäus 14 überhaupt auf den See hinausgefahren sind. Wenn ich als Außenstehende darüber nachdenke, habe ich das Gefühl, dass es etwas Dringendes gab, weshalb die Männer die Segel setzten. Ein paar von ihnen waren mit dem Wasser gut vertraut, und aus Erfahrung hätten sie wissen müssen, dass eine stürmische Nacht vielleicht nicht unbedingt der beste Zeitpunkt für eine Bootsfahrt wäre. Wie dem auch sei, ihnen wurde gesagt, dass sie schon einmal ohne Christus losgehen sollten. Haben sie gezögert, um ihn davon zu überzeugen, mitzugehen? Wären sie, wenn sie losgefahren wären, als sie sollten, sicher auf der anderen Seite angekommen? Gingen sie unverzüglich los, weil der Herr sie darum gebeten hatte? Warum schickte Christus sie los, obwohl ihm die Wetterbedingungen bekannt waren? Wir haben keine Antworten auf diese Fragen, wir wissen aber genug, um die Botschaft dieses Szenarios auf unser Leben als seine Jünger zu übertragen.

Ob ihre Entscheidung nun weise oder töricht war, sie fuhren ohne den Erlöser auf den See hinaus. Das ist für mich der unheimlichste Teil. Wir schaffen es durch die schlimmsten Situationen, wenn wir den Erlöser bei uns haben. Ihn zurückzulassen könnte katastrophal enden. Andererseits kann es auch zu unserem Untergang führen, wenn wir seinem Rat kein Vertrauen schenken, weil wir in einer unmöglich scheinenden Aufgabe das Mögliche nicht sehen. Deswegen ist es so wichtig, den Heiligen Geist so nahe wie möglich bei uns zu haben. Wir brauchen bei diesen bedeutsamen Dingen die Führung des Herrn. Wir brauchen Glauben und Bestätigung, dass der Herr unser gewahr ist, auch wenn er weit weg zu sein scheint.

Jesus hält dich an der Hand

Das ist die nächste Lehre aus der Geschichte. Die Jünger kämpften bis weit in die Nacht hinein darum, das andere Ufer zu erreichen; sie kamen aber nicht besonders weit, bevor ein gewaltiger Sturm über sie hereinbrach. Obwohl sich Christus am Ursprungsufer noch erholte, wusste er, was sie brauchten. Ob ihre Entscheidung nun weise oder töricht war, Christus dachte an ihre Bedürfnisse. Als die Anspannung und der Stress zu stark wurden, nahm er den direkten Weg zu ihnen. Er zwang die wütenden Elemente, sich ihrem Meister und Schöpfer zu unterwerfen und lief auf dem Wasser.

Die Jünger hatten das nicht erwartet. Es war nichts, an was sie normalerweise gedacht hatten. Tatsächlich hatten sie vor dem Anblick sogar Angst. Weil sie nicht verstanden, dass es ihr Meister war, der ihnen da zu Hilfe eilte, ließen sie das, was sie sahen, ihre Gefühle beeinflussen. Sechs einfache Worte, die sie über das Wasser erreichten, lenkten ihre Gedanken jedoch in eine andere Richtung: „Ich bin es; fürchtet euch nicht!” (Matthäus 14:27)

Diesen Teil der Geschichte finde ich sowohl amüsant als auch traurig; die Welt hatte solch großen Einfluss auf die Gedanken und Gefühle der Jünger, dass sie glaubten, dass sich ihnen etwas Böses über das Wasser näherte. Auf der anderen Seite war es schwer für sie zu glauben, dass der Erretter so kommen konnte. Selbst nachdem er sie gerufen hatte, vertrauten sie nicht darauf, dass er es war und seine Macht zeigte.

Habt keine Furcht.

Ich bin mir sicher, dass es viele Beispiele dafür gibt, wie uns das jeden Tag passiert. Es scheint albern, wenn man sich als Außenstehender die Jünger anschaut, vor allem, wenn wir von all dem wissen, was sie Jesus Christus schon hatten tun sehen; versetzen wir uns aber einmal in ihre Lage. Die Welt und Satan machen uns glauben, dass wir uns nur auf Dinge verlassen können, die wir sehen, fühlen, berühren und verstehen können. Es gibt so viele fehlerhafte Versionen von den Lehren Christi und seiner Macht, die mit dem Richtigen vermischt sind, dass es schwierig ist, den Meister und seine Art und Weise wirklich zu verstehen. Wenn wir uns zu sehr auf das Berührbare versteifen, beraubt uns das unserer Fähigkeit, an das zu glauben, was sich nicht berühren lässt. Oft scheint der Weg, von dem er möchte, dass wir ihn gehen, unwirklicher und furchteinflößender als alles, was wir zuvor erlebt haben. Wenn wir also so voller Kummer sind, ist es schwierig, das Gute in unserem Weg zu sehen.

Ich fühle mich oft ein bisschen wie Petrus.

„Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme.” (Vers 28)

Manchmal habe ich das Gefühl, dass der Herr mir was ich glaube immer wieder bestätigen muss, seine Liebe für mich und den Weg, auf dem ich mich als sein Jünger befinden soll. Manchmal versuche ich meinen Herrn und Meister, indem ich sage: „Wenn ich das wirklich tun soll, wo bleiben dann die Segnungen? Mache meinen Weg einfach.”

Manchmal scheint es, dass etwas, was ich möchte, nicht gut ist, wenn ich, als Kind Gottes, es bekomme. Wenn ich nicht bereit bin, dort meinen Weg zu gehen, wo er mich hinstellt, kann ich nicht lernen und wachsen, kann nicht die Stärke und Tiefe der Macht Christi kennenlernen, kann nicht mehr wie mein Erretter werden. Christus kannte jedoch den Wunsch, den Petrus in seinem Herzen hatte, besser als wir das jemals tun können; also sprach er die Einladung aus, die er für uns immer und immer wieder wiederholt:

„Komm.”

Das ist nun der schwierige Teil. Erwartete Christus, dass Petrus erfolgreich über das Wasser lief?

Glaube bedeutet Vertrauen

Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber eins weiß ich gewiss: Ob Petrus das zu diesem Zeitpunkt nun schaffen sollte oder nicht, es war nicht völlig unmöglich. Darin besteht die Macht von Gottes Erhabenheit und seines Priestertums, dass er die Anteil haben lässt, die seiner würdig sind.

Wir wissen alle, was geschieht, als Petrus sich auf den Weg macht. Wir jubeln ihm zu, als er den ersten Schritt aus dem Boot und in Richtung seines Meisters macht. Wir erkennen uns selbst in ihm wieder, als der Sturm und die Wellen in ihm leichte Zweifel aufkommen lassen. Wir sehen dabei zu, wie er anfängt unterzugehen, weil er diese Tatsachen stärker als seinen Glauben an den Erlöser werden lässt. Auf dem Wasser zu laufen schien einfach nichts zu sein, was einer von uns tun kann. Vielleicht rechtfertigte Petrus seine Zweifel sogar damit, dass er sich sagte: „Klar. Er kann es natürlich. Er ist ja auch Jesus Christus. Das ist seine Aufgabe. Ich? Ich bin eigentlich niemand. So gut und wunderbar wie er kann ich sowieso nicht werden. Ich sollte das nicht tun. Ich bin gar nicht würdig dazu, es zu tun.”

Kommt euch das bekannt vor? Ich weiß, dass ich den ein oder anderen dieser Sätze schon verwendet habe. Dennoch ist es eine Tatsache, dass der Erretter uns dazu auffordert, zu ihm zu kommen. Wir haben seine Liebe und Güte in unserem Leben gespürt. Wir sehnen uns danach hinzugehen, das immer zu fühlen, diese Liebe mit allen anderen zu teilen. Wir machen den Schritt – und fangen dann an, unterzugehen. Warum? Weil die Stürme des Lebens uns nicht einfach deswegen in Ruhe lassen werden, weil wir Jünger Christi sein wollen. Ganz im Gegenteil – der Sturm wird meist noch stärker. An einem gewissen Punkt werden die Dinge, die wir zu wissen denken, und das Gewicht des Alltags so schwer, dass sie unsere ewigen Ziele verdrängen, die so weit entfernt zu sein scheinen.

Weshalb gehen wir unter? Meine Gründe sind Zeit, Schokolade, Schüchternheit, Stolz – eine endlose Liste.

Jesus Christus möchte, dass wir die Antwort auf die gleiche Frage finden, die er auch Petrus gestellt hat: „Warum hast du gezweifelt?” (Vers 31)

Er lädt uns ein zu ihm zu kommen, der Weg ist stürmisch aber gangbar. Welche Zweifel und Sorgen sind groß genug, dass sie uns vom Erlöser fernhalten könnten? Wenn wir darüber nachdenken, merken wir, dass unser Herz uns zuflüstert: „gar keine”. Unsere größte Herausforderung in diesem Leben besteht darin, für diese Gefühle zu kämpfen, für jeden weiteren Schritt auf dem Wasser, bevor die Welt wieder dazwischenkommt. Unser Ziel besteht darin, nie damit aufzuhören danach zu fragen, warum Zweifel aufkommen, und Wege zu finden, diese Ängste zu überwinden. Denkt daran, dass Christus ins Wasser griff und Petrus wieder hinaufzog, bevor er ihm diese Belehrung durch die vier Worte gab: Warum hast du gezweifelt?

Wenn wir Schwächen in uns selbst finden, können wir immer unsere Hand nach ihm ausstrecken. Der Erlöser ist der Meister, seine Liebe und sein Sühnopfer können uns durch die schlimmste Zeit bringen, solange wir die Hand, die er uns anbietet, ergreifen.


Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt und wurde ursprünglich am 7.6.2008  auf ldsblogs.com unter dem Titel „Wherefore Didst Thou Doubt” veröffentlicht. Übersetzt von Kristina Vogt.

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