Wahrscheinlich kennt jeder, der einen guten Freund/ Familienmitglied mit Depressionen hat, diese Situation: Man möchte helfen, aber nichts von dem, was man sagt, kommt beim anderen an; entweder hört er es gar nicht oder das Gesagte verschlimmert die Situation nur noch. Ich selber habe damit zum ersten Mal vor etwa einem Jahr Bekanntschaft gemacht, als einer meiner guten Freunde in eine tiefe Depression verfiel. Ich versuchte Mitgefühl an den Tag zu legen, ihn aufzumuntern, Verständnis zu zeigen und zu helfen – alles, um ihm zu helfen, dass es ein wenig leichter würde. Ich fühlte mich nutzlos.

Und plötzlich wurde mir klar, dass ich seit Jahren selbst anderen immer wieder dieses Gefühl gegeben hatte, wenn sie mir während meiner schlimmsten Depressionsphasen helfen wollten. So viele Menschen um mich herum hatten schon ohne Erfolg versucht, mir etwas Hilfreiches zu sagen. Depressionen lassen dich die Welt auf eine verkehrte Art und Weise sehen. Die Realität einer depressiven Person sieht anders aus als deine. Das ist auch der Grund, weshalb man als Außenstehender das Gefühl haben kann, dass man einfach nicht zum anderen durchkommt.

Ich weiß natürlich nicht, ob es der Person, an die du gerade denkst, genau wie mir geht. Aber ähnlich bestimmt. Und ich hoffe, dass die Dinge, die mir helfen, auch anderen helfen können. Dabei möchte ich nicht generalisieren, wie sich jemand fühlt, in welcher Situation sich so jemand befindet oder was jemand, der unter Depressionen oder anderen psychischen Herausforderungen leidet, braucht. Jeder ist anders und reagiert anders. Hier aber für den Anfang ein paar Vorschläge.

1 Sage nie: Eigentlich geht es dir doch gar nicht so schlecht

Sage stattdessen: Ich wünschte, ich könnte besser verstehen, wie es dir geht.

Spiele emotionales Leid niemals herab. Kann es sein, dass der andere versucht, etwas Aufmerksamkeit zu bekommen? Klar. Aber es ist auch möglich (und wahrscheinlicher), dass er seine Gefühle oder wie er seine Umstände sieht, nicht übertrieben beschreibt. Wenn man nicht respektiert, wie der andere sich fühlt, führt das höchstwahrscheinlich dazu, dass er sich noch weniger verstanden fühlt – und das von jemandem, der eventuell helfen könnte.

2 Sage niemals: Sieh doch all das Gute in deinem Leben

Depressionen Mädchen

Frage stattdessen: Was hat dir an der Party (oder dem Kinobesuch, an einem Freizeitpark, ….) auf der du am Samstag warst, am besten gefallen?

Ich habe es so satt zu hören, dass ich mir alle meine Segnungen im Leben bewusst machen soll. Ich weiß zwar, dass Dankbarkeit zu Zufriedenheit führt und dass sie jemandem, der depressiv ist, helfen kann, sein Leben in der richtigen Perspektive zu sehen, aber es muss auf natürliche Art und Weise geschehen. Wenn mir mein Gesprächspartner sagt, ich soll mir meiner Segnungen bewusst werden, bedeutet das für mich, dass er keine Lust mehr hat, sich weiter mit mir zu unterhalten, und einfach nur irgendetwas sagt, was sich gut anhört, er selber aber vermutlich noch nie ausprobiert hat. Aber wenn ich ein Gespräch darüber führe, was ich in letzter Zeit unternommen habe, schaffe ich es, über positive Dinge nachzudenken und sie auszumachen. Und dann fühlt es sich auch real an.

3 Sage niemals: Du solltest vielleicht einen Spaziergang machen

Sage stattdessen: Ich gehe nach der Arbeit im Park Enten füttern. Deine Wohnung liegt auf meinem Weg. Soll ich dich mitnehmen?

Würde sich dein depressiver Freund nach einem Spaziergang besser fühlen? Würde es ihm guttun, sich zu bewegen und Sonne zu tanken? Wahrscheinlich schon, aber das ist ihm völlig egal. Auch keine Lust hat so jemand auf Gartenarbeit, ein Bild zu malen oder sich irgendwelche Welpen anzuschauen. All das könnte einem Gesunden Spaß machen, aber jemand, der Depressionen hat, verliert oft das Interesse an solchen Aktivitäten. Aber du hast recht – es ist wichtig, das Haus zu verlassen. Also mach es so jemandem einfach. Hole ihn ab; unternimm etwas, von dem du weißt, dass es ihm Spaß machen wird. Doch gib ihm nicht das Gefühl, dass du es extra für ihn tust. Tue einfach so, als ob es sowieso dein Plan wäre und mache es dem anderen leicht, mitzumachen/ mitzukommen.

4 Sage niemals: Du solltest Sprüche 3:5, 6 lesen

Sage stattdessen: Vor ein paar Tagen war ich ziemlich deprimiert. Zufällig habe ich eine Schriftstelle entdeckt, die mir wirklich geholfen hat. Kann ich dir davon erzählen?

Ich mag es gar nicht, wenn mir jemand eine Schriftstelle „verordnet”, die mir helfen soll, mich besser zu fühlen. Normalerweise kenne ich die Schriftstelle bereits. Was dein depressiver Freund aber nicht weiß, ist, welche Erfahrung du selbst damit gemacht hast. Wenn du davon erzählst, gibst du dem Heiligen Geist die Gelegenheit, von Wahrheiten Zeugnis zu geben und das Herz des anderen zu berühren. Das gleiche gilt auch für Zitate, einen Dokumentarfilm, Bücher, Kunstwerke etc.

5 Sage niemals: Irgendwann wird es wieder besser

Sage stattdessen: Kann ich dir von einem Erlebnis erzählen? (Dann berichtest du davon, wie du selbst  einmal eine Phase hattest, in der du dich hoffnungslos und verzweifelt fühltest und wie sie wieder aufgehört hat.)

Ich habe schon Hornhaut davon, dass mir jemand sagt, es  würde schon „wieder besser” (besonders deswegen, weil es einfach nicht besser wird). Das hat mehr mit meiner Lebenssituation zu tun als mit meiner Depression, aber ich denke, dieser Punkt ist trotzdem relevant. Trotzdem höre ich gerne Erlebnisse von anderen, wie sie hoffnungslose oder verzweifelte Situationen in ihrem Leben überwunden haben. Manchmal ist so ein kleiner „Beweis” alles, was ich brauche, um weiterzumachen.

6 Sage niemals: Lass mich wissen, wenn ich helfen kann

Sage stattdessen: Was kann ich tun, um dir zu helfen? Egal was.

Wenn du das Gefühl hast, alle halten dich für verrückt, ist es schwierig, um Hilfe zu bitten. Meine Bitte ist nicht einfach nur ein „Kann ich mir dein Auto leihen, um meinen neuen Kühlschrank abzuholen?” Meine Bitte lautet vielmehr: „Hilfst du mir dabei, alles, was nicht mit mir stimmt, in Ordnung zu bringen – Dinge, die ich selbst nicht verstehe?” Es ist peinlich um Hilfe zu bitten, weil man selbst nicht weiß, was eigentlich fehlt; du weißt nur, dass es dir nicht gut geht. Es kann deinem depressiven Freund wirklich helfen zu wissen, dass er dich nicht nervt bzw. es dir ungelegen ist, wenn er dich um etwas bittet. Du meinst es wirklich. Konkrete Vorschläge, wie du helfen könntest, sind noch besser.

7 Sage niemals: Du solltest jemanden finden, dem du dienen kannst

Depressionen in der Bahn

Sage stattdessen: Ich brauche dringend Hilfe bei Mathe. Und ich weiß, dass du gut in Mathe bist. Könntest du mir helfen?

Das ist ähnlich wie das, was ich oben als dritten Punkt angeführt habe. Aber weil es so oft vorkommt, hatte ich das Gefühl, es auch noch erwähnen zu müssen. Einem anderen zu helfen kann deinem depressiven Freund so guttun, aber es kann schwierig für ihn sein, das zu erkennen. Das macht es schwierig, sich selbst dazu zu motivieren, zu dienen. Ihn in seinen Stärken zu bestätigen und ihm eine Möglichkeit zu zeigen, wo er helfen kann, kann ihm eine Hilfe sein, aus depressiven Denkmustern auszubrechen.

8 Sage niemals: Du solltest beten

Sage stattdessen: Würdest du mit mir beten?

Natürlich sollte derjenige beten. Wahrscheinlich weiß er das auch, aber er hat möglicherweise das Gefühl, dass Gott weit weg ist oder ihn verlassen hat. Vielleicht hat er das Gefühl, dass seine Gebete nicht beantwortet werden. Jegliche Anstrengung, den anderen zu mehr Spiritualität zu „zwingen”, wird wahrscheinlich nicht fruchten. Du kannst ihm aber helfen, den Geist zu fühlen. Wenn du darum bittest, gemeinsam zu beten, mache deutlich, dass du das Gebet brauchst und die Unterstützung. Frage, ob der andere das Gebet sprechen würde – und wenn nicht, bete selbst, für deine Anliegen.

9 Und bitte, bitte, sage niemals: Lächle einfach!

Sage stattdessen: Sollen wir Eis essen gehen?

Niemand will von jemand anderem hören, dass er lächeln soll. Wenn du jemandem sagst, er solle auch einmal lächeln, ist das wie: „Kümmere dich doch um deine Probleme in aller Stille und alleine.” Frage deinen depressiven Freund stattdessen, ob er ein Eis essen gehen möchte. – Jeder lässt sich doch gerne zu einem Eis einladen!

Dass es so schwierig ist, mit jemandem zu kommunizieren, der depressiv ist, liegt daran, dass er die Realität falsch wahrnimmt. Was für dich vielleicht offensichtlich scheint, kommt so jemandem womöglich wie ein Hirngespinst vor. Ich weiß, das ist frustrierend und schwer zu verstehen. Selbst wenn du weißt, wie Depression sich anfühlt, ist sie doch für jeden anders.

Aber auch wenn du das Gefühl hast, dass du zu deinem depressiven Freund nicht durchdringst: Höre niemals auf, es zu versuchen! Aller Wahrscheinlichkeit nach wird es deinem Freund eines Tages besser gehen und ihr werdet beide so dankbar dafür sein, dass du ihm damals zur Seite gestanden hast.

Habt ihr selbst Erfahrungen damit gemacht – damit, dass ihr jemandem mit Depressionen geholfen habt? Was hat für euch funktioniert? Wenn du der depressive Freund bist – was wünschst du dir, dass die Leute um dich herum anders machen? Was wünschst du dir, dass sie besser verstehen würden?


Juliet Miller

Juliet Miller hat einen Bachelor in Frauenforschung von der Universität von Kalifornien, Santa Barbara. Sie arbeitet im Bereich der Erwachsenenbildung und liebt es zu unterrichten, zu lernen und zu bloggen. Erreichbar (auf Englisch) ist sie unter: [email protected].

Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt. Er wurde ursprünglich auf ldsliving.com unter dem Titel „9 Things You Shouldn’t Say to a Depressed Loved One (and What to Say Instead)” veröffentlicht. Die Autorin ist Juliet Miller. Übersetzt von Kristina Vogt.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) wissen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org.

German ©2018 LDS Living, A Division of Deseret Book Company | English ©2018 LDS Living, A Division of Deseret Book Company

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