Neuzeitliche Gedanken zu “Ein Weihnachtslied” (Anmerkung des Übersetzers: A Christmas Carol von Charles Dickens):

Können sich Menschen wirklich verändern?

Ich habe gerade meinen Lieblingsweihnachtsfilm Scrooge fertig geschaut.  Es ist die vertonte Geschichte von Charles Dickens Weihnachtsgeschichte. Dieses Jahr war ich von dem Film so ergriffen wie noch nie zuvor. Als der Film sich dem Ende zuneigte, dachte ich über die Frage nach: “Können sich Menschen wirklich verändern?” Können Geizhälse im wahren Leben plötzlich großzügig werden? Kann der Süchtige die Flasche aufgeben? Lässt sich das Herz eines Schlägers erweichen? Kann ein Fanatiker Mitleid für diejenigen empfinden, die anders sind als er?

Während ‘Das Weihnachtslied’ eine wunderschöne Geschichte ist, kann es doch schwerer sein, sich der Realität zu stellen. Ist solch eine drastische Veränderung nur Märchen und Wunschlisten vorbehalten? Stärker als sonst im Jahr reflektieren wir vor allem in der Weihnachtszeit unsere eigenen Entscheidungen und die Entscheidungen derer, die um uns herum sind. Wir denken intensiver über den Sinn unseres Lebens nach. Und wenn die Weihnachtsgeschichten dann für ein weiteres Jahr zur Seite gelegt werden, drängen uns die verbleibenden Gedanken dazu, unsere eigenen Gewohnheiten zu hinterfragen – kann sich irgendjemand wirklich dauerhaft verändern?

Charles Dickens gab seine Geschichte zwar ein “und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende”- Ende, aber jemand anders hat die Antwort auf die aus dem Leben gegriffene Frage nach Veränderung geschrieben, die sich im wahren Leben stellt. Tatsächlich können sich Menschen von schlecht zu gut wandeln, aber das geschieht nicht durch die drei Geister, die uns bei diesem Wandel begleiten. Es ist unser Erlöser, Jesus Christus – wenn wir den Glauben haben und es zulassen. Als Mitglied der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage möchte ich gerne mit dem wiederhergestellten Evangelium im Sinn meine Interpretation von der klassischen Geschichte ‘Ein Weihnachtslied’ schildern.

Mr. Scrooge mit seinem typisch "bösen" Gesichtsausdruck, bevor er auf seine persönliche Reise geht, die ihn verändern wird.

Der geizige und selbstsüchtige Mr. Scrooge hat an Weihnachten ein paar besondere Erlebnisse vor sich.

Zu Anfang des Märchens sehen wir Scrooge, wie er wirklich ist – hässlich und schön. Sein Verhalten entspricht dem eines geizigen, herzlosen Mannes; und trotzdem wird er immer noch von seinem Neffen geliebt, der ihn unerbittlich jedes Jahr zur Weihnachtszeit in seinem Haus empfängt. In gewisser Weise passt jeder Einzelne von uns in diese geistige Schablone. Wenn wir tief in uns hineinblicken, sehen wir unsere wahre Natur – die äußeren Mängel und die inneren Wahrheiten. Während wir viele Makel haben, gibt es dennoch jemanden, der uns immer willkommen heißt, egal was wir getan haben, egal was unsere Schwächen auch sein mögen. Wie Scrooge seinen Neffen hatte, so haben auch wir einen Verwandten, der uns klar erkennt, mit liebenden Augen. Wir haben einen himmlischen Vater, der uns trotz allem liebt.

Und trotzdem lehnen wir ihn und seine Einladung, zu seinem Weihnachtsfestmahl zu kommen, oft ab. Vielleicht haben wir das Gefühl, nicht willkommen zu sein; vielleicht stellen wir seine Aufrichtigkeit infrage. Vielleicht sind wir in unserer geizigen Art gegenüber unserem Nächsten zu festgefahren, ob nun wir verletzt haben oder verletzt wurden. Jedenfalls lehnen wir seine Einladung ab und fühlen uns in unserem Elend wohl – so lange, bis etwas geschieht, das uns aufwachen lässt. In der Geschichte erscheinen Geister, die Scrooge den Kopf zurecht rücken. Für uns ist der Erlöser gekommen.

Jesus Christus ist der Einzige, der alle Prüfungen im Leben durchmachen musste. Er hat sie vollständig im Garten Getsemani erlitten und dann noch einmal, als er während seiner Kreuzigung am Kreuz hing. Dadurch sind wir auf eine Art und Weise mit ihm verbunden, die jede andere Beziehung in unserem Leben übertrifft – er versteht genau, was wir durchmachen, egal, was es ist und egal, wer wir sind. Und wie in der Geschichte hat er uns versprochen, geistig mit uns durch unsere Prüfungen zu gehen, uns von den Tücken des Lebens wegzuleiten und uns die Richtung zur Erlösung zu weisen. Er wird uns aus der Dunkelheit führen, wenn wir ihn lassen.

In ‘Ein Weihnachtslied’ stehen die Geister für vergangene Weihnacht, die gegenwärtige Weihnacht und zukünftige Weihnacht. Auch Christus kann uns aufzeigen, wer wir einmal waren, warum wir heute wichtig sind und das Potenzial, das wir haben – aber es gibt einen Unterschied. Er zeigt uns dies im Blickwinkel einer ewigen Perspektive, die nicht auf diese irdische Existenz beschränkt ist. Seine Vergangenheit geht über unsere Kindheit hinaus, seine Gegenwart ist allgegenwärtig, und seine Zukunft ist ewig.

Die vergangene Weihnacht durch Christi Augen

Die vergangene Weihnacht, durch Christi Augen gesehen, geht weiter zurück als unsere eigene Vergangenheit. Durch das wiederhergestellte Evangelium wissen wir, dass wir einst mit Christus und unseren himmlischen Eltern gelebt haben. Wir können uns unser Leben als rein und glücklich in vollkommenen Gefilden vorstellen. In diesem vorirdischen Zustand hatten wir die Fehler nicht, die uns heute niederdrücken. Er erinnert sich daran, wer wir damals waren und er hofft darauf, dass er uns helfen kann, uns auch zu erinnern. Wir sind glorreiche Nachkommen und wir haben die Fähigkeiten, wieder zu dieser Glorie zurückzukehren. Welch bemerkenswerter Einblick in unseren Wert, den wir für ihn haben!

Die gegenwärtige Weihnacht oder das Leben auf der Erde

Die gegenwärtige Weihnacht steht für das Leben auf der Erde in seinem ewigen Kreislauf, was wir lernen, wie wir es lernen und wie es unsere Entscheidungen des neuen Tages beeinflusst. Es bezieht sich nicht nur auf das Heute sondern auf das gesamte irdische Leben. Während dieses Erdenlebens haben wir die Gelegenheit, jeden Tag dazuzulernen und zu wachsen. Als Beispiel dafür, wie wir unseren Nächsten behandeln sollen, haben wir die Lehren unseres Erlösers Christus. Sowohl die altertümlichen Schriften als auch neuzeitliche Offenbarung führt uns bei jedem Schritt unserer Reise. Wir verfügen über die Gabe des Heiligen Geistes, der ein wahrhaftiges Mitglied der Gottheit ist und kein fiktiver Charakter einer Geschichte. Der Heilige Geist hat die Macht, uns zu trösten, uns dazu zu ermuntern, Gutes zu tun, uns vor Versuchung und Prüfung zu schützen und uns auf den Pfad der Rechtschaffenheit zurückzubringen, damit wir wieder mit unserem Vater im Himmel leben können.

Die zukünftige Weihnacht, die Umkehr

Die zukünftige Weihnacht steht für die garantierte Veränderung durch Umkehr. Mit Christus haben wir das Versprechen des Sühnopfers, das wir gereinigt werden und all das wieder in Ordnung gebracht wird, was schief gegangen ist. Dies ist das wahre Geschenk, das die zukünftige Weihnacht bereithält – das Geschenk eines liebenden Erlösers an alle. Egal wie schwer unser Kampf, egal wie schwer zu tragen die Last, egal wie hässlich die Sünde – Christus kann durch die reinigende Macht seines Sühnopfers alle diese Makel entfernen. Dies ist das Versprechen für den Täter und den Geschädigten. Dies ist das Geschenk für den Niedergeschlagenen und den Verzweifelten. Dies ist die Hoffnung für all diejenigen, die mit Verstocktheit des Herzens und Intoleranz zu kämpfen haben.

Am Höhepunkt kommt Scrooge am absoluten Tiefpunkt an. Er wird dazu genötigt, sich die Konsequenzen seiner Entscheidungen anzuschauen. Er sieht das Leid, das durch seine grauenvollen Taten und seine Gleichgültigkeit entstanden sind. Er sieht Glück und Leid nebeneinandergestellt und erkennt, dass er nur Leid verursacht hat. Er fleht um eine zweite Chance im Leben, um seine Bahn zu verbessern und um nicht das Schicksal derer erleiden zu müssen, die die gleichen schlechten Entscheidungen getroffen haben. Er kehrt um, und das können wir auch. Durch das Sühnopfer Jesu Christi haben wir alle eine zweite Chance – und eine dritte und vierte usw. Das ist damit gemeint, wenn gesagt wird, dass das Sühnopfer unbegrenzt ist. Der himmlische Vater wusste, dass wir jeden Tag Fehler machen würden. Er hat einen Erlöser bereitgestellt, der die Verantwortung übernehmen würde, wenn wir unseren Teil beitragen würden.

Mr. Scrooge beweist dem kleinen Tim, dass man sich verändern kann.

Mr. Scrooge und der kleine Tim vergnügt im Schneetreiben.

In der letzten Szene Scrooges sehen wir, wie seine Herzenswandlung sich allmählich auf alle, die ihn kennen ausbreitet – auf die, denen er Leid zugefügt hat und herzlos behandelt hat und arglistig, und auf die, die ihn fürchten und verabscheuen. Seine Freude ist ansteckend – er bittet um Vergebung und sie wird ihm offenherzig gewährt. Er teilt ein Stück von sich selbst durch Geschenke und Taten voller Nächstenliebe, die eines Adligen würdig wären. Seine Liebe lässt sich nicht eingrenzen. Dies lässt sich mit der mächtigen Herzenswandlung vergleichen, die diejenigen erfahren, die die Fülle des Evangeliums in ihrem Leben annehmen, die eine Verbindung zu ihrem himmlischen Vater herstellen und die zur Erkenntnis ihrer Stellung als Kind Gottes gelangen.

Hoffnung für alle Scrooges der Welt

Gibt es für die Scrooges der Welt Hoffnung? Ja. Diese Hoffnung kommt durch Jesus Christus, dessen Mission lebensverändernd war. Seine Geschichte sollte nicht nur einmal pro Jahr erzählt werden und dann bis zum nächsten Jahr in Vergessenheit geraten. Seine Geschichte ist die einer immerwährenden Hoffnung, die bei denen dauerhafte Veränderung bewirkt, die ihn suchen. Und auch wenn wir ab und zu einen Rückschlag erleiden, ist das Sühnopfer ein Versprechen, das mit einer reinigenden Macht, ungleich jeder anderen, über die Erde fegen wird. Dies ist das Versprechen der vergangenen Weihnacht, der gegenwärtigen Weihnacht und der zukünftigen Weihnacht.

Für diejenigen unter uns, die den Schmerz spüren, der durch die Scrooges um uns herum verursacht wird, ich habe keine Zweifel daran, dass sie sich ändern können. Es mag das ganze Leben dauern, aber es wird geschehen. Während wir warten, stellt sich in unserem Herzen die Frage – lassen wir es zu, dass sie sich ändern? Werden wir an ihre Aufrichtigkeit glauben? Werden wir ihnen vergeben? Sich den Antworten zu stellen kann schwieriger sein, weil es beinhaltet, in eine Richtung zu gehen, die unbequem werden könnte – eine Wandlung im Herzen des Opfers zum Täter hin. In der Andacht nächste Woche werden wir den dunklen Weg entlang zum Licht gehen, das der Erlöser für uns bereithält.


Dieser Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt von Kristina Vogt. Hier im Original von Nanette O’Neal: ldsblogs.com.

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