Was wäre gewesen, wenn? Es ist eine Frage, die wir uns alle hin und wieder stellen.

„Was wäre, wenn ich diese Person geheiratet hätte?”

„Was, wenn ich zur Universität gegangen wäre?”

„Was wäre, wenn ich den Job bekommen hätte, den ich so sehr wollte?”

„Was, wenn ich nicht krank geworden wäre?”

Was wäre dann geschehen…..?

Es ist eine Frage, mit der wir uns den ganzen Tag im Kreis drehen können. Wenn wir nicht vorsichtig sind, wird sie zu einer Frage, die uns in der Vergangenheit festhält, anstatt uns für die Gegenwart zu motivieren. Also, wie entfernt man sich nun von dem „Was wäre, wenn?” hin zu dem, „was ist”, und findet damit Freude im Leben? Es ist nicht leicht und geschieht auch nicht in einem Augenblick, aber nachdem ich über ein Jahrzehnt im Rollstuhl verbracht habe, folgt nun, was ich gelernt habe.

Albträume können Wirklichkeit sein

Das war ich: Das Mädchen, das Gymnastik liebt und auf dem Rücken eines galoppierenden Pferdes tanzt. Diese Sportart heißt Voltigier-Reiten, und ich habe mich sehr jung in sie verliebt. Ich habe 10 Jahre Voltigier-Reiten für den internationalen Wettbewerb trainiert. Zu dieser Zeit war ich ebenfalls Ballerina, turnte, war Cheerleader und außerdem Mitglied im Tauchteam meiner High School. Ich betrachtete mich als Athletin und Reiterin.

Am 21. Juni 2005 trainierte ich mit meinem Voltigier-Team. Es gab ein Missverständnis zwischen mir und meinem Partner auf dem Pferd. Ich setzte zu einer Figur in der Luft an und traf meinen Partner dabei mit meinem Bein. Dies veränderte meine Drehung in der Luft. Ich landete in einer Position, die mir das Kreuz brach und mein Rückenmark durchtrennte. Seitdem bin ich von der Hüfte abwärts gelähmt. Meine Zukunftsträume waren zerstört. Mein Leben änderte sich drastisch.

Ich erinnere mich, dass ich kurz nach meiner ersten Operation Albträume hatte. In den Träumen lief ich herum und unternahm Dinge mit meiner Familie und Freunden und dann, plötzlich, fror ich ein, meine Beine versagten ihren Dienst und ich war meinem Schicksal überlassen. Ich wachte auf. Meine Familie saß neben mir am Bett und ich fragte „Warum sind wir hier?”, in der Hoffnung, eine andere Antwort zu bekommen als die Wahrheit. Ich hoffte, sie würden antworten: „Oh, du hast dir ein Bein gebrochen, Cambry,” oder „Du hast eine richtig schlimme Lebensmittelvergiftung.” Ich wollte etwas anderes als die Wahrheit hören. Ich wollte, dass meine Lähmung ein Albtraum wäre, aus dem ich aufwachen könnte.

Cambry im Krankenhaus

Konnte ich aber nicht. Dieser Albtraum war meine Realität.

Ich erinnere mich an die erste Woche Krankengymnastik; ich saß auf einer Matte, versuchte das Gleichgewicht zu halten und dachte „Vor einer Woche habe ich noch Handstand auf dem Rücken eines galoppierenden Pferdes gemacht und jetzt bin ich hier; ich kann nicht mal alleine sitzen. Wer bin ich? Ich bin nicht Cambry Kaylor. Ich bin die verkrüppelte Version von etwas, was ich mal war.”

Gedanken wie „Wer will jetzt noch mit mir befreundet sein?”, „Wer will jetzt noch mit mir ausgehen?” kamen mir in den Sinn. Ich dachte: „Sicherlich niemand, der mich als Querschnittsgelähmte kennt.”

Ich wollte mein altes Leben wieder. Dazu, so fühlte ich, musste ich wieder laufen können.

Du musst nicht laufen können, um zu leben

Die Ärzte sagten, es wäre unmöglich, dass ich wieder laufen könnte. Gleichzeitig suchten Forscher nach Möglichkeiten, mein Rückenmark zu heilen. Aber ich war fest entschlossen. Ich wollte meine Freunde treffen und mit ihnen auf einer Augenhöhe sein. Also forschte ich nach und fand einen Personal Trainer, der Querschnittsgelähmten beibringt zu „laufen”, mit Hilfe von Stützen und Krücken. Ich habe fast zwei Jahre damit verbracht, wieder laufen zu lernen. Zu meiner besten Zeit konnte ich etwa 15 Meter in 5 Minuten laufen. Als Studentin, die von einem Klassenraum zum nächsten muss, kannst du dir sicher vorstellen, wie ineffektiv das war. Ich musste Mittagsschläfchen halten, um genügend Energie zum Laufen zu haben. Ich sagte soziale Treffen und Verabredungen mit meinen Freunden ab, aus Angst sie zu bremsen, und ich wollte keine Belastung sein.

Es war ein zusätzliches Risiko wenn ich „lief”, weil die Gefahr groß war, dass ich hinfallen und meine Arme verletzen könnte – die einzigen Extremitäten, die ich noch gebrauchen konnte. Eines Tages dachte ich endlich „Was mache ich eigentlich? Das bringt mir überhaupt keine Freude. Und ich habe mein altes Leben ganz bestimmt nicht wieder. Was mache ich hier?”

In diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich nicht laufen muss, um glücklich zu sein.Tatsächlich war es das „Laufen”, das mich richtig unglücklich machte. Ich akzeptierte nach und nach, dass ich mein altes Leben nie zurückhaben kann. Ich konnte ein neues Leben voller Freude neu gestalten.

Neue Realitäten können auch glücklich machen

Glücklichsein. Das, wonach ich die ganze Zeit suchte. Glücklichsein ist nicht davon abhängig, ob ich laufen kann oder nicht. Um Glücklichsein in meiner neuen Realität zu finden, ging ich zurück an den Ort, der mich am glücklichsten machte: in den Pferdestall.

Ich wusste so viel über das Voltigier-Reiten und entschloss mich, Coach zu werden. Ich dachte, wenn ich anderen dabei helfe, auf dem Rücken eines trabenden Pferdes zu tanzen und Gymnastik zu machen, dann kann ich diesen Teil meiner Identität so befriedigen. Und zum Teil tat es das auch.

Cambry und ihr neues Leben

Ich bin selbst kaum aufs Pferd gestiegen aus Angst, dass ich dann nichts machen kann. Aber eines Tages ist der Reitpartner meiner Mutter nicht erschienen und sie fragte mich, ob ich das Pferd abreiten könnte. Ich sagte Ja, obwohl ich Angst davor hatte runterzufallen oder blöd auszusehen, weil ich das Pferd nicht dazu bekomme sich zu bewegen. Trotz meiner Ängste stieg ich auf das Pferd. Ich fiel nicht herunter. Wir gingen ein bisschen und dann trabten wir. Und ich war auf Wolke Sieben.

Ich dachte: „Dieser Teil von mir ist zurückgekommen”, und ich war so fröhlich. Bis die Angst sich wieder bemerkbar machte und ich anfing zu glauben, dass es eine Ausnahme sei. Ich musste mich vergewissern, dass ich mir das nicht nur eingebildet hatte und dass ich tatsächlich wieder auf ein Pferd steigen und reiten konnte.

Ich kann schwere Dinge tun

An diesem Nachmittag ließ ich es nicht zu, dass meine Angst die Oberhand gewann. Meine Mutter war irgendwo in einem Gespräch mit Freunden verwickelt und ihr Trainer war schon weg, aber ich war entschlossen, wieder auf dieses Pferd zu steigen, mit oder ohne Hilfe. Also suchte ich ganz allein alles zusammen, was ich im Stall finden konnte, um das Pferd fertig zu machen, sodass ich es reiten konnte. Ich konnte nicht aufstehen, deswegen benutzte ich eine Heugabel, um den Sattel aus dem oberen Fach des Regals zu holen. Mit Hilfe der Heugabel sattelte ich das Pferd. Es war niemand dort, der mir aufs Pferd helfen konnte. Also führte ich es zu einem Zaun, kletterte langsam daran hoch, mit den Beinen in der Luft baumelnd, bis ich mich schließlich auf das Pferd hieven konnte. Es war nicht leicht. Es war nicht schön. Aber ich habe es geschafft. Und darum ging es.

An diesem Tag lernte ich, dass ich Schwieriges schaffen kann. Ich kann schwere Dinge tun, indem ich die Kräfte und Fähigkeiten nutze, die mir zur Verfügung stehen. Nur weil ich im Rollstuhl sitze, heißt das noch lange nicht, dass ich schwere Dinge nicht tun kann. Es bedeutet, dass ich sie anders tue, und daran ist nichts auszusetzen.

Humor in schweren Dingen finden

Eine weitere Lektion, die ich nach 11 Jahren im Rollstuhl gelernt habe, ist, dass man manchmal nichts machen kann außer zu lachen. Als Querschnittsgelähmte habe ich viele unangenehme Erlebnisse. Ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde, ist, dass ich im Anatomie-Unterricht an der Universität in einen Kadaver gefallen bin. Ja, in einen Kadaver reingefallen!  Obwohl es in dem Moment furchtbar war – und absolut demütigend – konnte ich ein paar Monate später darüber lachen. Sei nicht so ernst. Finde Humor in den schwierigen und unangenehmen Erlebnissen, mit denen du konfrontiert wirst. So werden sie immer ein Lächeln in dein Gesicht und in dein Herz zaubern.

Nicht aufgeben

Du kannst immer wieder aufs Pferd steigen

Bei der ersten Begegnung stellen Leute oft viele Fragen wie:

„Wurdest du so geboren?”

„Wie wurdest du verletzt?”

„Kannst du Auto fahren?”

„Kannst du alleine wohnen?”

„Vermisst du die Turnübungen auf einem Pferderücken?”

Meine Antworten sind normalerweise sehr direkt: „Nein”, „Reitsport- Unfall”, „Ja”, „Ja”, „Ich vermisse Voltigier-Reiten sehr.” Und dann kommt diese Frage: „Was wäre, wenn du zu jenem Tag zurückkehren und ihn ändern könntest, sodass du nicht gelähmt wärst? Würdest du es tun?”

Was wäre,wenn…? Da ist es wieder.

Nun hätte eine 18-jährige Cambry geantwortet: „Ja, sofort.” Aber wenn ich auf all die Erlebnisse zurückschaue, die ich seit dem Tag im Jahr 2005 hatte, komme ich nicht mehr so schnell zu einer Antwort. Seit dem Unfall habe ich gelernt, mich so zu lieben und zu akzeptieren wie ich bin, egal wie ich aussehe. Ich habe gelernt, was mich wirklich glücklich macht, und danach zu streben, trotz der Hindernisse, die auf dem Weg dahin liegen. Ich habe gelernt, Humor in schwierigen und unangenehmen Situationen zu haben. Meine Querschnittslähmung hat mich gelehrt, auf das Große Ganze zu schauen und an Gottes Plan zu glauben, anstatt an meinen eigenen.

Also ist meine Antwort heute Nein. Nein, ich würde nicht zurückgehen und was geschehen ist ungeschehen machen. Mit der Querschnittslähmung zu leben hat mich gelehrt, jenseits von „Was wäre, wenn?”  zu leben und voller Freude im „Was ist” zu leben.

Lass es dir gesagt sein, von dem Mädchen, das vom Pferd fiel und wieder auf das Pferd stieg: Du kannst es auch.

Und wenn diese Fragen, die mit „Was wäre, wenn?” beginnen, sich wieder einschleichen, erinnere dich daran wo du warst, wie weit du es gebracht hast, und vergiss nicht, dass Gott einen Plan für dich hat. Und der ist voller Hoffnung.

Hier ist ein Video von Cambry (Englisch).


Cambry Kaylor liebt Pferde und findet Freude an Wettkämpfen im Reitsport. Sie trainiert andere im Voltigier-Reiten – dem Sport ihrer Kindheit. Cambry hat vor Kurzem ihren Master in Beschäftigungstherapie gemacht und hofft, dass sie damit anderen, die wie sie selbst Rückenmark-Verletzungen erlitten haben, helfen kann.

Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt und am 17. November 2016 auf www.lds.org/blog veröffentlicht. Der Autor ist Cambry Kaylor. Übersetzt von Maren Leit.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) lernen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org