… und wie wir sie vermeiden können

Wir reagieren alle manchmal wegen verschiedener Dinge gereizt und ungeduldig auf unsere Familienmitglieder (und andere). Ein Kind räumt seine Kleidung nicht weg. Ein Ehepartner vernachlässigt unsere Bedürfnisse. Ein Nachbar veranstaltet laute Partys. Die Möglichkeiten uns zu ärgern und uns in Wutausbrüche hineinzusteigern sind grenzenlos.

Was haben alle Wutausbrüche gemeinsam? Sie alle haben die eine Botschaft: Du hältst dich nicht an meine Regeln. 

Wir könnten nun darüber sprechen, dass es etwas ganz Natürliches ist, dass wir wütend werden, wenn der andere nicht tut, was er tun soll. Wenn eine Tochter ihr Zimmer nicht aufräumt oder ein Sohn ein Plätzchen stiehlt, ist es ganz natürlich, dass wir uns darüber ärgern. Wenn wir demjenigen dann drohen und ihn ausschimpfen, fühlen wir uns vielleicht wie ein Kreuzfahrer mit heiliger Mission.

Aber Wut herauszulassen ist nicht zielführend. Wut motiviert nicht zu der Art Veränderung, die eigentlich unser Ziel ist.

Vielleicht erreichen wir, dass unsere Regeln befolgt werden. Das Mädchen stopft dann vielleicht die ganzen Kleidungsstücke in ihren Kleiderschrank und der Junge verheimlicht, dass er etwas gestohlen hat. Aber wir gewinnen so keine Kooperation. Wir erreichen keinen Herzenswandel. Ganz im Gegenteil. Wir verletzen Herzen. Wir schaffen Distanz und negative Gefühle. Die Botschaft, die wir durch solche Taten senden, ist, dass wir den anderen nur schätzen, wenn er Dinge auf „meine Art und Weise” erledigt.

Einer meiner stolzeren Momente

Ich erinnere mich an einen Abend, an dem mein Sohn die Fingerfarben fand, während ich nicht aufpasste. Meine Frau Nancy war bei einer Veranstaltung. Eifrig verteilte er die ganzen Farben auf unserem neuen Teppich und schuf ein atemberaubendes Kunstwerk. Als ich seine Schöpfung sah, hätte ich vor allem auf den Schaden und Unannehmlichkeiten eingehen können. Ich hätte wütend werden, eine Strafpredigt halten und ihn bestrafen können.

Ich tat dies allerdings nicht. Wutausbrüche waren nicht die Lösung. Vielleicht liegt das daran, dass ich Andy so sehr liebe und wusste, dass er das nicht böswillig getan hatte. Ich sagte nur: „Was für spektakuläre Farben!” Und Andy strahlte.

Dann erklärte ich: „Siehst du das Papier in der Schachtel mit den Fingerfarben? Normalerweise malen wir auf dieses besondere Papier, damit wir dein Kunstwerk an den Kühlschrank hängen und es Oma zeigen können.” Seine Augen fingen an zu leuchten: „Oh!”

„Wenn wir aber auf den Teppich malen, werden die anderen darauf treten und es gibt eine Schweinerei. Hilfst du mir dabei, den Teppich von den Farben zu reinigen? Dann kannst du auf dem Spezialpapier weitermachen.”

„Klar, Papa!”

Wir reinigten den Teppich und Andy schuf ein neues Kunstwerk – dieses Mal auf dem Papier. Er malte nie wieder auf den Teppich.

Ich wünschte, ich könnte behaupten, dass ich immer so liebevoll reagiere und Wutausbrüche nicht zu meinem Repertoire gehören. Zu oft aber habe ich schon Nancy die Schuld gegeben oder den Kindern eine Strafpredigt gehalten und sie bestraft. Und das tut mir leid.

Wutausbrüche schaden unseren Beziehungen und unserer Gesundheit

Die Forschung zeigt uns klar und deutlich, dass Wutausbrüche schlecht für unsere Gesundheit sind; und schlecht für unsere Beziehungen. Sie verletzen und beleidigen die Menschen, die uns am meisten bedeuten. Wut rauslassen lässt uns auch zu Dummköpfen werden – sie schränkt unsere Gedankengänge ein und schaltet unser Mitgefühl aus. Die meisten von uns sind nicht gerade unser bestes Selbst, wenn unser Verstand, unser Herz und unsere Seele ausgeschaltet sind und vom Reptilienhirn gelenkt werden.

Jemand hat einmal gesagt: „Wut tötet”. Sie schadet unserem Herzen und unseren Beziehungen!

Weil wir unsere Wut automatisiert haben, bemerken wir meist nicht, dass Wutausbrüche keine notwendige Reaktion in einer gegebenen Situation sind. Sie sind das Ergebnis unserer Interpretation. Wir bemerken vielleicht nicht einmal, dass wir auch auf einen Wutausbruch verzichten könnten. Wir können uns jedoch bewusst gegen Wutausbrüche entscheiden. Beispielsweise vergeben wir unbedachte Worte, wenn sie von wohlmeinenden Freunden kommen. Wir lassen jemanden sich vordrängeln im Verkehr, weil wir uns gerade danach fühlen oder der andere uns sympathisch war.

Depersonalisierung macht Wutausbrüche leichter

Einer der vielen Risiken unserer Zeit ist, dass es so einfach ist, einen anderen zu depersonalisieren. Anstelle des Nachbarn nebenan, durch den wir wachsen und an dem wir zu kämpfen haben, erleben wir viele Menschen als Zeichentrickfiguren im Fernsehen oder als anonyme Feinde, die Autos im Verkehr steuern. Es ist leicht, auf depersonalisierte Menschen zu reagieren – gegen Fremde und Feinde.

Für unsere Wut haben wir alle bestimmte Auslöser – Kleinigkeiten, die etwas in Gang setzen. Jemand, der uns herablassend behandelt. Jemand, der sich im Verkehr vordrängelt – oder im Supermarkt. Jemand, der eine Regel bricht.

Statt ein Kind zu sehen, das einen Fehler macht und mit Herausforderungen zu kämpfen hat, sehen wir einen Rebellen, ein Problem, eine Nervensäge. Wir haben weder Verständnis noch Mitgefühl für den Täter.

Der Herr äußert sich unmissverständlich über Wut:

„Wer auch immer seinem Bruder zürnt, dem droht sein Strafgericht. Und wer auch immer Hohlkopf zu seinem Bruder sagt, dem droht der Rat; und wer auch immer sagt: Du Narr, dem droht das höllische Feuer.” (3 Nephi 12:22)

Jesus lehrte, dass was wir einem anderen tun, wir Jesus zufügen. Es ist schwer, sich vorzustellen, dass Jesus Wutausbrüche, eine Strafpredigt oder ein Ausschimpfen hevorrufen könnte. Präsident Monson lehrte:

„Nehmen Sie ein Problem, das zu lösen ist, nie wichtiger als einen Menschen, der zu lieben ist.”

Verärgerung

Ohne Zweifel dürfen wir verärgert sein. Es kam vor, dass Geldwechsler aus dem Tempel vertrieben werden mussten und dem Bösen die Stirn geboten werden musste. Aber verärgert zu sein ist nicht das gleiche wie Wutausbrüche zu haben. Dazu gehören durchdachte und nicht kopflose Handlungen. Verärgerung gründet sich auf der Liebe zu Gutem statt auf einem Angriff, dessen Motiv das Herauslassen von Wut ist. Gott genehmigt Zurechtweisung nur dann, wenn sie vom Heiligen Geist angetrieben ist und wenn wir bereit sind, die Beziehung zu erneuern, indem wir anschließend vermehrte Liebe erweisen (vgl. LuB 121: 43,44).

Was können wir tun, um zu verhindern, dass unsere Wut uns als Geisel nimmt? Denke einmal über folgende Vorschläge nach, und schau, ob einer davon nicht etwas für dich ist.

  1. Wir können Frieden und Mitgefühl in unserem Herzen bewahren. Was hilft dir, nagende Unzufriedenheit aus deiner Seele zu drängen? Was bringt dir Frieden?
  2. Wir können Gereiztheit als Einladung erkennen, unsere Absichten beiseite zu legen und in den Verstand und das Herz der Person einzudringen, die uns irritiert. Wie kannst du dich selbst „umprogrammieren”, um auf Irritationen anders zu reagieren?
  3. Wir können uns überlegen, wie wir Jesus gegenüber reagieren würden. Wie können wir Jesus in anderen erkennen?
  4. Wir können für die Gnade des Himmels beten. „Oh Jesus, Sohn Gottes, sei mir gnädig.”
  5. Wir können mit Problemen auf positive und gesunde Art und Weise umgehen – solange wir nicht wütend sind.

Auf Wutausbrüche zu verzichten, wird nicht nur positiven Einfluss auf Beziehungen haben. Es wird dein Wohlbefinden stärken.

Einladung:

Wenn du das nächste Mal vor einem deiner Wutausbrüche stehst, halte erst einmal inne. Reflektiere über deine Mutmaßungen. Bitte den Himmel um Hilfe. Finde eine Möglichkeit, Probleme auf einladende Art und Weise statt voller Wut zu diskutieren.


Wally Goddard ist Professor and der Universität von Arkansas. Er arbeitet im Bereich Familienforschung und entwickelt Programme zum persönlichen Wohlergehen, zum Thema Ehe und Elternschaft. Er ist Autor und Koautor mehrerer Bücher. Neue Ideen stellt er auf seinem englischsprachigen Blog www.DrWally.org vor. Er hat bereits mehrere Auszeichnungen für seine Arbeiten erhalten. Wally und seine Frau Nancy sind Eltern dreier erwachsener Kinder. Sie haben neun Enkel und haben sich in ihrer 36-jährigen Ehe um mehr als 20 Pflegekinder gekümmert. Wally beschreibt Nancy als den besten Menschen, den er jemals gekannt hat. 

Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt. Er wurde ursprünglich am 30.9.19  auf latterdaysaintmag.com unter dem Titel „Why Anger Doesn’t Work” veröffentlicht. Der Autor ist Wallace Goddard. Übersetzt von Kristina Vogt. 

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage wissen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: kommzuchristus.org und kirche-jesu-christi.org.

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