Eines der vielen Dinge, die wir im Leben als selbstverständlich annehmen – wie beispielsweise auch, einen weiteren Atemzug zu machen – ist die Möglichkeit, von Moment zu Moment zu entscheiden, was wir tun möchten. Wenn uns jemand diese Möglichkeit nimmt, fühlen wir uns automatisch ungerecht behandelt; als ob uns etwas genommen worden wäre, was uns zusteht. Eine Wahl treffen zu können, gibt uns Macht.

Ursprung von Wahlmöglichkeiten

Was Gott am meisten Leid bereitet ist, wenn wir unsere Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, missbrauchen; dennoch war er bereit, unser Recht darauf, eigene Entscheidungen zu treffen, zu verteidigen; aber es kostete einen hohen Preis.

Im Rat im Himmel, der bevor wir auf die Erde kamen stattfand und in dem der Vater uns den Plan vorstellte,  wie wir Fortschritt machen und glücklich sein könnten, wurde Christus dazu bestimmt, den Plan Gottes zu verwirklichen. Aber Christus hatte in diesem Rat einen Gegner. Luzifer, der auch ein Sohn Gottes war, ergriff das Wort und sagte, dass wenn wir den Plan Gottes annehmen würden, viele von uns wegen unserer schlechten Entscheidungen in der Sterblichkeit verloren gehen würden. Luzifer versicherte, dass wenn Gott seinen Thron als Oberhaupt der Familie aufgäbe, keine Seele verloren gehen würde und alle Kinder Gottes zu ihm zurückkehren würden. Der Preis dafür wäre jedoch der Verlust unserer Entscheidungsfreiheit, unserer Fähigkeit, eigene Entscheidungen zu treffen; und dafür, dass er die Last auf sich nehmen würde, jede einzelne Seele zu retten, müsste Gott bereit sein, Luzifer die ganze Ehre zu überlassen.der Beschluss der Entscheidungsfreiheit

Als der Vater dennoch Christus dazu bestimmte, den ursprünglichen Plan auszuführen, rebellierten Luzifer und seine Anhänger und es gab Krieg. Michael, eines der tapfersten Kinder Gottes (der später Adam wurde), führte den Kampf an und Luzifer und seine Anhänger wurden aus dem Himmel auf die Erde ausgestoßen und wurden zu Satan und seinen Engeln. Gott verlor ein Drittel seiner ganzen Familie wegen dieser Entscheidung, die garantierte, dass wir nie die Fähigkeit verlieren würden, unsere eigenen Entscheidungen zu treffen.

Warum ist unsere Entscheidungsfreiheit so wichtig? Erinnert euch an das Ziel Gottes; in Mose 1:39 sagte er zu Mose, dass sein Werk und seiner Herrlichkeit darin bestünden, unsere Unsterblichkeit und unser ewiges Leben zustande zu bringen. Ewiges Leben meint das Leben, wie Gott es lebt. Anders gesagt bedeutet das, dass der Zweck von allem, was er tut, darin besteht, dass seine Kinder aufwachsen und so werden, wie er, haben was er hat und tun, was er tut. Das ist sein einziger Zweck und der Grund für alles, was er tut; alles ist für uns. Uns gehört seine Liebe und Hingabe, seine ganze Aufmerksamkeit. Der einzige Zweck in der Herrschaft des Universums besteht darin, die Erhöhung seiner Kinder zustande zu bringen. Das ist wahre göttliche Liebe.

Wundert es uns da, dass Gott Vater und Jesus Christus bereit waren, jedes Opfer zu bringen, das nötig war, um sicherzustellen, dass wir die Fähigkeit hätten, unsere eigenen Entscheidungen zu treffen – obwohl das bedeutete, dass ein Drittel der Kinder Gottes ihre Freiheit zu ihrer eigenen Vernichtung gebrauchte? Sie lehnten den Plan des Vaters, der zu ihrer Erhöhung führen sollte, ab. Dieser Plan ermöglichte es den anderen, auf die Erde zu kommen und sich zu bewähren und eines Tages zu Gott zurückzukehren. Gott wird niemals in unsere Entscheidungsfreiheit eingreifen, aber genauso wenig wird er uns vor den Konsequenzen unserer Handlungen bewahren. Diese sind Teil unseres Reifungsprozesses, der Sterblichkeit.

Gott und Jesus Christus

Der Prophet Lehi belehrte seinen Sohn Jakob als er im Sterben lag darüber, wie wichtig ein Gegensatz in allem sei (2. Nephi 2: 5-30). Damit wir reif werden und so wie Gott werden, gibt es ein ewiges Gesetz: Gegensätze in allen Dingen. Es ist zwingend notwendig, dass alles einen Gegensatz hat: Gut und Böse, Licht und Dunkelheit, Glück und Elend, Gesundheit und Krankheit. Denk einmal darüber nach; wenn man nicht immer auch das Gegenteil wählen könnte, könnten wir niemals all die Lektionen lernen, die mit dieser Wahl und den Konsequenzen einhergehen. Hierbei handelt es sich um die grundlegenden Lehren der Mündigkeit. Es geht um Dinge, die wir jahrzehntelang versuchen, unseren Kindern beizubringen; denn lernen wir nicht, weise Entscheidungen zu treffen, resultiert daraus immer Kummer. Wahre Freude kommt nur dadurch, dass wir uns weise für die richtigen Dinge entscheiden. Bei dem Kampf im Himmel ging es genau darum: das Prinzip, die Wahl zu haben und dazu fähig zu sein, Entscheidungen zu treffen.

Auf der Erde

Übertragen wir das nun auf die Erde, sehen wir, dass dieser Kampf auch heute noch geführt wird. Gott sagt uns zu, dass wenn wir seine Gebote befolgen, seinem Gesetz des Glücklichseins Folge leisten, wir Zufriedenheit finden werden. Im Gegensatz dazu sagt uns Satan, dass wenn wir uns letztendlich für alles andere als Gottes Gebote entscheiden, wir wahrhaft glücklich sein werden und wir Nervenkitzel, Spannung und Freude erfahren werden!

Aber alles, was irgendwie als Höhepunkt anfängt, wird immer irgendwann zu einer Art Sucht. Und Süchte rauben uns naturgemäß die Fähigkeit, unsere eigenen Entscheidungen zu treffen. Sucht ist immer eine Art Sklaverei – und das ist genau das, was Satan von Anfang an wollte. Für Satan kommt nun aber noch hinzu, dass er nun nicht mehr nur uns auf seine Seite ziehen kann; er kann auch gleichzeitig noch unsere Chance auf Freude durch den Plan Gottes zunichte machen. Für Satan ist das ein doppelter Sieg: Er rächt sich dafür, dass wir ihm nicht gefolgt sind und er bekommt seine Rache dafür, dass Gott ihn im Himmel zurückwies und ihn wegen der versuchten Übernahme im Himmel zu ewigem Leid verdammte.

Sucht Gebet Entscheidungsfreiheit

Ich weiß, dass es nicht nötig ist, aber ich finde, dass es noch einmal gesagt werden muss: So, wie der Plan Satans automatisch eine Art Sklaverei beinhaltete, führen Gottes Gebote zu Wahlfreiheit und einem Zustand ohne Leid. Erinnern wir uns nun daran, dass die Erde ein Testgelände sein soll; hier können wir mit unserer Entscheidungsfreiheit eine Spritztour machen und wir werden jeden Tag unseres Lebens auf den Prüfstand gestellt, um herauszufinden, für wen wir uns schlussendlich entscheiden: für Gott oder Satan. Es gibt keine weiteren Optionen; wenn wir unseren eigenen Wünschen und Launen nachgeben, stimmen wir gewissermaßen für Satans Plan (Matthäus 12:30). Das ist dann gemäß Satans Plan und entspricht einer falschen Vorstellung. Das Erdenleben wurde so eingerichtet, dass es eine vollkommene Balance zwischen Gut und Böse gibt; wir stehen zwischen beidem und können uns entweder frei entscheiden oder uns von einem der beiden locken lassen. Es gibt keine dritte Möglichkeit.

Der Schleier

Unser erster Gedanke ist vermutlich: „Warum erinnere ich mich nicht an all das? Warum erinnere ich mich nicht daran, was im vorirdischen Leben passiert ist?” Das ist eine gute Frage.  Wenn wir uns noch erinnern würden, könnten wir keine Entscheidungen treffen, die uns unsere wahren Herzenswünsche aufzeigen würden.

Was passiert, wenn direkt neben uns ein Polizeiauto fährt? Fahren wir trotzdem zu schnell? Genauso wäre es auch, wenn uns unsere Beziehung zu Gott völlig bewusst wäre. Das Wissen würde einen großen Einfluss darauf haben, wenn wir uns zwischen Gut und Böse entscheiden müssen. Dieser Schleier des Vergessens ist die einzige Möglichkeit, wie Gott es uns erlauben kann, Entscheidungen zu treffen, die nicht durch die Erinnerung an ihn beeinflusst sind.

Sünde Entscheidungen

Dabei weiß er, dass manche von uns schlechte Entscheidungen treffen werden und Satan so manchen auf seine Seite ziehen wird. Er weiß, dass wir ins Stolpern geraten und hinfallen werden.  Deshalb wurde Christus als Erlöser bestimmt und eingesetzt. Seine Mission bestand darin, eine heilige Handlung zu vollführen (ich nenne es so, aber ich habe keinen Verweis aus den Schriften, wo es auch so genannt wird) – das Sühnopfer. Das Sühnopfer ist eine Bezahlung in großem Stil: Jemand, der ohne Sünde und Strafe ist, bezahlt für die Sünden bzw. nimmt die Sünden eines anderen auf sich. Das wiederum erlaubt demjenigen, den Gesetzesübertretern eigene Zahlungsbedingungen zu stellen.

Entscheidungsfreiheit und das Gesetz

Gott hat uns gesagt, dass wenn es kein Gesetz gibt, es auch keine Strafe gibt (2. Nephi 9:25). Wenn jemand nicht weiß, dass Mord falsch ist, kann er für diese Tat auch nicht verantwortlich gemacht werden. Aus diesem Grund haben wir Gebote. Es gibt mindestens zwei Gründe für Gebote: Zum einen zeigen sie uns die Regeln auf, die, wenn man sich an sie hält, auf lange Sicht zu Zufriedenheit führen werden – sowohl in der Sterblichkeit als auch für die Ewigkeit; des Weiteren geben sie Gott die Möglichkeit, uns gerecht zu richten – es gibt Regeln und entweder leben wir danach oder nicht. Jeder, der also behauptet, dass man alleine durch Glauben an Christus errettet werden kann, kennt entweder die Schriften nicht oder macht einem nur etwas vor. Wir können nicht errettet werden, wenn wir die Gebote nicht halten, und die Gebote erfordern Arbeit und dass wir unser Verhalten ändern.

Der Herr sagt in den Schriften immer und immer wieder, dass man durch die Werke erkennen kann, ob jemand gut oder böse ist. Wenn am Tag des Gerichts in die Bücher geschaut wird, werden wir vor allem anhand unserer Werke gerichtet. Werke allein können uns nicht erretten, aber man kann auch nicht sagen, dass sie für die Errettung irrelevant sind. Zum Schluss wird es die Gnade Gottes sein, die sich durch das Sühnopfer Christi äußert, die uns errettet; Gott verlangt von uns aber, dass wir tun, was wir können, um unsere Wertschätzung dieser Gnade zu zeigen. Dass wir es zu schätzen wissen, zeigen wir durch unseren Gehorsam gegenüber den Geboten Gottes. Jeder, der sagt, dass es Errettung einfach so gäbe und es keiner eigenen Anstrengung bedürfe, ist ein Schwindler.

Zum Abschluss

Diese moralische Entscheidungsfreiheit können wir, wie auch den nächsten Atemzug, stillschweigend voraussetzen. Gott Vater hat dafür gesorgt. Diese Möglichkeit, frei zu entscheiden, ist jedoch nicht völlig „frei”. Diese Entscheidungsfreiheit kostete einen Preis; es kostete ein Drittel unserer Familie, sie zu behalten. Aber weil wir sie haben, können wir durch Umkehr und das Sühnopfer Christi zu unserem himmlischen Vater zurückkehren und wieder in seiner Gegenwart leben; und all unsere vielen Sünden werden vergeben. Die Gabe der Entscheidungsfreiheit lässt uns unseren Herzenswunsch, mit ihm zusammen zu sein und so zu leben wie er, erkennen. An jenem Tag werden wir wissen, dass dieses „Testgelände” nicht Gott nutzen sollte, sondern uns. Indem wir uns dazu entschließen, nach den Gesetzen des Glücklichseins – den Geboten – zu leben, beweisen wir sowohl uns selbst als auch dem himmlischen Vater, dass alles, was wir jemals wollten, ist, glücklich zu sein, und dass wir bereit sind, unsere Entscheidungen entsprechend zu treffen, egal wie schwierig es ist, unser Recht auf dieses Glück zu verteidigen.


Kelly P. Merrill

Kelly Merrill ist Vorruheständler und schreibt für mormonbasics.com. Er und seine Frau leben in Idaho. Eine seiner Stärken besteht darin, Themen, die schwierig zu verstehen sind, in verständliche Teile zu unterteilen. Über das Evangelium Christi zu schreiben, bereitet ihm große Freude. Darüber zu schreiben ist für ihn sein Beitrag zur Missionsarbeit – für Mitglieder und für diejenigen, die anderen Glaubens sind, aber mehr über das Evangelium Christi und seine Kirche wissen möchten.

Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt und am 12.10.15  auf ldsblogs.com unter dem Titel „Agency- Our Right To Choose” veröffentlicht. Der Autor ist Kelly P. Merrill. Übersetzt von Kristina Vogt.

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