Ich habe vor einiger Zeit jemanden sagen hören: „Die Leute finden es okay, wenn du deine eigene Meinung hast – solange es auch ihre ist.”

Damals hat der Satz einen starken Eindruck bei mir hinterlassen. Er hallte in letzter Zeit immer in meinem Hinterkopf wider; in der jüngsten Wahl-Saison hörte ich Worte des Verachtung, der Bosheit und Wut auf beiden Seiten des politischen Spektrums.

Komisch, wenn man bedenkt, dass wir in einer Zeit leben, in der Toleranz mehr gefeiert und gepriesen wird denn je; trotzdem werden die Menschen immer intoleranter.

Toleranz bedeutet nicht, dass man jemanden toleriert, der die gleiche Meinung hat. Denn das ist einfach. Das kann jeder.

Toleranz bedeutet, dass du respektvoll und nett zu Leuten bist, die Meinungen haben, mit denen du nicht übereinstimmst. Die Definition von Toleranz schließt Leute aus, mit denen du bereits einer Meinung bist – sie gilt für Leute, mit denen deine Überzeugungen nicht übereinstimmen; dadurch entsteht ja erst ein Bedarf an Toleranz.

Republikaner und Demokraten reichen sich die Hand

Toleranz bedeutet nicht etwas zu billigen oder gutzuheißen; es bedeutet einfach, dass man mit anderen Menschen in Frieden lebt und ihnen freundlich gegenüber ist, auch wenn sie sich nicht nach deiner Meinung richten. Es bedeutet harmonisch und liebevoll statt hasserfüllt und streitsüchtig zu sein.

Ich will gar nicht erst anfangen zu zählen, wie viele Posts ich in den Sozialen Medien gesehen habe, von Leuten, die andere verurteilen, weil sie jemanden von der anderen Partei gewählt haben. Das Ausmaß an Beschimpfungen, Flüchen, Herabsetzungen und Hassbotschaften, das ich dabei gesehen habe, macht mich krank, wenn ich nur daran denke.

Das ist für mich das Gegenteil von Toleranz. Als ich die Definition für Toleranz auf Google gesucht habe, habe ich nirgendwo Ausdrücke wie „herabsetzen”, „Mobbing”, „beschämen” gesehen oder „Entwürdigung derer, die Dinge anders sehen als du” gelesen. Vielleicht habe ich es übersehen, wer weiß.

Toleranz vs. Akzeptanz

Dallin H. Oaks sprach 2011 bei einer CES-Andacht  „Wahrheit und Toleranz” über ein Beispiel von Toleranz anhand der Geschichte aus dem Neuen Testament von Jesus und der Ehebrecherin.

Als er der Frau gegenüberstand, die beim Ehebruch ertappt worden war, sprach Jesus tröstende Worte voller Toleranz: „Auch ich verurteile dich nicht.“ Und als er sie dann fortschickte, sprach er gebieterisch die Worte voller Wahrheit: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ (Johannes 8:11.) Wir alle sollten uns von diesem Beispiel, wie man sowohl tolerant ist als auch die Wahrheit spricht, aufrichten und bestärken lassen: freundlich in der Formulierung, doch fest in der Wahrheit.

Elder Oaks weist uns darauf hin, dass die Stimme des Heilands nicht eine Stimme des Gutheißens war, aber eine voller Toleranz. Christus liebte diese Frau als ein Kind Gottes und konnte ihren Wert und ihr Potential erkennen. Trotz seiner liebevollen Stimme ist es eindeutig, dass er ihr sündhaftes Verhalten nicht rechtfertigt oder entschuldigt.

Der Erlöser hatte keine Angst, die Wahrheit hervorzuheben. Aber er tat es auf eine Weise, die nichts mit Hass oder Erniedrigung zu tun hatte. Seine Art zu kommunizieren war immer voller Liebe und Respekt – welche der Kern der Toleranz sind.

Elder Oaks’ Ermahnung ähnlich, dass wir tolerant, aber der Wahrheit treu bleiben sollen, ist der Rat von Elder Holland auf einer Generalkonferenz-Versammlung.

Seid stark. Lebt treu nach dem Evangelium, auch wenn andere um euch herum es überhaupt nicht tun. Verteidigt eure Überzeugung höflich und einfühlsam, aber verteidigt sie.” (Elder Holland 2014)

Ich kann nicht genug betonen, dass tolerant zu sein nicht bedeutet mit etwas übereinzustimmen. Es bedeutet nicht, etwas zu akzeptieren und damit einverstanden zu sein. Es bedeutet eher höflich und mitfühlend zu sein. Wir müssen verteidigen an was wir glauben, aber wir müssen es mit Güte und Liebe tun.

Höflichkeit hat kein Ablaufdatum

Vor kurzem erzählte mir jemand etwas, das mich verblüfft hat. Wir haben über die Wahlen geredet. Unsere favorisierten Präsidentschaftskandidaten waren unterschiedlich. Ich sagte, dass ich glaube, dass Leute unterschiedlicher Meinung und trotzdem liebevoll miteinander sein können. Sie antwortete hastig: „Dies ist nicht die Zeit der Höflichkeit. Diese Zeit ist vorbei.”

Ich war schockiert. Die Zeit der Höflichkeit ist vorbei? Ich verstehe ja, dass Menschen nicht immer der gleichen Meinung sind, aber ich kann einfach nicht der Vorstellung, Höflichkeit sei bedingt und vergänglich, zustimmen.

Meiner Auffassung nach ist es einfach: Es gibt keine Rechtfertigung, jemanden zu hassen, zu entwürdigen oder zu schmähen. Das ist nicht die Weise des Herrn.

Intoleranz in einer "toleranten" Welt. - Toleranz

Christus hat uns geboten andere zu lieben; die zu segnen, die uns verfluchen. Und ich gebe gern zu, dass ich weit davon entfernt bin, darin perfekt zu sein. Es ist nicht so, dass ich jeden Abend niederknie und dafür bete, dass Menschen, die mir gegenüber unfreundlich waren, im Lotto gewinnen.

Aber gleichzeitig habe ich keine Kenntnis – nach allem was ich gelesen habe – davon bekommen, dass Christus unser Verhalten anderen gegenüber an Bedingungen knüpft. Er sagt, wir sollen jeden lieben und andere so behandeln, wie wir behandelt werden wollen. Nirgendwo gab er das Gebot „Sei freundlich…. außer die Person passt dir nicht. Dann kannst du gemein zu ihr sein, weil sie es echt verdient hat.”

Das Großartige am Leben ist, dass wir nicht alle die gleiche Meinung zu jedem Thema haben. Kannst du dir vorstellen wie das wäre? Wie langweilig! Es gäbe keinen Platz für Fortschritt oder Wachstum, wenn wir alle das Gleiche denken würden und niemand unsere Meinungen anzweifeln würde oder Ideen hätte, wie man sie verbessert. Wir müssen sicherstellen, dass wir freundlich sind, wenn wir unsere Unterschiede zum Ausdruck bringen, und Einfühlungsvermögen zeigen, wenn wir anderer Meinung sind.

Wir müssen nicht alles stillschweigend billigen. Wir müssen es nicht akzeptieren oder befürworten. Aber wir müssen liebevoll sein, denn das ist es, was Christus von uns erwartet.

Der Herr wird als jemand beschrieben, der geduldig und nachsichtig ist. Und als seine Nachfolger haben wir versprochen, wie er zu sein.

Das bedeutet, dass wir andere respektieren. Wir sind nicht angriffslustig oder unhöflich. Wir beschämen oder missbrauchen diejenigen nicht, mit denen wir nicht übereinstimmen, egal wie sehr wir denken, dass wir Recht hätten.

Es bedeutet, anderen dabei zu helfen, den Erretter kennenzulernen durch unser Verhalten, sogar und vor allem dann, wenn es herausfordernd und schwer ist für uns.

Denn egal wie schwer es ist oder wie unmöglich es scheint, letzten Endes werden wir ein bisschen mehr wie der Heiland, wenn wir Liebe und Geduld zeigen.

Und das ist eine Herausforderung, die es wert ist.


Amy Keim

Die frisch verheiratete Amy Keim ist Praktikantin bei der More Good Foundation. Sie studiert Englisch mit dem Schwerpunkt Professionelles Schreiben. Sie hat eine Vollzeit-Mission für die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in Denver, Colorado, erfüllt. Dort hat sie die Berge lieben und den Schnee verabscheuen gelernt. Sie hat eine Leidenschaft für Erdnussbutter, schlechtes Tanzen und vor allem für das Evangelium.

Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt und am 4. Dezember 2016 auf www.mormonhub.com veröffentlicht. Autorin ist Amy Keim. Übersetzt von Maren Leit.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) lernen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org