“Wir können Gott nicht wahrhaft lieben, wenn wir unsere Weggefährten auf dieser irdischen Reise nicht ebenfalls lieben.”

Präsident Thomas S. Monson

Wie man mit selbstgerechten Menschen in der Kirche umgeht

Stell dir vor, du sitzt in der Abendmahlsversammlung und ein 12-jähriger Junge denkt plötzlich, dass es doch Spaß machen würde, Angry Birds in voller Lautstärke auf seinem iPad zu spielen.

Was würdest du da machen? Darf man zu dem Jungen etwas sagen? Darf man zu den Eltern etwas sagen? Sollte man sich vielleicht beim Bischof beschweren? Sollte man sich einfach nur freuen, dass der Junge überhaupt da ist, und ihn machen lassen, was er möchte? Wenn dich die Situation stört … bedeutet das, dass du “verurteilend” bist und “selbstrechtschaffen”? Sollten wir uns nur um unsere eigenen Angelegenheiten kümmern, obwohl etwas direkte und negahttp://www.ldssmile.com/wp-content/uploads/2014/08/family-at-church-reverence-580.jpgtive Auswirkungen auf andere hat?

Unabhängig davon, wie man diese Fragen beantwortet, müssen wir uns alle damit anfreunden, dass es nun einmal unentwegt verurteilende Leute in der Kirche gibt… Genau genommen wird es überall, wo man hingeht, verurteilende Menschen geben. Es gibt keine Organisation oder Kirche auf der Welt ohne ständig wertende Menschen. Die eigentliche Frage ist, wie wir mit “all diesen” Kritikern in der Kirche umgehen sollten.

Sind wir beleidigt und kommen nie wieder? Ziehen wir uns zurück und hegen einen heimlichen Groll? Zahlen wir es ihnen heim, indem wir sie “richtend” oder “selbstgerecht” schimpfen?

Es kommt mir so vor, als ob “richtend” und “selbstrechtschaffen” die meistgeäußerten Beleidigungen unter Kirchenmitgliedern sind. Meistens kommt diese Beschuldigung von einem Kirchenmitglied, das sich geärgert hat oder sich durch einen Kommentar, den “Blick” oder die Unterstellung eines anderen Mitglieds beleidigt fühlt.

Einen anderen als “verurteilend” oder “selbstgerecht” zu bezeichnen halte ich für ein interessantes Phänomen. Es scheint die vornehmste Beleidigung zu sein, die ein ehrbares Mitglied einem anderen Kirchenmitglied an don't judge meden Kopf werfen kann, ohne sich nach einem Vollidioten anzuhören. Es klingt fast wie die Erwachsenen-Version von der klassischen kindischen Retourkutsche: “Ich weiß, dass du…bist, aber was bin ich??”

Das ist die Beleidigung, die man immer zurück geben kann. Vielleicht hört man jemanden etwas sagen, das selbstgerecht klingt, und man sagt ihm das. Aber eines Tages, wenn man es am wenigsten erwartet, wird man selber als selbstgerecht bezeichnet, und dann ist man völlig perplex über diesen Vorwurf.

Aber ist man eigentlich nicht selber auch verurteilend, wenn man jemand anders als verurteilend bezeichnet? Kritisiert man nicht die Kritik des anderen aufgrund der eigenen Meinungen und Vorstellungen?

Wird man durch die Betitelung des anderen mit “selbstgerecht” innerlich nicht auch als “selbstgerecht” gebrandmarkt? Bedeutet selbstgerecht nicht, dass man glaubt, dass man “selbst” “gerecht” ist oder dass die eigene Denk- oder Handlungsweise besser ist als die des andern?

Ich hörte von einer wahren Begebenheit, die sich unter Kirchenmitgliedern abspielte: Ein paar Leute hatten sich getroffen, um gemeinsam einen Film ab 13 Jahren anzusehen (weil ja alle Filme ab 13 unbedenklich sind, nicht wahr? Nein.).

Schon am Anfang des Filmes gab es jedoch Szenen, die definitiv nicht für 13-Jährige geeignet waren und auch nicht für 30-Jährige. Ein paar Leute entschlossen sich aufzustehen und zu gehen. Netterweise überlegten sie sich eine Ausrede, um den Gastgeber nicht zu beleidigen…aber irgendwann kam dem Gastgeber zu Ohren, dass diese Leute gegangen waren, weil sie sich mit dem Film nicht wohlgefühlt hatten. Und was tat nun der Gastgeber? Nun…er nannte die, die vom Film weggegangen waren, “selbstrechtschaffen” und “verurteilend”.

Was, wenn das nun der eigene Sohn oder die eigene Tochter gewesen wäre, die mutig genug war “aufzustehen und zu gehen”? Wahrscheinlich würden wir sie als “rechtschaffen” bezeichnen. Aber der Gastgeber des Filmes würde darauf beharren, dass sie selbstgerecht und verurteilend seien! “Sie glauben, dass sie besser sind als ich”, würde er sagen!

In Wirklichkeit ist es also nur eine Frage des Blickwinkels, jemanden als verurteilend einzuschätzen. Eine leere Anschuldigung. Wenn jemand unser Handeln als schlecht darstellt…dann ist unsere erste Reaktion, zu widersprechen und uns zu verteidigen.

Zu Deutsch: “Bring mal den Müll raus!” – So wie wir auch unser Heim sauber halten und den alltäglich anfallenden Müll rausbringen, müssen wir auch manchmal unsere Gedanken filtern.

Nur weil diese Mitglieder sich mit dem Film nicht wohlgefühlt haben…macht sie das nicht irgendwie selbstgerechter als denjenigen, der entscheidet, dass es in Ordnung ist, ihn zu Hause anzuschauen und der dann seine Position verteidigt.

Was den Menschen an Joseph Smith auffiel, war, dass er weder auf Konfrontationskurs ging, wenn andere direkt oder indirekt an ihm herum nörgelten, noch ihnen die Schuld an allem gab, sondern dass er sagte: “Schau noch einmal hin, Bruder, und überlege, ob nicht ein Körnchen Wahrheit an dem ist, was sie behaupten.” Was andere Gutes taten, übernahm er und wandte es an. Was er an Schlechtem an anderen sah, verwarf er.

Anstelle einer spontanen Kurzschlussreaktion können wir uns überlegen, ob es an dem, was gesagt wurde, etwas gibt, worin wir uns verbessern können. Ist nicht jeder von uns auf seine eigene Weise urteilend und selbstgerecht? Jeder denkt doch irgendwann, dass die eigene Art und Weise etwas zu tun die einzig richtige ist.

Kluge Leute “reagieren” nicht auf Dinge, mit denen sie nicht einverstanden sind. Sie verinnerlichen, was geschrieben oder gesagt wurde und analysieren dann, ob etwas davon auf sie zutrifft oder nicht. Sie ziehen Nutzen aus den eigenen Schwächen, indem sie sie verbessern, und sind für jeden Einblick in ihre zu verbessernden Schwächen dankbar.

Der Erretter sagt: “Richtet nicht”, aber das ist nur der Anfang der Lektion, die er uns beizubringen versucht. Er fährt fort:  “Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden.” (Matth. 7:1-3)

An einer anderen Stelle sagt der Erretter: “Urteilt nicht nach dem Augenschein, sondern urteilt gerecht!” (Joh. 7:24)

Wenn ich all die Stellen lese, in denen es über das Richten geht…dann geht daraus klar hervor, dass wir in diesem Leben Urteile fällen sollen…aber wir sollten danach trachten, dass diese Urteile so rechtschaffen wie möglich ausfallen. Das Wort “gerecht “ in Johannes 7:24 bedeutet im Griechischen unter anderem “unparteiisch”. Gott möchte, dass wir fair miteinander umgehen und andere nicht härter beurteilen, als wir selbst beurteilt werden wollten.

Aber ist es nun kritisch oder selbstgerecht, jemanden zu korrigieren oder allgemeine oder persönliche Vorschläge zu machen? Ich kann euch mit voller Überzeugung sagen, dass, hätten mich Leute nicht manchmal korrigiert, mir gewisse Hinweise gegeben oder mich gar zurechtgewiesen, ich nicht wüsste, wo ich heute stehen würde. Ich hätte diejenigen, die mich korrigiert haben, fragen können: “Was denkst du denn, wer du bist?” oder “Warum hast du nicht mehr Nächstenliebe für mich und hörst auf, über mich zu urteilen?” Auf meine Schwächen wurde ich von Bischöfen, Missionspräsidenten, meinen Mitarbeitern auf Mission, Angestellten und Freunden und anderen beliebigen Individuen hingewiesen. Wo wäre ich ohne sie? Ich brauchte sie! Obwohl ich im Moment verletzt war, mich angegriffen fühlte und vielleicht sogar wütend war, habe ich sie gebraucht, um auf Dinge aufmerksam zu werden, die ich vielleicht nicht gesehen hätte.

Hey! Meine Frau kritisiert mich immer, wenn mein Verhalten auf jemand anderen einen negativen Einfluss hat. Ich schalte nicht immer mein Gehirn ein…und sie macht mich darauf aufmerksam. Ich habe vielleicht nicht gut über etwas oder jemanden gesprochen…und sie macht mich darauf aufmerksam. Sie versucht nicht mich zu zwingen mich zu ändern, sondern gibt mir subtil Hinweise auf etwas, das ich vielleicht nicht gesehen habe. Ich verteidige mich und kann manchmal nicht glauben, was sie sagt. Dann setze ich mich hin, denke darüber nach und sehe, dass sie fast immer Recht hat. Dann verändere ich mich. Dann werde ich zu einem besseren Mann. Sollte ich ihr sagen, dass sie aufhören soll mich zu kritisieren? Nein. Oft bitte ich sie sogar darum, mich zu kritisieren, damit ich mich verbessern kann. Sind wir nicht alle dazu da, einander zu helfen?

Wo wäre ich ohne Alma, Kapitel 5? Wenn du es noch nicht gelesen hast…lies es! “Aber Alma…wer bist du, dass du über uns urteilen und uns Rat geben könntest? Warum bist du so selbstgerecht? Warst du damals nicht auch ein schlechter Kerl? Erinnere dich doch daran, als du…”

Selbst die Propheten des Herrn wurden vom Volk Ammoniha als verurteilend und zu kritisch empfunden. Kurz darauf wurde das Volk Ammoniha von einem anderen Volk vernichtet (vgl. Alma 10-15).

Laman und Lemuel hielten Nephi für selbstrechtschaffen. Das Volk Ammoniha hielt Alma und Amulek für verurteilend. “Wer bist du, dass du mir sagen könntest, was ich tun soll?”, sagten sie. “Wer bist du, dass du Ratschläge erteilen könntest?”

Wenn du nun also feststellst, dass jemand, den du für verurteilend und selbstgerecht hältst, nervt, gibt es ein paar Dinge, die du tun kannst. Erst einmal kann man lachen. Ich merke, dass ich ständig innerlich über jemanden lache. Menschen sind komisch…und ich bin mir sicher, dass es auch einige gibt, die innerlich über mich lachen. Zweitens kannst du darüber nachdenken, weshalb jemand sagt, was er sagt und ob sich daran etwas Gutes finden lässt, das sich dann umsetzen lässt.

Es ist an der Zeit für uns damit aufzuhören, andere als “verurteilend” oder “selbstgerecht” abzustempeln, nur um unsere eigene Selbstgefälligkeit zu entschuldigen. Wenn etwas wahr ist, nimm es an und ändere es. Wenn es falsch ist, lach’ darüber!


Dieser Artikel wurde im Original auf Englisch von Greg Trimble auf seinem Blog gregtrimble.com verffentlicht. Er wurde von Kristina Vogt ins Deutsche übersetzt.

Wenn Sie weitere Informationen über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage wünschen, dann besuchen Sie einfach die offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org.