Einst lebte ein höhnischer junger Mann, der ein treues Mitglied meiner Kirche war, in in einer Wohnung unten in unserem Haus, die wir vermieteten. Er hatte die eigenartige Angewohnheit, Streiche zu spielen und ich hatte keinen Sinn für Humor. Sein Timing war perfekt. Er erwischte mich immer in den unpassendsten Momenten. Und habe ich bereits erwähnt, dass er unreif war? Ich konnte sein „Talent” nicht ausstehen. Einmal legte er mich richtig gut herein, was mich richtig ärgerte, und mir den Tag ruinierte; ich erinnere mich daran, dass ich zu ihm hinunter schrie: „Das vergebe ich dir nie!” Woraufhin er zurück rief: „Oh doch, das wirst du – das musst du, wenn du es in den Himmel schaffen möchtest!” Den restlichen Tag kochte ich vor Wut. Nicht, weil er mich wieder hereingelegt hatte und das auch noch besonders erfolgreich, sondern weil ein Funken Wahrheit in seiner Antwort lag. Vergebung spricht nicht den Angeklagten frei – sie läutert das Opfer. Um in der Gegenwart des Herrn zu sein, müssen wir rein sein. Wir müssen vergeben. Ich habe noch viel Arbeit vor mir.

Ich habe mir bereits viele Gedanken darüber gemacht, ob Menschen sich wirklich ändern können. Meine Antwort ist ein lautes „Ja!” – wenn sie den Weg der Veränderungen mit dem Erlöser beschreiten. Wir wurden alle schon verletzt. Ob es nun nur einfache Streiche sind, die uns ärgern, oder etwas Destruktiveres – ein Ehepartner, der einem fremd geworden ist, ein gemeiner Chef, ein Verwandter, der verletzt, oder Vernachlässigung – ob wir vergeben oder nicht, liegt an uns; das wiegt genauso schwer wie das Vergehen, das begangen wurde und der Täter mit sich herumträgt.

Wie können wir wirklich rein sein, wenn wir nicht vergeben? Und wie können wir etwas vergeben, was uns so sehr verletzt? Lasst uns einmal tief durchatmen und den Vergebungsprozess Schritt für Schritt durchgehen.

Vergebung ist oft etwas, das falsch verstanden wird; wahrscheinlich hat das damit zu tun, dass  wenn wir jemandem etwas vergeben sollen, wir wegen der begangenen Handlung immer noch verletzt sind. Solange unser Verstand noch durch Gefühle wie Wut und Schmerz getrübt wird, können wir doch nicht anfangen zu vergeben. Betrachten wir einmal mit etwas Abstand, was Vergebung ist – und was nicht.

In einem Handbuch heißt es, „dass man das falsche Verhalten und die Kränkungen, die andere Menschen einem zufügen, dadurch, dass man ihnen vergibt, nicht rechtfertigt. Vergebungsbereit sein bedeutet vielmehr, dass man sich mit der Hilfe des himmlischen Vaters von Zorn und Haß auf den Betreffenden befreit, dass man aufhört, sich in Gedanken immer wieder damit zu beschäftigen, und statt dessen inneren Frieden empfindet. Das kann schwer sein und lange dauern, aber der himmlische Vater hilft uns, wenn wir uns bemühen, vergebungsbereit zu sein.”(Für die Erhöhung bereitmachen, 1999)

Oft, wenn mich jemand wirklich verletzt hat, denke ich an diese Worte. Es hilft mir, mich daran zu erinnern, dass Vergebung nicht den Angeklagten von seiner Verantwortung frei spricht. Das muss er mit dem Herrn ausmachen, gemäß seinem Zeitplan. Vergebung ist für mich.

Vergebung ist für mich

Es ist gefährlich, mich während meines Vergebungsprozesses zu viel mit dem Aggressor zu beschäftigen. Ich verwende dabei das Wort „gefährlich” deswegen, weil Wut und Schmerz meine Seele vergiften – und zuallererst braucht meine Seele Heilung. Ich muss zwischen Verbrechen, die ein anderer begangen hat, und meinem eigenen Verbrechen, nämlich an meiner Wut festzuhalten, eine Grenze ziehen und zulassen, dass der Herr mir zur Seite steht, wie er es so bereitwillig anbietet. Das ist der erste Schritt. Christus verhieß uns, dass er an unserer Seite sein würde, als er folgende Worte sprach: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht.” (Matthäus 11:28-30)

„Wenn wir uns selbst mit Zorn, Hass und Rachegelüsten belasten, verzichten wir damit auf die Segnung, vom Heiligen Geist geführt zu werden. Wenn wir nicht vergebungsbereit sind, geben wir statt dessen dem Geist des Widersachers Raum in unserem Leben und schränken unsere eigenen Möglichkeiten ein, Fortschritt hin zur Erhöhung zu machen. Hingegen geben wir dem Heiligen Geist Raum in unserem Leben, wenn wir dem Beispiel Jesu Christi nacheifern und wahrhaft vergebungsbereit sind.” (Für die Erhöhung bereitmachen, 1999)

Als Heilige der Letzten Tage weiß ich, dass der Heilige Geist dieses leise, sanfte Gefühl des Friedens, des klaren Verstandes und Herzens ist, das man fühlt, wenn etwas richtig ist und wenn ich etwas tue und sage, was gut ist. Manche nennen es das Gewissen, aber wir kennen die göttliche Quelle dieses Gefühls. Zwar braucht es Zeit und Anstrengung, aber jeder kann trainieren, dieses Gefühl zu erkennen. Wie es in dem Zitat hieß, können wir dies tun, indem wir dem Vorbild Jesu Christi folgen. Elder Richard G. Scott vom Kollegium der Zwölf Apostel hat gesagt: „Vergebungsbereitschaft … lässt zu, dass die Liebe Gottes Ihr Herz und Ihren Sinn vom Gift des Hasses reinigt. Sie reinigt Ihr Bewußtsein von dem Verlangen nach Rache. Sie schafft Platz für die reinigende, heilende Liebe des Herrn.

Berpredigt Mythos

Zwar müssen wir alle unser eigenes Getsemani erfahren, wir können jedoch von dem, was andere ertragen mussten, lernen. Bischof H. Burke Peterson, ehemals Erster Ratgeber in der Präsidierenden Bischofschaft, hat einmal auf einer Generalkonferenz erzählt: „Im Zweiten Weltkrieg ereigneten sich erschreckende Beispiele von Unmenschlichkeit. Als der Krieg vorüber war und die Konzentrationslager geöffnet wurden, herrschte viel Haß unter den geschwächten und ausgezehrten Überlebenden. In einem Lager fiel ein gebürtiger Pole auf, der einen so gesunden und ausgeglichenen Eindruck machte, dass man meinte, er sei erst vor kurzem inhaftiert worden. Wie überrascht war man, als man erfuhr, dass er dort sechs Jahre zugebracht hatte! Man dachte, er habe wohl nicht die Gräueltaten an seinen Angehörigen erlebt, die die meisten anderen Gefangenen mitangesehen hatten. Als man ihn aber befragte, stellte sich heraus, dass Soldaten in seinen Wohnort einmarschiert waren, seine Frau, seine zwei Töchter und seine drei kleinen Söhne an die Wand gestellt und mit ihren Maschinengewehren erschossen hatten. Obwohl er darum gebeten hatte, mit ihnen sterben zu dürfen, war er am Leben geblieben, weil er mehrere Sprachen beherrschte und übersetzen konnte. Er sagte: ,Ich mußte mich damals entscheiden, … ob ich die Soldaten hassen wollte, die das getan hatten. Eigentlich war die Entscheidung leicht. Ich war Rechtsanwalt. In meiner Berufspraxis hatte ich gesehen, wie sich Haß geistig und körperlich auf Menschen auswirkt. Durch Haß waren gerade die sechs Menschen ums Leben gekommen, die mir am meisten bedeutet hatten. Da faßte ich den Entschluß, solange ich lebte – seien es nun ein paar Tage oder noch viele Jahre – jeden Menschen zu lieben, mit dem ich in Kontakt käme.”

Es erfordert viel Mut, die Auswirkungen von Hass zu erkennen und zu beschließen, nie wieder ein Instrument des Hasses zu sein.

Elder Gordon B. Hinckley, damals noch Mitglied des Kollegiums der Zwölf Apostel, sagte: „Wer Groll hegt, hat keinen Frieden. Es bringt keinen Frieden, über den Schmerz nachzusinnen, den alte Wunden bereiten. Friede wird uns nur durch Umkehr und Vergebungsbereitschaft zuteil. Das ist der angenehme Friede Christi, der gesagt hat: ,Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.‘ (Matthäus 5:9.)”

Warum sollten wir an der Last, die Hass ist, weiter festhalten? Warum ruhen wir unsere müden Arme nicht aus und versuchen es auf andere Art und Weise? Wir verdienen den erfrischenden Trost durch Frieden, der uns einhüllen wird, sobald wir den so schwer wiegenden Hass fallen lassen und zulassen, dass die Vergebung uns erhebt und zurück nach Hause bringt.


Nanette ONeal

Nanette liebt das Evangelium und teilt es mit Begeisterung auf LDS-Blogs. Sie hat sich erst später im Leben der Kirche angeschlossen. Sie fühlt immer noch das Brennen im Herzen durch den Geist. Sie hat einen Abschluss von der Mason-Gross-School für Künste in Musikpädagogik und unterrichtet seit mehr als 20 Jahren privat und öffentlich Kinder und Erwachsene. Nanette bildet sich weiterhin im Evangelium fort und schreibt gerne. Auf ihrem Blog schreibt sie wöchentliche Beiträge, die inspirieren sollen, und arbeitet derzeit an einer Reihe Fantasy-Romanen: A Doorway Back to Forever. Ihren Blog findet man unter NanetteONeal.blogspot.com. Nanette hat einen wundervollen Ehemann, einen sehr talentierten Sohn und drei wunderschöne Hunde.

Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt. Der Beitrag wurde ursprünglich am 4.1.15  auf ldsblogs.com unter dem Titel „Forgiveness Cleanses the Victim” veröffentlicht. Die Autorin ist Nanette ONeal. Übersetzt von Kristina Vogt.

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