Es ist eine verbreitete Redensart: Wir sollen vergeben und vergessen, wenn jemand uns Unrecht zufügt. Die Wahrheit ist, dass hinter Vergebung mehr steckt als das. Als Therapeut habe ich im Laufe der Jahre mit vielen Klienten gearbeitet, die mit dem Konzept der Vergebung zu kämpfen hatten (was sie bedeutet, wie man vergibt etc.). Ob es um geringe Verstöße oder heftigen Missbrauch geht, wir begreifen nicht immer ganz das Konzept der Vergebung. Ich definiere Vergebung als „schwindendes Gefühl von Groll gegen jemanden, der uns Unrecht getan hat”. Vergebung ist schön und kann Herzen und Beziehungen heilen, aber ich denke trotzdem, dass wir sie oft missverstehen. Hier sind ein paar allgemein bekannte Mythen über Vergebung:

Mythos: Vergeben heißt vergessen

Vergebung bedeutet, dass man seinen Groll aufgibt und sich von negativer Energie befreit. Das bedeutet aber nicht unbedingt, dass man nie wieder daran denkt, was passiert ist. Besonders bei Personen, die Missbrauch erlitten haben, ist es unpraktisch (und ungesund) zu erwarten, dass sie vergessen, was sie durchgemacht haben. Außerdem lernen wir aus unseren Erfahrungen. Warum sollten wir also unsere Lektionen des Lebens vergessen wollen, die aus einer Situation entstanden sind, in der wir jemandem vergeben haben? Sich gelegentlich an Dinge zurück zu erinnern bedeutet nicht, dass man sich damit aufhält oder den Groll wieder aufwühlt. Es bedeutet, dass der Vorfall immer noch in unserem Gedächtnis ist, aber im Herzen und in Gedanken nicht mehr im Vordergrund steht.

Mythos: Vergeben bedeutet, dass man die Beziehung weiter führt

Es ist möglich jemandem zu vergeben, diesen Schmerz aufzugeben und die Beziehung zu ihm/ihr nicht weiter zu führen. Zum Beispiel im sehr schwierigen und schmerzhaften Falle der Treulosigkeit mag ein Ehemann sich dafür entscheiden, den Schmerz loszulassen, der ihm durch die Untreue seiner Ehefrau zugefügt wurde, und gleichzeitig die Ehe zu beenden (jede Familie und Situation ist anders, und ich bin nicht unbedingt ein Fürsprecher für Scheidungen!). Sogar, wenn man emotional keinen klaren Schnitt macht, kann man im täglichen Umgang mit einer Person Grenzen setzen und die Entscheidung treffen, weniger Zeit mit ihm/ihr zu verbringen.

Der Herr Jesus Christus vergibt, wem er will, aber von uns wird erwartet, dass wir allen Menschen vergeben.

Mythos: Vergeben bedeutet, dass man sich nicht wütend oder verletzt fühlt

Um weniger Abneigung für jemanden empfinden zu können, muss man zuerst Abneigung empfinden! Therapeuten sagen gerne, dass wir diese Selbsterfahrung machen sollten, indem wir Emotionen wie Wut und Trauer zulassen, da sie eine natürliche Folge sind. Wenn man sich in einer Situation befindet, in der man irgendwann jemandem vergeben möchte, muss man sich zuerst einräumen, die Auswirkungen des Verhaltens dieser Person auf einen persönlich zu fühlen. Der einzige Weg, es hinter sich zu bringen, ist, es durchzumachen. Und es ist Teil der Vergebung, diese schmerzhaften Gefühle zu verarbeiten.

Mythos: Man soll sofort vergeben

Es scheint eine bewundernswerte Eigenschaft zu sein, wenn Leute unverzüglich die Fehler anderer vergeben können. Es ist ehrenhaft und lobenswert diese Eigenschaft anzustreben, aber man muss verstehen, dass Leute in der Regel nicht sofort dazu fähig sind zu vergeben. Für manchen ist es eine Gabe, aber die meisten brauchen Zeit, um anderen, die sie verletzt haben, zu vergeben. Und das ist okay! Sei geduldig mit dir während du daran arbeitest zu vergeben.

Mythos: Vergebung erfordert eine Entschuldigung

Eine Entschuldigung kann sicherlich bei der Entschädigung und Versöhnung helfen, aber leider bekommt man nicht immer eine, und sie ist auch nicht notwendig, um zu vergeben. Ich habe mit Klienten in der Psychotherapie gearbeitet, die durch bereits verstorbene Familienmitglieder Schmerzen erlitten hatten. Du kannst keine Entschuldigung von jemandem erhalten, der gestorben ist, aber du kannst dir selbst die Gabe zu vergeben gewähren, um dich von diesen Schmerzen zu befreien.


Über Dr. Julie Hanks:

Dynamisches-Selbst & Beziehungs-Expertin Dr. Julie de Azevedo Hanks liebt es die Welt für Frauen zu verbessern. Sie ist die Inhaberin von Wasatch Family Therapy und steuert regelmäßig etwas zu  KSL TV’s Studio 5 bei. Ihre Beratung findet landesweit Beachtung und wurde unter anderem in Zeitschriften wie Wall Street Journal, Parenting und weiteren veröffentlicht. Sie schreibt für HealthyWay.com und LDS Websites.

Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt und im Mai 2016 auf drjuliehanks.com mit dem Titel “5 Myths about forgiveness: Studio 5” veröffentlicht. Die Autorin ist Dr. Julie Hanks. Übersetzt von Maren Leit.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) lernen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org.