Anmerkung der Übersetzerin: Der Autor bezieht sich am Anfang des Beitrags auf ein Ereignis vom Sommer 2016. Damals (7. Juli 2016) wurden bei einem Attentat auf Polizisten in Dallas im US-Bundesstaat Texas fünf Polizisten getötet und sieben Polizisten sowie zwei weitere Personen verletzt. Das Attentat wurde während einer vom Next Generation Action Network organisierten Demonstration verübt, die wegen zweier durch Polizisten erschossener Afroamerikaner veranstaltet wurde. Bei diesen beiden Todesfällen, von denen Videos im Internet veröffentlicht wurden, wird von den Demonstranten rassistisch motivierte und unverhältnismäßige Polizeigewalt vermutet. Die Demonstration war Teil der Bewegung „Black Lives Matter”. (Quelle: Wikipedia)

Ich musste mir eine Facebook-Auszeit nehmen. Dallas war einfach zu viel für mich. Nicht, was dort geschehen war – auch wenn das natürlich entsetzlich war. Die Gegend um Dallas nenne ich seit fast einem Vierteljahrhundert mein Zuhause. Ich habe die gespannten Verhältnisse zwischen den Rassen in den vergangenen Jahren beobachtet, und so furchtbar und brutal die Attacke auf die Gesetzeshüter auch war, sagte mir irgendetwas schon lange, dass solche Gewalt möglich war.

Es waren nicht die Nachrichten selbst, die dazu führten, dass ich mich aus den sozialen Medien zurückzog. Es waren die Reaktionen.

Ich möchte meiner Familie, Freunden und Bekannten auch im Internet Respekt zollen.

Aber in den vergangenen Jahren ging es mir so, dass mich die reflexartigen Reaktionen, übertriebenen Vereinfachungen, weiten Generalisierungen und offene Feindlichkeit, die Menschen zum Ausdruck brachten, von denen ich es nicht erwartet hätte, immer mehr störten. Ich versuchte, es zu ignorieren. Dann, mich einzubringen. Die erste Herangehensweise führte dazu, dass ich frustriert war, die zweite machte mich wütend. Es einfach zu vermeiden, schien die beste Entscheidung. Wenigstens würde ich selbst so keine feindlichere Haltung entwickeln.

Leiden unsere persönlichen (virtuellen) Beziehungen?

Besonders beunruhigend finde ich es, wenn Mitglieder der Kirche besonders aggressiv ihre Meinungen vertreten. Als Jünger Christi haben wir die Aufgabe, Friedensstifter zu sein. Wir verpflichten uns allwöchentlich dazu, den Namen des Friedensfürsten auf uns zu nehmen. Wenn wir zu Streit beitragen, wenn wir auch in den Krawall mit einstimmen, geben wir ein grundlegendes Element unseres Glaubens auf.

Wie können wir also Friedensstifter sein, obwohl wir selbst empört über etwas sind? Wie regulieren wir diese Verrücktheit? Ich möchte nicht behaupten, dass ich ein Experte auf dem Gebiet bin oder den Eindruck erwecken, dass mein Blut nicht auch manchmal zu brodeln anfängt. Aber ich denke, dass es ein paar Prinzipien gibt, die wir anwenden können, um der Rolle als Friedensstifter gerecht zu werden.

Erstens: Wir können keinen Frieden predigen, ohne selbst inneren Frieden zu haben

Meiner Meinung nach sind Buddhisten dabei diejenigen, die das besser als die meisten anderen Leute hinbekommen, die ich bisher getroffen habe, und ihre Lehre hat meine eigenen Ansichten beeinflusst. Wir können keinen Frieden vorantreiben, ohne dass wir selbst welchen haben. Wir müssen atmen können. Wir müssen einen Weg finden, unsere eigenen Reaktionen auf Ereignisse so lange hinauszuzögern, bis wir darüber nachgedacht haben, bevor wir etwas sagen. Teil dieses Prozesses ist es, Abstand von einer Situation zu bekommen, die uns entrüstet. Wir müssen einen stillen Moment finden, um unsere Seele ruhig werden zu lassen. Viele nennen dies Meditation. Im Grunde genommen ist das so, als ob wir aus dem Wasser gehen, wenn die Wellen unbarmherzig wogen. Wir setzen uns. Wir beruhigen uns. Wir atmen durch.

Durchatmen, Frieden suchen.

Wir leben in einer Welt, die aus Reiz und unmittelbarer Reaktion besteht. Wir reagieren nicht einfach nur schnell auf Ereignisse in der Welt, wir werden Teil davon. Ereignisse werden übertragen, sobald sie sich entwickeln. Der Grund dafür, dass viele nicht mehr die Zeitung morgens auf der Türschwelle liegen haben ist, dass die Zeitung von heute die Nachrichten von gestern enthält. Wir nehmen uns nicht mehr die Zeit, Informationen zu verarbeiten. Wir erhalten sie, reagieren darauf und geben sie weiter.

Langsamer machen. Dinge verarbeiten. Durchatmen.

Zweitens: uns weiterbilden

Es gibt Wege, ein Ereignis zu analysieren, was Überreaktionen und Verallgemeinerungen abschwächt, die zu unverantwortlichen und empörenden Aussagen führen. Die meisten Situationen sind nicht schwarz oder weiß, und eigentlich kann kein Thema angemessen in nur einem einzigen Satz zusammengefasst werden. Wir leben aber in einer Welt, die ihre Informationen immer mehr durch höhnische Memes und 140-Zeichen-Beiträge holt. Wohlüberlegt ist out, prägnant ist in.

Wir lernen nie aus. Es gibt immer noch mehr zu lernen.

Je tiefer unser Verständnis eines Themas ist, desto deutlicher erkennen wir, dass es keine einfachen Antworten gibt. Das Leben ist kompliziert. Menschen sind kompliziert. Die Motivation hinter etwas lässt sich nicht definitiv festlegen. Einfache Lösungen sind oft vereinfachte Lösungen. Je mehr wir uns mit Menschen und Ereignissen beschäftigen – und je mehr wir uns mit Sichtweisen beschäftigen, die nicht nur unserer eigenen entsprechen – desto unwahrscheinlicher ist es, dass wir einfachen Lösungen, Verallgemeinerungen oder absoluten Positionen Glauben schenken. Das bedeutet nun nicht, dass ein genaueres Hinsehen uns alle zur gleichen Schlussfolgerung bringen wird. Genau das Gegenteil. Aber es kann uns helfen, nicht permanent am Rande des Wahnsinns zu tanzen.

Drittens: Dem Beispiel Christi folgen

Ja, ich kenne das Meme. Ich weiß, dass wenn man sich die Frage stellt: „Was würde Jesus tun?”, es eine Möglichkeit ist, Tische umzustoßen und Menschen mit einer Peitsche zu verfolgen. Natürlich ist das witzig. Aber vor allem deswegen, weil es nicht kontextbezogen ist. Im Neuen Testament sehen wir Christus im täglichen Umgang mit Menschen, die nicht nur anderer Meinung als Christus waren, sondern ihn für einen Ketzer hielten. Sie stritten nicht nur mit ihm, sondern planten, ihm das Leben zu nehmen. An jeder Ecke gab es jemanden, der versuchte, seine Mission zunichte zu machen, darunter auch Apostel und Freunde, die auf Abwege geraten waren. Es war ein Leben voll ständiger Konflikte.

Der Erretter brachte der Welt Frieden.

Doch Christus war ein Beispiel für friedliche Uneinigkeit. Selbst seine Verurteilungen wurden durch Mitgefühl abgeschwächt. Er war auf vollkommene Art und Weise dazu fähig, seine Liebe für die Menschen von seiner Enttäuschung oder gar Entrüstung über deren Handlungen zu trennen. In seinen letzten Stunden war die Antwort auf Anschuldigung Ruhe. Für Misshandlungen bot er Vergebung an. In den Berichten über seine „Verhandlung” und Hinrichtung werden weder Wutausbrüche noch scharfes Urteil erwähnt. Interessant, dass der einzige, echte Richter überhaupt nicht richtet.

Vielleicht nehmen wir uns vor, falsche Anschuldigungen weniger schnell zu wiederholen. Vielleicht schaffen wir es, uns mehr zurückzuhalten. Es gibt genügend Verleumdung, Diskriminierung (in beide Richtungen) und Zerstörung. Dieser „Chor” hat immer genügend Mitglieder, die einstimmen.  Was aber nur selten zu hören ist, ist die Stimme des Meisters. Inmitten all der schlimmen Botschaften hat die frohe Botschaft des Evangeliums die Macht, in der Seele der Menschheit nachzuhallen.

Die Mitglieder der Kirche Christi sollten wie der Gott klingen, dem zu folgen sie vorgeben. Unsere Stimme kann sanfter sein, unsere Wut gedämpft werden. Unsere Worte können Hoffnung, Liebe und Ermutigung ausdrücken. Wir können Friedensstifter sein, statt andere aufzuhetzen.

Geben wir der Liebe die Möglichkeit, so ansteckend wie der Hass zu sein.


Rob Ghio

Rob Ghio stammt ursprünglich aus Kalifornien. Er ist Rechtsanwalt in Texas, langjähriger Mormone und „Möchtegern-Zenmeister”. Er ist überzeugt, dass es bei den Mormonen um mehr als Essen und gemächliche Musik geht; er besteht darauf, dass das Evangelium gar nicht so schwierig ist, wie manche behaupten.

Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt. Er wurde ursprünglich am 9.8.2016  auf mormonhub.com unter dem Titel „3 Ways to Proclaim Peace in an Angry World” veröffentlicht. Der Autor ist Rob Ghio. Übersetzt von Kristina Vogt.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) wissen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org.