Machst du manchmal ganz klare und vernünftige Aussagen, die die Menschen irgendwie missverstehen oder bestreiten? Ärgerst du dich über die dummen Dinge, die scheinbar vernünftige Leute in sozialen Medien und in den Nachrichten sagen? Es gibt viele Gründe, warum sich die Menschen nicht verstehen. Forschungen haben ergeben, dass wir alle mehrere Arten von Verzerrungen erleben.

Warum wir oft nicht christlich handeln

Zu sehen sind zwei Steinböcke, die mit ihren Hörnern aufeinanderprallen. Unchristlich wie wir oft sind, stoßen auch wir oft mit den Köpfen aneinander, statt gesittet miteinander umzugehen.

Zum Beispiel gibt es eine etablierte Eigenart im menschlichen Denken, die als grundlegende Zuschreibungsverzerrung bezeichnet wird; wenn ich etwas Dummes tue, schreibe ich es den Umständen zu; wenn du etwas Dummes tust, führe ich es auf deinen Mangel an Wissen oder auf Schwäche in deinem Charakter zurück.

„Ich wurde wütend, weil du mich irritiert hast! Du wirst wütend, weil du nie Selbstbeherrschung gelernt hast.”

Es liegt auf der Hand, wie diese Verzerrung in unserem Denken zu Problemen bei unseren Bemühungen führt, uns gegenseitig zu verstehen.

Was das Thema Wut betrifft, so hat die Forschung gezeigt, dass wir, wenn wir wütend werden, unseren Blick verengen und unser Mitgefühl abschalten. Mit anderen Worten, wir sehen weniger Lösungen und werfen Freundlichkeit und Empathie aus dem Fenster. Dies sind keine guten Voraussetzungen für die Problemlösung.

Da ist noch mehr. Alle Menschen neigen dazu, eine Bestätigungsverzerrung zu haben. Wir suchen und begrüßen Informationen, die mit unseren gegenwärtigen Überzeugungen übereinstimmen, und ignorieren oder kritisieren Informationen, die unsere Überzeugungen in Frage stellen.

Es gibt noch viel mehr Arten von Verzerrungen, aber besonders relevant ist der sogenannte naive Realismus. Wir anerkennen, dass alle anderen Personen nur begrenzte Informationen und persönliche Vorurteile haben. Wir sehen, dass niemand sonst das Gesamtbild betrachtet. „Mit Ausnahme von mir. Ich sehe die Dinge so, wie sie sind.” Wir sind blind für unsere eigene Blindheit.

Außerdem sind wir Menschen alle grundsätzlich egozentrisch. Wir alle bevorzugen unsere eigenen Vorlieben und Interessen. Wir neigen dazu, weniger sensibel und besorgt auf die Interessen anderer zu achten. Das ist nicht besonders christlich, oder?

Ist es bei solchen verdrehten Mustern im menschlichen Denken ein Wunder, dass wir polarisieren? Sollten wir überrascht sein, dass die Rhetorik im heutigen politischen Klima laut, hart und kontrovers ist?

Betrachten wir ein politisches Beispiel aus Amerika. Als Nancy Pelosi vorschlug, die Rede des Präsidenten zur Lage der Nation wegen der Stilllegung der Regierung und der Sicherheitsbedenken zu verschieben, schien einigen, dass sie kleinlich und gehässig sei. Andere hielten diese Position für völlig angemessen. Als Präsident Trump dann den Einsatz von Militärflugzeugen für Pelosis geplante Reise in das Kriegsgebiet absagte, dachten einige, er sei kleinlich und gehässig. Andere hielten das Comeback für gerechtfertigt.

Basierend auf unserer eigenen Verzerrung könnten wir beiden Seiten Engstirnigkeit und böswilliges Verhalten vorwerfen. Und wir könnten einen ziemlich entrüsteten Kampf gegen die Position führen, mit der wir nicht einverstanden sind. Die Realität ist, dass wir im gegenwärtigen politischen Umfeld die Werkzeuge der Zivilisation weggeworfen haben, die es uns ermöglichen, produktiv zusammenzuarbeiten. Wir sind wie Kinder auf dem Spielplatz, die sich anschreien, um ihren eigenen Willen zu bekommen.

Jedes Mal, wenn wir eine Seite der Diskussion bevorzugen, fördern wir Missverständnisse und Konflikte. Wir schaffen Polarisierung.

Wie wir Konflikte christlich lösen können

Zu sehen ist ein Händeschütteln. Nicht immer werden wir uns mit allen Menschen einig sein. Im Gegenteil, oft sind wir ganz unterschiedlicher Meinung. Und dennoch können wir uns einander in christlicher Liebe begegnen, ohne dabei unseren Standpunkt aufzugeben.

Meine Kollegen und ich haben an der Universität von Arkansas geforscht und drei Lösungen für dieses anhaltende menschliche Konfliktdilemma gefunden. Wir fanden heraus, dass Demut, Mitgefühl und eine positive Einstellung große Unterschiede bei der Reduzierung von Konflikten und der Verbesserung von Beziehungen machten.

Es gibt einen überraschenden Weg, um Blockaden im menschlichen Dialog zu überwinden. Der erste Schritt besteht darin, Verzerrungen in der menschlichen Wahrnehmung zu erkennen. Du hast sie und ich habe sie. Das Erkennen unseres gefallenen, voreingenommenen Denkens ist die Voraussetzung für den Fortschritt.

Der zweite Schritt besteht darin, die Grenzen unserer eigenen Argumente zu erkennen. Das könnte man Demut nennen. Es kann für diejenigen von uns, die gerne Recht haben, schmerzhaft sein. Es fühlt sich gut an, in unseren selbst geschaffenen Siegerkreisen herumzutanzen. Es braucht Demut, um unsere eigenen Grenzen zu erkennen und einem entgegengesetzten Standpunkt wirklich Gehör zu schenken – und seine Vorzüge zu berücksichtigen.

Denken wir nur an die Einwanderungsdebatte. Wir brauchen kluge und mitfühlende Lösungen für ein langfristiges Problem. Die derzeitigen Haltungen auf beiden Seiten der Diskussion garantieren, dass wir keine guten Lösungen finden werden. Dies wird am Ende zu einer schlechten Politik, anhaltender Missgunst und noch stärkerer Polarisierung führen.

Uns gegenseitig in die Quere zu kommen, uns zu weigern, auf diejenigen zu hören, die die Dinge anders sehen, und beharrlich darauf zu bestehen, dass unser Standpunkt der einzig vernünftige und richtige Ansatz ist, verhindert jede Möglichkeit, Probleme effektiv zu lösen. Es schwächt auch die Motivation anderer, uns zuzuhören. Wenn beide Seiten ihre Bereitschaft, andere Optionen in Betracht zu ziehen, aufgeben, wird es unmöglich, nach neuen Ideen für Lösungen zu suchen, mit denen beide Seiten leben können.

Was Christus uns lehrte

Jesus Christus drückt liebevoll eine ältere Frau an sich.

Für diejenigen von uns, die Nachfolger Christi sind, gibt es eine zusätzliche Überlegung. Jesus gab ein Gebot und identifizierte es dann als den Wegweiser, an dem andere unsere Nachfolge sehen konnten:

„Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.” (Johannes 13:35)

Es gab keine Klausel, die uns von diesem Gebot befreit, wenn wir denken, dass wir mit einer politischen oder weltanschaulichen Frage Recht haben. Selbst in Situationen, in denen wir uns anderen ohne Nächstenliebe und Mitgefühl nähern, lehrt uns der Erlöser, dass sie uns weniger als Repräsentanten von ihm betrachten können. Selbst wenn wir glauben, dass unsere Ansichten Wahrheit sind, wenn wir sie in einem Geist der Respektlosigkeit und des Streites zum Ausdruck bringen, handeln wir unchristlich und nähern wir uns dem Territorium Satans.

Wie möchte Gott, dass wir uns in schwierigen Zeiten verhalten? Wir können es vermeiden, hetzerische und anklagende Beiträge in den sozialen Medien zu erstellen oder zu verbreiten. Stattdessen können wir unsere Ansichten auf eine Weise äußern, die eher von anderen berücksichtigt wird:

„Offensichtlich liegt euch dieses Thema sehr am Herzen und das respektiere ich. Hier sind einige meiner Gedanken dazu….”

Wir können versuchen, die Positionen anderer zu verstehen. Wir können gegenüber einseitigen Geschichten misstrauisch sein und die Fakten überprüfen. Und selbst wenn wir weiterhin glauben, dass unsere Position ihre Berechtigung hat, können wir zu kreativen Problemlösungen ermutigen. Wir können uns daran erinnern, dass bloßes Geschrei darüber, dass wir Recht haben, nicht zu einer Lösung führt.

Dies ist kein Spiel, bei dem wir daran arbeiten, Punkte zu sammeln und den „Feind” zu besiegen. Dies ist ein gemeinsames Projekt, mit dem wir unser Land aufbauen und die Welt zu einem besseren Ort machen wollen. Es ist kein Sieg, boshafter als unsere Feinde zu sein, wenn wir dabei alle verlieren.

Ich ermutige uns alle, demütiger zu sein, bereit zu sein, die Perspektiven anderer Menschen zu schätzen und nach dem Guten in den Menschen und Argumenten auf beiden Seiten der Diskussion zu suchen. Legen wir unsere Kriegswaffen nieder. Hören wir auf, verbale Bomben auf Menschen zu werfen. Lasst uns nicht auf Aussagen überreagieren, mit denen wir nicht einverstanden sind. Lasst uns Gespräche mit Menschen führen, die bereit sind, sich uns bei der Lösungssuche anzuschließen. Lasst uns das Beste aus den Perspektiven aller zur Lösung unserer Probleme nutzen.  

Während die politische Grundhaltung, mit der wir die Angelegenheiten regeln, wichtig ist, ist es in den Augen des Herrn viel wichtiger, wie seine Kinder miteinander umgehen. Lasst uns darum alle versuchen, im Streitfall christlich zu bleiben.

Ein großes Dankeschön geht an Barbara Keil für ihre umfangreichen Beiträge zu diesem Artikel.


Dieser Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt. Er wurde ursprünglich auf  ldsmag.com unter dem Titel „Tools for Being Christlike in Contentious Times” veröffentlicht. Der Autor ist Wallace Goddard. Übersetzt von Janine Windhausen.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) wissen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und kirche-jesu-christi.orglds.org.

German ©2017 LDS Living, A Division of Deseret Book Company | English ©2017 LDS Living, A Division of Deseret Book Company

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