Die Beantwortung der Frage ist ein Auszug aus dem Blog askgramps.org, in dem Fragen gestellt werden können, die dann von “Großvater” in seiner im Laufe eines langen Lebens angehäuften Weisheit und nach bestem Gewissen beantwortet werden.

Frage:

Vor kurzem war ich mit einer Gruppe in einem Planetarium und wir kamen darauf zu sprechen, dass Mormonen nicht an die Urknalltheorie glauben. Stimmt das, und warum? (Ally)

Antwort:

Liebe Ally,

es gibt hier zwei Missverständnisse mit denen wir aufräumen müssen, um deine Frage zu beantworten. Das erste besteht darin, was genau Mormonen glauben. Im Großen und Ganzen gibt es kaum Aussagen zur Schöpfung des Universums. Die Schriftstellen in Genesis, in denen es um die Schöpfung geht, werden durch moderne Offenbarung in ihrer Bedeutungsvielfalt klar begrenzt. Der Herr sagte zu seinem Propheten, dass er viele Welten geschaffen hat, “aber nur von dieser Erde und ihren Bewohnern gebe ich dir Bericht.” (Mose 1:35) Der Bericht im Alten Testament und selbst die weiteren Berichte, die anderen Propheten offenbart wurden, beziehen sich nur auf die Schaffung dieser Erde, nicht auf die der Galaxie oder des Universums. Zugegeben, es gibt auch einen flüchtigen Verweis auf die Erschaffung der Sterne, was vermuten lässt, dass Gott das gesamte Universum zu dieser Zeit schuf, aber ich glaube nicht, dass das das bedeutet, was traditionelle Christen meist annehmen.

Es gibt im Christentum eine Tradition, dass der allmächtige Gott, der ungeschaffene Schöpfer, oder der Anfang (First Cause) eigenmächtig das gesamte Universum aus dem Nichts geschaffen hat. Dies wird als ex nihilo bezeichnet, was “aus dem Nichts” bedeutet. Offen gesagt gibt es dafür nicht viele Belege in den Schriften, vielleicht mal von der ursprünglichen Bedeutung des Englischen Wortes create (=kreieren, schaffen) abgesehen. Die Menschen der Antike haben das nicht so gesehen. Joseph Smith lehrte: “Ihr mögt die gelehrten Doktoren fragen, weshalb die Welt aus dem Nichts geschaffen wurde und sie werden antworten: ‘Steht in der Bibel denn nicht geschrieben, dass er die Welt schuf?’ Und sie schließen vom Wort schaffen darauf, dass es aus dem Nichts geschaffen wurde. Nun stammt das Wort schaffen vom Wort baurau, das nicht bedeutet, dass man aus nichts etwas erschafft; es bedeutet organisieren; die Art Organisation, auf die ein Mensch Materialien organisieren würde, um ein Schiff zu bauen. Daher schlussfolgern wir, dass Gott Materie hatte, um die Welt aus dem Chaos zu erschaffen. Elemente existieren seit der Zeit, die Gott existiert. Die puren Grundlagen von Elementen sind Grundlagen, die niemals zerstört werden können; sie mögen organisiert und umorganisiert, aber nicht vernichtet werden. Sie hatten keinen Anfang und können kein Ende haben.” (King Follett Sermon, im April und Mai Ensign; nur englisch)

Mormonen und Wissenschaft: Zwar sagte er noch nichts über den Urknall, doch Joseph Smiths Worte kommen heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen erstaunlich nahe.

Betrachtet man die Mormonen als Gesamtheit, glauben sie also nicht, dass Gott das Universum aus Nichts geschaffen hat, aber wir tendieren dazu zu glauben, dass Gott es geschaffen hat. Wie das traditionelle Christentum glauben wir auch weiterhin an die Allmacht Gottes und an seine unveränderliche ewige Natur.

Das andere Missverständnis besteht darin, was der Urknall genau ist. Beim Urknall handelt es sich um ein Modell, das die Ausdehnung des Universums beschreibt – ähnlich wie ein Ballon, der aufgeblasen wird; man könnte ein paar wichtige Grundmaße nehmen und ableiten, wie er wohl vor dem Aufblasen ausgesehen hatte. Beim Urknall geht man in der Zeit für die Ausdehnung des Universums mathematisch soweit zurück, dass man die Ausgangssituation zum Zeitpunkt t=0 betrachtet. Anders gesagt dreht das Modell die Ausdehnung des Universums um, bis alles – all die Materie und die Energie und alles aus dem das Universum besteht – in einem einzigen, begrenzten Punkt zusammen kommt – das als Singularität bezeichnet wird. Je näher man dem Zeitpunkt 0 kommt, wird das Universum immer dichter, so dass die meisten Gesetze, die wir anerkennen, eventuell gar nicht mehr gültig sind (!), so dass alles danach quasi eine mathematische Schätzung ist.

Der Schlüssel besteht nun darin, dass die Theorie um den Urknall nicht besagt, dass das Universum aus dem Nichts explodierte. All die Materie und Energie bestand bereits. In allen mir bekannten Modellen, die t<0 untersuchen, wird auch weiterhin die Gesamtsumme von Energie und Materie beibehalten. (Ein zweites Gestz, das ich kenne, besagt, dass das Universum einem Kreislauf folgt, bei dem Ausdehnen und Zusammenziehen sich abwechseln; und wieder ein weiteres besagt, dass die Singularität ein fragwürdiger, instabiler Zustand sei. Noch einmal also: die Herausforderung dabei, ein Modell zu finden, besteht darin, dass wir uns nicht im klaren sind, welche physikalischen Gesetze noch gültig sind; wir sind also nicht sicher, wie ein stabiler Zustand aussehen würde). In Wissenschaftskreisen gibt es also kein ex nihilo Modell für die Anfänge des Universums.

Um die Dinge gar auf den Kopf zu stellen: es gibt an der Urknalltheorie nichts, das im Widerspruch zum Mormonentum steht, aber die Theorie steht mit dem traditionellen Christentum im Widerspruch, außer die ex nihilo Schöpfung fand bereits vor der Singularität statt.

Dein Großvater

Im nachfolgenden Video erklärt Präsident Russell M. Nelson vom Kollegium der Zwölf Apostel die einzelnen Zeitabschnitte der Schöpfungsgeschichte.


Dieser Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt von Kristina Vogt. Das Original findet man unter askgramps.org.

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