Mein erster Sohn zahnt gerade. Mit einer Hand versuchte ich, sein Weinen zu beruhigen, mit der anderen eine Email zu beantworten. Ich fühlte mich erschöpft und schlecht gelaunt.

Ich freute mich sehr darauf, dass meine Frau von ihrem Seminar zurückkommen würde. So könnte sie auf das Baby aufpassen, während ich ein paar Dinge erledigen und meine Arbeit für den Tag fertig stellen würde.  

Als sie aber mit zwanzig Minuten Verspätung nach Hause kam, hatte sie noch haufenweise Hausaufgaben für ihre Abschlussklassen. Alles davon war bis zur letzten Minute aufgeschoben worden.

Offensichtlich konnte ich das Baby also nicht auf sie “abwälzen”.

“Bezüglich des Sündenmeters stand ich recht gut da.”

Ich lud das Kind etwa 30 Minuten bevor es schlafen musste ein und brach zu meinen Besorgungen auf.

Ich war mit den Nerven völlig am Ende. Aber ich gab mir einen selbstgefälligen Klatsch auf die Schulter – von der Art, die wir uns eben manchmal geben. Ich fühlte mich gut damit, dass ich keine bissigen Kommentare gemacht hatte, dass ich nicht laut geworden war und dass ich kein einziges unfreundliches Wort gesagt hatte.

Bezüglich des Sündenmeters stand ich recht gut da.

Der Kleine und ich gingen also los zur Tankstelle. Die Tankstelle an der Ecke liegt genau neben einem Münzwaschsalon. Als ich anfing, das Auto zu befüllen, sah ich eine Mutter, die einen Wäschekorb voller Kleidung zu ihrem Auto trug, während zwei Knirpse ihre Beine umkreisten. Sie war ungefähr zehn Meter von mir entfernt.

Ich nahm die Szene nur halb wahr. Ich war ziemlich damit beschäftigt, mir darüber Gedanken zu machen, wie viele Ärgernisse ich an dem Tag schon über mich hatte ergehen lassen, und füllte gleichzeitig mein Auto mit Benzin und spielte auch noch mit meinem Baby durch das Fenster. Er quiekte nicht zurück.

Die Frau aus dem Waschsalon öffnete ihren Kofferraum und lud ihren Wäschekorb ein. Aber als sie die Kofferraumklappe schloss, fiel eine winzige Socke aus der Wäsche auf den asphaltierten Parkplatz.

Ich brauchte ein paar Sekunden, um überhaupt zu merken, was geschehen war, während die Frau, ohne es gemerkt zu haben zur Fahrertür ging. In meinem Kopf ging nun Folgendes vor sich:

  1. Es ist nur ein Socken.
  2. Niemand freut sich darüber, wenn ein Fremder einem irgendetwas über den Parkplatz zubrüllt.
  3. Ich bin nicht wirklich dafür zuständig, ihren Socken zu retten.
  4. Sie sieht abgehetzt aus; vielleicht ist es nicht einmal die Zeit wert, den Socken zu retten.

Dies waren alles dumme Einfälle, weil: als mir Gedanke Nummer 5 kam – nämlich zu rufen “Sie haben einen Socken verloren”, war sie bereits ins Auto gestiegen und fing an rückwärts auszuparken. Diese unnützen Sekunden-raubenden Gedanken waren Rechtfertigungen und sie brachten mich dazu, an etwas zu denken, das mir früher an diesem Tag gar nicht eingefallen war: Unterlassungssünden.

“Es handelt sich um die rücksichtsvollen, teilnahmsvollen Werke, die wir nicht tun und deren Vernachlässigung uns Schuldgefühle bereitet.” (James E. Faust)

Den ganzen Nachmittag über hatte ich mich so gut dabei gefühlt, so sündenfrei zu sein, weil ich so viele schlechte Dinge nicht getan hatte, dass ich vergaß, dass ich Gott einmal versprochen hatte, dass ich willens sei, die Lasten anderer zu tragen.

Jesus ruft zu Simon Petrus und den Söhnen des Zebedäus und sie folgen ihm nach.

Jesus ruft zu Simon Petrus und den Söhnen des Zebedäus und sie folgen ihm nach.

Als der Erlöser Petrus und Andreas aufforderte, ihm zu folgen, ließen sie augenblicklich die Netze liegen und Jakobus und Johannes folgten ihm sofort.

Wenn wir zögern, Gutes zu tun, verschwenden wir unser fast größtes Gut, unsere Zeit. Und wie in meinem Fall verpassen wir dann die Gelegenheit, überhaupt etwas Gutes zu tun.

Das wiederum brachte mich zurück zu meiner Frau. Nach einem langen Schultag war sie zur Abendessenszeit nach Hause gekommen und hatte noch einmal mehrere Stunden Arbeit vor sich. Und ich ging einfach, weil ich dachte, dass meine Liste an Besorgungen so viel wichtiger wäre. Ich habe ihr kein nettes Abendessen zubereitet, ich habe ihr keine Möglichkeit gegeben, Luft abzulassen, ich habe nichts Nettes gesagt.

Wie gelingt es mir also, Unterlassungssünden zu vermeiden? Neal A. Maxwell lehrte: “Meist unterlassen wir etwas deshalb, weil wir es nicht schaffen, über uns hinauszublicken. Wir sind so sehr damit beschäftigt, unsere Temperatur zu messen, daß wir das brennende Fieber der anderen nicht bemerken.”

Schlussendlich ist es eine Frage des Schwerpunktes. Wenn wir uns um unsere eigenen Schwierigkeiten sorgen, versuchen wir nicht, die Probleme anderer zu lösen. Der Erlöser selbst lehrte: “Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.” (Matthäus 16:25)

Wenn ich lerne, mir weniger Sorgen um meine eigenen kleinen Frustrationen zu machen, schaffe ich es, die kleinen Dinge zu tun, die das Leben der Menschen um mich herum verbessern.


Dieser Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt. Das Original von Christopher D. Cunningham findest Du unter lds.net/blog.

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