Ich liebe das Evangelium schon so lange ich lebe. Als Kind liebte ich es, mein Bilderbuch-Buch-Mormon anzuschauen, Bilder von Jesus anzumalen und für meine Familie zu beten. Gerade wenn das Evangelium so einen großen Teil unseres Lebens ausmacht, kann es leicht passieren, dass wir unser Zeugnis als etwas Selbstverständliches ansehen. Vielleicht kennt ihr das auch.

Als ich von meiner Mission nach Hause zurückkehrte, war ich absolut davon überzeugt, dass ich mich auch weiterhin an meine Routine halten würde, die Schriften regelmäßig zu studieren. Wenn ich nicht genügend Zeit hätte, jeden Tag eine Stunde lang in den Schriften zu lesen, würde ich es mindestens 30 Minuten lang tun. Morgens und abends würde ich zum Gebet niederknien, ich würde mir während des Gottesdienstes am Sonntag immer Notizen machen und fast jede Woche den Tempel besuchen. 

Ich wurde schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

Schnell ließ ich mich von allen möglichen anderen Dingen ablenken: mit meinen Freunden zu chatten, mir Filme anzusehen, Liebesromane zu lesen (verurteilt mich nicht dafür) und dergleichen. Bei all diesen Dingen, die es zu tun gab, trat das Evangelium schnell in den Hintergrund.

Natürlich ignorierte ich das Evangelium nicht. Meistens las ich in den Schriften, betete und ging auch hin und wieder in den Tempel – aber mein Herz war nicht voll dabei; und wenn ich ehrlich bin, war ich auch manchmal einfach zu faul. Ich las jeden Tag ein bisschen in den Schriften, war dabei aber nicht wirklich aufmerksam; und während meiner Gebete (die ich im Bett liegend sprach) schlief ich oft ein. Diese geistigen Dinge, die mir einst so große Freude bereitet hatten – nach denen ich mich gesehnt hatte – wurden zu Punkten auf einer Checkliste, die ich abarbeiten musste, bevor ich tun konnte, was mir wirklich Spaß machte.

Etwa sechs Wochen, nachdem ich wieder zu Hause war, stellte ich fest, dass ich nicht glücklich war. Eine Beziehung, die ich viel zu schnell eingegangen war, bereitete mir Kopfzerbrechen, ich fragte mich, ob mein Leben einen Sinn hätte, hatte Selbstzweifel und fühlte mich restlos überfordert. In diesem Moment fiel mir auf, was anders in meinem Leben war: Meine Beziehung zu Gott stand nicht mehr an erster Stelle für mich. Wie war das geschehen? Wie konnte ich so einfach mein Zeugnis als etwas Selbstverständliches ansehen? 

Das Zeugnis als etwas Selbstverständliches ansehen – Gegenmittel

Eines der Gegenmittel, um unser Zeugnis nicht Zeugnis als etwas Selbstverständliches anzusehen, ist ein aufrichtiges, von Herzen kommendes Gebet. Darum sieht man auf diesem Bild eine junge Frau, die ihre Arme zum Gebet verschränkt hat, die Augengeschlossen hält und den Kopf geneigt.

Mir wurde klar, dass ich ein paar Dinge in meinem Leben ändern musste, dass ich dem Vater im Himmel zeigen musste, dass ich nicht länger mein Zeugnis als etwas Selbstverständliches ansehen wollte. Ich wollte es wirklich spüren und nicht dabei zusehen, wie es langsam verkümmerte. Ich musste dafür nicht mein ganzes Leben ändern; ich tat schon vieles, um mein Zeugnis zu nähren. Was ich jedoch tun musste – und was wir alle tun müssen, wenn wir geistigen Fortschritt machen wollen – war, meine Einstellung zu ändern und die Dinge bewusst zu tun.

Meine Gebete sprach ich von nun an viel aufrichtiger und sie kamen von Herzen; ich dachte bewusst darüber nach, wofür ich beten wollte und was für ein Wunder es war, dass ich mit dem liebevollsten, perfektesten Vater sprechen konnte. Ich fing an, mir vor meinem Schriftstudium bestimmte Fragen zu überlegen und dann nach Antworten zu suchen; das gleiche tat ich auch, wenn ich zum Tempel ging. Statt mich gedankenverloren mit geistigen Snacks vollzustopfen, wie ich es monatelang getan hatte, begann ich, meine Seele wirklich zu nähren. Und mein aufrichtiger Wunsch, Gott wirklich kennen zu lernen und eine Beziehung zu ihm aufzubauen, machte den Unterschied. 

Mein Zeugnis blühte auf und ich stellte schnell fest, dass ich glücklicher war. Es fiel mir leichter mit Stress umzugehen; ich war mit meinem Leben viel zufriedener – und alles, weil ich nicht länger mein Zeugnis als etwas Selbstverständliches ansehen wollte und entsprechend handelte. Ich erkannte, von welch unbeschreiblichem Wert ein Zeugnis war. 

Glaube als bewusste tägliche Entscheidung

Zu Glauben ist eine tägliche Entscheidung. Auf diesem Bild sind mehrere verschlossene Türen zu sehen, die alle gleich aussehen.

In letzter Zeit habe ich viele Diskussionen darüber gehört, ob Glaube eine Entscheidung ist. Meiner Meinung nach ist er das.

Vor ein paar Monaten unterhielt ich mich mit jemandem, der aus der Kirche ausgetreten war. Unsere Unterhaltung war sehr aufschlussreich. Wir hörten einander zu und versuchten, den anderen zu verstehen. Besonders was meine Freundin darüber sagte, warum ihrer Meinung nach Glaube keine Entscheidung sei, hinterließ einen Eindruck bei mir. 

Sie erzählte mir, dass sie Verschiedenes über die Kirche gelesen hatte (vor allem Kirchengeschichte, so weit ich das beurteilen kann), das sie davon überzeugt habe, dass alles nicht wahr sei. Sie erzählte mir, dass es für sie keine Entscheidung war Glauben zu haben. Die Tatsachen hatten den Wahrheitsanspruch der Kirche widerlegt.

Da ich mich selbst mit sehr viel Kirchengeschichte auseinandergesetzt habe, konnte ich ihre Schwierigkeiten zwar verstehen, musste aber dennoch ihrer Haltung damals und auch heute noch widersprechen.

„Trotzdem ist es eine Entscheidung”, sagte ich. „Man entscheidet sich entweder dafür, diese sogenannten Beweise gegen die Kirche zu vernachlässigen, oder dafür, frühere geistige Bestätigungen und Erfahrungen, die gezeigt hatten, dass sie wahr ist, zu ignorieren. Beide Entscheidungen geschehen ganz bewusst.” 

Auch hier wurde mir klar, dass es gefährlich werden kann, wenn wir unser Zeugnis als etwas Selbstverständliches ansehen.

Es wird immer Leute geben, die der Kirche gegenüber kritisch eingestellt sind – das galt bei der Kirchengründung im Jahr 1830 und auch heute. Trotz dieser Kritiker und ihrer oft unausgereiften Anschuldigungen der Kirche gegenüber (die oft aus dem Zusammenhang genommen sind und im Laufe der Zeit widerlegt werden), können wir trotzdem die Entscheidung treffen zu glauben; diese Entscheidung treffen wir wegen der Momente der Klarheit, die wir erlebt haben. Diese Entscheidung ist nicht einfach – sie kann sogar sehr schwer sein, je nachdem, was wir in unserem Leben erlebt haben, mit welchen Herausforderungen wir umgehen mussten und wegen noch vieler anderer Faktoren, die mit hineinspielen. Und diese Entscheidung ist es wert.

Elder Neil L. Andersen erzählte 2008 eine Geschichte zu diesem Thema. Er berichtet:

„Vor einigen Jahren verlor ein Freund von mir bei einem tragischen Unfall seine kleine Tochter. Hoffnungen und Träume zerplatzten. Mein Freund litt unsäglichen Kummer. Er stellte in Frage, was er gelehrt worden war und was er selbst als Missionar gelehrt hatte. Seine Mutter schrieb mir einen Brief und bat mich, ihm einen Segen zu geben. Als ich ihm die Hände auflegte, fühlte ich mich gedrängt, ihm etwas zu sagen, worüber ich in der Form noch nie nachgedacht hatte. Mir kam der Gedanke in den Sinn: Glaube fühlt man nicht nur – man entscheidet sich dafür. Er würde sich für den Glauben entscheiden müssen! Mein Freund wusste nicht alles, aber er wusste genug. Er wählte den Weg des Glaubens und des Gehorsams. Er ging auf die Knie. Er erlangte sein geistiges Gleichgewicht wieder.”

Wir sollten nicht unser Zeugnis als etwas Selbstverständliches ansehen. Wir entscheiden uns dafür, unser Zeugnis mit Hilfe der von Gott gegebenen Mittel zu stärken: Gebet, Schriftstudium, eine Gemeinde voller Gläubiger, Ansprachen der Generalkonferenz und vieles mehr. Wenn wir unser Zeugnis als etwas Selbstverständliches ansehen, ist das einer der größten Fehler, die wir machen können. 

Die beste Entscheidung meines Lebens war es, Gott zu zeigen, dass ich für mein Zeugnis dankbar bin – indem ich es jeden Tag nähre. 

Weil ich diese Entscheidung traf – weil ich mich jeden Tag für Glauben entscheide – bin ich glücklicher als je zuvor.


Amy Keim ist Site-Managerin und Lektorin für LDSBlogs.com. Sie leistete eine Vollzeitmission für die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in Denver, Colorado, wo sie lernte, Berge zu lieben und Schnee zu verachten. Sie mag leidenschaftlich Erdnussbutter, schlechtes Tanzen und vor allem das Evangelium.

Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt und teilweise etwas angepasst. Er wurde ursprünglich am 2.7.19 auf thirdhour.org unter dem Titel „The Danger of Taking Your Testimony For Granted“ veröffentlicht. Die Autorin ist Amy Keim. Übersetzt von Kristina Vogt.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) wissen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: churchofjesuschrist.org und kirche-jesu-christi.org.

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