Das Kreuz war sicherlich eines der ominösesten Symbole zur Zeit und während des Wirkens Christi. Es war viel mehr als nur ein Mittel, um die Todesstrafe zu vollziehen. Es war ein brutales, furchteinflößendes Abschreckungsmittel gegen jegliche Kriminalität.

Kreuzigungen wurden an öffentlichen Orten durchgeführt (und nicht auf entfernt gelegenen Hügeln irgendwo vor der Stadt), damit die Botschaft, die dadurch übermittelt werden sollte, klar bei den Menschen unter der römischen Herrschaft ankam. Ich habe mir schon häufiger darüber Gedanken gemacht, wie Christus sich wohl dabei fühlen musste, im „Schatten des Kreuzes” zu leben, wo er doch wusste, was ihn erwarten würde. Der Gedanke ans Kreuz verfolgte ihn sicherlich.

Wie Christus das Kreuz verwandelte

Das Kreuz ist auch im Glauben der Mormonen ein wichtiges Symbol. Doch viel wichtiger als der Tod am Kreuz ist ihnen die Auferstehung.

Obwohl Mormonen das Kreuz in Gemeindehäusern oder Tempeln nicht verwenden, ist es auch in unserem Glauben ein Bild mit Aussagekraft.

Wie merkwürdig ist es also, dass das Kreuz im kollektiven Bewusstsein der Christen eine solche Wandlung durchmachte. Obwohl Mormonen das Kreuz derzeit nicht in Gemeindehäusern oder Tempeln verwenden, ist es auch in unserem Glauben ein Bild mit Aussagekraft. Sowohl in der Bibel als auch im Buch Mormon wird das Kreuz sowohl als Symbol für die Lasten der Sterblichkeit als auch für Christi Opfer und Sühnopfer für uns verwendet. Auch wir lehren, wie die übrige christliche Welt, von Christus und seiner Kreuzigung.

Für mich war das Kreuz das erste christliche Symbol, mit dem ich in Berührung kam und das ich verstand. Ich bin nicht in der Kirche aufgewachsen. (Ich wurde als Kind als Lutheraner getauft und war ziemlich überrascht, als ich als Erwachsener herausfand, dass ich dort noch in den Unterlagen auftauchte. Und obwohl ich ihnen mitteilte, dass ich nun Mormone sei, konnte ich zu beeindruckenden Konditionen eine Lebensversicherung kaufen.) An der Schlafzimmertür meiner Eltern hing ein goldenes Kruzifix, und ich erinnere mich noch daran, dass mich das als Kleinkind faszinierte. So lernte ich Jesus Christus kennen; das Kreuz ist daher auch immer noch ein Symbol, das ich schätze.

Wie kam es aber dazu, dass dieses Symbol für Tod zu einem Symbol für Hoffnung und Errettung wurde? Ab und zu hört man einen Mormonen folgenden Vergleich anstellen: „Würde man, wäre Christus auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet worden, dann symbolisch diesen um den Hals tragen?”

Um ehrlich zu sein glaube ich, dass dem so wäre. Und ich fände es nicht schlimm.

Vor dem Ereignis auf dem Kalvarienberg war das Kreuz zweifelsohne ein schreckliches Mahnmal. Aber in dem Moment, als das Blut Christi das Holz des Kreuzes von Golgatha berührte, erfuhr die tödliche Apparatur eine Transformation. Weil Christus zwar am Kreuz starb, aber drei Tage später auferstand, stand das Kreuz von da an nicht mehr für das Ende und für Hoffnungslosigkeit. Es wurde zu einem Teil der Auferstehungsgeschichte, eine heilige Stätte, an der Christus sein Werk des erlösenden Sühnopfers vollendete. Der auferstandene Christus besiegte die Furcht, die mit dem Kreuz einherging. Stattdessen wurde es zu einem Zeichen der Hoffnung. Durch die Hand des Meisters wandelte sich das Kreuz für immer.

Wie das Kreuz Christi uns verändert

Das Kreuz Christi erinnert auch an ein veränderndes Evangelium - wir können unser Wesen durch die Gnade Christi verändern.

Das Kreuz Christi erinnert auch an ein veränderndes Evangelium – wir können unser Wesen durch die Gnade Christi verändern.

Für mich ist das Kreuz wichtig, weil Veränderung von so großer Bedeutung ist. Da das Sühnopfer Christi die Macht hatte, so etwas Furchteinflößendes und Schlechtes, ein Symbol des Todes, so zu verändern, dass Milliarden Menschen es als Symbol des Lebens, der Hoffnung und Errettung anerkennen, frage ich mich, was Christus alles mit mir tun kann. Wenn seine Gnade ausreicht, etwas so Schlimmes zu so etwas Heiligem zu machen, kann sie auch mich heiligen. Ich habe in meinem Leben schon viele Fehler gemacht, von denen einige rot wie Scharlach waren, aber ich bin nie so weit vom Weg abgewichen, dass man mein Leben als Symbol für Tod und Unterdrückung ansehen könnte. Wo er nun also das Bild vom Kreuz so völlig verändern konnte, was kann er dann alles erreichen, wenn er mit „besserem Material” arbeitet?

Ich sehe daher das Kreuz nicht als Symbol des Todes Christi, das im Gegensatz zum Bild vom leeren Grab steht (Präsident Hinckley sagte das einmal). Ich sehe das Kreuz als einen Aspekt des Sühnopfers Christi der „echten Welt in diesem Moment”. Es erinnert daran, dass das Evangelium verändern kann und dass wir uns wirklich durch die Gnade Christi schon in diesem Leben grundlegend verändern können; dadurch erlangen wir hier und jetzt bereits mehr Hoffnung und Freude.

Des Weiteren erinnert es mich daran, dass das Opfer des Erlösers der Schlüssel zu dieser Veränderung ist und dass jegliche Hoffnung in diesem Leben daran hängt, wie wir das Blut Christi für uns wirken lassen. Ohne diese Macht zur Veränderung, die vom Sühnopfer ausgeht, können wir unsere weniger schönen Charakterzüge nicht überwinden und können nicht zum Vater zurückkehren und dort harmonisch mit ihm zusammenleben. Es erinnert mich daran, dass mein Ziel nicht darin besteht, vollkommen zu sein, sondern durch Christus vervollkommnet zu werden. Ohne diesen dunklen Tag auf dem Kalvarienberg gäbe es kein Licht.

Jeder wird von spirituellen Bildern auf andere Art und Weise berührt. Für manchen löst ein bestimmtes Bild von Christus Ehrfurcht und Hingabe aus. Für andere bewirkt das „Wähle das Rechte”-Bild aus den PV-Tagen Ähnliches. Und für manche – vor allem für diejenigen, die sich erst später in ihrem Leben der Kirche Jesu Christi anschlossen – ist das Kreuzsymbol immer noch Motivation für eine größere Hingabe. Ich denke, dass wenn es hilft, es nicht schaden kann. Und für mich persönlich steht das Kreuz als Symbol, dass Gott etwas aus mir machen kann und dass ich, durch Christi Hilfe, anstreben kann, besser zu sein, als ich heute bin. Heiliger. Hingebungsvoller. Durch die Hand Christi verändert.

Wie greift ihr auf diese Macht des Sühnopfers zu, das Hier und Jetzt zu verändern?


Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt und auf lds.net am 1. Mai 2016 veröffentlicht. Der Autor ist Rob Ghio. Übersetzt von Kristina Vogt.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) lernen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org.

 

Rob Ghio

In Kalifornien geboren. Anwalt in Texas. Langzeit-Mormone. Möchtegern-Zen-Meister. Davon überzeugt, dass es bei den Mormonen nicht nur um Kasserollen geht. Besteht darauf, dass das Evangelium zu leben nicht so schwer ist, wie manche behaupten.