Es lag vor mir und ich konnte es nur anstarren und „Danke” murmeln. Das war wohl kaum meine geplante, dankbare Geste vor dem russisch-orthodoxen Priester, der stolz vor mir stand, nachdem er mir sein Geschenk überreicht hatte. Im Mai 1992 nahm ich von diesem ziemlich groß gewachsenen, russisch-orthodoxen Priester eine Schallplatte anlässlich des 1000. Jahrestages der Taufe in Russland entgegen.

Ich konnte den Blick nicht von der Hülle der Platte abwenden, die ich von ihm als Zeichen seiner Ehrerbietung für meinen Vortrag über Entscheidungsfreiheit und Unternehmertum erhalten hatte. Die Berliner Mauer war gefallen, Gorbatschow hatte einen radikalen Prozess des Umbaus und der Modernisierung (Perestroika) sowie eine Politik größerer Transparenz und Offenheit (Glasnost) eingeleitet. Als Teil dieses Aufbruchs in der UdSSR war ich vom kürzlich pensionierten, stellvertretenden Minister für Hochschulbildung eingeladen worden, mit einigen führenden neuen Geschäftsleuten in Moskau zu sprechen.

Die Schallplatte in Händen zu halten und das Gemälde auf der Vorderseite zu sehen machte mich einfach sprachlos.

„Wer hat das gemalt?“, fragte ich ihn schließlich.

„Einer unserer großen Kirchenmaler, um 1900, Mikhail Nesterow, der viele Leinwandgemälde zum Glauben schuf“, lächelte er breit, als der Übersetzer die Geschichte weitergab. „Die ,Heilige Rus‘ ist der Liebling von uns allen und hängt heute in der Russischen Galerie von Leningrad.“

Jesus in Russland – eine alte Legende

„Was stellt es dar?“, fragte ich ihn.

„Unser Erretter besucht das alte Russland oder Rus.“ Der Übersetzer wartete nicht, bis der Priester die Geschichte erzählte. „Wir kennen alle diese Geschichte.“

„Erzähl sie mir, Igor“, bat ich leise, „und frage ihn bitte, woher diese Geschichte stammt.“

Igor wollte sie mir zuerst erzählen, fühlte sich dann aber verpflichtet, dies dem Priester zu überlassen. Sie erklärten mir, dass Nesterows Gemälde auf einer alten russischen Volkslegende beruht, wie Jesus das russische Volk nach seiner Auferstehung besuchte. „Wer sind die Besucher mit Heiligenschein hinter ihm?”

Der Priester lächelte und sagte mir durch Igor: „Nesterow war kein Narr. Er platzierte die drei damaligen Kirchenoberhäupter in dem Gemälde, stellvertretend für Petrus, Jakobus und Johannes.“

Inzwischen hatte ich versucht, die überragende Bedeutung dessen, was ich da vor mir hatte, auf mich wirken zu lassen, blickte auf und nickte zustimmend. Dann umarmten wir uns und sagten, wir würden einander gerne wiedersehen. „Du lehrst mich viel und ich möchte Dankbarkeit zeigen.”

Jetzt dankte ich ihm noch viel mehr.

Einige Monate später war ich zum Mittagessen mit …[Metropolit Pitirim] eingeladen, der höchsten Autorität der russisch-orthodoxen Kirche in Moskau und Vorsitzender des Regierungsrats der gesamten Kirche. Dieser Herr ist vergleichbar mit dem Präsidenten des Kollegiums der 12 Apostel in der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage.

Nach dem Mittagessen und dem Rundgang durch die Hauptverwaltung fragte ich ihn, ob er von einem Gemälde wisse, auf dem Christus offenbar dem alten slawischen Volk erscheint. Er bejahte und sagte, dass es für ein spezielles Schallplattencover verwendet worden sei und dass sich das Original in ihren privaten Archiven befinde. Ich fragte ihn, woher der Künstler die Idee eines Besuches von Jesus in Russland hatte.

Wer waren die Menschen, die Jesus in Russland besuchte?

Feierlich erwiderte er, dass es von einer alten Legende inspiriert sei, die besagt, Christus habe nach seinem Tod das slawische Volk besucht, Nachfahren der Russen, um ihnen das Evangelium zu bringen. Die Menschen, die ihm zuhörten, waren die Demütigen, Einfachen, von den Bauernhöfen und auf dem Land. Sie nahmen seinen Namen auf sich, der, wenn er phonetisch in unseren Zeichen und nicht kyrillisch geschrieben wird, Kristiany lautet. Das russische Wort für Bauer ist Kristiany. Die an ihn glaubten, nahmen seinen Namen auf sich.

Ich fragte [Metropolit Pitirim], ob er glaube, dass Christus wirklich die Länder des heutigen Russlands und der Ukraine besucht habe, dass also Jesus in Russland gewesen sei. Er nickte und strich sich den Bart.

„Das ist sehr gut möglich. Aber vielleicht ist es eher so, dass der Apostel Andreas auf seiner letzten Mission durch die Länder, die heute Russland ausmachen, kam. Es könnte aber auch genau so gewesen sein, wie es auf dem Bild dargestellt wird.“

Und wer waren die Begleiter von Jesus in Russland?

Dann fragte ich: „Wer könnten die drei Apostel gewesen sein?“

„Höchstwahrscheinlich Petrus, Jakobus und Johannes, obwohl einer auch Andreas gewesen sein könnte.”

„Dann haben Sie keine Probleme mit der Vorstellung, dass Christus nach seiner Auferstehung andere Menschen auf der Erde besucht haben könnte?“

Er lächelte und sah mich an, in seinen Augen tanzten Funken. „Sie mögen das Buch Mormon? Nein. Keine Probleme, wie Sie das nennen. Möglicherweise hat es sich zugetragen.“

Die „anderen Schafe”?

Ich habe mich mit anderen orthodoxen Priestern unterhalten, die dieselbe Geschichte erzählen. Inzwischen bin ich mit dem Assistenten und Sekretär des [Metropolit Pitirim] in Kontakt getreten und habe die Erlaubnis zur Vervielfältigung des Gemäldes erhalten. Er sagte, dass man gerne das Einverständnis gebe, da das Gemälde für sie von geringem Wert sei, seit der Künstler bei der russisch-orthodoxen Kirche in Ungnade gefallen sei. Man sagt, er hätte seltsame Ideen gehabt.

Aber sie mochten ihn dennoch genug, um dieses Gemälde auf dem Cover der Schallplatte zur 1000-Jahrfeier der Taufe in Russland zu präsentieren.

Das alles lässt uns an die Worte Christi in Johannes 10 denken – „Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; auch sie muss ich führen und sie werden auf meine Stimme hören; dann wird es nur eine Herde geben und einen Hirten.”


Seit mehr als 30 Jahren ist Mark J. Stoddard erfolgreicher Unternehmer, Vermarkter und Pädagoge. 1990 brachte der stellvertretende Minister für Hochschulbildung der UdSSR Mark dazu, den Führern des Kabinetts des Präsidenten Grundsätze des freien Marktes beizubringen, als erster Ausländer vor dem Obersten Sowjet der Ukraine zu sprechen und in 17 Städten intensive Vorträge vor Stadtverantwortlichen zu halten. Mark war Entrepreneur in Residence an der Utah Valley University und unterrichtet Kurse in Unternehmensführung.

Er hat 18 Bücher mit wirtschaftlichen Themen, Kurzgeschichten und Gedichten sowie ein Musical in voller Länge verfasst. Er hat der Kirche in zahlreichen Funktionen gedient, unter anderem in Bischofschaften in Kalifornien, an der BYU und in Ohio. Er und Elizabeth leben in Spanish Fork, Utah. Sie haben 7 Kinder und 24 Enkelkinder.

Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt und um die genaue Bezeichnung der höchsten Autorität der russisch-orthodoxen Kirche in Moskau ergänzt. Er wurde ursprünglich am 06.01.2016  auf latterdaysaintmag.com unter dem Titel „Did Jesus Visit Russia After His Resurrection?’” veröffentlicht. Autor ist Mark J. Stoddard. Übersetzt von Romie Bank.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) wissen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: churchofjesuschrist.org und kirche-jesu-christi.org.

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