Mein ganzes Leben dachte ich, dass Big Ben ein berühmter Glockenturm in London sei. Ich war mir dessen absolut sicher und habe diese Tatsache sogar anderen beigebracht. Dann fuhr ich nach London und fand heraus, dass Big Ben eigentlich der Spitzname der größten Glocke in diesem Glockenturm ist, der inzwischen “Elizabeth Tower” (Elizabeth -Turm) genannt wird, zu Ehren des diamantenen Jubiläums von Königin Elizabeth II. Wenn wir penibel sein wollen, ist das Ganze nicht einmal offiziell in London, sondern in Westminster. In diesem Moment hatten sich die Glocke und der Turm nicht verändert, aber mein Verständnis sehr wohl.
Genauso gehen wir manchmal durch unser Leben und denken, wir verstünden das Sühnopfer – die zentrale Lehre der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (offizieller Name der „Mormonen-Kirche” – Anmerkung der Übersetzerin) – doch dann haben wir ein Erlebnis, das uns hilft, es in einem neuen Licht zu sehen. Die Lehre hat sich nicht verändert, aber unser Verständnis dafür ist tiefer geworden. Diese Momente der Einsicht helfen uns, das Sühnopfer mehr und mehr zu würdigen und wertzuschätzen. Hier sind einige “Big Ben”-Erkenntnisse über das Sühnopfer, die für mich einen Unterschied gemacht haben:

1. Das Sühnopfer handelt nicht nur von Unsterblichkeit und ewigem Leben, sondern auch davon, dass das eine nicht ohne das andere zu haben ist.

Ewig zu leben mag nicht so ein großartiges Geschenk sein, wenn es nicht die Möglichkeit einschließt, mit Gott und geliebten Menschen zu leben. Als meine Tochter Whitney in der Grundschule war, las sie das Buch Tuck Everlasting (deutscher Titel: Bis in alle Ewigkeit – Anmerkung der Übersetzerin) – ein wunderschöner Roman, der die Geschichte einer fiktiven Familie erzählt, die den Jungbrunnen findet, davon trinkt und dann herausfindet, dass ewig zu leben auch nicht das Gelbe vom Ei ist.
Eines Abends, als ich Whitney zu Bett brachte, fragte sie: „Vati, du weißt, dass du immer sagst, dass wir wegen Jesus für immer leben werden? Nun, was wenn ich das gar nicht will?” Wie freute ich mich, dass ich meiner kleinen Tochter davon Zeugnis geben konnte, dass die Unsterblichkeit nur ein Teil von Jesus großem Geschenk ist. Sie ist verbunden mit der Möglichkeit, ewige Familien zu haben sowie mit weiterem ewigem Zweck.

2. Beim Sühnopfer geht es nicht nur um Sünden, sondern auch um unsere Mühsale.

Auch wenn uns viele unserer Anfechtungen nicht unwürdig machen, können sie uns doch von Gott entfernen. Wie oft erheben wir wütend unsere Fäuste gegen den Himmel und schreien „Warum ich?”, anstatt uns demütig Gott und Christus zu nahen?
Christus stieg unter alle Dinge hinab. Das schließt unsere Fehler, Einsamkeit und Bedrängnisse mit ein.
Christus Sühnopfer befähigt ihn, uns in verzweifelten Momenten beizustehen, weil er unsere
Schmerzen buchstäblich gefühlt hat.

3. Beim Sühnopfer geht es nicht nur um das Empfangen, sondern auch um das Geben.

Großartige Aussichten haben wir, wenn wir verstehen, dass wenn wir uns dazu entschließen, das Geschenk anzunehmen und anzuwenden, wir Gott Freude bereiten und ihm Ehre machen. Manchmal glauben wir fälschlicherweise, dass Gott und Jesus schon alles hätten, aber sie haben dich oder mich nicht, bis wir uns ihnen bewusst schenken.
Wenn wir ihnen unser Herz und unseren Willen freiwillig darbieten, können wir ihnen große Freude bereiten. Ich finde einen Zweck im Leben und eine Befriedigung in dem Wissen, dass ich ihnen auf diese einfache Art etwas geben kann.
Ohne uns würden die heiligen Symbole des Abendmahls jeden Sonntag einfach in den Tabletts liegen. Es liegt an uns, sie zu nehmen und sie zu verinnerlichen. Wenn wir das tun, erhalten wir nicht nur etwas, sondern wir geben auch.

4. Beim Sühnopfer geht es nicht nur darum etwas zu verdienen, sondern auch darum etwas zu lernen.

Unser Glaube, unsere Umkehr, unsere Bündnisse und Bemühungen, den Heiligen Geist bei uns zu haben und bis ans Ende auszuharren sind keine Werke, die wir ausführen, um Errettung zu verdienen. Vielmehr sind sie der Weg, wie Christus uns verändert. Er bittet uns, ihm zu folgen und seine Gebote zu halten, nicht damit wir uns unseren Weg in den Himmel verdienen, sondern damit wir himmlischer werden.
Wir haben uns dafür entschieden, in diese irdische Schule einzutreten, weil wir wussten, dass wir durch das Sühnopfer nicht nur nach Hause kommen können, sondern dass wir auch besser werden können, weil wir hierher gekommen sind.

5. Beim Sühnopfer geht es nicht um sofortige Vollkommenheit, sondern um letztendliche Vollkommenheit.

Die Gerechtigkeit erfordert sofortige Vollkommenheit oder Bestrafung, sollte diese Vollkommenheit nicht erlangt werden. Weil Christus an unserer statt diese Bestrafung auf sich genommen hat, kann er eine andere Regelung treffen. Er fordert letztendlich Vollkommenheit und bietet uns an, uns während des Prozesses zu unterstützen. Wir gehen nicht zur Kirche und nehmen vom Abendmahl, weil wir vollkommen sind, sondern weil wir willens sind, vollkommen gemacht zu werden. Wir gehen nicht in den Tempel, weil wir es geschafft haben, sondern weil uns Gott und Christus in jenen Wänden ihnen selbst ähnlicher machen. Sie könnten uns in einem Augenblick verändern, aber Stärke, die so einfach erlangt wird, ist überhaupt keine Stärke. Darum verändern uns Christus und der himmlische Vater von menschlich nach göttlich normalerweise auf die gleiche Art, wie ein Kind das Laufen lernt – mit der Zeit. Zeit ist das Medium, durch das die Macht des Sühnopfers sich in unserem Leben manifestiert.
Bis ans Ende ausharren heißt nicht einfach nur bis ans Ende der Woche, des Monats, des Jahres oder gar des Lebens. Bis ans Ende ausharren heißt, bis an unser endgültiges Ziel ausharren – nämlich mehr wie Gott und Jesus zu werden.

6. Das Sühnopfer ist nicht nur eine Belohnung für die Rechtschaffenen, sondern die Quelle der Rechtschaffenheit.

Gnade ist die göttliche Hilfe und befähigende Kraft, die während des gesamten Prozesses der Vervollkommnung bereitsteht. Christus hält sich bereit uns zu vergeben, aber er ist genauso bereit, uns zu betreuen, zu stärken und uns fähig zu machen.
Diese Gaben sind keine Belohnung, die auf uns wartet, weil wir uns zusammenreißen, alle unsere schlechten Gewohnheiten überwinden und seiner Hilfe würdig werden. Sie sind ein nicht selbst erworbenes, unverdientes Geschenk während all unserer Bemühungen. Wir müssen uns in acht nehmen, dass wir nicht denken, dass Christus Gnade irgendwie unsere Werke ergänzt oder unsere Werke irgendwie Christus Gnade ergänzen, als ob wir einer Mindestgröße entsprechen müssten, um in den Himmel zu gelangen. Es geht nicht um Größe. Es geht um Wachstum. Wir erreichen den Himmel nicht, indem wir ergänzen, sondern indem wir Bündnisse schließen. Ein Bündnis stellt eine herzliche Beziehung zwischen zwei Freunden dar, die gemeinsam auf dasselbe Ziel hinarbeiten. Anstatt von seinem Anteil und meinem Anteil zu sprechen, versuche ich mehr darüber zu reden, dass sein Herz und mein Herz einander lieb haben und einander widerspiegeln.

7. Das Sühnopfer gibt es nicht, weil wir gut sind, sondern weil Gott und Christus gut sind.

Sie lieben uns nicht, weil wir immer liebenswert sind, sondern weil sie immer voller Liebe sind. Dies zu verstehen hilft uns, ihre Liebe zu spüren, auch wenn wir keinen Grund sehen, uns selbst zu lieben. „Ich werde es nie wieder tun”, sagen wir. Dann tun wir es. „Jetzt meine ich es wirklich ernst. Ich werde es niemals wieder tun.” Und dann tun wir es. An solchen Tiefpunkten ist man ganz schnell entmutigt und verliert die Hoffnung. Es fällt uns so schwer, uns selbst zu vergeben, dass wir fälschlicherweise glauben, dass Gott und Christus auch so fühlen müssten. Wir denken, dass jeder Rückschlag verheerend wäre, aber Gott und Christus sehen sie einfach als Wachstumsschmerzen.
Jesus litt für unsere Sünden – Mehrzahl. Das bedeutet mehrfache Sünden, aber es bedeutet auch, dass wir die gleiche Sünde mehrfach begehen, während wir lernen mit schlechten Gewohnheiten ein für alle Mal zu brechen. „Niemals wieder” mag das oberste Ziel sein, aber dazwischen können wir uns realistischere Ziele setzen, die wir auf dem Weg erreichen.
Jedes Mal, wenn wir umkehren und von Neuem beginnen, sind wir einen Schritt näher an unserem letztendlichen Ziel – gewöhnlicher Weise viel näher als wir denken. Die Liebe Gottes und Jesu ist vollkommen – und wird uns stetig angeboten, sowohl in Momenten großen Erfolges als auch absoluten Versagens. Auch wenn wir uns oft aufgeben wollen, werden uns Gott und Jesus niemals aufgeben. Ihre Herzen können und werden einfach nicht loslassen.

8. Das Sühnopfer ist nicht nur der beste Weg, sondern der einzige Weg.

Christus ist nicht nur eine von vielen möglichen Antworten in einem Multiple-Choice-Test. Er ist die einzige richtige Antwort. In der heutigen Welt ist es nicht angesagt oder politisch korrekt von Absolutem zu sprechen. Einige behaupten, dass Wahrheit relativ sei und von jeder Person individuell konstruiert würde. Sie wollen die Sünde nicht über Bord werfen und sich mit Gott anfreunden. Stattdessen wünschen sie sich, Gott über Bord zu werfen und sich mit der Sünde anzufreunden. Aber nichts davon ändert die Wirklichkeit von Christus und ihre absolute Abhängigkeit von Ihm.
Als Heilige der Letzten Tage wissen wir, dass Christus und sein Sühnopfer die Quelle aller geistigen Segnungen sind. Wie König Benjamin lehrte, „Ich sage euch, dass kein anderer Name noch irgendein anderer Weg oder ein anderes Mittel gegeben wird, wodurch den Menschenkindern Errettung zuteil werden kann, als nur im und durch den Namen Christi, des Herrn, des Allmächtigen.” (Mosia 3:17).


Dieser Artikel wurde im Original von Brad Wilcox geschrieben und auf der Seite ldsliving.com veröffentlicht. Er wurde aus dem Englischen übersetzt von Tanja Kraft.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage erfahren möchten, besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten: lds.org oder mormon.org.