Wenn jemand mit mir über die Kirche Jesu Christi spricht, möchte er fast immer gleich über die anscheinend „verrückten” Dinge sprechen. Wie viele Frauen habt ihr? Tragt ihr magische Unterwäsche? Glaubt ihr, dass ihr mal euren eigenen Planeten besitzen werdet? (Nur fürs Protokoll: Ich habe nur eine Frau – vielleicht ließe sich da was arrangieren, wenn May von der Marvel-Serie „Agents of Shield” an meiner Türe auftauchen würde; meine Unterwäsche ist mir heilig … es sind meine Socken, die etwas Magisches an sich haben; und da es mir nur knapp gelingt, meine Hypothek zu bezahlen, denke ich, dass ich in absehbarer Zeit eher nicht zu einem Planeten aufstocken kann.)

Worin sich die Kirche wirklich von anderen christlichen Religionen unterscheidet, sind ein paar grundlegende Lehren und nicht die Dinge, mit denen ihre Kritiker so viel Zeit verschwenden. Was sind also diese verrückten Dinge, an die wir wirklich glauben?

1. Wir glauben, dass es eine Rolle spielt, was man glaubt

Der Glaube steht heutzutage nicht sonderlich hoch im Kurs. Das Wesen Gottes, der Zweck des Lebens, was nach dem Tod geschieht – all das ist in vielen Bereichen des Christentums ziemlich undurchsichtig geworden, und das Bekenntnis von Nicäa scheint dagegen ziemlich klar zu sein. „Spiritualität” ist gut, „Religion” jedoch schlecht. Man glaubt, was man glaubt, und wenn dazu eine Kirche passt, ist das noch besser.

Mormonen glauben, dass was man glaubt, wirklich eine Rolle spielt. Wir glauben daran, dass Gott einen Plan und einen bestimmten Zweck für einen jeden hat und möchte, dass wir diesen verstehen und ihm folgen können. Die Bibel macht ganz klar, dass es dem Vater im Himmel und seinem Sohn Jesus Christus wichtig war, was wir glauben und dass sie möchten, dass wir sie kennenlernen. Mormonen glauben daran, dass es Wahrheit – also wie Dinge wirklich sind – gibt und dass sie erkannt und befolgt werden kann. Wir bestehen darauf, wie auch Agent Mulder, dass „die Wahrheit da draußen ist”.

Der Plan der Erlösung - Mormonen

Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage glauben an den Plan der Erlösung. Sie glauben daran, dass alle Menschen im Vorherdasein als Geistkinder eines Himmlischen Vaters zusammen lebten und auf eine Erde gesandt wurden, um geprüft zu werden. Der Schleier des Vergessens wurde auf uns gelegt, so dass wir uns an nichts mehr erinnern können, was zuvor gewesen war. Nach dem Erdenleben wartet der Geist eines Jeden auf den Tag der Auferstehung und das letzte Gericht, das gemäß unseres Lebenswandels darüber entscheidet für welche der drei Hauptherrlichkeiten wir uns qualifizieren. Nur im Celestialen Reich können wir mit Gott leben und so werden wie er.

2. Mormonen glauben, dass es eine Rolle spielt, was man tut

Diese verrückten Mormonen. Wenn Jesus sagt: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten”, nehmen sie das wörtlich. Wir glauben daran, dass Gott uns die Freiheit gewährt, Entscheidungen zu treffen – und er gibt uns eine Richtung vor, wie diese Freiheit gebraucht werden soll. Mose brachte vom Berg Gebote mit, keinen Briefkasten für Vorschläge. Wir glauben, dass das Erdenleben glücklicher wird und unsere Verfassung besser ist, wenn wir den Geboten Gottes folgen. Als Mormonen glauben wir, dass man nicht einfach tun kann, was man will und Gott dem dann sein Gütesiegel aufdrückt. Wir glauben an die Gnade Christi, aber wir glauben nicht, dass sie eine Entschuldigung dafür ist, alle Affen aus den Käfigen zu lassen. Es gibt Einschränkungen und Grenzen, die Gott uns gesetzt hat, um sicherzustellen, dass wir glücklich sind; sie bereichern unser Leben. Und er erwartet, dass wir sie beachten.

3. Wenn Mormonen über Gott sprechen, sprechen sie über eine Person, einen fürsorglichen Vater im Himmel

Ich möchte nicht den Glauben von irgendjemandem schlecht machen. Wahrscheinlich hängt es damit zusammen, dass ich nicht mit dem traditionellen Glauben von der Dreieinigkeit aufwuchs – aber für mich hört sich das ein bisschen wie eine Beschreibung von der „Macht” aus Star Wars an. Die Beschreibung ist für mich irgendwie schwammig. Für die Mormonen gab Joseph Smith Gott wieder ein Gesicht. Das gleiche Gesicht, zu dem auch Moses von Freund zu Freund sprach. Das Gesicht, das Stephanus an der Seite Christi sah. Das Gesicht eines liebenden himmlischen Vaters, der nicht nur physisch eine Person ist, sondern ein persönlicher Gott. Er investiert in uns, seine Kinder.

Joseph Smith hat Gott wieder ein Gesicht gegeben.

Als das Licht auf mir ruhte, sah ich zwei Personen von unbeschreiblicher Helle und Herrlichkeit über mir in der Luft stehen. Eine von ihnen redete mich an, nannte mich beim Namen und sagte, dabei auf die andere deutend: „Dies ist mein geliebter Sohn. Ihn höre!“ (Joseph Smith Lebensgeschichte, 1842)

Obwohl die Herrlichkeit Gottes für uns unfassbar ist, wird diese heilige Person dadurch doch nahbar. Eine Beziehung mit einem vollkommenen Vater ist für mich zumindest unendlich viel reizvoller als eine Beziehung mit einem unpersönlichen Universum, das nur entfernt etwas mit Güte zu tun hat. Das Universum ist ziemlich groß. Ein Vater kann mich bei der Hand nehmen.

4. Wir glauben daran, dass Gottes Liebe so groß ist, dass er sich in ihr Leben einmischt

Mormonen sehen sich der ständigen Kritik gegenüber, dass sie die Bibel nicht ernst nehmen würden. Bezogen auf die Beziehung zu Gott, nehmen die Mormonen die Bibel jedoch ziemlich wörtlich. In der Bibel war Gott ein aktiver Teil des Lebens seiner Kinder. Er ernannte immer einen Führer, der für ihn über Dinge unmittelbarer Wichtigkeit zu den Menschen sprach. Im Alten Testament waren das Propheten, im Neuen Testament Apostel. Gott hatte die ganze Bibel hindurch immer etwas zu sagen und machte dies auch möglich.

Dann wurden die Apostel getötet, die Bibel wurde mit einem Rückendeckel versehen und Gott zog in eine Eigentumswohnung nach Florida, wo er nun ganz für sich ist und nie anruft und nie schreibt. Jedenfalls scheint das das zu sein, was ein Teil der modernen Christen irgendwie vorschlägt. Die Idee, dass Gott ohne Umwege und persönlich Gebete beantwortet, dass es einen ernannten Sprecher auf der Erde gibt, dass ihm seine Kinder wichtig genug sind, sie in einer sehr verwirrenden Welt zu führen – die ist doch verrückt. Wenn man mit Gott spricht, wird man auf ein Podest gestellt. Wenn er aber antwortet, kommt man in eine Gummizelle.

Mormonen sind so verrückt zu glauben, Gott habe die Art und Weise, wie er etwas tut, nun, da seine Kinder über Flugmaschinen und Deos verfügen, nicht verändert. Amos sagte uns, dass Gott nichts tun wird, ohne dass er seine Geheimnisse seinen Knechten, den Propheten, kundtun wird. Jetzt, wo es keine Propheten mehr gibt, müsste man daraus schließen, dass Gott also nichts tut; das passt aber nicht zu dem, was wir aus der Bibel über ihn lernen. Mormonen akzeptieren das nicht. Wir glauben an Offenbarung, an neuzeitliche Propheten, an eine Kirche, die von Gott geführt wird – und das nicht in dem Sinne, dass ihm die Treue geschworen wird, sondern so, dass man seine Stimme hört und auf sie hört.

Natürlich haben wir auch unsere Marotten. Unsere Musik ist meist eher ruhig. Unsere Hochzeitsempfänge sind kurz, langweilig und etwas bowlenlastig. Wir feiern den Pioniertag und haben Schwierigkeiten, bei Starbucks etwas zu trinken zu finden. Aber von Grund auf verrückt sind unser Glaube an einen personalen, liebenden Gott, die Überzeugung, dass Glaube eine Rolle spielt und Jüngerschaft erfordert, dass man bewusst lebt.

Der “gleiche Wahnsinn” also wie bei Abraham, Isaak und Jakob, wie bei Jesaja und Jeremia, Jesus, Petrus und Paulus. Wenn wir schon „verrückt” sind, dann sind wir dabei wenigstens in guter Gesellschaft.


Rob Ghio stammt ursprünglich aus Kalifornien. Er ist Rechtsanwalt in Texas. Ein langjähriger Mormone und „Möchtegern-Zen-Meister”. Er ist überzeugt, dass es bei den Mormonen um mehr als Essen und gemächliche Musik geht; er besteht darauf, dass das Evangelium gar nicht so schwer ist, wie manche behaupten.

Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt und am 19.7.16 auf mormonhub.com veröffentlicht. Der Autor ist Rob Ghio. Übersetzt von Kristina Vogt.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) lernen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org.