Im Buch Matthäus wird uns vom Herrn gesagt: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen.“

Während meiner Vollzeitmission für die Kirche hatte ich die Gelegenheit, diesen Rat in einer sehr ungewöhnlichen Weise zu praktizieren.  Das Ereignis hat mein Leben verändert.

Der Herr sendet seine Missionare in alle Teile der Welt, um sein Evangelium zu predigen.  Einige werden in friedliche und ruhige Gebiete geschickt, während andere an Orte in der Welt geschickt werden, an denen Kontroversen und Unruhen herrschen. Kurz nach meiner Bekehrung zur Kirche im Jahr 1959 diente ich als Missionar in West-Berlin, einem der instabilsten Orte der Welt zur damaligen Zeit.

Viele Straßen, die durch die Stadt führen, wurden durch die Mauer in der Mitte geteilt, so dass nur Fußgänger und Radfahrer passieren konnten.  Hinter der Ostseite waren jedoch alle Gebäude etwa 100 Meter von der Mauer entfernt zerstört. So konnten auf der Ostseite Wachtürme mit freiem Blick auf die Mauerseite gebaut werden.  Von ihnen wurden ständig bewaffnete Wachen auf Posten gehalten, um zu verhindern, dass jemand versuchte, in ein besseres Leben im Westen zu fliehen. Mindestens 100 Menschen starben bei dem Versuch, sie zu überwinden oder zu untertunneln. Viele wurden lange Zeit inhaftiert; einige wurden gefoltert und andere hingerichtet.

Missionare Weihnachten Berliner Mauer

Den Heiligabend 1964 verbrachte ich zusammen mit mehreren anderen Missionaren bei einer lieben Mitgliederfamilie in West-Berlin. Nach einem wunderbaren Abendessen genossen wir ein kurzes Weihnachtsprogramm und gemeinsame Gespräche. Als es für uns Zeit wurde zu gehen, bekam jeder von uns ein Weihnachtsgeschenk von unseren Gastgebern, eine hübsch verzierte Tasche mit einem halben Dutzend reifer Navel-Orangen. Es war ihre Art, uns ein frohes Weihnachtsfest zu wünschen.  Ich war begeistert von dem Geschenk und konnte es kaum erwarten, es am Weihnachtsmorgen zu genießen. Mit unseren begrenzten Missionarsbudgets hatten wir selten Geld für solche Dinge übrig.

Als wir aufbrachen, stellten wir fest, dass aufgrund von Heiligabend keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr fuhren, damit die Bediensteten zu Hause bei ihren Familien sein konnten.  Das bedeutete, dass wir mehrere Kilometer bis zu unseren Wohnungen zu Fuß gehen mussten.

Es war ein sehr kalter, klarer Abend und der Boden war nur leicht mit Schnee bedeckt.  Als wir durch die Gassen gingen, spürten wir den Weihnachtsgeist in uns und begannen laut Weihnachtslieder auf Englisch und auf Deutsch zu singen.  Es muss ein Anblick gewesen sein, acht Missionare zu sehen, die spät in der Nacht die Straßen entlang marschierten, Taschen mit Früchten trugen und Lieder sangen, so laut sie konnten.  Viele Zuschauer winkten und beachteten uns und wünschten uns sogar ein frohes Weihnachtsfest.

Ein Teil unserer Heimreise führte uns in eine dieser Straßen, die durch die Mauer getrennt waren.  Als wir den amerikanischen Sektor der Stadt erreichten, bemerkten wir eine große, hölzerne Plattform, die neben der Mauer stand.  Sie war von den amerikanischen Streitkräften gebaut worden, um Besuchern wie Touristen, Militärs, Regierungsbeamten und Westberlinern jederzeit den Blick über die Mauer in den verlassenen, trostlosen Osten zu ermöglichen.

Berlin von oben

Gemeinsam spürten wir den Drang, die Treppe zur Aussichtsplattform hinaufzusteigen.  Oben angekommen, blickten wir auf die andere Seite hinüber. Dort, hundert Meter gerade gegenüber, stand ein Wachturm, der etwa zwanzig Fuß hoch auf Holzbalken stand und mit mächtigen Suchscheinwerfern ausgestattet war, die in unsere Richtung zeigten.  Wir konnten zwei Männer im Inneren sehen, die von einer kleinen einzelnen Glühbirne beleuchtet wurden, welche an diesem Heiligabend auf mögliche Ausreißer achteten.

Wir hatten Mitleid mit ihnen.  Es war sehr kalt, und sie waren da, übernachteten in einer kleinen Hütte ganz allein und sollten ihre Mauer vor Flüchtlingen verteidigen, obwohl sie sicher lieber zu Hause bei ihrer Familie und ihren Freunden gewesen wären, um diesen ganz besonderen Feiertag zu genießen.

Wir sprachen darüber, was wir für sie tun könnten. Könnten wir ihnen eine Art Weihnachtsfreude schicken?  Sie waren sicher unsere Feinde. Aber sie waren auch unsere Brüder. Wenn es nicht nach der Politik böser Männer ginge, hätten wir sie unter besseren Umständen irgendwo anders als Freunde treffen können.

In der Kälte dieser Nacht spürten wir, wie ein besonderer Geist in uns brannte, der uns anregte, unser Weihnachten mit denen zu teilen, die unsere Feinde hätten sein sollen.  Auf einmal begannen wir, ihnen so laut wie möglich Weihnachtslieder vorzusingen. Sie waren weit weg, und wir wussten nicht, ob sie uns hören konnten.

Berliner Mauer schwarz weiß Brandenburger Tor

Aber das taten sie. Nachdem wir noch ein paar weitere Lieder gesungen hatten, hatten wir eine andere Idee.  Warum teilten wir nicht unsere Weihnachtsorangen mit ihnen? Sicherlich könnten wir ein paar davon entbehren.  Da wir alle junge Männer waren und in der Vergangenheit schon einmal Baseball gespielt hatten, hatten wir starke Arme.  Jeder von uns nahm mehrere Orangen aus seiner Tasche und begann, sie so weit wie möglich über die Mauer zu schleudern. Zu unserer Überraschung landeten die meisten ganz in der Nähe des Turms.

Als wir das taten, öffnete sich die Tür zum Turm und zwei junge Männer in Militäruniformen mit Gewehren über den Schultern begannen, die Treppe hinunterzugehen.  Als sie den Boden erreichten, beobachteten wir, dass sie ihre Gewehre gut sichtbar an die Treppe stellten. Sie machten dann mehrere Schritte und sahen uns an. Einen Moment später nahmen sie ihre Hüte ab.  Sie winkten und schrien uns so laut wie möglich „Fröhliche Weihnachten” und “Merry Christmas” zu.

Wir winkten zurück und grüßten auf die gleiche Weise. Wir tauschten diesen Gruß mehrmals aus. Dann liefen sie hinaus auf das Feld und sammelten so viele Orangen, wie sie tragen konnten.  Sie steckten sie in ihre Taschen, unter ihre Mäntel und sogar in ihre Hüte. Ich glaube nicht, dass sie eine übersehen haben.

Das muss für sie ein seltener Genuss gewesen sein, denn frisches Obst und vor allem Orangen waren in Ostdeutschland fast nicht vorhanden.  Das waren vielleicht die ersten Orangen, die sie je probiert hatten. Als alle Orangen aufgehoben waren, wünschten wir uns gegenseitig ein frohes Weihnachtsfest und verabschiedeten uns, als die jungen Männer mit ihren Gewehren und Orangen wieder die Leiter hinaufstiegen, um ihre Aufgabe der Bewachung jener Berliner zu übernehmen, die ihr Leben riskieren würden, um in die Freiheit zu fliehen.

Wir hingegen machten uns auf den Weg nach Hause, glücklich, unsere kleinen Geschenke mit ihnen geteilt zu haben, und hofften, dass wir uns eines Tages unter besseren Umständen wieder treffen und sie vielleicht das Evangelium unseres Erlösers lehren würden, den wir in dieser Nacht geehrt hatten.

Die gesamte Aktion dauerte nicht länger als zehn Minuten.  So kurz diese Begegnung auch war, es war wirklich ein Moment, an den man sich erinnert.  Eine bitterkalte Nacht wurde durch unseren Austausch erwärmt. Diejenigen, die unsere Feinde gewesen waren, waren für einige Augenblicke unsere Freunde und Brüder im Evangelium.  Es war wirklich ein unvergessliches Erlebnis. Immer wenn Weihnachten kommt oder geht, nehme ich mir ein paar Augenblicke Zeit, um dieses besondere Ereignis noch einmal zu erleben.  Es bereitet mir immer noch große Freude.


Dieser Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt. Er wurde ursprünglich auf thirdhour.org unter dem Titel „Christmas Across the Berlin Wall” veröffentlicht. Der Autor ist George Domm. Übersetzt von Janine Windhausen.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) wissen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org.

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