Dieser Artikel behandelt ein anspruchsvolles Thema (hauptsächlich sexuellen Missbrauch) und ist daher eventuell nicht für jeden Leser geeignet. Bitte lasst Vorsicht walten.

Beachtet bitte außerdem, dass hier die Erfahrungen eines einzelnen Missbrauchsopfers wiedergegeben werden, die nicht unbedingt für jeden gelten, der von Missbrauch betroffen war.

Wenn auch Du ein Opfer sexueller Gewalt bist, möchte ich dir sagen, wie leid es mir tut, dass du so etwas Schreckliches erleben musstest. Du hattest es nicht verdient so etwas durchzumachen und ich hoffe, dass meine Ratschläge dir den Heilungsprozess ein bisschen erleichtern werden.

Im Folgenden findest du die besten Maßnahmen, nach denen du zu Beginn des Heilungsprozesses vorgehen kannst, wenn du gerade erst erkannt hast, was dir passiert ist. Vergiss nicht: Dies ist eine überwältigende und sehr verwirrende Zeit und es ist völlig normal, dass du dich verunsichert fühlst – aber hoffentlich helfen dir diese Maßnahmen dabei, ein kleines bisschen schneller wieder auf die Beine zu kommen.

1. Nimm dir einen Moment Zeit, um alles auf dich wirken zu lassen

Eine Frau sitzt vor ihrem Bett auf dem Boden und weint. So brechen leider auch viele Opfer von Missbrauch immer wieder unter Tränen zusammen.

Es ist nicht einfach, die Ausmaße der Geschehnisse zu begreifen, aber dadurch, dass du dich mit ihnen auseinandersetzt, beginnst du deinen Heilungsprozess. Am allerwichtigsten ist es, dass du weißt, dass es NICHT DEINE SCHULD war! Gib dir nicht die Schuld für das, was passiert ist. Ich weiß, das ist leichter gesagt als getan, aber es ist so wichtig, dass du dich immer wieder daran erinnerst, dass du keinerlei Schuld trägst.

2. Überlege, ob du Anzeige erstatten möchtest

Der Weiße Ring e.V. ist eine deutsche Organisation, die Missbrauchsopfern weiterhilft. Wenn gewünscht begleitet dich ein Ansprechpartner zu Polizei-, Gerichts- und Behördenterminen. Außerdem stellt die Organisation Hilfeschecks für psychotraumatologische und anwaltliche Erstberatungen sowie für eine rechtsmedizinische Untersuchung aus.

Mach dir in Ruhe Gedanken, ob du Anzeige erstatten möchtest. Natürlich ist es eine schreckliche Sache, die passiert ist, und viele Menschen werden mit Unverständnis reagieren, wenn du dich entscheidest nicht gerichtlich vorzugehen. Aber wenn es dir zu schwer fällt, dem Täter gegenüberzutreten oder ausführlich über die Geschehnisse zu sprechen, darfst du dir erst einmal die nötige Zeit nehmen – oder auch ganz individuell entscheiden, dass du keine Anzeige erstatten möchtest.

3. Sprich mit einem Therapeuten

Zu sehen sind die Innenseiten der Hände eines Mannes., der auf einer Couch sitzt. Opfern von Misshandlungen wird empfohlen, mit einem Therapeuten zu sprechen.

Es ist schwierig über die Einzelheiten des Vorfalls zu sprechen, aber ein Therapeut kann dir helfen, damit und mit den Folgen, die jetzt schon auftreten oder noch auftreten werden, besser umzugehen. Er kann dir dabei helfen, dass du dir selbst und anderen wieder zu vertrauen lernst, und mit dir besprechen, wie du dich in Zukunft vor Missbrauch schützen kannst. Vielleicht braucht es ein paar Anläufe, bis du einen geeigneten Therapeuten gefunden hast, aber dann kann er zu jemandem werden, dem du voll und ganz vertrauen kannst. Du kannst ihm alles erzählen ohne dabei Verlegenheit und Scham zu empfinden, wie es vielleicht der Fall wäre, wenn du die schwierigen Einzelheiten mit einem Freund oder Familienmitglied besprechen würdest.

4. Sprich mit einem Arzt

Die Angstzustände, die du empfindest, können erdrückend sein. Ein Arzt kann mit dir besprechen, ob Antidepressiva oder Medikamente gegen Angststörungen dir beim Heilungsprozess helfen können. Es gibt bestimmte Medikamente, die du auf ärztliche Weisung beim Auftreten einer Panikattacke einnehmen kannst. Sie können dir helfen dich zu beruhigen und bewirken, dass Panikattacken gar nicht oder weniger stark auftreten.

5. Sprich mit deinem Bischof

Eine junge Frau spricht mit ihrem Bischof. Opfer von Misshandlung können bei ihrem Bischof geistigen Rückhalt, Liebe und Verständnis bekommen.

Das war die beste Entscheidung, die ich getroffen habe. Dein Bischof kann direkte Offenbarung vom himmlischen Vater für dich empfangen. Im Gespräch mit meinem Bischof habe ich ihm alles erzählt, was mir passiert war. Ich sagte, dass ich wissen wollte, wie ich in geistiger Hinsicht mit allem umgehen und mit meinem Leben weitermachen sollte.

Er stellte mir einige Fragen, um den Grad meiner Angststörung sowie meine körperlichen und mentalen Grenzen einordnen zu können und um zu sehen, inwiefern der Missbrauch mein Zeugnis angegriffen hatte. Ich versicherte ihm, dass die Vorfälle mein Zeugnis sogar gestärkt hatten (weil ich die helfende Hand des himmlischen Vaters die gesamte Zeit über erkennen konnte). Daraufhin gab mir der Bischof drei inspirierte Ratschläge, die ich nicht erwartet hatte, aber dringend brauchte.

Das war das beeindruckendste, geistigste Erlebnis meines gesamten Lebens. Wir haben beide während des Treffens die ganze Zeit geweint.

Ich möchte dir auch sehr ans Herz legen, dir am Ende von deinem Bischof einen Segen geben zu lassen. Der Segen, den ich von meinem Bischof erhalten habe, war fast wie ein Patriarchalischer Segen – nur dass ich ihn nicht von einem Patriarchen erhielt. Er erwähnte mehrere Dinge, die Wort für Wort auch in meinem Patriarchalischen Segen stehen, von denen mir nicht bewusst war, dass sie zu diesem Zeitpunkt so wichtig waren. Nach dem Segen strömten uns beiden Tränen übers Gesicht und mein Bischof fragte mich, ob ich die unvergleiche Liebe spürte, die der himmlische Vater für mich empfindet. Er sagte, dass die Liebe des himmlischen Vaters eine unglaublich starke Liebe ist und dass er mir näher ist, als ich vielleicht denke.

Der Heilige Geist war an diesem Ort so greifbar wie noch nie in meinem Leben. Nach der Unterredung hatte ich nicht die kleinste Spur von Angst; stattdessen spürte ich nur das unglaubliche Maß an Liebe und Frieden meines himmlischen Vaters und des Bischofs.

Bitte sprich mit deinem Bischof – auch wenn du vielleicht länger nicht in der Kirche warst. Ich verspreche dir, dass es deinem Sinn Frieden schenken und dir helfen wird zu verstehen, wie sehr der himmlische Vater dich liebt und für dich da sein und dich heilen möchte.

6. Gründe deine eigene Selbsthilfegruppe

Denke darüber nach, ob du Freunden und Verwandten, die du gern hast und die für dich da sind, von den Vorfällen erzählen möchtest. Wähle Personen aus, die dich auffangen, wenn es dir schlecht geht und die dir helfen, deine Angststörungen zu überwinden. Es ist sehr hilfreich, wenn es wenigstens eine weitere Person gibt, die für dich da ist und dich ermutigt, wenn du mit einer posttraumatischen Belastungsstörung oder Ängsten zu kämpfen hast. Zwischen den Therapiesitzungen sind diese Personen die besten Ansprechpartner für dich.

7. Lasse dich möglichst mindestens zwei Wochen von der Arbeit oder Schule freistellen

Zu sehen ist die Hand einer Frau an der Innenseite eines verregneten Fensters.

Für eine ganze Weile wirst du dich niedergeschlagen fühlen. Du musst mit dir selbst liebevoll umgehen und darauf achten, dass du nicht an deine Belastungsgrenze gerätst. Die allermeisten Lehrer und Arbeitgeber reagieren verständnisvoll, wenn du ihnen erzählst, was los ist (wenn du dazu in der Lage bist). Nach einer Auszeit kannst du erneut abwägen, ob du dich den Anforderungen von Arbeit oder Schule psychisch gewachsen fühlst. Ich habe mit aller Gewalt versucht einfach weiter zur Uni zu gehen, aber letztlich kam ich zu der Erkenntnis, dass ich mich innerlich auf nichts mehr konzentrieren konnte. Ich habe den Rest des Semesters dann zu Hause verbracht, was eine wunderbare Entscheidung für mich war.

Ich habe außerdem versucht, weiterhin meinen Nebenjob auszuüben. Die erste Woche hat das noch gut geklappt, aber in der zweiten Woche wurden mir die Verantwortung, der Druck und der Lautstärkepegel im Büro zu viel. Ich war in der zweiten Woche nach jedem Arbeitstag ganz aufgewühlt und angsterfüllt. Schließlich habe ich mich entschieden zu kündigen und mir Zeit für die Heilung zu nehmen, ehe mich Druck und Verantwortung fertig machten. Das ist alles völlig normal, wenn man ein traumatisches Erlebnis hatte. Fühl dich nicht schlecht, wenn du ähnliche Entscheidungen treffen musst.

Davon abgesehen hatte ich das Glück, dass ich bei meiner Familie wohnen konnte und mir nicht zu viele Gedanken über Geld machen musste – ein Luxus, den selbstverständlich nicht jeder hat. Wenn es dir aber möglich ist, eine Auszeit von der Arbeit, Schule und sonstigen Verpflichtungen zu nehmen, dann ziehe dies bitte in Erwägung.

8. Mache eine Liste von Angstauslösern, wenn du sie erkennst

In den ersten Wochen werden dir nach und nach irgendwelche Dinge in deinem Alltag auffallen, die bei dir Angst auslösen. Damit du dich an alles einfacher erinnern kannst, schreibe sie dir in einer Liste auf. Du kannst sie dann mit deinem Therapeuten, Arzt, mit Freunden und Verwandten besprechen und mithilfe der Liste musst du dich nicht die ganze Zeit wiederholen. Ein paar Beispiele aus meiner Liste von Angstauslösern: Duschen, gebeten werden für jemand anderen zu viele Entscheidungen zu treffen, der Geburtsort meines Ex-Freunds, der Tempel neben dem Haus meines Ex-Freunds (leider), Walmart usw.

Ein weiterer Auslöser kam von unerwarteter Seite durch eine Vertrauensperson: Mein Vater machte versehentlich eine unglücklich formulierte Bemerkung, wodurch ich einige Tage lang das Vertrauen in meine Therapeutin verlor. Meine Eltern machten sich über die Therapiekosten Gedanken und überlegten, ob wöchentliche Sitzungen wirklich nötig waren. Ich hatte ihnen gesagt, dass die Therapeutin dringend empfahl, dass ich bei diesem Rhythmus blieb. Mein Vater meinte: „Na, das mag stimmen, aber sie braucht natürlich auch Patienten, damit ihr Geschäft läuft.”

Mein Vater brachte dadurch unbewusst mein Gehirn dazu anzunehmen, dass meine Therapeutin mich manipulierte um mehr Geld zu verdienen. Vielleicht fällt dir auf, dass deine Freunde und Verwandten darauf achten müssen, wie sie scheinbar harmlose Aussagen formulieren. Natürlich entsprach meine Annahme nicht dem, was mein Vater gemeint hatte, und natürlich manipuliert mich meine Therapeutin NICHT; aber weil mein Vater bestimmte Worte verwendet hatte, löste das in mir Angst aus.

9. Schreibe ein Tagebuch über die ersten Wochen

Eine Frau schreibt in ihr Tagebuch. Missbrauchsopfern wird empfohlen, in den ersten Wochen nach der Tat in ein Tagebuch zu schreiben.

Ich bin froh über den Entschluss täglich jedes Gefühl von Angst aufzuschreiben. Ich habe notiert, was ich körperlich, emotional und geistig fühlte, was mir durch den Kopf ging, mögliche Auswege aus der Angst, Einzelheiten zu Träumen, die alptraumhaft oder beunruhigend waren, und alles Mögliche, was ich aufschreiben wollte. Bei den Therapiesitzungen fiel es mir viel leichter zurückzublicken und mich daran zu erinnern, wie es mir in der Woche ergangen war. Es erleichterte meiner Therapeutin die Arbeit, meine Träume zu analysieren und die besten Strategien zur Verarbeitung für mich zu finden.

Das Führen eines Tagebuchs ist besonders hilfreich, weil du wahrscheinlich feststellen wirst, dass du eine Zeitlang etwas zerstreut bist und dass es dir schwerer fällt dich an bestimmte Dinge zu erinnern. Eine Weile könnte es dir auch Mühe bereiten zwischen Träumen und realen Rückblenden zu unterscheiden, so dass es hilfreich ist Dinge aufzuschreiben um sie einordnen zu können.

10. Sei geduldig und nett zu dir

Das war tatsächlich eine der größten Herausforderungen für mich. Ich bin es gewohnt mich eine oder höchstens mal zwei Wochen niedergeschlagen zu fühlen, aber nach dem Missbrauchserlebnis braucht man viel mehr Zeit als zwei Wochen. Da ich das nicht wahrhaben wollte, habe ich mich eine Weile weiter zur Schule und zur Arbeit geschleppt. Das hat mich in meinem Fortschritt zurückgeworfen und viele Angstzustände verursacht.

Es fällt manchen Verwandten oder Freunden vielleicht schwer zu verstehen, dass du nicht so leistungsfähig bist wie früher, aber sei geduldig mit ihnen und mit dir selbst. Du wirst letztlich wieder an diesen Punkt kommen, aber dabei darfst du dir nicht alles abverlangen, denn sonst wirst du in deinem Heilungsprozess viele Rückschritte erleben. Ich bin einer der ungeduldigsten Menschen dieser Welt und daher muss ich mich dauernd dazu ermahnen es langsam anzugehen. Es ist alles bestens, wenn du so viel wie möglich an einem Tag erledigst und es dann genug sein lässt – auch wenn das bedeutet, dass du nur aufstehst und dein Zimmer aufräumst oder eine Ladung Wäsche durchlässt oder etwas ähnlich Einfaches. Das reicht!

Du kannst das durchstehen. Ich verspreche es dir! Nutze das Evangelium und die Liebe des himmlischen Vaters als deine vorrangige Lichtquelle in dieser dunklen Zeit.


Über Stacey Kimball

Als Opfer sexueller Gewalt bemüht sich Stacey Kimball darum, anderen Missbrauchsopfern zu helfen Frieden und Heilung zu finden durch ihre Beziehung zum himmlischen Vater und zu verstehen, dass jeder von uns von Natur aus wertvoll ist, weil wir Kinder Gottes sind.

Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt. Er wurde ursprünglich am 28.12.18 auf ldsblogs.com unter dem Titel „10 Tips for Abuse Survivors” veröffentlicht. Die Autorin ist Stacey Kimball. Übersetzt von Tabea Seeborg.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) wissen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org.

German ©2019 LDS Living, A Division of Deseret Book Company | English ©2019 LDS Living, A Division of Deseret Book Company

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