Es gibt verschieden Aussagen über das Lehren durch den Geist, und es gibt viele Missverständnisse und falsche Auffassungen darüber, welche Rolle der Geist beim Lehren und Lernen spielt. Manche der angeführten Aussagen sind teilweise wahr. Manche sind sogar an sich richtig, sind aber, wenn wir sie als feste Regeln oder Prinzipien betrachten, irreführend.

Wenn wir durch den Geist lehren, werden auch kleine Kinder ruhig sitzen.

Ich war bei einer Schulung anwesend, bei der die Pfahlleiterin der Primarvereinigung genau diese Aussage machte. Es war ein schönes Versprechen, das mit voller Überzeugung gemacht wurde. Und ich bin mir sicher, dass es oft auch wirklich der Fall ist. Ich habe es selbst schon erlebt. Problematisch ist es jedoch, so etwas allgemeingültig zu sagen. Meine sofortige Reaktion, als ich die Aussage hörte, war: Was ist, wenn man in einer Gemeinde ist, in der die PV am Ende der Versammlungen abgehalten wird, und das um 4 Uhr nachmittags – zeigen dann unruhige, laute oder schwer kontrollierbare Kinder, dass der Lehrer sich nicht im Einklang mit dem Geist befindet? Oder wie verhält es sich mit einem Störenfried in einer Seminar- oder Sonntagsschulklasse? Ist er ein Beweis dafür, dass der Lehrer seine Berufung nicht groß macht? Wie entmutigend wäre es, wenn es bedeuten würde, dass wenn meine Kinder nicht ruhig im Unterricht dasitzen, ich den Geist nicht bei mir habe.

Ich denke, man kann gut daran erkennen, ob ich durch den Geist unterrichte, wenn meine Schüler mich und meinen Unterricht mögen.

Sonntagsschule Heiliger Geist

Es steht außer Frage, dass ein machtvoller Moment im Unterricht auch widerspenstige und unaufmerksame Schüler zur Ruhe bringen kann. Es ist auch wahr, dass gläubige und gehorsame Schüler Erfahrungen schätzen, die ein Unterricht unter dem Einfluss des Heiligen Geistes mit sich bringt. Wenn diese Aussage jedoch als allgemeiner Grundsatz für das Lehren durch den Geist betrachtet wird, was sollen wir dann von folgenden Situationen halten?

  1. Als Joseph seinen Brüdern beibrachte, was er in einem Traum erfahren hatte, planten sie, ihn zu töten. Sie warfen ihn in eine Grube und verkauften ihn als Sklaven nach Ägypten (siehe Genesis 37:18-28).
  2. Nachdem Jesus die Menschen in seiner Heimatstadt Nazareth belehrt hatte, waren einige von ihnen so aufgebracht, dass sie ihn an den Rand der Stadt brachten und versuchten, ihn von einer Klippe zu stürzen (siehe Lukas 4: 16–29).
  3. Ich finde nicht viele Beispiele, wie Laman und Lemuel stillsitzen, um von Lehi oder Nephi unterwiesen zu werden.
  4. Die „Klasse” von Samuel, dem Lamaniten, schoss mit Pfeilen und Steinschleudern ​​auf ihn (siehe Helaman 16: 2).
  5. Abinadis „Studenten” verbrannten ihn am Pfahl (siehe Mosia 17).

Die heiligen Schriften sind voll solcher Beispiele.

Humor hat in einem Unterricht nichts zu suchen, weil er leichtfertig ist und den Geist beleidigt.

Wir werden vom Herrn gewarnt, mit heiligen Dingen mit Ehrfurcht und Sorgfalt umzugehen. Sie sind nicht leichtfertig zu behandeln. Sein Rat ist sehr direkt: „Denkt daran: Das, was von oben kommt, ist heilig und muß mit Sorgfalt und unter dem Drängen des Geistes gesprochen werden.“ (LuB 63:64) An anderer Stelle werden wir vor „müßigen Gedanken“, „übermäßigem Gelächter“, „leichten Reden“ und „Leichtfertigkeit “ gewarnt. (LuB 88:69, 121) Oliver Cowdery wurde angewiesen: „verrichtet mit Ernsthaftigkeit das Werk, das ich euch geboten habe“ (LuB 6:35). Es wird uns auch an vielen anderen Stellen in den heiligen Schriften geraten, ernsthaft zu sein (siehe z.B. Mosia 4:15; Alma 37:47; LuB 43:35). Wenn der Herr vom Sabbattag sprach, dann im Zusammenhang mit der Aussage „nicht mit viel Gelächter.“ (LuB 59:15)

Aber der Herr sagte auch, dass wir ein „fröhliche[s] Herz und Angesicht” (LuB 59:15) haben sollen und unser „Herz guten Mutes sein [soll] vor [s]einem Angesicht” (LuB 112:4). Tatsächlich finden wir den Ausdruck „guten Mutes” in den heiligen Schriften 14 Mal. Zu den Pionieren, die sich auf den Weg machten, sagte der Herr: „Wenn du fröhlich bist, so preise den Herrn mit Gesang, mit Musik, mit Tanz und mit einem Gebet des Lobes und der Danksagung.” (LuB 136:28)

Wir müssen immer darauf achten, dass wir nicht die Grenze zwischen gutem, sauberem Spaß und einer übermäßig fröhlichen Haltung überschreiten und respektlos werden. Manchmal erzählen wir Witze, in denen leichtfertig mit heiligen Dingen umgegangen wird oder jemand sich über Einzelne oder Gruppen von Menschen lustig macht. Ich habe gesehen, dass dies sogar in offiziellen kirchlichen Lehrveranstaltungen wie Abendmahlsversammlungen, bei Andachten und während eines Unterrichts geschah. Ich glaube, dass solche Dinge den Geist beleidigen und dazu führen, dass er sich bis zu einem gewissen Grad zurückzieht.

Auf der anderen Seite gibt es sicherlich auch etwas, das wir einen erbauenden und gesunden Humor nennen können. Das Leben selbst ist voll von humorvollen und amüsanten Situationen. Wir können ironische Beobachtungen machen, über die wir lachen müssen, ohne andere zu erniedrigen oder mit Heiligem leichtfertig umzugehen. Etwas, das die Menschen an Präsident Gordon B. Hinckley am meisten liebten, war sein schlagfertiger, trockener und köstlicher Sinn für Humor. Aber er überschritt nie die gerade beschriebene Grenze.

Ich hatte keine Zeit, eine Lektion vorzubereiten. Ich denke, ich muss mich heute auf den Geist verlassen.

Sonntagsschule Heiliger Geist

Zweifellos wird es Zeiten geben, in denen wir gebeten werden zu unterrichten, dann aber etwas Unerwartetes eintritt, so dass wir nicht genug Zeit haben, uns entsprechend vorzubereiten. (Dieselbe Situation kann auch in Familienunterrichtsituationen auftreten.) Unter diesen Umständen haben Lehrer, Eltern oder Priestertumsführer das Recht, den Geist um Hilfe anzurufen, um kraft- und wirkungsvoll unterrichten zu können. Aber dies sollte nicht zur Gewohnheit werden.

Wir müssen eine „spirituelle Selbständigkeit“ entwickeln. Auch der Herr spricht eindrücklich über dieses Konzept: „Denn siehe, es ist nicht recht, daß ich in allem gebieten muß; denn wer in allem genötigt werden muß, der ist ein träger und nicht ein weiser Knecht … Die Menschen sollen sich voll Eifer einer guten Sache widmen und vieles aus ihrem eigenen, freien Willen tun … denn die Macht ist in ihnen, wodurch sie für sich selbst handeln können … Wer aber gar nichts tut, bis es ihm geboten wird, und ein Gebot mit zweifelndem Herzen empfängt und es auf träge Weise hält, der ist verdammt.” (LuB 58: 26- 29)

Elder Neal A. Maxwell sagte dazu, dass jemand sich absichtlich nicht darauf vorbereitet, zu unterrichten: „Der Unterricht enthebt den Lehrer nicht der Verantwortung, sich gebeterfüllt und mit viel Nachdenken vorzubereiten. Das Unterrichten durch den Geist ist nicht gleichbedeutend mit einem ‚Autopiloten’. Wir brauchen immer noch einen sorgfältig ausgearbeiteten Flugplan. Etwas gedanklich auszuarbeiten, bezieht den Geist in unsere Vorbereitungen und Präsentationen mit ein. Wir dürfen uns nicht wie Oliver Cowdery irren, indem wir uns keine Gedanken machen, außer Gott um seinen Geist zu bitten (siehe LuB 9: 7).”

Verschiedene Unterrichtsmethoden spielen für mich keine Rolle; ich möchte einfach nur durch den Geist lehren.

Mit dieser Aussage ist es ein bisschen schwieriger. Was Unterrichtsmethoden anbelangt und bestimmte Fertigkeiten und Fähigkeiten beim Unterrichten gibt es Dinge, vor denen wir gewarnt werden und Dinge, zu denen wir ermutigt werden. Wenn diese Aussage bedeutet, dass wir erwarten, dass der Geist alles für uns übernimmt, ist das nicht besonders weise. Der Lehrer sagt dann in etwa: „Wenn ich durch den Geist lehre, muss ich mir keine Gedanken darüber machen, wie ich etwas vermittle. Das kommt ganz von alleine.” Solch eine Einstellung gefällt dem Herrn nicht.

Eine solche Aussage könnte aber auch dafür stehen, dass der Lehrer mehr Vertrauen in den Geist hat als in die Weisheit der Menschen. Die Warnung des Herrn im 50. Abschnitt der Lehre und Bündnisse ist ernüchternd: Wenn wir auf eine andere Art und Weise lehren als durch den Geist des Herrn, ist es nicht auf die Weise Gottes.

Wie finden wir also das Gleichgewicht? Ist es möglich, dass die Bereitschaft eines Einzelnen, etwas zu lernen, durch den langweiligen, geistlosen, monotonen, leblosen Vortrag eines Lehrers geschmälert wird? Gebraucht ein Lehrer verschiedene effektive Methoden, die den Lernenden miteinbeziehen, kann das sogar die Wahrscheinlichkeit, dass der Geist wirkt, erhöhen. Das zeigt, dass wenn wir versuchen, das Evangelium besser zu unterrichten, dies dem Herrn nicht missfällt.

Dies sollte die Fragen beantworten und eine Antwort auf Aussagen sein, die wir oft zu hören bekommen. Am Ende kommt es vor allem auf eines an: „Und was nicht erbaut, das ist nicht von Gott, sondern ist Finsternis.” (LuB 50:23)

In der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage sind wir alle Lehrer. Der Herr hat uns nicht nur geboten, einander zu unterweisen, er hat uns auch gelehrt, was wir lehren sollen und auf welche Art und Weise: mit Fleiß und mit der Hilfe des Geistes.


Gerald Niels Lund

Gerald Niels Lund diente von 2002 bis 2008 als Mitglied im Siebzigerkollegium der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage.

Der Beitrag wurde aus dem Englischen frei übersetzt und teilweise gekürzt. Er wurde ursprünglich am 22.9.18 auf ldsliving.com unter dem Titel „5 Myths We Tell Ourselves About Teaching by the Spirit” veröffentlicht. Der Beitrag ist ein Auszug aus Gerald N. Lunds Buch „In Tune: The Role of the Spirit in Teaching and Learning”. Übersetzt von Kristina Vogt.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) wissen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org.

German ©2018 LDS Living, A Division of Deseret Book Company | English ©2018 LDS Living, A Division of Deseret Book Company

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