Vor meinem ersten Auftritt bei den Olympischen Spielen musste ich erst einmal einen ganz anderen Auftritt meistern: eine Pressekonferenz, den Media Summit. Für diese Konferenz interessierte sich jede Zeitung, jedes Magazin, jeder Fernsehsender, Wohltätigkeitsstiftungen und sonstige Leute, die über einen Internetauftritt verfügten, die irgendetwas mit Sport, Gesundheit oder Fitness zu tun hatten. Die Athleten, von denen man dachte, dass sie etwas bei den Olympischen Spielen erreichen würden, erhielten eine Einladung dazu. Wir wurden gebeten, verschiedene Outfits mitzubringen, die wir anziehen würden. Sie wollten Kleidungsstücke, in denen wir trainierten, Festtagskleidung, formelle Kleidung, Kleidung und Ausrüstung, die wir beim Wettbewerb tragen würden, Kleidung, die wir zum „Ausgehen” trugen, Winterkleidung – und eigentlich alles, was sonst noch im Kleiderschrank zu finden war.

Am Ende der Veranstaltung erklärte mir meine Begleitung, dass nun eines der größten Shootings kommen würde. Fotografen von Getty Images, NBC, Women’s Health, Shape Magazine, Associated Press und einige andere würden dabei sein. Viele Fotografen baten die Athleten darum, ihren Körper in Pose zu setzen. Sie wollten Muskeln und Linien sehen. Sie klatschten und jubelten, als die Athleten posierten.

Ein letztes Interview vor dem Rampenlicht

Anstand beim Fotoshooting? Erfahrungen einer Olympia-MedaillengewinnerinVor den Bildern hatte ich noch schnell ein letztes Interview, und als ich mit dem Interview fertig war und in das Studio zurückkam, das vollgepackt mit Strahlern, Kulissen und Requisten war, nahmen mir drei Frauen meinen Koffer aus der Hand, machten ihn auf und breiteten meine Kleidung auf einem Tisch aus. Sie diskutierten darüber, was ich für die einzelnen Aufnahmen anziehen sollte.

Eine weitere Frau, Diane, nahm meine Hand und zog mich mit zu einer provisorischen Umkleidekabine. Zwischen den umhereilenden Leuten, den Blitzlichtern und den schreienden Menschen hatte jemand ein schwarzes Tuch an eine Stange gehängt, das die Sportler beim Umziehen etwas verdecken sollte. Ich trat hinter den Vorhang, und die drei Frauen reichten mir hastig die Kleidung, die ich für bestimmte Fotos anziehen sollte.

„Eine Minute!” hörte ich jemanden schreien. Diane erklärte mir, dass ich mich in den folgenden 15 Minuten einige Mal umziehen müsste und dass ich das schnell tun sollte. Ich nahm die Herausforderung an. Ich zog mich schleunigst an und stürzte hinaus.

Sobald ich draußen war, wurde ich angewiesen, auf einem Stuhl Platz zu nehmen und ein paar Fahnen zu schwenken. „Noch zwei Minuten bis zum Umziehen!” Die zwei Minuten, in denen die Kameras um mich herum klickten, vergingen wie im Fluge, und plötzlich war ich schon wieder hinter dem Vorhang, wo ich meine Winterjacke und Schneehosen anzog.

“Dreißig Sekunden!”, schrie derselbe Mann. Ich rannte aus der Umkleidekabine und stand vor völlig neuer Kulisse. Ich erhielt die Anweisung, im künstlichen Schnee zu spielen, der in die Luft geschleudert wurde.

„Zwei Minuten!”, rief er nun. Und ich spielte im Schnee, und die Kameraleute  gingen um mich herum, machten Fotos von allen Seiten und ermunterten mich, mein Pokerface aufzusetzen.

Anstand für den guten Zweck

Die Zeit war schon wieder abgelaufen, und ich rannte ein weiteres Mal zurück in die Umkleidekabine. „Eine Minute!” Schnell zog ich meine Winterkleidung aus und meine Festtagskleidung an. Die Beleuchtung hatte sich verändert, und jetzt wurden Porträtaufnahmen von mir gemacht. Eigentlich wollte ich zu diesem Zeitpunkt vor allem einen Spiegel, weil ich wusste, dass meine Haare wegen des häufigen Umziehens furchtbar aussehen mussten. „Zwanzig Sekunden bis zum Umziehen!” Die Kamera klickte noch ein Dutzend Mal, und wieder rannte ich hinter den Vorhang.

17149Dort reichte mir Diane ein Kleid. „Noch drei Minuten, Leute!” Das Kleid, das sie mir reichte, gehörte mir allerdings nicht, und sie sah meinen verwirrten Blick.

„Alle Athletinnen werden in einem roten Kleid fotografiert, als Symbol für gesundes Leben und ein gesundes Herz. Du wirst darin großartig aussehen.”

Ich nahm ihr das Kleid aus den Händen und sah, was sich da am Kleiderbügel befand. Das Kleid hatte Spaghettiträger, einen weiten Ausschnitt und ich bezweifle, dass die Länge auch nur in die Nähe meiner Fingerspitzen reichte. Ich wusste sofort, dass ich es nicht tragen konnte.

Aber es war doch für einen guten Zweck, oder? „Zwei Minuten!” rief der Mann hinter dem Vorhang. Es war doch für ein gesundes Herz, oder? Das ist doch ein guter Grund, sich mal so richtig schick zu machen. Ich habe so hart dafür gearbeitet, dass mein Körper so aussieht, wie er es tat, und ich wollte ihn doch zeigen! Alle warten auf mich. Was soll ich denn sagen? Ich wäre die einzige der Athletinnen, die es nicht getragen hätte!

Als es aber darauf ankam, war es eigentlich keine schwierige Entscheidung für mich, weil ich mich bereits dazu entschlossen hatte, „allzeit und in allem und überall, wo auch immer ich mich befinden mag, als Zeuge Gottes aufzutreten” (Mosia 18:9).

Ich hatte mich schon vor langer Zeit dafür entschieden, dass ich nicht durch die Vorstellungen und die Erwartungen der Welt definieren lassen würde, wer ich sei und für was ich stünde. Was ich anhabe gilt für mich als Symbol dafür, wer ich bin und was ich von mir halte. Ich gab Diane das Kleid zurück und sagte ihr „Ich möchte mich anständig kleiden (Anstand). So bin ich einfach, und es tut mir leid, aber das kann ich nicht tragen.” Ich dachte, dass sie vielleicht mit den Augen rollen und versuchen würde, mich davon zu überzeugen, es doch zu tragen, aber sie überraschte mich.

„Oh, Herzchen, ich bin auch Christin, und ich verstehe und respektiere deine Überzeugungen. Lass uns was anderes zum Anziehen finden.” Ich war überrascht und erfreut, dass sie mich verstand und meine Entscheidung unterstützte.

Gegen den Strom: Tugendhaftigkeit erfordert Mut

Die Erfahrung erinnerte mich an eine Aussage von Thomas S. Monson:

Image result for Thomas S. Monson„Mit jedem neuen Tag, den wir erleben, laufen wir fast unweigerlich Gefahr, dass unser Glaube herausgefordert wird. Bisweilen finden wir uns in der Umgebung anderer in der Minderheit wieder, und manchmal stehen wir mit unserer Meinung, was akzeptabel ist und was nicht, sogar ganz allein da. Besitzen wir moralisch den Mut, unsere Ansichten standhaft zu vertreten, auch wenn wir uns dadurch ins Abseits stellen?”  Präsident Thomas S. Monson

Er sagt weiter: „Tretet für das Rechte ein, auch wenn ihr ganz allein dasteht. Habt den sittlichen Mut, ein Licht zu sein, dem andere folgen können. Keine Freundschaft ist wertvoller als ein reines Gewissen, die eigene sittliche Reinheit – und welch wunderbares Gefühl ist es doch zu wissen, dass ihr an dem euch bestimmten Platz steht, rein und mit der Gewissheit, dass ihr dessen würdig seid.”

Dieser kurze Moment in der Umkleidekabine war gewissermaßen eine Bewährungsprobe für meine Überzeugungen. Ich fühlte mich bestätigt, als mir klar wurde, dass ich bereit gewesen war, alleine dazustehen, und es gab mir Kraft. Dadurch habe ich mehr Mut bekommen, aus Situationen wegzugehen, in denen ich mich nicht wohl fühlte, oder ein Gespräch zu verändern, das ich für unangemessen hielt.

Entwickelt Mut dazu, auch im Abseits zu stehen, um für das einzustehen, woran ihr glaubt.

Diane griff tief in eine Kiste und holte ein Kleid hervor, das definitiv nicht sehr schmeichelhaft war – aber es bewarb Anstand. Ich kann auch heute noch Bilder von mir in dem Kleid im Internet finden, und jedes Mal zucke ich kurz zusammen. Aber es erinnert mich auch an etwas: Meine Kleidung definiert mich nicht. Ich weiß, wer ich bin und für was ich einstehe, unabhängig davon, was die Welt tut oder was Leute um mich herum sagen oder denken. Ich will keine Aufmerksamkeit dadurch, dass ich meinen Körper herzeige. Er ist mir heilig.

Vier Jahre später war ich wieder bei dieser Pressekonferenz dabei. Ich ging von Interview zu Interview und von Shooting zu Shooting und kam wieder in eine ähnliche Situation, wie diese damals. Ich betrat einen großen Raum mit hellen Scheinwerfern, Rufen und Kamerateams.

Als ich den Raum betrat, nahm mich eine Frau bei der Hand und gab mir eine große Umarmung. Es war Diane. „Ich erinnere mich an dich! Du bist diese gute Christin. Dieses Mal gibt es keine unanständige Kleidung für dich.” Das ließ mich lächeln, nicht nur, weil ich für meine Überzeugungen eingestanden war, sondern auch, weil ich einen positiven Eindruck auf jemanden gemacht hatte. Oftmals machen wir positivere Erfahrungen als wir uns vorher ausmalen, wenn wir offen für unsere Grundsätze einstehen: so wie ich, als ich mich für Anstand statt Gruppenzwang entschied.


Noelle Pikus-Pace gewann eine Silbermedaille bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi und ist zweifache Weltmeisterin im Skeleton-Bobsport.

Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt und 2014 auf ldsliving.com veröffentlicht. Der Beitrag ist ein Auszug aus Noelle Pikus-Pace Buch „Focused”. Übersetzt von Kristina Vogt.
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