Anmerkung der Redaktion: Der Artikel soll nicht als richtungsweisend angesehen werden. Es handelt sich um die persönliche Meinung der Befragten. Der Artikel soll Heilige der Letzten Tage vorstellen, die von der Debatte betroffen sind.

Nathan Frodsham verwendet medizinisches Cannabis (auch als medizinisches Marihuana bekannt) nicht mehr, obwohl es ihm nicht nur mit seinen Schmerzen, die seine degenerative Bandscheibenveränderung verursacht, half, sondern ihm ganzheitlich auf unerwartete Art und Weise half.

„Ich hatte Schlafstörungen. Es fiel mir schwer, mich zu konzentrieren. Ich konnte nur noch sitzen. Ich hatte zugenommen. Als ich mit Cannabis anfing, merkte ich nach etwa einem Monat, dass ich keine Einschlafhilfen mehr brauchte. Ich hatte Asthma und brauchte meinen Inhalator weniger häufig”, sagt der Datenwissenschaftler und Vater dreier Kinder. „Ich nahm 25 kg ab. Sportliche Betätigung machte mir sogar Spaß.”

Aber Frodsham lebt mit seiner Familie nicht mehr in Washington, wo medizinisches Cannabis legal ist und wo es ihm ursprünglich von seinem Arzt empfohlen wurde. Die Frodshams leben nun in Utah, wo medizinisches Marihuana zur Zeit nicht legal zu haben ist. Trotz der vielen Vorteile, die das medizinische Marihuana ihm bot, sieht Frodsham seine Vorbildfunktion als Vater als wichtiger an als medizinisches Marihuana zu verwenden.

„Ich könnte schon, aber ich tue es nicht, weil es illegal und gefährlich ist”, erklärt Frodsham. „Zur Zeit verwende ich es nicht – und deswegen werbe ich dafür. Ich denke, dass jemand, der es wegen des medizinischen Nutzens verwendet, nichts Falsches tut, aber ich bin ein Vater und es wäre mir unmöglich, etwas Derartiges zu verheimlichen. Ich möchte ein gutes Vorbild sein. Als gutes Vorbild bricht man nicht vor seinen Kindern das Gesetz.”

Die Rolle der Kirche Jesu Christi

Welche Regeln haben Mormonen?

Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage beteiligt sich auf eine befürwortende Weise seit Wochen an Diskussionen, in denen es um die Legalisierung medizinischen Cannabis in Utah geht.

„Es hätte ganz anders ausgehen können, aber viele Patienten schlossen sich zusammen und arbeiteten wirklich hart, um die Verständnislücke zu schließen”, sagt Frodsham über die Anstrengungen zur Legalisierung. „Und die Kirchenführer … reagierten auf wirklich besondere Weise, die viele Menschen als großes Wunder betrachten.”

Weil es uns ein Anliegen ist, den Mitgliedern einen Einblick zu geben, weshalb sich die Kirche für ein größeres Verständnis in der Debatte um medizinisches Marihuana einsetzt, interviewten wir Frodsham und drei weitere Mitglieder zum Thema.

Hayes Tate

Hayes Tate, der Sohn des bekannten Football-Spielers Steve Tate, verschied friedlich am 3. Dezember 2016; trotzdem setzen sich seine Eltern weiterhin für die Legalisierung von medizinischem Cannabis ein, das Hayes Schmerzen zeitweise lindern konnte und ihnen ihren Sohn für eine kurze Zeit zurückgab.

Im Alter von 9 Monaten wurde bei Hayes Tate ein Plexuskarzinom, ein bösartiger Hirntumor, diagnostiziert, und seine Eltern mussten dabei zusehen, wie er während der aggressiven Chemotherapie um sein Leben kämpfte. Nachdem Steve Tate erleben musste, wie sein Sohn nachts wegen der starken Medikamente, die er bekommen hatte, unter Entzugserscheinungen litt, fragte er sich, ob es nicht eine Alternative gebe. Aus diesem Grund entschieden sich die Tates, medizinisches Marihuana auszuprobieren.

Sie dachten gemeinsam darüber nach, ob es als Mitglieder der Kirche Jesu Christi moralisch verwerflich wäre. „Der Begriff ‚Marihuana’ hat einen negativen Beigeschmack, in dieser Kirche und in anderen Religionen”, erklärt Tate.

Für Tate und seine Frau stellte sich aber vor allem die Frage: „Was ist besser für unser Kind, Abhängigkeit und Entzugserscheinungen aufgrund des Opioid-Gebrauchs oder die Entscheidung für etwas eigentlich ganz Natürliches?”

Sie erfuhren, dass es medizinisches Marihuana in unterschiedlichen Formen gibt und entschieden sich für eine Flüssigkeit, die sie ihm mit einer Tablette, die er wegen seines Zahnens bekam, verabreichten und die durch die Wange in den Blutkreislauf aufgenommen wurde, um die Lebensqualität ihres Sohnes zu verbessern, auch wenn ihm nicht viel Zeit blieb. Und sie hatten damit Erfolg. Innerhalb einer Woche veränderten sich sein ganzes Aussehen, sein Appetit und der Umgang mit den Menschen um ihn herum.

Tate macht anderen keinen Vorwurf, die die Richtigkeit der Entscheidung der Familie bezüglich des Gebrauchs von Marihuana für ihren Sohn anzweifeln. Er sagt, dass er, bevor er betroffen war, selbst wahrscheinlich dagegen gewesen wäre.

Connor Campbell

Schmerzen Drogen Medizin

Als Mutter eines Kindes, das jahrelang alle 45 Minuten einen Krampfanfall hatte, war Emilie Campbell erschöpft und suchte nach einer Lösung.

Die Anfälle des sechsjährigen Connor wurden von Jahr zu Jahr schlimmer; 2013 schließlich hörten Emilie und Brandon Campbell (der Bassgitarrist der Band „Neon Trees”) davon, dass Anfälle mit Hilfe von Cannabidiol (CBD)-Öl unter Kontrolle gebracht werden können. Cannabidiol ist eines der Cannabinoide, die in der Cannabis-Pflanze vorkommen. Das CBD- Öl ist, im Gegensatz zu THC, nicht-psychoaktiv, führt also nicht zu Rauschzuständen. Emilie setzte sich mit Abgeordneten und Senatoren dafür ein, CBD-Öl in Utah erhältlich und legal zu machen, womit sie 2014 durchkam. Leider hatte CBD-Öl für Connor nicht die gewünschte Wirkung.

Emilie erinnert sich: „Was für schlimme Jahre. Ich hatte Angst. Ich dachte mir, dass wenn das ewig so weitergehen würde, wir es nicht schaffen würden. Man kann nicht mit 15 Unterbrechungen in der Nacht gut weiterleben.”

Schließlich konnte Emilie für Connor ein Öl mit THC bekommen, mit dessen Hilfe er 18 Monate lang kein Grand Mal mehr hatte – ein epileptischer Anfall, den er zuvor sechsmal täglich gehabt hatte. Für Emilie war das „beinahe ein Wunder”.

Connor ist heute 11 Jahre alt und die Familie hat wiederholt Rückschläge erlebt, die mit Connors Wachstum einhergingen. Aber kein anderes Medikament führte zu so großem Erfolg wie medizinisches Cannabis.

Mit medizinischem Cannabis kann Emilie Campbell ihrem Sohn helfen, ohne ihm etwas geben zu müssen, das unter Umständen zu seinem Tod führen oder im Falle einer Überdosierung andere schwerwiegende Folgen hätte. Mit Cannabisöl hat sie nun etwas, das außer Übelkeit keine schlimmeren Konsequenzen nach sich zöge, wenn er versehentlich eine ganze Flasche davon trinken würde. Sie hat erlebt, wie Kinder ihrer Freunde von Medikamenten abhängig wurden und ist dankbar dafür, dass ihrem Sohn das nicht passieren wird.

Obwohl sie ein starker Befürworter medizinischen Cannabis ist, räumt sie ein, dass es auch Risiken gibt. „Wenn man es falsch anwendet, ist man verkorkst und wird es bereuen”, warnt Campbell. „Verwendet man es aber mit Verantwortung und zum medizinischen Nutzen, habe ich überhaupt nichts dagegen. Nachdem wir es so viele Jahre für Connor verwendet haben, wissen wir, dass es nicht so beängstigend ist, wie die Leute glauben. Es ist weniger gefährlich als manche Medikamente gegen epileptische Anfälle.”

Enedina Stanger

Rollstuhl Drogen Cannabis

2015 jubelte Enedina Stanger ihrem Mann bei seinem American-Ninja-Warrior-Lauf von einem Rollstuhl aus zu. 2018 lief sie selbst mit. Was die meisten Menschen aber nicht wissen ist, welche Rolle medizinisches Cannabis dabei spielte, dass sie ihren Rollstuhl verlassen und wieder gehen konnte.

Stanger leidet am Ehlers-Danlos-Syndrom, einer angeborenen Störung im Bindegewebe, die hauptsächlich durch eine Überdehnbarkeit der Haut und durch überbewegliche Gelenke gekennzeichnet ist.  Es beeinflusst aber auch Gefäße, Muskeln, Bänder, Sehnen und innere Organe. Von der Krankheit betroffen sind etwa 1 von 2500 bis 1 von 5000 Menschen. Der Schmerz, den Enedina als „zermürbend, lähmend, intensiv” beschreibt, führte dazu, dass sie bereits darüber nachdachte, ins Hospiz zu gehen und schon ihre Beerdigung als junge Mutter zweier Töchter plante.

„Ich träumte davon, meine Tochter laufen zu sehen, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass das jemals wahr werden würde”, sagt Stanger. Ihre jüngste Tochter war noch kein Jahr alt, als Stanger ihre Diagnose erhielt. „Es war nur ein Ziel – dass ich die beiden noch ein wenig länger sehen könnte. Das motivierte mich.”

Stangers Krankheit äußerte sich neurologisch und beinhaltete schließlich Parkinson ähnliches Zittern, Nervenschmerzen wie bei Multipler Sklerose und eine Herzfrequenz von nur 30 Schlägen pro Minute.

Stanger lebt in Colorado, wo medizinisches Cannabis legal erhältlich ist, und sie verwendet kontrolliert Öle, Tinkturen und Tabletten.

„Medizinisches Cannabis ist eine praktikable Option für Patienten. Dass man seiner Anwendung gegenüber offen und mit seinen Anwendungsmöglichkeiten vertraut ist, ist entscheidend, wenn man Patienten verstehen, akzeptieren und richtig behandeln will. “

Ein allgemeines Verständnis

Familie Zusammenhalt Quality Time

Frodsham beschreibt, wie er, als er seiner Familie und seinen Freunden von medizinischem Cannabis erzählte, eine Stecknadel hätte fallen hören können.

„Es war so ruhig. Ich glaube, viele waren überrascht. Sie fragten sich: a) Hat es ihm geholfen? oder b) Hat es ihn verändert? Ist er einer von denen, die einfach nur an Cannabis herankommen wollen, um sich zu entspannen?”

Doch in kürzester Zeit stand seine Familie hinter ihm. Seine Mutter wurde zu einer „Internetexpertin”, die sich ausführlich mit dem Thema beschäftigte, und seine Eltern entschlossen sich zu einem Fernseh-Interview, um ihren Sohn zu unterstützen.

Steve und Savanna Tate zögerten, anderen von ihrer Entscheidung zu erzählen, medizinisches Marihuana für ihren Sohn zu verwenden; aber Steve beschreibt, dass er niemals vergessen werde, wie er schließlich seinem Bruder, zu dem er immer aufgeschaut habe, davon erzählte. „Wir würden das Gleiche tun”, sagte sein Bruder.

Emilie Campbell ist für die Unterstützung, die sie von ihrer Familie erhielt, dankbar und merkt an, dass viele ältere Mitglieder in ihrer Gemeinde ihr anboten nach Colorado zu fahren, um für Connor das Notwendige zu besorgen. Als sie vor kurzem in eine neue Gemeinde zogen, war sie sehr überrascht, als der Bischof sie zur Seite nahm und sie fragte, ob sie jemals Cannabis gegen die Anfälle ihres Sohnes in Erwägung gezogen habe. „Ich war überwältigt. Ich dachte mir: ,Du kennst mich zwar noch nicht, aber wir werden gute Freunde werden.’”

Wie auch immer andere Heilige der Letzten Tage über die Legalisierung von medizinischem Cannabis denken mögen – Enedina Stanger sagt, wenn sie ihnen helfen könnte, eines über medizinisches Cannabis zu verstehen, wäre es das, was auch für das Wort der Weisheit gilt:

„Alles, was der Herr uns auf dieser Erde gegeben hat, ist zum Nutzen und Gebrauch der Menschen gedacht. Aber wir müssen verantwortungsvoll mit uns und unserer Umwelt umgehen. Wir sind als Verwalter eingesetzt.”


Morgan Jones schrieb einige Jahre für Deseret News. Sie veröffentlichte mehr als 480 Geschichten und arbeitete als leitende Web-Produzentin. Jones erzählt mit Leidenschaft Geschichten und hat große Freude daran, Geschichten zu erzählen, die es wert sind, erzählt zu werden.

Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt, gekürzt und teilweise an das deutschsprachige Publikum angepasst. Er wurde ursprünglich am 17.10.18 auf ldsliving.com unter dem Titel „The Latter-day Saint Faces Behind the Medical Marijuana Debate” veröffentlicht. Die Autorin ist Morgan Jones. Übersetzt von Kristina Vogt.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) wissen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org.

German ©2018 LDS Living, A Division of Deseret Book Company | English ©2018 LDS Living, A Division of Deseret Book Company

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