Oder: Dürfen Mitglieder der Kirche Jesu Christi Hosen tragen?

Lieber Leser, ich muss etwas beichten. Wenn ich sonntags zum Gottesdienst gehe, habe ich Hosen an.

Vielleicht sollte ich hinzufügen, warum das eine Beichte ist. Ich bin eine Frau und ziehe zum Gottesdienst Hosen an.

In meiner Kirche, der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, ist das nicht unbedingt das, was alle als christliche Kleidung, die für den Sonntag geeignet ist, ansehen.

Wenn wir nur über unseren Stil sprechen, könnte ich hinzufügen, dass ich horizontale Streifen, große Ohrringe und natürliches, welliges Haar mag. Aber diese Stilfrage – sind Hosen bei Frauen als christliche Kleidung zugelassen? –  ist noch viel wichtiger. 

Okay, vielleicht denkst du, dass es nicht wichtig ist, was du zur Kirche anhast. Wir besuchen die Kirche, um unsere Bündnisse zu erneuern. Und ich stimme voll und ganz zu! Wenn es aber wirklich so egal ist, was wir tragen, warum kann es dann zu so großer Aufregung führen, wenn man Frauen in Hosen sieht? Glaubt mir, das kommt vor.

[Ich habe einmal gelesen], dass eine Frau Frauen, die als Mitglieder der Kirche Jesu Christi sonntags Hosen tragen, aufgefordert hat, aus der Kirche auszutreten und sich eine andere Kirche zu suchen. Auf Facebook gab es eine Gruppe, bei der weibliche Mitglieder dazu aufgerufen wurden, sonntags Hosen zu tragen. Die Seite wurde schließlich geschlossen, weil mit einer Schießerei gedroht wurde. 

Warum ist es so eine große Sache? Lassen sich Hosen und christliche Kleidung für Frauen tatsächlich nicht vereinbaren?

Zugegeben: Vielen Mitgliedern der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage ist es nicht wichtig, was Frauen zum Gottesdienst anhaben, da es den Geist vertreibt, sich auf so etwas Oberflächliches zu konzentrieren und vom Eigentlichen und Wesentlichen ablenkt. Diesen Mitgliedern möchte ich sagen: Ich bin wirklich froh, dass ihr so denkt! In „Für eine starke Jugend” heißt es:

„Erweist dem Herrn und euch selbst Achtung, indem ihr euch für die Versammlungen und sonstigen Veranstaltungen der Kirche angemessen kleidet.”

Angemessen. Frauen in Europa und Nordamerika tragen seit den 1960er Jahren lange Hosen zu Vorstellungsgesprächen, formellen Anlässen und sogar auf dem roten Teppich. Warum also nicht auch als angemessene christliche Kleidung sonntags?

Mir gefallen meine Hosen wirklich gut und ich gehe auch gerne  in Hosen in die Kirche. Ich bin selbstbewusster, gehe bequemer und bekomme viele Komplimente, die häufig zu netten Gesprächen führen. Der größte Teil meiner Erfahrungen war bisher positiv. Das bedeutet allerdings nicht, dass ich nicht manchmal angespannt bin, wenn ich meine Hosen trage. Jedes Mal, wenn ich zur Kanzel nach vorne gehe, an meinen Platz oder in ein anderes Klassenzimmer, habe ich das Gefühl, dass mich alle anstarren, als ob ich gegen eine Regel verstoßen würde.

Wenn Frauen in der Kirche mit mir über meine Hosen sprechen, fühle ich manchmal so etwas wie eine stille Bewunderung von ihnen. Eine meiner Freundinnen sah mich von Kopf bis Fuß an und sagte:

„Ich würde auch welche tragen, aber ich möchte mir nicht irgendeinen Stempel aufdrücken lassen und auch nicht so viel Aufmerksamkeit auf mich ziehen.” 

Das zeigt, dass Frauen sich durch ihr Äußeres, ihren Stil, immer noch gehemmt fühlen.

Ein Interview, das zu denken gab

Trotz alledem haben mir die Bemerkungen zu meinen Kirchen-Hosen nie wirklich zu denken gegeben – bis ich zu einem Tempelinterview in Hosen kam. Ich betrat den Raum, mein Bischof musterte mich von Kopf bis Fuß und stellte mir die gewohnten Fragen. Mitten in unserem Gespräch schaute er mich besorgt an und sagte: „Ich habe noch eine weitere Frage … es geht um deine Hosen. Es ist natürlich in Ordnung, dass du sie trägst, aber sag mir, tust du das als Zeichen von Rebellion?”

Ich runzelte die Stirn. Was? Würde mich das etwa am Tempelbesuch hindern?

Ich sagte „Nein. Ich mag sie und finde sie bequem. Und die Kirche sagt nur, dass man sein bestes Kleidungsstück tragen solle. Diese Hosen sind so formell wie alle meine Kleider.” Er nickte und fuhr mit den vorgeschriebenen Fragen fort. Ich war nicht beleidigt, nicht verletzt, aber überrascht.

Und ich musste mir selbst die Frage stellen: Waren sie ein Zeichen von Rebellion? Was wollte ich mit meinem Äußeren sagen? Würde ich rebellieren wollen, hätte ich etwas getan, das gegen die Regeln meines Glauben verstößt; aber das hatte ich nicht. Ich wollte mich kleiden, wie ich mich fühlte: leistungsfähtig, selbstbewusst und einzigartig. Warum war das ein Zeichen für Rebellion? 

Vielleicht denkst du nun, lieber Leser, dass andere dazu aufzurufen (wie es über Facebook gemacht wurde) ein Zeichen von Rebellion sein könnte. Da stimme ich zu. 

Aber deswegen kann man nicht annehmen, dass jede Frau, die Hosen zum Gottesdienst trägt, gegen die Gebote rebelliert.

Aussehen = Würdigkeit

Ich bin ganz damit einverstanden, dass Mitglieder so gekleidet zum Haus des Herrn kommen sollten, dass es in der entsprechenden Kultur Respekt und Ehrfurcht zeigt. Ich verstehe auch, warum Frauen als christliche Kleidung in den 1960ern sonntags nicht Hosen trugen, da man gerade erst anfing, Frauen in Hosen als salonfähig zu akzeptieren. Was ich allerdings nicht verstehe ist, dass sich Frauen immer noch dabei unwohl fühlen, ihrer Persönlichkeit in der Kirche Ausdruck zu geben. 

Mein Bischof hat es gut gemeint. Aber das Beispiel zeigt, dass es ein Problem gibt. Oft verwechseln wir Konformität mit Würdigkeit. Ich hatte den Termin für mein Tempelinterview vereinbart, weil ich mit meinem Zeugnis Fortschritt machen wollte. Ich freute mich, sagen zu können, dass ich würdig und mit dem Evangelium glücklich sei. Doch das führte zu einer Frage zu meinem Kleidungsstil und dazu, warum ich anders aussah als andere.

Wir müssen aufpassen, dass diese vermeintliche Regel nicht dazu führt, dass sich andere unsicher und in der Kirche nicht akzeptiert fühlen.


Caroline Coppersmith stammt ursprünglich aus Pennsylvania. Sie liebt Regen, italienisches Essen und Stand-Up-Comedy. Sie freut sich auf ihr letztes Semester auf dem Weg zum Englisch-Master an der Brigham-Young-Universität. Caroline hat bisher als Rechercheurin, Lehrassistentin und Redaktionsleiterin gearbeitet.

Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt und gekürzt. Er wurde ursprünglich am 21.8.19  auf thirdhour.org unter dem Titel „Why Women Don’t Wear Pants to Church” veröffentlicht. Die Autorin ist Caroline Coppersmith. Übersetzt von Kristina Vogt.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) wissen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: churchofjesuschrist.org und kirche-jesu-christi.org.

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