Erst vor ein paar Tagen tauchte in den Medien ein Video eines 12-jährigen Mädchens auf, das in einer Zeugnisversammlung über ihre Homosexualität spricht. In den Medien wird dies als inniger, empfindlicher Moment dargestellt, der durch ein autoritäres Mitglied der Pfahlleitung ruiniert wird, welches an diesem Tag auf dem Podium saß und Savannah dazu aufforderte, sich hinzusetzen. Die Mutter schreibt: „…dieses Pfahlmitglied entschied sich, mein Kind zu verletzen; ich weiß nicht, weshalb er das tat.” (Quelle: Reddit)

Betrachten wir das Ganze also einmal im Zusammenhang.

Versammlungen in der Kirche Jesu Christi

Mormonen versammeln sich jeden Sonntag. Die Versammlung, die uns am heiligsten ist, nennen wir „Abendmahlsversammlung”. Im Handbuch „Die Kirche führen und verwalten” heißt es in Abschnitt 18.2.2: „Jede Abendmahlsversammlung soll ein geistiges Erlebnis sein, bei dem die Mitglieder der Kirche durch die Teilnahme am Abendmahl ihre Bündnisse erneuern. Außerdem dient die Abendmahlsversammlung dazu, Gott zu verehren, das Evangelium zu lehren, heilige Handlungen zu vollziehen, organisatorische Angelegenheiten der Gemeinde zu regeln und den Glauben und das Zeugnis zu stärken.”

In Anweisungen, die an die Kirchenführer gegeben werden, lesen wir: „… die Bischof- und Zweigpräsidentschaften sollen die Abendmahlsversammlungen sorgfältig planen, damit der Herr und sein Sühnopfer, sein Vorbild und die Lehren des Evangeliums im Mittelpunkt der Versammlungen stehen.”

An einem Sonntag im Monat findet für die Mitglieder eine besondere Versammlung statt, die sich „Fast- und Zeugnisversammlung” nennt. Normalerweise bereiten sich die Mitglieder dadurch auf diese Versammlung vor, dass sie auf zwei aufeinanderfolgende Mahlzeiten verzichten. Dieses Fasten dient dazu, sich geistig auf den Gottesdienst einzustimmen. Normalerweise spenden die Mitglieder das Geld, das sie durch das Fasten sparen, damit es den Armen zugute kommt. Zu dieser Versammlung gehört auch, dass der Bruder, der die Leitung hat, nach dem Abendmahl ein kurzes Zeugnis gibt. Anschließend lädt er die Mitglieder dazu ein, ein kurzes, aufrichtiges Zeugnis vom Erlöser zu geben, von seinen Lehren und der Wiederherstellung.” (ebd.)

Fast- und Zeugnisversammlung bei den Mormonen

Diese Zeugnisse sind keine Reden oder Ansprachen. Sie werden nicht im Voraus geschrieben. Es geht nicht darum, darin eigene Interessen zu vertreten. Sie sind kurz, improvisiert und es werden tief empfundene Gefühle für das Evangelium Jesu Christi zum Ausdruck gebracht und darüber gesprochen, wie dieses uns als Mitglieder stärkt. Auf lds.org heißt es: „Ein Zeugnis ist eine geistige Bestätigung durch den Heiligen Geist. Die Grundlage für ein Zeugnis ist das Wissen, dass der himmlische Vater lebt und seine Kinder liebt, dass Jesus Christus lebt, dass er der Sohn Gottes ist und das unbegrenzte Sühnopfer vollbracht hat, dass Joseph Smith der Prophet Gottes ist, der dazu berufen wurde, das Evangelium wiederherzustellen, dass die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage die wahre Kirche des Erretters auf der Erde ist und dass diese Kirche heute von einem lebenden Propheten geführt wird. Auf dieser Grundlage weitet sich ein Zeugnis auf alle Grundsätze des Evangeliums aus.”

Schauen wir uns mit diesem Hintergrundwissen also noch einmal an, was passiert ist.

Das Ereignis

Von der Mutter erfahren wir, dass Savannah in letzter Zeit zu kämpfen hatte. Ihr Vater und ihre 4 Geschwister besuchen regelmäßig die Kirche; die Mutter bleibt normalerweise mit „unserer Ältesten”, das ist Savannah, zu Hause. Savannah war diejenige, die die Idee hatte in einer Abendmahlsversammlung ihre gleichgeschlechtliche Anziehung zu verkünden. Einige Monate lang drängte sie ihre Eltern förmlich dazu, dieser Idee zuzustimmen. Ihre Mutter sagte dazu: „Sie wollte vor den Mitgliedern einfach ganz sich selbst sein; wollte sehen, ob die Kirche ein Ort sei, an dem sie akzeptiert würde, und sie wollte den Mund aufmachen, falls es noch jemanden in der Versammlung gäbe, der sich mit der LGBT-Gemeinschaft identifiziere, für den es gut wäre zu hören, dass er nicht alleine sei.”

Savannah lud also mehrere ihrer Freunde ein, die das Ereignis aufzeichneten. Abendmahlsversammlungen zu filmen ist weltweit in allen HLT-Gemeinden nicht gestattet. Aber als Gäste wussten sie das wahrscheinlich nicht, oder es war ihnen egal.

Es gibt einen Ex-Mormonen, der dafür bekannt ist, dass er sich in HLT-Tempel schleicht und dort heimlich die Mitglieder filmt. Dieser setzte Einiges daran, dieses Video publik zu machen, damit es von der Presse veröffentlicht und in den sozialen Medien geteilt würde. Auf Reddit sagt er: „Ich bot an, das Video zu editieren, zu verteilen und so gut ich konnte zu promoten. Ich habe in den vergangenen zehn Tagen 40 Stunden damit verbracht, es zu editieren und dafür bei jedem meiner Kontakte in den Medien, die ich bereits hatte (und bei vielen neuen) zu bewerben.”

Wie die Eltern des Mädchens wissen, ist die Fast- und Zeugnisversammlung nicht der richtige Ort und Zeitpunkt, um eine Rede zu halten, wie es Savannah an diesem Sonntag tat. Sie hatte ihre Rede vorbereitet und las sie von der Kanzel aus vor. Ich wünschte, ihre Eltern hätten mit ihr ausführlicher darüber gesprochen, was ein angemessenes Forum und ein angemessener Ort seien. Hier geht es nicht darum, ob ein Mädchen mit seiner Sexualität zu kämpfen hat oder wie ein Kirchenführer damit umging. Hier geht es darum, dass jemand eine Kirchenversammlung kaperte, falsche Lehren verkündete und die Unerfahrenheit eines Kindes ausnutzte, um ein Medienereignis zu kreieren. Savannah wurde wahrscheinlich deutlich mehr zu sagen gestattet, als es ein Erwachsener hätte tun dürfen.

 

Mormonen Familienpolitik

Hunderte Aktivisten protestieren jedes Jahr in Utah gegen die Familienpolitik der Kirche. Nützen wird es nichts, denn das Reich Gottes wird mit Hilfe der fürsorglichen Gebote eines liebenden himmlischen Vaters geführt und hat mit Demokratie wenig zu tun.

Ihr Zeugnis beginnt angemessen.

„Hallo, ich heiße Savannah und ich möchte euch an meinem Zeugnis teilhaben lassen.

Ich glaube daran, dass ich ein Kind himmlischer Eltern bin.

Ich weiß nicht, ob diese zu uns sprechen, aber ich fühle tief in meinem Herzen, dass sie mich geschaffen haben und mich lieben.

Ich glaube daran, dass ich so, wie ich bin, geschaffen wurde, jeder Teil von mir, von meinen himmlischen Eltern.

Sie haben nichts verpfuscht, als sie mir braune Augen gaben oder als ich ohne Haare auf die Welt kam. Sie haben nichts verpfuscht, als sie mir Sommersprossen gaben oder mich lesbisch erschufen.”

Dieser Teil geht völlig in Ordnung. Selbst, dass sie ihre sexuelle Orientierung während einer Fast- und Zeugnisversammlung erwähnt, könnte als angemessen betrachtet werden.

Als nächsten Teil eines Zeugnisses würde man etwas darüber erwarten, wie ein Ereignis im Leben ihr half, in geistiger Hinsicht zu wachsen. Das ist aber nicht, was Savannah dann tut. Sie fährt fort, ihre Position zu verfechten, indem sie sagt:

„Kein Teil von mir ist ein Fehler.”

„Ich habe mir nicht ausgesucht, so zu sein und es ist nicht einfach eine Modeerscheinung.”

„Ich weiß, dass ich nicht ein furchtbarer Sünder bin, nur weil ich bin, wer ich bin.”

„Ich weiß, dass ich all dies haben kann und lesbisch und glücklich sein kann.”

„Ich glaube, dass wenn Gott existiert, er weiß, dass ich so wie ich bin, vollkommen bin und dass er nie von mir verlangen würde, mein Leben alleine oder mit jemandem zu verbringen, zu dem ich mich nicht hingezogen fühle.”

Nach etwa der Hälfte ihrer Rede sagt sie: „Ich glaube, dass Gott es mir sagen würde, wenn ich falsch läge.”

Das Wort Gottes erkennen

Als Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage glauben wir daran, dass er genau das bereits getan hat. Wir glauben nicht, dass Savannah ein „furchtbarer Sünder” ist, weil sie so ist, wie sie ist; aber man kann das offenbarte Wort Gottes über die Familie und sexuelle Beziehungen klar und deutlich in einem Dokument, das sich „Die Familie – Eine Proklamation an die Welt” nennt, finden. Diese Proklamation ist eine der grundlegendsten Glaubenslehren unserer Kirche. Im Wesentlichen drückt Savannah aus, dass sie den Lehren Jesu Christi, wie sie durch Propheten offenbart wurden, nicht vertraut und sie rechtfertigt ihren Entschluss nicht nach diesen Lehren leben zu wollen. In einer Fast- und Zeugnisversammlung ist das in dieser Form unangebracht. Der Versammlungsvorsitzende, der die Verantwortung darüber trägt, was gelehrt wird, muss derartige Sprecher bitten, ihre Ausfertigungen zu beenden. Das kommt zwar nur selten vor, aber es kommt vor.

Der Plan des himmlischen Vaters

Savannah hat recht, wenn sie sagt, dass wir alle einzigartig sind. Wir werden alle mit verschiedenen Talenten und Gaben geboren. Wir werden mit Leidenschaften und Begierden geboren. Wir werden alle mit Schwächen geboren und mit Fehlern.

Der Plan des himmlischen Vaters ist es, dass wir lernen, unsere Schwächen und Fehler zu überwinden. Es geht darum, unsere Leidenschaften und Begierden zu zügeln, unsere Talente und Gaben zu entwickeln. Er gab uns dafür Richtlinien, sogenannte Gebote, die uns die größtmögliche Freude hier in diesem Leben und in der Ewigkeit garantieren. Die Frage ist nur, ob wir uns dazu entschließen, ihm zu glauben und zu vertrauen.

Niemand von uns ist genau so, wie er ist, vollkommen. Wir alle haben Schwierigkeiten und es gilt für uns, diese geduldig zu meistern. Fortschritt können wir nur machen, indem wir die Herausforderungen des Lebens annehmen und daran wachsen.

Die Zukunft

Ich wünsche Savannah alles Beste – egal wie ihre zukünftigen Entscheidungen aussehen mögen. Jedes Kind braucht Unterstützung, um zu wachsen. Ich denke an die jungen Menschen, die als sie 12 oder 13 Jahre alt waren dachten, dass sie homosexuell wären und heute in glücklichen heterosexuellen Beziehungen leben. Eine davon liegt mir ganz besonders am Herzen. Ich fände es furchtbar, wenn sie in den Schlagzeilen aufgetaucht wäre, als sie dabei war, eine Entscheidung zu treffen, in welche Richtung ihr Leben verlaufen sollte.

Nachdem Savannah gesprochen hatte, stand der Kirchenführer, der die Versammlung leitete, auf und wiederholte die aufbauenden und wahren Aussagen, die Savannah geäußert hatte. Es fielen keine harschen Worte. Keine Verurteilung. Es ging nicht darum, Savannah als Kind Gottes die Unterstützung zu entziehen. Was hier geschah war, dass ein Pfahlbeamter an den Zweck der Abendmahlsversammlung erinnerte und die Versammlung wieder auf die Evangeliumslehre Jesu Christi ausrichtete. Dies war einfach ein Fall von unangemessener Ortswahl und unangemessener Vertretung eigener Interessen.


Der Beitrag wurde frei aus dem Englischen übersetzt und gekürzt. Er wurde ursprünglich am 18.6.17  auf fairmormon.org unter dem Titel „Of Testimonies and Twelve Year Olds” veröffentlicht. Der Autor ist Scott Gordon. Übersetzt von Kristina Vogt.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) wissen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org.