Stolz konnte nicht mein Problem sein. Ich war ein 19-jähriger Missionar, der sich damit abmühte, Russisch zu lernen. Mein Verstand war vom Lernen müde, mein Körper vom Herumlaufen, und mein Geist war vom Leben in der ehemaligen Sowjetunion völlig überfordert. Und trotzdem sehe ich den Ostersonntag 2004 im Nachhinein als aufschlussreichen Moment. An diesem Tag begrüßte mich und ein paar andere eine fröhliche Frau um die 50 in der ostukrainischen Stadt Makiivka mit den Worten: „Liebe Brüder und Schwestern, Christus ist auferstanden!” Sie sagte das voller Freude und wirklicher Überzeugung, und die Gruppe antwortete fast einstimmig: „In der Tat, er ist auferstanden!”

Wir sind nicht das einzige Volk Gottes

Ein HLT- Missionar vor dem Tempel in Kiew in der Ukraine.

Diese Begrüßung der ukrainischen Mitglieder der Kirche Jesu Christi war ein traditioneller Ostergruß, der aus dem orthodoxen Glauben stammt. Abends schrieb ich in mein Tagebuch: „Die Menschen hier verwenden an Ostern beim Begrüßen, in Zeugnissen, Ansprachen, Unterrichten und beim Verabschieden immer die Worte ‘Иисус Воскрес’ [Jesus ist auferstanden]. Das nervt ein bisschen.”

Inzwischen zucke ich immer leicht zusammen, wenn ich den Satz „das nervt ein bisschen” lese, weil es meine Unreife und meinen Stolz zeigt, der durch eine Unkenntnis anderer Religionen kam, die ein Problem von mir und vieler Missionare ist. Manche Missionare waren wegen der Autorität, die sie fühlten, etwas übereifrig – und das kann dazu führen, dass Demut etwas vernachlässigt wird und man dem Guten und der Vielfalt eines anderen Glaubens gegenüber blind wird. Im Grunde sind wir alle ein Volk.

„Glaubens-Neid”

Vielleicht handelt es sich hierbei auch um eine unterbewusste Reaktion auf die bekannten Worte aus der ersten Vision, als der Erretter Joseph Smith sagte, dass dieser sich keiner der anderen Glaubensgemeinschaften anschließen solle, da sie alle „im Unrecht” seien und „ihre sämtlichen Glaubensbekenntnisse… ein Gräuel” seien. (Joseph Smith-Lebensgeschichte 1:19)

Natürlich sollten wir die uns eigenen Lehren verkünden. Aber manchmal hören wir diesen Vers – und hören vor allem die Worte „Unrecht”, „Gräuel” und „verderbt” – und übertragen das dann, ohne viel nachzudenken, auf jede Kirche, jeden Priester und jede Lehre, die nicht mormonisch sind. Wir sollten uns aber auch an andere hervorragenden Aussagen Joseph Smiths erinnern – beispielsweise an das, was er 1842 schrieb:

Image result for Joseph Smith lds„Wenn wir bei einem Menschen tugendhafte Eigenschaften erkennen, sollen wir diese stets würdigen, unabhängig von seinem Verständnis von Glauben und Lehre; denn alle Menschen sind frei, oder sollten es sein… Dieser Lehre stimme ich von ganzem Herzen zu und lebe auch danach.“ Lehren der Präsidenten der Kirche, Joseph Smith, Kapitel 29

Tatsächlich ist es so, dass wir, auch wenn wir zur einzigen „wahren und lebendigen Kirche” gehören, nicht die einzigen Menschen sind, die Gutes tun oder die Erkenntnis von Gott erhalten. Die religionsübergreifenden und humanitären Bemühungen der Kirche zeigen deutlich, dass wir Gottes Werk nicht allein tun können – schlussendlich sind wir nur 15 Millionen Mitglieder in einer Welt mit 7 Milliarden Menschen. Auf meinem bisherigen Lebensweg habe ich gelernt, meinen Blick nach außen zu richten und auch von Führern und Anhängern anderer Glaubensrichtungen zu lernen. Ich  schätze und bewundere auch Bestandteile und Lehren anderer Glaubensrichtungen.. Der schwedische Theologe Krister Stendahl (1921-2008) bezeichnet dies als „heiligen Neid” (holy envy).

Hier drei meiner Lieblings-Aussagen von andersgläubigen Autoren:

Der Christ, der mich zum besser-denkenden Christen macht

Ich höre mir Podcasts des christlichen Autors und Apologeten Ravi Zacharias an. In einer der Folgen spricht er über die Geschichte, in der ein Mann Christus fragt, ob es angemessen sei, Steuern zu bezahlen. Christus sagt folgende bekannten Worte: „So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!” (Matthäus 22:21)

Ravi kommentiert folgendermaßen:

„Man sieht daran, dass dieser keine weitere Frage stellt, wie unaufrichtig er es meint. Er hätte fragen sollen: ‘Was gehört Gott?’ Und Christus hätte geantwortet: „Welches Abbild trägst du? Gib dem Kaiser, was dem Kaiser gehört; gib Gott, was Gott gehört. Du trägst sein Abbild auf dir.”

Dadurch, dass ich mir diese und stundenlang weitere seiner Reden angehört habe, habe ich eine tiefe Bewunderung für Ravis christliche Überzeugungen erlangt. Er inspiriert mich einfach dazu, als Christ besser zu denken.

Ein Christlich-Orthodoxer über Gründe zur Einhaltung des Sabbats

Der christlich-orthodoxe, konservative Autor Rod Dreher (The American Conservative) schrieb über die Bedeutung des Sabbats:

„Wenn wir aufhören, den Kirchenbesuch ins Zentrum der Sabbatheiligung zu stellen, bedeutet dies, dass wir notgedrungen behaupten, dass Zeit nichts Heiliges ist. Oder, genauer gesagt, bestätigen wir dadurch – ob das nun unserer Absicht entspricht oder nicht – dass wir allein – und nicht der Gott der Bibel – Herr unseres Lebens sind und uns selbst aussuchen können, was es bedeutet, gläubig zu sein. Die Sabbatheiligung ist ein wesentlicher Bestandteil des Christentums.

Image result for lds church„Ob man nun will oder nicht, löscht diese Gewohnheit – oder das Fehlen der Gewohnheit – die Erinnerungen ans Christentum aus unserem Gedächtnis. Das ist das Risiko, das du trägst, wenn du den Kirchenbesuch am Sonntag optional machst.”

Rods Ansichten helfen mir nicht nur, die Botschaften der Ersten Präsidentschaft und des Kollegiums der Zwölf Apostel, den Sabbat in den Fokus zu setzen, besser wertzuschätzen, sondern sie bringen mich auch dazu, besser darin sein zu wollen, den Sonntag zu einem besonderen Tag zu machen.

Ein Rabbi über die weitreichende Liebe Gottes

Ich denke häufig an einen Abschnitt einer prägnanten Rede des Rabbis Jonathan Sacks darüber, wie unendlich die Liebe Gottes ist:

Image result for jonathan sacks rabbi„Wir alle werden von Gott gesegnet, jeder ist in seinen Augen wertvoll, jeder spielt seine eigene Rolle in seiner Geschichte, jeder ist wie ein eigenes Lied in der Musik der Menschheit. Ein Kind Abrahams zu sein bedeutet, auch alle anderen Kinder zu respektieren, auch wenn ihr Weg ein anderer als der unsrige ist. Wir wissen, dass wir geliebt werden. Das muss genügen. Darauf zu bestehen, dass geliebt werden beinhaltet, dass andere nicht geliebt werden, bedeutet, dass man das Prinzip Liebe nicht verstanden hat.” Rabbi Johnathan Sacks

Vielleicht hallt diese Botschaft deswegen in mir immer wider, weil ich bereits viel zu viel Zeit meines Lebens damit verbracht habe, darüber verunsichert zu sein, wie Gott andere bevorzugt und damit der weitreichenden Liebe Gottes gegenüber blind war – und der Tatsache, dass es davon genug für mich und jeden anderen gibt. Diese drei Erkenntnisse erinnern mich an ein Ereignis im Neuen Testament; Johannes sagt zum Meister: „Meister, wir haben gesehen, wie jemand in deinem Namen Dämonen austrieb, und wir versuchten, ihn daran zu hindern, weil er nicht mit uns zusammen dir nachfolgt. Jesus antwortete ihm: Hindert ihn nicht! Denn wer nicht gegen euch ist, der ist für euch.” (Lukas 9:49-50)

Nein, sie sind keine Mitglieder der Kirche. Und das ist okay. Mit den Worten Elder Orson F. Whitneys: „Gott bedient sich mehr als nur eines Volkes, um sein großes und wunderbares Werk zustande zu bringen. Die Heiligen der Letzten Tage können nicht alles tun. Es ist zu groß, zu mühsam für nur ein Volk.” (Conference Report, Apr. 1928, 59).


Samuel B. Hislop stammt ursprünglich aus Logan, Utah und ist ein Fachmann für Kommunikation. Er schreibt viel, liest viel und spielt viel mit seinen drei Töchtern. Als Freiwilliger arbeitet er bei den Jungen Männern seiner Gemeinde mit.

Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt und am 14.7.2016 auf lds.org veröffentlicht. Der Autor ist Samuel B. Hislop. Übersetzt von Kristina Vogt.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) lernen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org.