Überdimensionierte Truthähne, Cranberry-Soße, Kürbiskuchen, voll besetzte Esstische, überlastete Flughäfen, überfüllte Bahnhöfe. Lange Gebete, volle Mägen, schlafende Opas, dankbare Herzen. Als ich vor kurzem einer guten Freundin aus den USA über ihre Erfahrung am Thanksgiving-Tag zuhörte, konnte ich förmlich die Liebe und Dankbarkeit spüren, die sie für ihre Familie und dieses besondere Fest hat. Ihre lebhaften Erzählungen ließen es sogar zu, dass ich gedanklich mit an dem, auch wieder überdimensionalen, Tisch sitzen konnte.

Ich fragte mich, warum unsere Familie nicht auch so ein Fest feiert. Der Grund für das Fest erscheint einfach genug: einen Tag der Dankbarkeit zu begehen, an welchem man sich besonders bewusst macht, dass wir von unserem Vater im Himmel eine Vielzahl an Segnungen erhalten. Klar, wir haben Weihnachten, wo bei uns die vollen Tische und die überlasteten Flughafen und Bahnhöfe alltäglich werden, aber warum sollten wir nicht einen Tag speziell zum Innehalten und zum Danke sagen begehen?

Beten als Familie

Auf dem Cannstatter Wasen in Stuttgart, dem „größten Schaustellerfest Europas”, wird seit 1818 jedes Jahr von Ende September bis Anfang Oktober ein großes Volksfest gefeiert. In der ersten Erklärung von 1818 heißt es, dass jedes Jahr um diese Zeit ein landwirtschaftliches Fest gefeiert werden soll. Erntedankfeste gibt es schon seit Tausenden von Jahren. Dies ist in unterschiedlichen Kulturen, Religionen und zu verschiedenen Zwecken zu beobachten. Auf dem Cannstatter Wasen wird nahezu ununterbrochen seit dem ersten Volksfest im Jahr 1818 jährlich eine Fruchtsäule aufgestellt. Dieser 26 m hohe Holzturm wird dann jährlich mit den Früchten der Ernte gefüllt. Um die Säule herum werden Mengen an Kürbissen und Maiskolben, Kohlköpfen und Kartoffeln, anderen Gemüsesorten und Früchten angehäuft. Dieser Turm soll die Fülle der Ernte symbolisieren, welche Herbst für Herbst die Scheunen und Keltern der Bauern füllt. Bestimmt haben in früheren Zeiten die Bauern und Winzer noch einen stärkeren Bezug zu Gottes Hilfe gehabt, haben unserem himmlischen Vater noch mehr die Ehre gegeben im Dank für die Segnungen der Natur. Für mich stellt diese Fruchtsäule, wie sie auf dem Cannstatter Volksfest und an vielen anderen Orten in Deutschland und im weiteren Europa steht, immer noch das Symbol dafür dar, dass die Menschen unserem Gott für die reiche Ernte danken.

In einem Kirchenlied, das gerne bei uns gesungen wird, heißt es: „Weil mir so viel gegeben ist, so geb auch ich”. Damit drücken wir einerseits aus, dass wir viel erhalten haben. Andererseits ist dieser Reichtum, diese reiche Ernte auch Verpflichtung, den Menschen zu helfen, die nicht so sehr mit materiellen Gütern gesegnet sind.

Erntedankfest

Die wenigsten von uns werden sicherlich im Frühling aufs Feld gehen und Kartoffeln setzen, Mais anpflanzen oder Weizenkörner in die Erde bringen. Im Laufe der letzten Jahrzehnte hat sich eine arbeitsteilige Gesellschaft gebildet, in welcher wir in einer Reihe neuer Dienstleistungs- und Fabrikationsunternehmen unsere „Brötchen” verdienen.

Auch diese sprichwörtlichen Brötchen, unsere Gehälter oder Honorare, stellen im übertragenen Sinne die Rüben und Kartoffeln, die Trauben oder Äpfel dar, welche wir einbringen. Versuchen wir doch, wenn wir an Thanksgiving denken, dieses in Bezug zu unserer Ernte in Form von Geld zu setzen. Mit dem Auftrag, unsere Ernte mit Anderen zu teilen, können wir auch Gutes tun.

Doch lassen Sie mich noch einen anderen Aspekt ansprechen, welcher mir im Zusammenhang mit dem Thanksgiving-Fest wichtig scheint. Wenn wir darüber nachdenken, für welche weltlichen Segnungen wir dankbar sind, dann ist es doch bestimmt mindestens so wichtig, sich darüber zu freuen, welche geistigen Geschenke wir bekommen haben. Die Segnungen eines wiederhergestellten Evangeliums Jesu Christi, die heiligen Schriften, das reiche Erbe liebevoller Lehrerinnen und Lehrer in der Kirche, oftmals auch von Eltern oder anderen Verwandten, welche uns Werte vermittelt und die Liebe zum Vater im Himmel durch ihr Beispiel nahegebracht haben. Sicherlich gibt es eine Unzahl weiterer guter Gründe, dankbar zu sein. Sauberes Wasser, Schulen, warme Kleidung, ein funktionierendes Sozialsystem, ein sicheres Umfeld, in welchem wir leben können, Religionsfreiheit und so weiter und so fort. Wie treffend bringt es der Psalmist zum Ausdruck, wenn er sagt „Wie schön ist es, dem Herrn zu danken” (Psalm 92:2). Viele Stellen in den heiligen Schriften erinnern uns daran, dankbar zu sein. „Lebt an jedem Tag mit Danksagung” heißt es im Buch Mormon (Alma 34:38). In den neuzeitlichen Offenbarungen des Buches „Lehre und Bündnisse” wird uns sogar verheißen: „Wer alles mit Dankbarkeit empfängt, der wird herrlich gemacht werden” (L.u.B. 78:19). Welch ein guter Grund für einen besonderen Thanksgiving- Tag im Jahr. Ich schlage vor, dass wir uns eine virtuelle Fruchtsäule der Dankbarkeit bauen. Legen wir unserem Vater im Himmel alles  in Dankbarkeit an diese Säule, was wir als geistige Segnungen dieses Jahres betrachten. Wenn wir auch ein wenig darüber nachdenken müssen, was wir alles Gutes erlebt haben in diesen letzten Monaten, so ist das völlig in Ordnung. Auch die Ernte braucht ihre Zeit, im Physischen genau so wie im Geistigen. „Sieh den großen Segen, denke ständig dran”, heißt es in einem Kirchenlied. Wäre das nicht ein schönes Zeichen unserer Dankbarkeit unserem himmlischen Vater gegenüber, uns diese geistige Fruchtsäule zu erstellen? Dazu brauchen wir nicht unbedingt ein Volksfest, auch keine Truthähne und schon gar keinen überfüllten Flughafen. Wir brauchen nur ein wenig Zeit, um in uns zu gehen und darüber dankbar nachzudenken, wie gut unser himmlischer Vater zu uns war. Und wenn wir das gemeinsam mit unseren Lieben tun möchten, gerne auch bei einem guten Essen, dann empfinden wir das sicherlich als zusätzlichen Segen. Brauchen wir ein Thanksgiving in Europa? Bestimmt – wenn wir es zu einem Fest des Dankes für alles machen, was wir von Gott bekommen haben.

Lasst uns diese Zeit im Spätjahr dazu nutzen, unsere eigenen Thanksgiving-Traditionen zu bilden, indem wir uns über unseren materiellen und unseren geistigen Reichtum bewusst werden, und dem Auftrag der Schriften zu folgen „Freut euch immerdar und gebt in allem Dank” (L.u.B. 98:1).


Dieser Artikel wurde von Sönke Windhausen auf Deutsch verfasst und am 14.12.2018 auf treuimglauben.de veröffentlicht. Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) wissen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org.

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