Wenn ich als Jugendlicher in den Tempel ging, um an der Taufe für Verstorbene teilzunehmen, machte ich mir nie viele Gedanken darüber, wer all die weiß gekleideten Leute waren, die mir mit dem Weg halfen und die heiligen Handlungen im Tempel durchführten. Dabei handelt es sich um ganz unterschiedliche Menschen unterschiedlichen Alters, die freiwillig ihre Zeit opfern. Mein Dienst im Tempel ist ein wertvoller Segen für mich; und ich wusste nicht einmal, dass er zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben überhaupt möglich wäre. Inzwischen habe ich aber schon mehr als 1 ½ Jahre lang als Tempelarbeiter mitgeholfen und habe dadurch viel Segen in meinem Leben gesehen. Ich werde wegen dieser Berufung oft gefragt, wie sie so ist und was ich während meiner 6-stündigen Schicht tue. Hier daher nun ein paar Einblicke und Antworten auf die Fragen, die die meisten Leute über die Arbeit im Tempel haben.

Wie werdet ihr zum Tempelarbeiter ausgebildet?

Einer der größten Mythen ist es, dass man, um im Tempel mitzuarbeiten pensioniert sein muss. Obgleich viele der Tempelarbeiter ältere Mitglieder der Kirche sind, gibt es auch jüngere Helfer. Als Tempelarbeiter wird man berufen und diejenigen, die im Tempel arbeiten, werden von einem Mitglied der Tempelpräsidentschaft eingesetzt. Wenn ihr im Tempel mithelfen möchtet, könnt ihr, auch wenn man das Endowment zuerst empfangen haben muss, euren Bischof fragen, welche Möglichkeiten es gibt, in eurem Tempeleinzugsgebiet mitzuarbeiten. Jeder Tempel ist ein wenig anders; die Tempelarbeiter werden aber den einzigartigen Bedürfnissen des Hauses des Herrn gerecht. Die heiligen Handlungen, die im Tempel durchgeführt werden, sind jedoch immer die gleichen.

Es gibt unterschiedliche Arten von Tempelarbeitern; manche arbeiten nur ab und zu ein paar Stunden, andere wiederum arbeiten ehrenamtlich jede Woche in 4-6-Stunden-Schichten. Auch Schulungen gehören dazu. Im Tempel in Salt Lake City beispielsweise treffen sich die Freiwilligen vor der jeweiligen Schicht, um spirituelle Anweisungen zu bekommen und von den Leitern eine Einweisung zum Ablauf zu erhalten. Es gibt viel “Weltliches”, das man wissen muss, z. B. wie man Gästen Wegbeschreibungen für Siegelungen gibt oder wo sich der Erste-Hilfe-Kasten befindet. Das Hauptanliegen ist jedoch zu lernen, wie jeder zu einem besseren Werkzeug in der Hand des Herrn werden kann; das tun wir, indem wir sein Haus als einen Ort geistiger Zuflucht und als einen Ort, an dem wir lernen können, für diejenigen bewahren, die ihn besuchen.

Man sollte sich des Weiteren bewusst sein, dass die Tempelarbeiter zwar bereitwillig Fragen beantworten, wie beispielsweise wo sich der Ausgang befindet oder wo man die geliehene Kleidung zurückgibt; Fragen zu der Lehre und der Symbolik im Tempel lassen sich jedoch am besten durch persönliches Forschen, Offenbarung und Kommunikation mit dem Heiligen Geist beantworten. Keiner der Tempelarbeiter bekommt spezielle Schulungen zur Bedeutung der heiligen Handlungen oder der Symbolik der unterschiedlichen Tempel. Vielleicht haben wir schon einen größeren Einblick, weil wir uns selbst damit beschäftigt haben und Inspiration erhielten, aber schlussendlich lernen wir auch immer dazu, so wie alle anderen. Wenn ein Tempelarbeiter euch also die Antwort gibt, dass ihr durch den Heiligen Geist Antworten auf eure Fragen bekommen könnt, wisst ihr nun, wieso.

Was sind deine schönsten Erlebnisse und die, die dir im Gedächtnis geblieben sind?

Tempelarbeit - hinter den Kulissen

Der Frankfurt Tempel wurde am 28. August 1987 von Präsident Ezra Taft Benson geweiht.

Bei meiner wöchentlichen Arbeit im Tempel hatte ich schon viele schöne und erbauende Erlebnisse. Eine meiner liebsten Erfahrungen dauerte sogar einige Monate lang. In einer Schicht wurde ich dafür eingeteilt, einer Schwester zu helfen, die zum ersten Mal den Tempel besuchte. An ihrem Lächeln und ihrer Demut konnte ich erkennen, dass sie bereit war, geistige Erfahrungen auf einer neuen Ebene zu machen. Als sich unsere gemeinsame Zeit dem Ende zuneigte, freute ich mich für sie und hoffte, dass sie den Tempel ebenso sehr lieben und schätzen würde, wie ich das tat. Ich dachte, ich würde sie nicht mehr wiedersehen; aber als ich ein paar Wochen später für jemanden einsprang und dessen Schicht übernahm, fiel mir ein bekanntes Gesicht auf. Ich sah die nette Schwester, der ich geholfen hatte, mit ihren Eltern; sie hielt die Hand ihres Ehemannes, mit dem sie gerade eine heilige Handlung im Tempel beendet hatte. Ich sehe sie immer noch ab und zu im Tempel, und ich fühle Frieden und Zufriedenheit bei dem Gedanken daran, dass sie nicht nur die Bündnisse im Tempel eingegangen ist, sondern dass diese Bündnisse sowohl für sie als auch für ihren Ehemann in ihrem Leben und in ihrer Ehe einen hohen Stellenwert einnehmen.

Ich hatte auch andere Erlebnisse, die mich berührten: eine 50-jährige Frau, die vor Freude weinte, als sie endlich an ihre verstorbenen Eltern gesiegelt werden konnte; ein frisch verheiratetes Ehepaar, das zusammen innehielt, um sich die Bedeutung der im Tempel geschlossenen Bündnisse bewusst zu machen, bevor es zu ihren Familien vor dem Tempel hinausging.

Ich konnte die Anwesenheit Verstorbener fühlen, für die die Arbeit im Tempel getan wurde, und ich war überrascht von der Liebe und Sorge, die Kirchenmitglieder füreinander haben, was man aufgrund all der Namen auf den Gebetslisten im Tempel erkennen kann. Was mich jedoch am meisten beeindruckt hat ist, dass im Tempel alle gleich sind, egal welche Sprache gesprochen wird, wie alt jemand ist oder welche Abstammung jemand hat – die Sprache, die dort gesprochen wird, ist immer die Sprache der Liebe und die Sprache des Geistes.

Was geschieht hinter den Kulissen?

Tempelarbeit - hinter den Kulissen

Am 29. Juni 1985 weihte Präsident Gordon B. Hinckley, damals 1. Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft, den Freiberg Tempel in Sachsen.

Es gibt Tempel ganz unterschiedlicher Art und an ganz unterschiedlichen Orten; die Organisation ist in jedem Tempel anders und man braucht unterschiedlich viele Helfer, die dafür sorgen, ihn in Betrieb zu halten. Aber man braucht, unabhängig davon, wie groß oder klein ein Tempel auch ist, überraschend viele Helfer, um zu gewährleisten, dass die heiligen Handlungen an jedem Tag, an dem ein Tempel geöffnet ist, korrekt und ehrfürchtig durchgeführt werden. Der Salt-Lake-City-Tempel benötigt als einer der größten Tempel einige Hundert Freiwillige, die oft in mehreren Schichten pro Woche arbeiten, damit alles ordnungsgemäß abläuft und die Heiligkeit gewahrt bleibt.  Dazu kommen noch weitere Leute, die dafür bezahlt werden, sich um die Berge an Wäsche, das Organisatorische, Wartungsarbeiten usw. zu kümmern, um das Gebäude selbst ordentlich und funktionstüchtig zu halten.

Die Tempelarbeiter haben vielfältige Aufgaben. Neben unserer Aufgabe, bei bestimmten Ritualen zu helfen, gibt es Helfer, die beim Zurechtfinden im Tempel helfen, die denen assistieren, die zum ersten Mal den Tempel besuchen und welche, die die Durchführung von Siegelungen organisieren. Manche passen auf Kinder auf, die darauf warten an ihre Eltern gesiegelt zu werden, andere erfassen die heiligen Handlungen und räumen die Regale mit der Kleidung auf. Im Salt-Lake-Tempel haben wir bei allem geholfen: Wäsche zusammenlegen, einem Brautpaar helfen, den Siegelungsraum zu finden, Wasserkrüge auffüllen, Spinde zuweisen oder im Raum für die Taufe Kleidung verteilen. Es gibt keine unwichtigen Aufgaben, und man wechselt sich gegenseitig ab.

Die enormen Opfer, die viele Tempelarbeiter bringen müssen, um im Haus des Herrn dienen zu dürfen, sind vielen nicht bewusst; auch bemerken sie nicht, wie viel Aufmerksamkeit den Details und der Organisation gewidmet wird, um daraus wahrlich ein „Haus der Ordnung” zu machen. Und das ist auch in Ordnung. Viele von uns, die wir jede Woche einige Zeit im Tempel dienen, macht es am glücklichsten, wenn diejenigen, die den Tempel besuchen, den Heiligen Geist erkennen können und sich voll und ganz auf ihn und das konzentrieren können, was sie tun – mehr als auf uns.

Was hast du selbst oder andere nach deiner Kenntnis gelernt, das dich den Tempel mit anderen Augen betrachten lässt?

Ich habe vieles durch eigenes Nachdenken gelernt; ich habe aber auch viel dadurch erfahren, dass ich den älteren Tempelarbeitern zugeschaut und zugehört habe. Hier ein paar Dinge, die mir besonders aufgefallen sind:

Aufzeichnungen führen und das Gesetz der Zeugen

Aus den Schriften wissen wir, wie wichtig es ist, Bericht zu führen und mehrere Zeugen zu haben – und das ist auch im Tempel so. Alles, was im Tempel durchgeführt wird, wird aufgezeichnet und jede vollständige heilige Handlung wird vermerkt. Bei jeder heiligen Handlung wird von mindestens zwei Helfern beobachtet, ob alles korrekt abläuft, und zwei weitere bestätigen, dass sie korrekt erfasst wurde. Diese Berichte sind für die Kirche wichtig und auch für uns selbst – auf sie wird im Haus des Herrn besonders geachtet.

Neben diesen sorgfältig geführten Aufzeichnungen ist mir auch aufgefallen, wie wichtig es ist, die Dinge, die ich im Tempel lerne, festzuhalten. Es gibt natürlich auch Dinge, die heiliggehalten werden sollten und die wir uns nur in Herz und Verstand bewahren sollten. Aber Momente, in denen wir Erkenntnis erlangen, in denen Gebete beantwortet werden, in denen wir einmalige Begegnungen mit anderen haben, helfen uns, uns an die besondere Verbindung zu erinnern, die wir im Tempel hatten – und sie können uns helfen, unsere Liebe zum und unser Zeugnis vom Tempel an künftige Generationen weiterzugeben.

Zusammenhänge der einzelnen heiligen Handlungen

Etwas, das ich auch gelernt habe, ist, welche Rolle Zusammenhänge spielen. Wir gehen oft in den Tempel, um nur an einer der Handlungen teilzunehmen, da sie immer ein bisschen Zeit brauchen. Zwar ist das trotzdem ein wunderbarer Dienst, aber wir vergessen dadurch auch leicht, dass sie aufeinander aufbauen und zusammenhängen. Nehmt euch nach einer Endowment-Session ein paar Minuten Zeit darüber nachzudenken, wie die Bündnisse sich ergänzen, oder begebt euch nach den Vorverordnungen oder Siegelungen ein paar Minuten lang in den celestialen Raum, um euch alles noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen und darüber nachzudenken. Eines Tages würde ich gerne einmal alle Verordnungen für ein einziges Familienmitglied an einem Tag machen. Aber wie auch immer man das handhabt, wenn ihr darüber nachdenkt, weshalb die einzelnen Verordnungen voreinander oder nacheinander gemacht werden müssen, dann werdet ihr neue Einsichten bekommen und Antworten auf eure Fragen. Für mich war das so.

Sich an die Bündnisse erinnern

Bern Tempel Schweiz hlt

Der Bern Tempel in der Schweiz wurde im Jahre 1955 von Präsident David O.McKay geweiht.

Für mich kam der größte Segen, den ich durch den Dienst im Tempel sehen konnte, dadurch, dass ich den Text der einzelnen Verordnungen auswendig lernte – die Tempelarbeiter müssen das. Ich bemerke oft, dass mir im täglichen Leben oder beim Schriftstudium Phrasen einfallen, die aus dem Tempel stammen und die mich trösten, die mir neue Erkenntnis zukommen lassen oder mir auch eine Warnung sein können.

Aber ihr könnt auch unter der Woche an die Versprechen denken, die ihr gegeben habt, auch wenn ihr den Tempel nicht oft besuchen könnt oder nicht alles auswendig wisst. Versucht, wenn ihr den Tempel besucht, euch einen Satz auszusuchen, an den ihr euch erinnern wollt. Achtet darauf, was er mit eurem Leben zu tun hat – und ihr werdet bestimmt überrascht sein, wie oft ihr euch im Alltag daran erinnert. Sucht euch dann beim nächsten Besuch einen neuen Satz aus. Nehmt euch die Zeit, euch in den Schriften und vor allem mit Hilfe des Alten Testaments und im Buch Abraham (vor allem zur Zeit Moses und der Kinder Israels) mit Tempeln auseinanderzusetzen. In diesen Kapiteln gibt es so viele Details zum Zweck und der Bedeutung von Tempeln, die eure Erfahrungen im Tempel verstärken können.

Es ist wichtig, dass ihr, egal, auf welchem spirituellen Stand ihr euch befindet oder wie oft ihr zum Tempel geht, daran erinnert, dass die Erfahrungen mit dem Tempel etwas individuelles sind und nicht auf die leichte Schulter genommen werden sollten.

Ich habe schon so viele Menschen dabei beobachtet, wie sie in den Tempel gehen und wie sie wieder hinausgehen. Manche kommen mit schweren Sorgen und kommen, um nachzudenken, und manche scheinen es gerade noch auf die letzte Minute zu schaffen und scheinen abgelenkt zu sein. Manche kommen alleine, andere wiederum mit Freunden und Familie. Aber ganz gleich, aus welchem Grund oder mit welcher Begleitung jemand kommt, der Tempel ist ein Ort der Zuflucht. Nutzt den Vorteil der Stille im Tempel und achtet auf eure Gedanken und Eindrücke, die durch den Heiligen Geist kommen, und ihr werdet den Segen sehen.


Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt und am 16. Februar 2016 auf ldsliving.com veröffentlicht. Die Autorin ist Jannalee Rosner. Übersetzt von Kristina Vogt.

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