Vielleicht hast auch du dich nach der letzten Generalkonferenz gefragt, warum keine neuen Tempel angekündigt wurden. Gerade weil Tempelankündigungen in den letzten Jahren zu einem echten Ereignis wurden, war es doch überraschend, dass wir, nach dem Tod von Präsident Nelson, gleich eine Änderung fühlen konnten. Ein aktuelles Interview mit Dallin H. Oaks sowie ein Blick in die Geschichte der Kirche helfen, diese Frage einzuordnen. Sie zeigen: Neue Tempel der Kirche Jesu Christi wurden nicht immer während der Generalkonferenz angekündigt, auch wenn es seit der Amtszeit von Präsident Monson meist so war.
Neue Tempel der Kirche Jesu Christi und die Generalkonferenz
Wenn über neue Tempel der Kirche Jesu Christi gesprochen wird, denken viele automatisch an die Generalkonferenz. Dieses Bild hat sich in den letzten Jahren stark geprägt. Viele von uns hören besonders aufmerksam zu, hoffen vielleicht sogar auf einen Tempel in der eigenen Region oder freuen sich mit Mitgliedern in anderen Teilen der Welt.
Umso verständlicher ist die Frage: Ist etwas anders geworden?
Dieser und anderen Fragen stellte sich Präsident Oaks nun in einem Interview vor der Weihung des neuen Tempels in Burley, Idaho.
Ein Blick zurück: Wie Tempel früher angekündigt wurden

Ich habe mir einmal angeschaut, wie Tempelankündigungen (bis 2019) tatsächlich erfolgt sind. Dabei wird schnell klar: Die Verbindung zwischen Tempelankündigungen und der Generalkonferenz ist historisch gesehen keine feste Regel, sondern eine Entwicklung, die sich erst im Laufe der Zeit herausgebildet hat.
Bis 2019 gab es weltweit etwas über 200 Tempel, die entweder bereits in Betrieb waren, sich im Bau befanden oder angekündigt worden waren. Weniger als die Hälfte dieser Tempel wurde überhaupt während einer Generalkonferenz angekündigt. Über viele Jahrzehnte hinweg war es ganz normal, dass neue Tempel in anderen Zusammenhängen bekanntgegeben wurden – etwa bei Pfahlkonferenzen, regionalen Versammlungen oder besonderen Andachten.
Unter Gordon B. Hinckley nahm die Zahl der Tempel stark zu, und Tempelankündigungen wurden häufiger im Rahmen der Generalkonferenz gemacht. Dieser Trend setzte sich unter Thomas S. Monson fort und eben unter Russell M. Nelson, an den wir uns natürlich besonders gut erinnern.
Präsident Oaks über den richtigen Ort für Tempelankündigungen

Im Interview erklärte Präsident Oaks, warum der vor kurzem angekündigte Tempel in Portland, Maine, nicht während der Generalkonferenz, sondern vor Ort angekündigt wurde. Er sagte:
„Das war eine starke Eingebung, die ich schon früh bekommen habe, als mir bewusst wurde, dass Präsident Nelson in den Himmel versetzt wurde. Schon seit Längerem denke ich, dass der beste Ort für die Ankündigung eines Tempels der jeweilige Tempelbezirk ist. Und die beste Person für diese Ankündigung ist der zuständige Führer vor Ort. Das kann ein Apostel sein, der einer Pfahlkonferenz oder einer anderen Versammlung zugeteilt ist, oder auch der Gebietspräsident, wenn sich zum Zeitpunkt der Entscheidung der Ersten Präsidentschaft kein Apostel im Tempelbezirk befindet.“
Und das stimmt: eine Ankündigung dort zu hören, wo der Tempel tatsächlich gebaut wird, macht sie besonders persönlich. Wichtig ist dabei: Die Entscheidung ob ein Tempel gebaut wird, bleibt unverändert bei der Ersten Präsidentschaft. Auf die Nachfrage, ob dieses Vorgehen ein Muster für die Zukunft sei, antwortete er klar:
„Es ist ein Muster, dem wir folgen werden, solange ich Einfluss auf diese Entscheidungen habe.“
Das ist kein Bruch mit der Vergangenheit, sondern eine Rückbesinnung auf ein Vorgehen, das es in der Kirche schon lange gibt.
Mehr Zeit im Tempel verändert den Alltag

Im Interview sprach Präsident Oaks auch darüber, was geschieht, wenn Mitglieder mehr Zeit im Tempel verbringen. Er sagte:
„Ich glaube, dass mehr Zeit im Tempel uns dabei hilft, Entscheidungen zu treffen, die besser im Einklang mit den Eingebungen des Geistes stehen – auch bei ganz alltäglichen Entscheidungen – und dass sie unseren Blick auf das Ziel des Bündnispfades richtet. Präsident Nelson hat dieses Bild in seiner ersten Ansprache als Präsident der Kirche verwendet, und ich schätze das Bild des Bündnispfades sehr, weil es beeinflusst, wie wir miteinander umgehen. Manchmal betrachten wir die Gebote des Herrn und die geistigen Erfahrungen, die wir in diesem Leben machen können, wie eine Checkliste, die wir Punkt für Punkt abhaken. Ich finde es hilfreicher, unser irdisches Leben als eine Reise zu verstehen – von der Geburt bis zur Rückkehr dorthin, wo unser Himmlischer Vater möchte, dass wir sind, ein Ziel, das wir durch seinen Sohn Jesus Christus erreichen können.”
Vielleicht kennst du das aus eigener Erfahrung: Zeit im Tempel hilft, Prioritäten neu zu ordnen. Er erklärte weiter:
„Der Bündnispfad gibt unserem Weg durch das Erdenleben eine klare Richtung. Bündnisse sind die Wegweiser, die uns auf diesem Pfad halten. Dieses Bild zeigt uns auch, dass es Menschen gibt, die auf diesem Weg schon weiter sind und an denen wir uns orientieren können. Und es gibt Menschen hinter uns, die noch nicht so nah am Ziel sind wie wir – und ein Teil unserer Aufgabe ist es, ihnen zu helfen. Genau deshalb gefällt mir dieses Bild vom Bündnispfad so sehr: Es passt zu meinem Verständnis vom Sinn des Lebens und davon, wie wir den Blick auf unser Ziel gerichtet halten können.“
Mir gefällt dabei der Gedanke, dass wir nicht allein unterwegs sind, besonders gut. Es gibt Menschen vor uns, an denen wir uns orientieren können – und Menschen hinter uns, denen wir helfen dürfen.
„Es macht mich geduldiger und freundlicher“
Auch die Worte von Schwester Oaks geben diesem Thema eine sehr persönliche Note. Sie beschrieb, wie der Tempel ihr ganz konkretes Leben segnet.
Sie sagte:
„Ich gehe in den Tempel für Trost, Unterweisung und Offenbarung, und es macht mich zu einer besseren Ehefrau und zu einer besseren Mutter.“
Sie ergänzte, dass Tempelbesuche sie geduldiger und freundlicher machen. Vielleicht erkennst du dich, so wie ich, auch in diesen Worten wieder. Oft sind es gerade diese stillen Veränderungen, die zeigen, wie tief der Tempel in unser Leben hineinwirken kann.