Dies ist der zweite Teil einer Artikelserie über Pfingsten und die ursprünglichen Apostel. Im ersten Artikel haben wir uns angeschaut, was Pfingsten bedeutete – und warum dieser Tag alles veränderte. Hier schauen wir uns an, was danach passierte. Was wurde aus diesen Männern? Wohin gingen sie?

Erst Jerusalem, dann die Welt

Direkt nach Pfingsten blieben die Apostel zunächst in Jerusalem. Jerusalem war das Zentrum des jüdischen Lebens, der Ort des Tempels, der Ort, an dem alles begonnen hatte. Die Apostelgeschichte beschreibt eine wachsende Gemeinschaft: Menschen, die zusammenkamen, miteinander aßen, beteten, ihre Güter teilten.

Aber es dauerte nicht lange, bis der Druck von außen kam. Verfolgung durch die jüdischen Autoritäten, später durch die römische Verwaltung, zwang die Gemeinschaft auseinander – und verbreitete sie dabei gleichzeitig in alle Richtungen. Was als Bedrohung gedacht war, wurde zum Antrieb.

Das Leben der Apostel nach Pfingsten war kein ruhiges Leben. Es war das Leben von Menschen, die ständig unterwegs waren, die wenig besaßen, die immer wieder von vorne anfingen.

Was wissen wir – und was nicht?

Für die Zeit direkt nach Pfingsten haben wir mit der Apostelgeschichte eine relativ verlässliche Quelle – verfasst von Lukas, wahrscheinlich in den 60er Jahren n. Chr., also noch innerhalb der Lebenszeit von Augenzeugen. Sie konzentriert sich jedoch stark auf Petrus und Paulus. Die anderen Apostel tauchen nur am Rand auf.

Was danach kommt – wohin die einzelnen Apostel reisten, wie sie lebten, wo sie starben – stammt größtenteils aus späteren Quellen: frühchristlichen Schriften, Kirchenvätern wie Eusebius (4. Jh.), und noch späteren Legenden. Manches ist gut belegt, manches ist Tradition, manches ist Legende. Das werden wir bei jedem Apostel entsprechend kennzeichnen.

Die Apostel – wohin sie gingen

Petrus – von Jerusalem nach Rom

Petrus ist der am besten dokumentierte unter den Aposteln. Wir sehen ihn als erstes Kirchenoberhaupt, von Jesus als Führer eingesetzt. Die Apostelgeschichte zeigt ihn als die treibende Kraft der frühen Gemeinschaft in Jerusalem. Er reist, predigt, heilt – und gerät dabei mehrfach ins Gefängnis.

Ein Schlüsselmoment: die Begegnung mit dem römischen Hauptmann Kornelius (Apostelgeschichte 10). Für Petrus, den frommen Juden, war das ein radikaler Schritt: die Botschaft Jesu gehörte nicht nur Israel, sondern allen. Dieser Moment markiert eine Wende in seinem Denken.

Später verlässt Petrus Jerusalem. Paulus erwähnt ihn in Antiochien (Galater 2). Frühchristliche Quellen – darunter Clemens von Rom und Ignatius von Antiochien, beide noch im 1. Jahrhundert – bezeugen, dass Petrus nach Rom kam und dort starb. Das ist historisch so gut belegt, wie es für diese Zeit möglich ist.

Paulus – der Apostel, der keiner sein sollte

Paulus gehörte nicht zum ursprünglichen Zwölferkreis. Er hatte Jesus nicht während seines irdischen Wirkens gekannt – im Gegenteil, er hatte die frühen Christen aktiv verfolgt. Dann, auf dem Weg nach Damaskus, begegnete ihm der auferstandene Jesus – eine Erfahrung, die sein Leben vollständig umkehrte.

Was folgte, ist außergewöhnlich gut dokumentiert – zum Teil durch seine eigenen Briefe, die zu den frühesten christlichen Schriften überhaupt gehören. Drei große Missionsreisen führten ihn durch die heutige Türkei, Griechenland, nach Malta und schließlich nach Rom. Er gründete Gemeinden, schrieb Briefe, stritt, versöhnte, und hörte nie auf.

Paulus ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie das Leben der Apostel nach Pfingsten aussah: ständig unterwegs, oft in Gefahr, mehrfach inhaftiert, und trotzdem produktiver als die meisten Menschen in gesicherten Verhältnissen.

Johannes – der Apostel, der blieb

Johannes, der Bruder des Jakobus, nimmt eine besondere Stellung ein. Er ist einer der engsten Vertrauten Jesu – zusammen mit Petrus und seinem Bruder gehörte er zu dem kleinen Kreis, der bei der Verklärung dabei war, der im Garten Gethsemane wartete.

Nach Pfingsten bleibt er zunächst in Jerusalem. Später, so die frühchristliche Überlieferung, zog er nach Ephesus – in die heutige Türkei – wo er lehrte und eine der bedeutendsten Gemeinden der frühen Kirche begleitete. Unter Kaiser Domitian wurde er verbannt, auf die Insel Patmos, wo er nach der Überlieferung die Offenbarung schrieb.

Thomas – bis nach Indien

Thomas kennen die meisten als den Zweifler. Aber das ist nur ein Moment in seinem Leben – und vielleicht nicht einmal der wichtigste.

Die frühchristliche Überlieferung – darunter die Thomasakten, entstanden wohl im 3. Jahrhundert – berichtet, dass Thomas bis nach Indien reiste und dort Gemeinden gründete. In Südindien gibt es bis heute eine christliche Gemeinschaft, die sich „Thomaschristen” nennt und ihre Geschichte auf Thomas zurückführt. Diese Tradition ist alt und verwurzelt.

Handelsrouten zwischen dem Nahen Osten und Indien existierten bereits im 1. Jahrhundert. Menschen reisten weiter, als wir oft denken.

Andreas – Griechenland und darüber hinaus

Andreas, der Bruder des Petrus, taucht in den Evangelien immer wieder als Brückenbauer auf – er bringt Menschen zu Jesus. Nach Pfingsten, so die Überlieferung, zog er in Richtung Norden und Osten: durch die heutige Türkei, nach Griechenland, möglicherweise bis in das Gebiet der heutigen Ukraine.

In Patras, im Westen Griechenlands, soll er gestorben sein. Die schottische Flagge – das Andreaskreuz – erinnert bis heute an ihn, auch wenn die Verbindung zu Schottland legendären Ursprungs ist.

Jakobus (Sohn des Zebedäus) – der Erste

Jakobus, der Bruder des Johannes, gehörte zum innersten Kreis um Jesus – und nach Pfingsten zu dem, was Paulus in Galater 2 die „Säulen” der frühen Gemeinschaft in Jerusalem nennt. Er hatte also Gewicht und Verantwortung. Was genau sein Wirken in diesen Jahren umfasste, überliefern die Quellen kaum. Sein Leben endete früh und gewaltsam – aber davon mehr im nächsten Teil der Serie.

Die anderen – Philippus, Bartholomäus, Matthäus, Simon, Thaddäus, Jakobus (Sohn des Alphäus)

Philippus stammte aus Betsaida und war bereits ein Jünger Johannes des Täufers, bevor er Jesus folgte. Er taucht im Johannesevangelium mehrfach auf – immer als jemand, der andere zu Jesus bringt. Nach Pfingsten, so die Überlieferung, zog er durch Kleinasien, wirkte unter den Skythen und Parthern. Er war neben Andreas der einzige Apostel mit einem griechischen Namen – was erklären könnte, warum sich Griechen, die Zugang zu Jesus suchten, ausgerechnet an ihn wandten.

Bartholomäus wird oft mit Nathanael gleichgesetzt – jenem Mann, den Jesus beim ersten Treffen als „einen wahren Israeliten, in dem keine Täuschung ist” bezeichnete. Die Überlieferung verbindet ihn mit Armenien, wo er missionierte. Zusammen mit Judas Thaddäus gilt er als Schutzpatron der Armenischen Apostolischen Kirche – ein Hinweis darauf, dass sein Wirken dort tiefe Wurzeln hinterließ.

Simon der Zelot trägt seinen Beinamen nicht zufällig. Er gehörte wohl ursprünglich der politisch radikalen Bewegung der Zeloten an, die gewaltsam die römischen Fremdherrscher aus Israel vertreiben wollte. Dass ausgerechnet er Jesus folgte – und damit einem Weg der Verkündigung statt der Gewalt – ist eine der stillen, aber bemerkenswerten Geschichten unter den Aposteln.

Judas Thaddäus und Simon werden in der Überlieferung oft zusammen genannt. Sie sollen gemeinsam im vorderasiatischen Raum als Missionare aktiv gewesen sein.

Über Matthäus und Jakobus (Sohn des Alphäus) wissen wir nach Pfingsten fast nichts. Matthäus wird traditionell als Verfasser des ersten Evangeliums gesehen – historisch nicht gesichert, aber ein Zeichen dafür, wie sein Name in der frühen Gemeinschaft verankert war.

Was diese Männer verbindet: Sie verschwanden aus dem Blickfeld der Geschichtsschreibung – nicht weil sie aufgehört hatten, sondern weil sie in Regionen unterwegs waren, aus denen kaum schriftliche Quellen überliefert sind. Das Schweigen der Geschichte ist kein Beweis für Untätigkeit.

Die Frauen – dabei, aber kaum überliefert

Die Apostel waren nicht allein unterwegs. Von Anfang an gehörten Frauen zur Gemeinschaft um Jesus – und das blieb nach Pfingsten so. Nur wissen wir über sie noch weniger als über die Männer, weil die antike Geschichtsschreibung sie systematisch übergangen hat.

Maria Magdalena ist die am besten belegte Jüngerin. Alle vier Evangelien nennen sie als erste Zeugin der Auferstehung – das ist historisch bemerkenswert. In einer Gesellschaft, in der Frauen vor Gericht nicht als Zeuginnen galten, wäre sie als erste Zeugin eine seltsame Erfindung gewesen. Was nach Pfingsten aus ihr wurde, sagt die Bibel nicht. Spätere Traditionen schicken sie nach Südfrankreich – aber das ist Legende.

Maria, die Mutter Jesu, war laut Apostelgeschichte 1 beim Warten im Obergemach dabei – also auch an Pfingsten. Was danach aus ihr wurde, ist biblisch nicht überliefert. Die frühchristliche Tradition verbindet sie mit Ephesus, wo auch Johannes wirkte.

Johanna und Susanna werden im Lukasevangelium (8,3) namentlich erwähnt als Frauen, die Jesus und die Zwölf auf ihren Reisen begleiteten und sie aus eigenen Mitteln unterstützten. Nach Pfingsten verlieren wir ihre Spur vollständig.

Und dann gibt es noch einen kurzen, aber bedeutsamen Hinweis in der Apostelgeschichte (21,9): Die vier Töchter des Philippus werden als Prophetinnen genannt. Ein einzelner Satz – aber er zeigt, dass Frauen in der frühen Gemeinschaft aktive Rollen hatten, nicht nur stille Zuschauerinnen waren.

Die ehrliche Antwort auf die Frage, was aus den Jüngerinnen wurde, lautet: Wir wissen es kaum.

Was verbindet sie alle?

Wenn man das Leben der Apostel nach Pfingsten als Ganzes betrachtet, fällt eines auf: Keiner von ihnen führte ein bequemes Leben. Keiner zog sich zurück. Keiner wartete darauf, dass die Welt zu ihm kommt.

Sie reisten mit wenig. Sie lebten von der Gastfreundschaft anderer. Sie wurden verfolgt, verhaftet, vertrieben. Und sie fingen immer wieder neu an.

Was trieb sie an? Die Antwort, die sie selbst gegeben hätten, ist einfach: Sie waren nicht allein. Der Heilige Geist, den Jesus versprochen hatte, war bei ihnen – nicht als Gefühl, sondern als Kraft, die sie weitermachte, wenn eigentlich kein Weitermachen mehr möglich schien und sie hatten eine Botschaft zu verkünden: ihr Herr und Meister war auferstanden. Er lebte. Das sollte die ganze Welt erfahren.

Was können wir daraus lernen?

Konsequenz ist kein dramatisches Wort. Es bedeutet meistens nur: weitermachen, wenn es unbequem wird.

Die Apostel hatten keine Garantien. Sie wussten nicht, wie es ausgehen würde. Sie hatten Versprechen – und sie vertrauten darauf.

Was das konkret für unser eigenes Leben bedeutet, muss jeder selbst entscheiden. Aber die Frage lohnt sich: Wo höre ich auf, wo ich eigentlich weitermachen sollte?

Im nächsten Teil dieser Serie schauen wir uns an, wie die Apostel starben – was historisch belegt ist, was Tradition ist, und was uns das über den Wert von Überzeugung sagt.

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