Jesus Christus lebte in einer faszinierenden Zeit, in der sich Kulturen, Religionen und Sprachen begegneten. Während seines irdischen Wirkens reiste er durch viele Orte – Galiläa, Judäa, Samaria und bis in die Gegend des heutigen Libanon. Doch welche Sprache sprach Jesus, wenn er lehrte, heilte und betete? Und verstanden ihn alle gleich gut?
Sein irdischer Dienst
Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich ein Blick in die Sprachlandschaft des ersten Jahrhunderts. Das Gebiet, in dem Jesus lebte, war ein Schmelztiegel verschiedener Kulturen. Menschen sprachen oft mehrere Sprachen – je nach Herkunft, Bildung und Lebensumfeld.
Die meistgesprochene Sprache war Aramäisch. Es war die Alltagssprache vieler Juden in Galiläa, Samaria und Judäa – und sehr wahrscheinlich auch die Sprache, die Jesus selbst am häufigsten verwendete.
Einige bekannte Aussprüche Jesu, die im Neuen Testament wörtlich in Aramäisch überliefert sind, bestätigen das:
„Talita kum!“ – „Mädchen, ich sage dir, steh auf!“ (Markus 5,41)
„Eloï, Eloï, lema sabachtani?“ – „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Markus 15,34)
Diese Worte lassen uns erahnen, wie vertraut und persönlich Jesu Sprache geklungen haben muss.
Jesus von Nazareth, König der Juden
„Pilatus ließ auch eine Tafel anfertigen und oben am Kreuz befestigen; die Inschrift lautete: Jesus von Nazaret, der König der Juden. Diese Tafel lasen viele Juden, weil der Platz, wo Jesus gekreuzigt wurde, nahe bei der Stadt lag. Die Inschrift war hebräisch, lateinisch und griechisch abgefasst.“ (Johannes 19,19–20)
Diese drei Sprachen standen für die wichtigsten Gruppen jener Zeit:
Hebräisch: die Sprache der jüdischen Religion und der Heiligen Schriften.
Griechisch: die Weltsprache des östlichen Mittelmeerraums, die im Handel und in der Bildung weit verbreitet war.
Latein: die offizielle Sprache der römischen Verwaltung und des Militärs.
Die Abkürzung INRI (von Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum) findet sich bis heute auf vielen christlichen Kreuzen.
Seine Botschaft an die Nephiten
Im Buch Mormon lesen wir, dass der auferstandene Christus nach seiner Auferstehung auch den Nephiten, einem Volk auf dem amerikanischen Kontinent, erschien. Der Prophet Moroni erklärt:
„Und nun siehe, wir haben diesen Bericht geschrieben gemäß unserer Kenntnis, in der Schrift, die wir unter uns das reformierte Ägyptisch nennen, die überliefert und von uns gemäß unserer Sprechweise abgeändert wurde. Und wenn unsere Platten groß genug gewesen wären, so hätten wir hebräisch geschrieben; aber auch das Hebräische ist von uns abgeändert worden; und wenn wir hebräisch hätten schreiben können, siehe, so hättet ihr in unserem Bericht keine Unvollkommenheit gehabt.“ (Mormon 9,32–33)
Die Nephiten sprachen also eine abgewandelte Form des Hebräischen und schrieben in reformiertem Ägyptisch. Jesus verstand sie ohne Mühe, las in ihren Schriften (3 Nephi 23,7–13) und lehrte sie dieselbe reine Lehre, die er auch in Jerusalem verkündete.
Er sprach zu jedem Herzen
Jesus Christus ist der Sohn Gottes – er, der die Sprache aller Menschen kennt. Wenn der Heilige Geist am Pfingsttag bewirken konnte, dass „jeder in seiner eigenen Sprache“ verstand (Apostelgeschichte 2), dann war auch Christus in der Lage, mit jedem Menschen auf vollkommene Weise zu kommunizieren.
Der Forscher Roger T. Macfarlane von der BYU schreibt:
„Die Frage, welche Sprachen Jesus und seine Jünger aus Galiläa gesprochen haben, ist seit Langem Gegenstand lebhafter Diskussionen. Heute gehen viele Forscher davon aus, dass Jesus mindestens drei Sprachen beherrschte: Hebräisch, das galiläische Aramäisch und zumindest ein gewisses Maß an Griechisch. Angesichts der ausgeprägten Mehrsprachigkeit jener Region erscheint das sehr plausibel. Es darf angenommen werden, dass Jesus in den ersten beiden Sprachen fließend sprach. Für seine Kenntnisse im Griechischen gibt es zudem einige Hinweise: Um in Nazareth und Galiläa ein erfolgreiches Handwerksgeschäft führen zu können, mussten Jesus und sein Pflegevater Josef vermutlich Griechisch verstehen und sich darin verständigen können.”
Ob durch göttliche Gabe oder durch menschliches Lernen – Jesus war in der Lage, alle Menschen zu erreichen, die bereit waren, ihn zu hören.
Die Gabe der Sprachen
In der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage verstehen wir die Gabe der Zungen als eine Gabe des Heiligen Geistes – sie befähigt Menschen, andere Sprachen zu sprechen, zu verstehen oder zu übersetzen, wenn Gott es will.
Auch Jesus wuchs und lernte wie jeder andere Mensch:
„Das Kind wuchs heran und wurde stark, erfüllt mit Weisheit, und Gottes Gnade ruhte auf ihm.“ (Lukas 2,40)
„So wie er sich entwickelte, können auch wir geistig wachsen – durch Lernen, Fleiß und Glauben“ (Lehre und Bündnisse 88:118).
Seine Sprache ist Liebe
Unter all den Sprachen, die Jesus sprach, gibt es eine, die alle anderen übertrifft: die Sprache der Liebe.
„Er tut nichts, was nicht der Welt zum Nutzen ist; denn er liebt die Welt, sodass er sogar sein eigenes Leben niederlegt, damit er alle Menschen zu sich ziehen kann.“ (2 Nephi 26,24)
Liebe ist die Sprache, die keine Übersetzung braucht. Sie ist die Sprache, in der Christus zu uns spricht – durch Güte, Geduld und Vergebung. Und sie ist die Sprache, die wir alle lernen können, wenn wir Ihm nachfolgen.
Manche fragen sich, ob Jesus vielleicht auch Latein sprach. Wahrscheinlich nicht regelmäßig – doch er verstand die Menschen, die es taten. Seine Botschaft war nie auf eine Sprache begrenzt. Und welche Sprache werden wir wohl im Himmel sprechen? Vielleicht dieselbe, die Jesus uns lehrte – die Sprache der Liebe.
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