Wenn wir über Veränderungen in der Kirche Jesu Christi sprechen, löst das bei vielen von uns gemischte Gefühle aus. Das gilt ganz besonders für Veränderungen im Tempel der Kirche Jesu Christi.
Der Tempel steht für Beständigkeit, für Heiligkeit, für etwas, das sich nicht verändert. Aber stimmt das eigentlich?

Wir gehen davon aus, dass durch Joseph Smith das Evangelium Jesu Christi wiederhergestellt wurde. Und „Wiederherstellung“ klingt für viele von uns nach etwas sehr Konkretem: nach einer Rückkehr zu dem, was zur Zeit Jesu genau so war. Oder?

Doch was, wenn Wiederherstellung mehr bedeutet als ein einfaches Zurückdrehen der Zeit?
Was, wenn sie auch Wachstum, Klärung, Anpassung und fortlaufende Offenbarung einschließt?

Ein Blick in die Geschichte des Tempels kann helfen, diese Fragen einzuordnen. Viele der folgenden Beispiele überraschen selbst langjährige Mitglieder. Manche wirken ungewohnt, andere fast unvorstellbar. Und vielleicht fragst du dich beim Lesen mehr als einmal: Warum wusste ich das eigentlich nicht?

1. Tempelbesuche für Kinder – eine frühe Veränderung im Tempel

Bis etwa 1960 konnten getaufte Kinder, Jungen wie Mädchen, im Tempel Taufen für die Verstorbenen durchführen. Ganze Gemeinden organisierten eigene Tempelausflüge für die Primarvereinigung.

Überrascht dich das? Heute empfinden wir es als selbstverständlich, dass diese heilige Handlung erst im Jugendalter beginnt. Doch lange Zeit war das anders. Präsident David O. McKay hielt das Ende dieser Praxis sogar persönlich in seinem Tagebuch fest.

Was sagt das über unsere heutigen Gewohnheiten? Und darüber, wie schnell wir Dinge für „schon immer so gewesen“ halten?

2. Symbolisches Essen im Tempel-Endowment

Das Tempel-Endowment war früher deutlich interaktiver gestaltet als heute. In den frühen Tempeln von Nauvoo und im späteren Endowment House in Salt Lake City aßen Teilnehmer Rosinen oder andere Früchte, um symbolisch den Sündenfall Adams und Evas darzustellen.

Kannst du dir das vorstellen? Heute ist diese Praxis vollständig verschwunden. Der Schwerpunkt liegt nun stärker auf innerer geistiger Beteiligung statt auf äußeren Handlungen.

Vielleicht stellt sich hier die Frage: Was hilft Menschen in ihrer Zeit am besten, geistige Wahrheiten zu verstehen?

3. Heilungstaufen – eine vergessene Tempelpraxis

Die ersten Taufen in den Tempeln von Salt Lake City und Logan waren keine Taufen zur Sündenvergebung. Stattdessen handelte es sich um Heilungstaufen, inspiriert von biblischen Berichten wie der Heilung Naamans im Alten Testament.

Diese Taufen konnten mehrfaches Untertauchen umfassen. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde diese Praxis eingestellt, um den Fokus stärker auf stellvertretende Verordnungen zu legen.

Was bedeutet es, wenn sich nicht der Zweck des Tempels ändert – sondern die Art, wie er genutzt wird?

4. Heilungssegnungen im Tempel durch Männer und Frauen

Neben Heilungstaufen wurden im Tempel auch Heilungssegnungen gespendet, häufig im Gartenraum des Salt-Lake-Tempels. Diese Segnungen konnten von Männern, Frauen oder gemeinsam durchgeführt werden.

Sie beinhalteten Salbung mit Öl und Handauflegung, waren jedoch nicht an ein bestimmtes Priestertumsamt gebunden. Um 1921 wurde diese Praxis im Tempel weitgehend eingestellt.

5. Gebetskreise außerhalb des Tempels

Gebetskreise waren nicht immer ausschließlich Teil des Tempel-Endowments. Ab 1851 existierten formell organisierte Gebetskreise außerhalb des Tempels, teilweise sogar in Gemeindehäusern mit eigens dafür vorgesehenen Räumen.

Alle diese Kreise standen unter der Autorität der Ersten Präsidentschaft. Erst 1978 wurde entschieden, Gebetskreise auf den Tempel zu beschränken.

6. Ein Tempelchor in Salt Lake City

Neben dem Salt-Lake-Tempel befand sich früher der sogenannte Tempelannex, verbunden mit dem Tempel durch einen unterirdischen Tunnel. Dort existierte zeitweise ein Tempelchor, der regelmäßig sang und auch bei besonderen Anlässen auftrat.

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Chor eingestellt, um das Tempelerlebnis weltweit zu vereinheitlichen. 

7. Filmmaterial aus Fantasia im frühen Tempelfilm

1955 wurde erstmals eine filmische Darstellung des Tempel-Endowments eingeführt, ursprünglich, um Tempelarbeit in verschiedenen Sprachen zu ermöglichen. Eine zentrale Rolle bei diesem Projekt spielte Gordon B. Hinckley, der im Auftrag der Kirchenführung an der Umsetzung beteiligt war.

Für die visuelle Darstellung der Schöpfung griff man dabei auf eine für uns ungewöhnliche Lösung zurück. Die Kirche erwarb die Rechte an einem kurzen, wortlosen Ausschnitt aus Disneys Film Fantasia, der zur bildlichen Darstellung der Schöpfung genutzt wurde.Der Ausschnitt wurde ohne die originale Musik verwendet und in einen ansonsten vollständig von der Kirche produzierten Film integriert.

8. Tempelbibliotheken in frühen Tempeln

Mehrere Historiker berichten, dass frühe Tempel Bibliotheken enthielten, sowohl mit religiösen als auch mit weltlichen Büchern. Über Größe, Nutzung und Zugänglichkeit ist bislang wenig bekannt.

9. Geweihtes Öl aus dem Tempel

Heute kann Öl nahezu überall für Heilungssegen geweiht werden. Früher war es jedoch üblich, Öl im Tempel und innerhalb eines Gebetskreises zu weihen.

Es gab sogar Verkaufsstellen auf dem Tempelgelände, an denen bereits geweihtes Öl erworben werden konnte – von Männern und Frauen gleichermaßen.

10. Polyandrische Siegelungen in der Frühzeit der Kirche

Heute können Männer unter bestimmten Umständen an mehrere Frauen gesiegelt sein, Frauen jedoch nicht an mehrere lebende Männer. Weniger bekannt ist, dass diese Regelung im 19. Jahrhundert zeitweise auch für Frauen galt.

Ein bekanntes Beispiel ist Susa Young Gates, eine Tochter von Brigham Young. Erst um die Wende zum 20. Jahrhundert wurden entsprechende Richtlinien vereinheitlicht.

Dies zeigt, wie sensibel und zugleich entwicklungsfähig sogar Siegelungspraktiken sind.

Was diese Veränderungen im Tempel bedeuten

Diese Beispiele machen deutlich: Veränderungen im Tempel der Kirche Jesu Christi sind kein Bruch mit dem Evangelium und kein Zeichen von Beliebigkeit.

Vielleicht helfen sie uns, den Tempel nicht nur als etwas Unveränderliches zu sehen, sondern als einen Ort, an dem Gott sein Volk über Generationen hinweg führt, lehrt und vorbereitet.

Was gleich geblieben ist, ist das Wesentliche: der Tempel als Haus des Herrn, als Ort heiliger Bündnisse und persönlicher Offenbarung. Und vielleicht liegt genau darin eine Einladung – nicht alles sofort einzuordnen, sondern sich führen zu lassen.

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