Dies ist der dritte Teil einer Artikelserie über Pfingsten und die ursprünglichen Apostel. Im ersten Artikel haben wir uns angeschaut, was Pfingsten bedeutet. Im zweiten, wohin die Apostel danach gingen. Jetzt kommen wir zum Ende ihrer Geschichten: Wie starben die Apostel – und zu einer Frage, die mich von Anfang an beschäftigt hat: Warum schwiegen sie nicht?

Gesicherte historische Quellen gibt es für die meisten Apostel kaum. Die Berichte über ihren Tod stammen aus Quellen, die Jahrzehnte oder Jahrhunderte nach den Ereignissen geschrieben wurden – frühe christliche Schreiber wie Clemens von Rom, Ignatius von Antiochien oder Eusebius von Caesarea, dazu Märtyrerakten und spätere Legenden.

Es gibt eine Ausnahme: Jakobus. Sein Tod ist der einzige, der direkt in der Bibel erwähnt wird. Bei allen anderen gilt: Wir erzählen, was überliefert ist – und kennzeichnen, woher es stammt.

Wie starben die Apostel – die Überlieferungen

Jakobus (Sohn des Zebedäus) – der einzige biblisch belegte Tod

Jakobus war der Erste. König Herodes Agrippa I. ließ ihn um das Jahr 44 n. Chr. mit dem Schwert hinrichten – als ersten der Apostel. Das steht in der Apostelgeschichte (12,2), verfasst von Lukas, einer der verlässlichsten frühchristlichen Quellen. Mehr wissen wir nicht. Kein letztes Wort, kein dramatischer Moment. Nur diese eine Zeile.

Manchmal ist das Schweigen der Quellen ehrlicher als jede ausgeschmückte Geschichte.

Petrus – gekreuzigt in Rom

Über Petrus wissen wir am meisten. Frühchristliche Quellen – darunter Clemens von Rom und Ignatius von Antiochien, beide noch im 1. Jahrhundert – bezeugen, dass er in Rom starb.

Der Hintergrund: Kaiser Nero machte die Christen nach dem großen Brand Roms im Jahr 64 n. Chr. zum Sündenbock und ließ viele von ihnen hinrichten. Petrus, als führende Figur der Gemeinschaft in Rom, war ein naheliegendes Ziel.

Die Umstände seines Todes – Kreuzigung unter Nero, angeblich kopfüber auf eigenen Wunsch – stammen aus den Petrusakten, entstanden um 180–190 n. Chr. Dass er kopfüber gekreuzigt wurde, soll auf seine eigene Bitte zurückgehen: Er hielt sich nicht für würdig, so zu sterben wie Jesus. Das ist eine spätere Quelle – aber eine der bekanntesten der frühen Kirchengeschichte.

Ausgrabungen unter dem Petersdom in den 1940er bis 60er Jahren fanden Knochen aus dem 1. Jahrhundert. Die frühe christliche Gemeinschaft in Rom begrub ihre Märtyrer sorgfältig – und oft heimlich – und markierte die Grabstätten. Papst Paul VI. erklärte 1968, die gefundenen Knochen seien mit Wahrscheinlichkeit die Überreste des Petrus. Historisch beweisen lässt sich das nicht – aber es zeigt, wie tief die Erinnerung an Petrus in Rom verwurzelt war. 

Paulus – hingerichtet in Rom

Paulus wurde nach seinen eigenen Briefen mehrfach inhaftiert, ausgepeitscht, mit Steinen beworfen und schiffbrüchig. Er beschreibt sein Leben selbst als eine Kette von Gefahren (2. Korinther 11,23–27). Das Ende kam in Rom: Dorthin kam er als Gefangener. Er hatte sein Recht als römischer Bürger genutzt und Berufung beim Kaiser eingelegt – nachdem er in Jerusalem verhaftet und vor verschiedenen Statthaltern angeklagt worden war (Apostelgeschichte 25). Also kein freiwilliger Besuch, sondern eine erzwungene Reise, die ihn genau dorthin brachte, wo er dann starb.

Ob er zur selben Zeit wie Petrus in Rom war, ist historisch nicht eindeutig geklärt. Die Tradition nennt beide als Märtyrer unter Nero – wahrscheinlich um dieselbe Zeit, 64–68 n. Chr. Ob sie sich in Rom begegneten, wissen wir nicht.

Thomas – nach der Überlieferung in Indien

Nach der Überlieferung reiste Thomas weiter als jeder andere Apostel. Die Thomasakten aus dem 3. Jahrhundert erzählen, wie er zunächst zögerte – Indien als Missionsgebiet schien ihm zu weit, zu fremd. Dann brach er doch auf. Er zog durch Persien, gründete Gemeinden, und gelangte schließlich nach Indien, wo er später starb.

Von feindlich Gesinnten soll der Apostel am St. Thomas Mount, einer Erhebung in der Nähe von Chennai, mit Lanzen durchbohrt worden sein – warum genau, berichten die Quellen unterschiedlich. Die Thomasakten beschreiben Spannungen mit lokalen Herrschern, deren Frauen und Angehörige sich Thomas’ Botschaft angeschlossen hatten. Das passt zum Muster, das wir bei fast allen Aposteln sehen: Nicht abstrakte Religionskritik führte zum Tod, sondern konkreter Einfluss auf Menschen – und damit auf Machtverhältnisse.

Was diese Geschichte so besonders macht, ist das, was sie hinterlassen hat. Im heutigen Bundesstaat Kerala in Südindien gibt es eine christliche Gemeinschaft, die ihre Geschichte auf eine Erstmission durch Thomas zurückführt und heute insgesamt etwa sieben Millionen Mitglieder zählt. Sie nennen sich Thomaschristen – und ihre Tradition reicht weit zurück, lange bevor europäische Missionare im 15. Jahrhundert nach Indien kamen. Als die Portugiesen 1498 nach Indien kamen, fanden sie zu ihrer Überraschung dort bereits christliche Gemeinden vor.

Andreas – das Andreaskreuz

Andreas führten seine Missionsreisen ans Schwarze Meer und nach Griechenland, bis er sich schließlich in Patras niederließ, wo er erfolgreich als Glaubensbote wirkte.

Was ihm dort zum Verhängnis wurde, ist in den Andreasakten überliefert: Als sich auch Maximilla bekehrte, die Frau des Statthalters Aegeas, ließ dieser ihn gefangen nehmen, geißeln und an ein X-förmiges Kreuz nageln. Der Statthalter, der seinen eigenen Einfluss schwinden sah, wollte das Christentum aus seiner Region verdrängen – Andreas weigerte sich, zu schweigen.

Ganze zwei Tage soll Andreas’ Todeskampf gedauert haben, während er noch den Umstehenden predigte.

Bartholomäus – in Armenien

Bartholomäus, wahrscheinlich identisch mit Nathanael aus dem Johannesevangelium – jenem Mann, den Jesus beim ersten Treffen als „einen wahren Israeliten, in dem keine Täuschung ist” bezeichnet – soll in Armenien missioniert haben.

Er soll die Tochter des armenischen Königs Polymios von der Besessenheit geheilt haben, worauf sich die ganze Königsfamilie zum Christentum bekehrte. Wütende Götzenpriester hetzten daraufhin den heidnischen Bruder des Königs gegen Bartholomäus auf. 

Bartholomäus wurde gefangengenommen und zur sogenannten Persischen Todesstrafe verurteilt: Bei lebendigem Leib zog man ihm die Haut vom Körper ab, danach kreuzigte man ihn. Die Quellen dazu sind spät und legendenhaft – historisch gesichert ist nichts davon. Aber die tiefe Verwurzelung des Christentums in Armenien, das 301 n. Chr. als erstes Land der Welt das Christentum zur Staatsreligion erklärte, deutet darauf hin, dass frühe Missionare tatsächlich dort wirkten.

Philippus – in Kleinasien

Philippus soll in Hierapolis, in der heutigen Türkei, gestorben sein. Die Überlieferung ist ähnlich wie bei Andreas: Er heilte dort Menschen, gewann Anhänger – darunter die Frau eines lokalen Würdenträgers – und wurde dafür hingerichtet. Gekreuzigt oder gesteinigt, je nach Quelle. 2011 fanden italienische Archäologen in Hierapolis ein Grab, das möglicherweise das seine ist.

Matthäus – ungeklärt

Über Matthäus wissen wir nach Pfingsten am wenigsten. Verschiedene Traditionen schicken ihn nach Äthiopien, Persien oder andere Regionen. Ob er eines natürlichen oder gewaltsamen Todes starb, ist in den Quellen nicht einheitlich überliefert.

Was bleibt, ist das Evangelium, das seinen Namen trägt – das erste der vier, das am ausführlichsten die Erfüllung alttestamentlicher Prophetien in Jesus beschreibt. Ob Matthäus es selbst verfasste, ist historisch umstritten. Aber dass sein Name damit verbunden blieb, sagt etwas über seinen Platz in der frühen Gemeinschaft.

Simon der Zelot und Judas Thaddäus – zusammen bis zum Ende

Diese beiden werden in der Überlieferung fast immer gemeinsam genannt. Sie sollen zusammen durch Syrien und Persien gezogen sein – und dort zusammen gestorben sein. Die Quellen dazu sind spät und wenig verlässlich.

Was bleibt, ist das Bild zweier Männer, die nicht allein unterwegs waren. Und ein Detail, das man leicht übersieht: Simon, der mit dem Beinamen „der Zelot” – der Eiferer – in die Geschichte einging und wohl einer politisch radikalen Bewegung angehört hatte, die die Römer gewaltsam aus Israel vertreiben wollte, zog am Ende seines Lebens durch fremde Länder – und predigte.

Johannes – eine Geschichte für sich

Johannes ist der einzige Apostel, der allem Anschein nach keines gewaltsamen Todes starb. Spätere Quellen, darunter Eusebius im 4. Jahrhundert, berichten, dass er in Ephesus im hohen Alter starb.

Aber wir als Mitglieder der Kirche Jesu Christi sehen das anders. In Johannes 21 spricht Jesus selbst darüber, dass Johannes bleiben soll, bis er wiederkommt. In Lehre und Bündnisse 7 erfahren wir, dass Johannes darum bat, auf der Erde zu wirken und Menschen zum Evangelium zu führen – und dass ihm dieser Wunsch gewährt wurde. Wir glauben, dass er verwandelt wurde und bis heute seiner Arbeit nachgeht.

Warum so brutal?

Das ist die Frage, die bleibt. Wie starben die Apostel – und warum enden so viele dieser Geschichten so gewaltsam?

Ein Teil der Antwort ist schlicht historisch: Kreuzigung, Steinigung, Enthauptung waren keine außergewöhnlichen Grausamkeiten. Das war die normale Justiz der Antike. Was uns heute extrem erscheint, war damals Alltag für jeden Verurteilten.

Ein anderer Teil der Antwort liegt in dem, was diese Männer taten: Sie hörten nicht auf. Sie reisten in fremde Länder, predigten vor feindseligen Menschenmengen, weigerten sich zu schweigen. Aus Sicht der Behörden war das Provokation. Hinrichtungen waren das übliche Mittel, um Unruhestifter zum Schweigen zu bringen.

Und dann gibt es noch einen dritten Punkt, den man ehrlich ansprechen muss: Viele der drastischsten Details – gehäutet werden, kopfüber gekreuzigt, mit Pfeilen erschossen – stammen aus Quellen, die Jahrhunderte nach den Ereignissen geschrieben wurden. Solche Texte hatten ein klares Ziel: die Apostel als Märtyrer darzustellen, Gläubige zu stärken, den Wert des Glaubens zu unterstreichen. Je dramatischer der Tod, desto kraftvoller die Botschaft.

Das macht die Geschichten nicht falsch. Aber es bedeutet, dass wir sie mit Bedacht lesen sollten.

Eine kurze Bemerkung zu Reliquien

In vielen katholischen Kirchen werden bis heute Reliquien der Apostel verehrt – Knochen, Fragmente, Gegenstände. Santiago de Compostela beansprucht die Gebeine des Jakobus, der Petersdom die des Petrus, Kirchen in Italien und Griechenland die der anderen.

Für uns als Mitglieder der Kirche Jesu Christi spielen Reliquien keine theologische Rolle. Kulturhistorisch sind sie dennoch faszinierend – und manchmal, wie im Fall der Ausgrabungen unter dem Petersdom, liefern sie sogar archäologische Hinweise.

Warum schwiegen sie nicht?

Das ist die Frage, die mich von Anfang an beschäftigt hat – und auf die ich keine einfache Antwort habe. Wie starben die Apostel, wissen wir nun ungefähr. Aber warum sie nicht schwiegen – das ist die eigentlich interessante Frage. 

Diese Männer wussten, was ihnen drohte. Jakobus war tot. Verfolgung war kein abstraktes Risiko, sondern Alltag. Und trotzdem reisten sie weiter, predigten weiter, fingen immer wieder von vorne an.

Niemand stirbt für etwas, von dem er weiß, dass es eine Lüge ist. Das ist kein Beweis für irgendetwas – aber es ist ein Gedanke, der bleibt.

Was trieb sie an? Die Antwort, die sie selbst gegeben hätten, kennen wir aus Artikel 1: Sie waren nicht allein. Der Heilige Geist, den Jesus versprochen hatte, war bei ihnen. Nicht als Gefühl – sondern als Kraft, die sie weitermachte, wenn eigentlich kein Weitermachen mehr möglich schien.

Ob das eine befriedigende Antwort ist, muss jeder selbst entscheiden. Aber die Frage lohnt sich: Wofür würde ich eintreten – auch wenn es unbequem wird?

Dies war der dritte Teil der Serie. Im letzten Teil schauen wir uns an, was von den Aposteln bis heute geblieben ist – und was ihre Geschichte für unser Leben bedeuten kann.

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