Die ältesten Christen glaubten nicht an das Neue Testament. Sie konnten nicht. Es existierte noch nicht.

Als Paulus den jungen Timotheus lobte indem er sagte: „denn du kennst von Kindheit an die heiligen Schriften, die dir Weisheit verleihen können, damit du durch den Glauben an Christus gerettet wirst” (2. Timotheus 3:15), sind die einzigen „heiligen Schriften”, auf die er sich beziehen kann, diejenigen, welche Christen heute als das Alte Testament bezeichnen. Wenn Paulus in den folgenden beiden Versen erklärt, dass „jede von Gott eingegebene Schrift … auch nützlich zur Belehrung, zur Widerlegung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit (ist); so wird der Mensch Gottes zu jedem guten Werk bereit und gerüstet sein”, spricht er von der hebräischen Bibel. Oder aber er meint die zeitgenössische, ständige Offenbarung.

Ist die Bibel alles was wir für die Errettung brauchen?

Mehr als einmal haben mir eifrige „bibelgläubige” Protestanten gesagt, das Buch Mormon und die moderne Offenbarung seien unnötig und überflüssig, da Timotheus bereits genug Schriftgut hatte, um „ihm Weisheit zur Errettung zu bringen” und ihn „zu jedem guten Werk bereit zu machen”. Sie gehen fälschlicherweise davon aus, dass Paulus sich auf die Bibel bezogen hat, wie sie sie kennen. Aber auch das Neue Testament selbst scheint durch ihre Argumentation überflüssig zu sein. (Generell gratuliere ich solchen Menschen zu ihrer offensichtlichen Bekehrung zum Judentum.)

2. Timotheus wurde wahrscheinlich um 64 n. Chr. geschrieben, am Lebensende des Apostels Paulus. Die meisten, wenn nicht sogar alle seiner anderen Briefe waren bis dahin natürlich schon geschrieben und verschickt worden. Aber sie waren noch nicht gesammelt, und die überwiegende Mehrheit der christlichen Gemeinden – in einer Zeit ohne Druckereien, modernen Transport und einfache Kommunikation – war sich ihrer wahrscheinlich nicht bewusst. (Es ist praktisch gewiss, dass sie nicht von allen wussten.) Außerdem waren die vier Evangelien, die Offenbarung des Johannes und viele der anderen neutestamentlichen Briefe sehr wahrscheinlich noch nicht geschrieben worden.

Fast 20 Jahre vergingen zwischen der Kreuzigung Christi und dem ersten Brief des Paulus (1. Thessalonicher, welcher um 52 n. Chr. geschrieben wurde), und bis zu 60 Jahre oder mehr dürften vergangen sein, bevor das letzte neutestamentliche Buch geschrieben wurde. (Einige Gelehrte verlängern dieses Intervall auf bis zu 120 Jahre.) Und dann war noch mehr Zeit erforderlich, um die verschiedenen Bücher zu sammeln, sie zu kopieren und einen Kanon der Schriften zu erstellen. Tatsächlich waren vollständige Texte des Neuen Testaments noch relativ selten, bis Johannes Gutenberg Mitte des 15. Jahrhunderts die Druckpresse erfand. Einzelpersonen besaßen selten, wenn überhaupt, ihre eigenen Exemplare; nur sehr wenige elitäre Gemeinden besaßen einen vollständigen Satz der biblischen Schriften. Außerdem waren die meisten Menschen ohnehin Analphabeten. Angesichts der Seltenheit der Bücher war der Analphabetismus keine lähmende Belastung, und der Anreiz, Lesen zu lernen, war relativ gering. (Mittelalterliche europäische Buntglasfenster dienten als wichtige Lehrmittel.)

Was stärkt uns zusätzlich zur Bibel?

Das bedeutet, dass viele Generationen von Christen ohne den Zugang zum Neuen Testament, wie wir ihn heute kennen und für selbstverständlich halten, gelebt haben und gestorben sind. Es muss also noch etwas anderes geben, das sie zu Christen gemacht hat, etwas vor der Anerkennung des Neuen Testaments.

Was war es? Es war eindeutig die Anerkennung Jesu Christi als Herrn und Meister. In den allerersten Tagen der christlichen Bewegung kam eine solche Bereitschaft durch persönliche Bekanntschaft mit ihm, durch Hören und Annahme seiner Lehren. Später kam sie durch die Annahme der Lehren seiner Apostel und anderer Missionare – welche in noch fast allen Fällen mündlich übertragen wurde. Als dann die Apostel und die ersten christlichen Jünger von der Erde gingen, fiel die Aufgabe, die Lehre Jesu und die Ereignisse seines Wirkens, seiner Kreuzigung und Auferstehung weiterzugeben, der nächsten Generation zu. Manchmal wurden sie mit einem Evangelium oder mit einem oder zwei Briefen ausgestattet, aber wahrscheinlich haben sie sich am häufigsten auf mündliche Überlieferung und Erinnerung verlassen.

Dies ist ein weiterer Hinweis darauf, was die Menschen in der frühesten Zeit zu Christen gemacht hat: die Gemeinschaft mit der Kirche und den Jüngern Christi. Wie der heilige Ignatius von Antiochien (ca. 108 n. Chr.) es in seiner postapostolischen Zeit formulierte, musste man, um Christ zu sein, in Gemeinschaft mit seinem christlichen Bischof sein. Die Kirche existierte vor dem Neuen Testament. Sie schrieb die Bücher des Neuen Testaments und definierte den biblischen Kanon. Die Bibel baute nicht die Gemeinde auf, sondern die Gemeinde die Bibel.


Dieser Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt. Er wurde ursprünglich auf thirdhour.org unter dem Titel „Did Early Christians Have the Bible?” veröffentlicht. Übersetzt von Janine Windhausen.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) wissen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: churchofjesuschrist.org und kirche-jesu-christi.org.

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