Von Sister Kristen M. Oaks

Elder Dallin H. Oaks bekam vor einiger Zeit einen Brief, dessen Absender nur eine Postfachadresse war. Das Anliegen des Briefes war so bedeutungsvoll, dass er mir den Brief und seine Antwort zeigte. Es geht um ein Problem, das viele von uns haben: mangelndes Selbstwertgefühl.

Der anonyme Brief

„Ich schreibe Ihnen, weil ich unglücklich bin – und das bereits seit Jahren. Ich bin an einem Punkt angelangt, an dem mir jemand Klarheit und Anleitung geben muss, damit ich Glauben ausüben und mein Leben verändern kann; andernfalls werde ich mich nie ändern.

Ich bin Ende 20 und Single. Mein Problem ist nicht, dass ich Single bin. Das Problem ist, dass ich nicht attraktiv bin. Ich habe keine seltsamen Geschwülste oder Ähnliches, aber eine Frau würde mich niemals als gut aussehend bezeichnen. Viele Frauen sagen, dass ich eine tolle Persönlichkeit habe, dass ich authentisch und nett bin und dass alles gut läuft. Ständig höre ich: ,Er ist wirklich toll, aber ich habe einfach keine solchen Gefühle für ihn.’ Ich kann nichts daran ändern, wie mein Gesicht aussieht, meine Augen. Ich möchte einfach nur attraktiv sein und ich möchte, dass meine Frau mich für attraktiv hält.

Das Ganze hat für mich dazu geführt, dass ich in den letzten Jahren kaum Gelegenheit hatte, mit einer Frau auszugehen, an der ich Interesse hatte.”

Der junge Mann schreibt nicht nur darüber, wie unattraktiv er sei und wie schwierig das für seine Partnersuche sei, sondern auch darüber, wie unglücklich ihn das mache. Das wirft die Frage auf, wie wir uns entscheiden, mit wem wir ausgehen. Wir müssen dabei realistisch betrachten, auf wen wir anziehend wirken können und wen wir attraktiv finden.

Niemand findet mich attraktiv. Life is not Barbie and Ken.

Viele junge Männer scheinen auf der Suche nach einer Barbie mit einem Zeugnis zu sein, sehen selbst aber nicht im geringsten wie Ken (Barbies Gegenstück) aus und sind vielleicht selbst nur wenig aktiv in der Kirche.

Das Aussehen spielt zwar eine Rolle, lernen wir jemanden aber richtig kennen, ändert sich unsere Wahrnehmung des Erscheinungsbildes oft. Jemand, den wir schön fanden, kann wegen einer unangenehmen Einstellung unattraktiv werden. Genauso kommt es vor, dass jemand, den wir früher nicht bemerkt haben, uns plötzlich wegen einer inneren Einstellung oder einer Eigenschaft attraktiver erscheint.

Der junge Mann fährt in seinem Brief fort und beschwert sich über den Körper, den der himmlische Vater ihm gegeben hat:

„Daraus resultiert, dass mein Glaube und meine Geduld mit dem Herrn geprüft wurden. Ich habe immer wieder das Gefühl, dass er mir einen schönen Körper hätte geben können, es aber nicht getan hat. Warum? Warum bin ich hässlich und gute Freunde attraktiv (und verheiratet)? Ich bin an einem Punkt in meinem Leben angelangt, an dem ich nicht mehr daran glaube, eines Tages glücklich zu sein. Ich frage mich, warum ich den Geboten folgen soll. Was bringt es mir? Wozu?”

Ich konnte die Entmutigung und Orientierungslosigkeit des jungen Mannes spüren. Seine Bedenken bezüglich seines Aussehens überschatteten alles. Für ihn besteht zwischen dem Halten der Gebote und Glücklichsein kein Zusammenhang. Er hat angefangen, sich selbst aufzugeben.

Oft ist es so, dass wenn wir uns selbst aufgeben, wir auch denken, dass Gott uns aufgegeben hat – in Wahrheit aber fängt er gerade erst an, mit uns zu arbeiten. Unser himmlischer Vater verspricht uns: „Mein Sohn, Friede sei deiner Seele; dein Ungemach und deine Bedrängnisse werden nur einen kleinen Augenblick dauern, und dann, wenn du gut darin ausharrst, wird Gott dich in der Höhe erhöhen; du wirst über alle deine Feinde triumphieren.” (LuB 121:7,8)

Wenn wir uns entmutigt fühlen, vergessen wir manchmal, was der Herr Samuel riet, als dieser einen König für Israel suchte: „Sieh nicht auf sein Aussehen und seine stattliche Gestalt, denn ich habe ihn verworfen; Gott sieht nämlich nicht auf das, worauf der Mensch sieht. Der Mensch sieht, was vor den Augen ist, der Herr aber sieht das Herz.” (1. Samuel 16:7)

Nehmt euch einen Augenblick Zeit und betrachtet die Menschen um euch herum, die den größten Einfluß auf euch haben und die ihr gerne habt. Liegt das an deren körperlicher Schönheit? Oder daran, dass sie einzigartig und einfühlsam sind – und vielleicht sogar ein bisschen eigen? Das äußere Erscheinungsbild hat nur eingeschränkte Wirkung.

Der junge Mann, der den Brief schrieb, hatte sich bisher nicht die Mühe gemacht, sich selbst wirklich zu lieben und über das Äußere hinwegzusehen. Ironischerweise verlore er dadurch, dass er seine eigene innere Schönheit nicht erkannte, die Fähigkeit, andere für deren innere Schönheit zu mögen und traf aus dieser depressiven Einstellung heraus schlechte Entscheidungen.

Der junge Mann gab in seinem Brief zu, dass es ihm Probleme bereitete, den Geboten zu folgen.

Sucht Gebet Entscheidungsfreiheit

Er lebte ein Leben, auf das er nicht stolz war, und war zu seinem Bischof gegangen, um von seinen Fehlern umzukehren.

„Jeder Fehltritt, den ich beging, hing damit [dass ich hässlich war] zusammen. Es stimmt mich so depressiv, wenn ich immer wieder von Frauen abgelehnt werde, dass ich keine Kraft mehr habe, gehorsam zu sein. Umkehr ist sinnlos. Der einzige Grund, weshalb ich noch nicht ganz aufgegeben habe ist, dass ich Frieden in meinem Leben spüre. Aber auch wenn ich Frieden spüre, bin ich nicht glücklich.”

Weil er so unglücklich war, versuchte der junge Mann es auf die Weise der Welt; er versuchte, seine Unzufriedenheit loszuwerden und fühlte nur größeren Schmerz. Er hatte den Geist gefühlt und den Frieden, der durch diesen kommt – und trotzdem war er unglücklich und verachtete sich selbst. Er ist auf seine eigenen Schwächen fixiert und hat seine eigentliche ewige Identität vergessen.

Wir alle erleben Zeiten, in denen wir mit uns selbst unzufrieden sind. Nichts ist demoralisierender für junge Menschen als das Gefühl, dass niemand sie attraktiv findet. Jeder erfährt einmal das Gefühl der Entmutigung – wegen des Aussehens, wegen sportlicher oder sozialer Fähigkeiten.

Wir alle erleben Momente der Frustration, der Enttäuschung, der Einschränkung. Das gehört zu unserem Erdenleben dazu. Es kommt darauf an, wie wir damit umgehen. Der himmlische Vater hat uns den Segen einer ewigen Perspektive zuteil werden lassen. Wenn wir würdig leben und ihm vertrauen, hilft uns diese ewige Perspektive dabei, die Schwierigkeiten des Lebens zu ertragen.

Am Ende schrieb der junge Mann:

„P.S. Denken Sie jemals darüber nach, wie sie nach dem Tod aussehen werden? Sind sie zu 100% damit zufrieden, wie Sie aussehen? Ich würde gerne jedem diese Frage stellen und nicht nur Ihnen.”

Elder Oaks schrieb eine weise Antwort an das angegebene Postfach:

Präsident Dallin H. Oaks

„Lieber Bruder,

obwohl wir normalerweise nicht auf anonyme Briefe antworten, antworte ich nun auf Ihren Brief, in dem Sie über Ihre Bedenken und Ihre Unzufriedenheit mit Ihrem Erscheinungsbild sprechen. Sie sagen, dass Sie doch „einfach nur attraktiv sein” wollen.

Ich will nicht soweit gehen zu sagen, dass das Äußere keine Rolle spielt. Aber Ihre Definition und Ihr Maß für Attraktivität ist stärker als es sein sollte. Wir lehren, dass wahre Schönheit von Rechtschaffenheit kommt, von Tugend und einem Leben nach dem Evangelium.

Schauen Sie sich einmal in einem Altersheim um, und Sie werden sehen, wie der Schein trügen kann. Oder vergleichen Sie die Attraktivität von Menschen unter 20 und über 50. Menschen, die lange schön sind, sind die Menschen, die großzügig oder rücksichtsvoll sind und nach all den anderen christlichen Werten leben. Und schauen Sie sich einmal die oberflächlich hübschen Stars an und wie oft sie heiraten und sich scheiden lassen – eindeutig hat Attraktivität nichts mit Glücklichsein zu tun.

Um diese Wahrheit noch zu unterstreichen: Schauen Sie sich an, was der Erretter in Jesaja 53 gesagt hat: ,Wer hat unserer Kunde geglaubt? Der Arm des Herrn – wem wurde er offenbar? Vor seinen Augen wuchs er auf wie ein junger Spross … Er hatte keine schöne und edle Gestalt, sodass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm.’ (Jesaja 53:1,2)

Selbst im Leben Christi war äußere Schönheit nicht wichtig und somit sollte sie auch für uns keine zu große Rolle spielen.

Sie fragen, ob ich mir Gedanken darüber mache, wie ich nach dem Tod aussehen werde. Ich verschwende meine Zeit nicht mit solch relativ unwichtigen Dingen. Ich versuche, mein Leben so zu leben, dass es mein Zeugnis von Jesus Christus widerspiegelt, und ich empfehle, dass Sie das gleiche tun.”


Kristen M. Oaks

Kristen M. Oaks diente als Missionarin in Japan und arbeitete als Lehrerin in Japan, Mexiko und auf den Philippinen. Kristen M. Oaks ist mit Elder Dallin H. Oaks verheiratet. Er ist ihr erster Mann. Sie heiratete Elder Oaks zwei Jahre nach dem Tod dessen erster Frau im Alter von 53 Jahren. Sie liebt gutes Essen, Lachen, das Spielen mit ihren Enkelkindern, das Evangelium und Tempelbesuche. Sie arbeitete bis zu ihrer Ehe im Bildungswesen und ist Autorin mehrerer Bücher.

Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt. Er wurde ursprünglich am 31.1.18  auf ldsliving.com unter dem Titel „President Oaks’ Perfect Response to a Young Mormon Man “Just Wanting to Be Attractive”” veröffentlicht. Auszug aus dem Buch  A Single Voice von Kristen M. Oaks. Übersetzt von Kristina Vogt.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) wissen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org.

German ©2018 LDS Living, A Division of Deseret Book Company | English ©2018 LDS Living, A Division of Deseret Book Company

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An alle JAE: Derjenige, der ihr jetzt seid, werdet ihr werden!

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